Verlogen sind wir doch allemal …
Wir hier, die wir im Internet immer so schön aktiv, politisch denken, menschlich kommentieren, lauthals nach Änderung schreien und immer noch vor dem Zahn der Zeit argumentieren. Warum ich das denke? Weil ich mich ärgere, sehr sehr ärgere. Über uns alle.
Wir waren dieser Tage mehr oder weniger alle ein wenig Part dieser Aktion #aufschrei und sind es noch. Die Ursachen, warum es zu so einer verhältnismäßig großen Gegenreaktion kam, die sehr schnell auch von den anderen Medien aufgenommen wurde – weil sie in der Größe nicht mehr zu ignorieren war – sind subjektiv sehr vielfältig.
Für mich gesprochen war es weniger das, was Brüderle da möglicherweise gesagt hatte, es war vor allem das Verhalten seiner Parteikollegen. Die männliche Clubsolidarität der (Frauen muss man bei der FDP mittlerweile mit der Lupe suchen) Club-Bonzen, die dem armen alten Mann Brüderle sofort zur Seite sprangen – und den Mann damit unnötig mehr schädigten. Ihrer geschlossenen Meinung nach dürfe man doch jemanden, der sich zu den Vorwürfen lediglich ausschweigt, nicht vorverurteilen. Aber interessanterweise durften sie ihn sehr wohl verteidigen! Vor allem spielten sie gekonnt den Ball an die Frau zurück, die sich als Betroffene outete. Falscher Zeitpunkt der Veröffentlichung, kein Fair Play und überhaupt, was kann sie auch nicht über Witze alter Herren lachen?
Und wie fies von einer jungen Frau, den alten Mann zu fragen, wie es sich anfühlt, nun noch mal in die Startlöcher seiner Partei geschickt zu werden – in seinem Alter? (Eine für mich sehr legitime, wenn sicherlich direkte Frage, die völlig logisch aus dem Handeln dieser Partei entsprungen ist, hatte diese doch im letzten Strukturwechsel ausschließlich noch auf die jungen politischen Nachfolger gesetzt.) Und schlussendlich, was hat so eine junge Frau eigentlich nachts um vierundzwanzig Uhr noch an der Bar zu suchen, wenn sie sich mit den Gepflogenheiten der Machtpolitiker nächtens nicht auseinander setzen möchte?
Natürlich ist das Maß für mich auch voll, aufgrund der Wahrnehmung dessen, was in den vergangenen Wochen in Indien passiert ist.
Mein persönlicher Hauptgrund, warum einfach Schluss mit lustig sein sollte in diesem Land ist dieser Gerichtsspruch in 2012 gewesen in dem ein doppelt so alter (!) Vergewaltiger frei gesprochen wurde, der nachweislich ein 15jähriges Mädchen vergewaltigt hatte, weil dieses Mädchen sich nach Ansicht der Richterin nicht genug gewehrt habe. Ihr „Nein” war nicht genug Gegenwehr gegenüber einem Mann, der dem Mädchen bereits als körperlich brutal bekannt gewesen war.
Die Wut und Aggression, die ich hierbei immer noch verspüre, kann ich gar nicht beschreiben.
Das sind meine Gründe, warum ich #aufschrei als immens wichtig erachte. Und dennoch erscheint gerade diese Aktion als zynisch verlogen: gestern wurde in Berlin eine Frau vergewaltigt. Von mehreren Männern, also mehrfach. Die Frau wurde schwer verletzt, so dass sie zeitweilig in Lebensgefahr schwebte. Es heißt „Den Beamten habe sich ein eindeutiges und erschütterndes Bild geboten.” Die Frau war eine Obdachlose. Der Spiegel schaltet in seinem Artikel lieber die Kommentare gleich aus. Und hier in diesem unseren Internet findet der Vorfall gar keine Beachtung.
Ich habe ihn gestern sehr bewusst einmal nicht auf Twitter verlinkt, weil ich weiß, dass dort das Thema „Armut in Deutschland” ganz gerne ignoriert wird. Ich tue so etwas nämlich sehr oft, daher kenne ich die Reaktionen. Also die Nichtreaktionen. Und gerade wegen #aufschrei habe ich mir angucken wollen, wie auf diesen Fall – der aufgrund seiner Schwere auch über Berlin hinaus mediale Resonanz fand – reagiert wird. Nichts. Eine einzige mir bekannte Bloggerin, machte den Fall im Web bei Facebook mit einem eigenen Kommentar heute publik, dort gab es einige Kommentare, geteilt wurde der Artikel nicht. In einer Zeit, in der sich unserer webmedialer Zenit um eine Aktion #aufschrei dreht, haben wir keine Stimme für eine vergewaltigte Frau ohne Wohnsitz in Berlin?
Gestern retweete ich und poste ich auf Facebook eine Meldung zu der Agenda der Sitzung des Bundestages für diesen Donnerstag. Es steht die erste Beratung an zur Änderung des Gesetzes der Prozesskostenbeihilfe sowie zu der Begrenzung der Aufwendung der Prozesskostenbeihilfe an.
Der sachliche Hintergrund ist, dass die Sozialgerichte unter der Last der Klagen zu ALG II zusammen brechen. In den Prozessen geht es vor allem um unrechtmäßige Sanktionen der Jobcenter von Leistungen, die das Existenzminimum sichern sollen. Diese sind lt. Verfassung nicht zu kürzen, die Jobcenter tun das aber nach wie vor. Also MÜSSEN diese Menschen klagen. Zudem werden Berlin z. B. werden gerade im Justizwesen weiterhin umfangreiche finanzielle Kürzungen vorgenommen.
Also muss man gucken, wie man Prozesse künftig vermeidet und schlaue Politiker (der erste Vorstoß hierzu kam vorausschauend von der SPD seinerzeit mit der Hartz-Konzeption, die bekannten asozialen Parteien wie CDU und FDP werden nun vollführen) sind nun dabei diese Prozesskostenbeihilfe einzuschränken, die aber die einzige Möglichkeit ist für Menschen ohne sonstige finanzielle Möglichkeiten einen Prozess anstreben zu können, um Recht zu bekommen.
Weder wurde mein Tweet bis jetzt retweetet. Noch wurde mein Facebook-Post kommentiert oder gar geteilt. Nichts. Ich fragte sogar gestern Abend selbstkritisch:

Kein Retweet, kein Fave, keine Antwort.
Es kostet uns hier im Web so wenig Zeit, Energie, Einsatz, um den sehr vielen armen Menschen in diesem Land eine Stimme, eine Lobby zu geben. Aber wir tun es nicht. Es interessiert uns nicht, dass in unserem Sozialstaat arme Menschen künftig nicht mehr ihre Recht einklagen dürfen. Und wenn Frauen, im Nebenzusatz obdachlos, vergewaltigt werden, haben wir keine Verwendung für ihr Leiden zu einem Zeitpunkt, den wir durch den Hashtag #aufschrei europaweit geprägt haben.
Was bitte ist nur los mit uns?
Nachtrag. Die ist der Link zur ePetition gegen die Einschränkung der Prozesskostenbeihilfe. Sie ist seit über einem Monat online und hat derzeit nicht einmal 3.000 Zeichnungen (Stand, heute 14:30 Uhr). Bis zum 18.02.2013 benötigt sie aber 50.000 Stimmen. Gebt sie ihr! Verlinkt die ePetition. BITTE! Hier soll eine ganze Gesellschaftsschicht (nicht nur ALG II-Empfänger, auch Rentner mit Grundsicherung, Minijobber etc.) aus dem deutschen Rechtsgeschehen gestrichen werden – lasst das bitte nicht zu!










































