2019-04-23

Erinnerung …

Heidi Hetzer ist gestorben und mich als Berlinerin lässt das nicht so ganz kalt. Ich mochte die Frau. Sie lebte Emanzipation ohne viel Gedöns, tat, was ihr Herz tun wollte und lebte bis zum Ende ihre Abenteuer. Mehr kann man von 80 Jahren nicht wollen.

Ich habe gerade online einen Artikel gefunden aus dem Tagesspiegel aus deren Reihe Stadtspaziergang – von vor zwei Jahren. Erinnerte mich sehr an mein Charlottenburg – wo ich ja geboren wurde und die ersten sieben Jahre meines Lebens verbrachte, einschließlich der langen Zeit des Schrebergartens meiner Oma im Westend auch mit Nähe zu Spandau, die Charlottenburger dorthin nun immer schon hatten.

Im Artikel erzählt sie von der Fahrschule Bungs. Dort hatte sie vor sehr vielen Jahren früher als ich mit nur drei (!) Fahrstunden ihren Führerschein gemacht.

Bei Bungs habe auch ich meinen Führerschein gemacht – vor nun auch schon sehr sehr vielen Jahren. 35 im letzten Oktober. Meine Idee damals war, dass ich in Tiergarten lebend und in Charlottenburg zur Fahrschule gehend, die Prüfung in Charlottenburg/Spandau zugeteilt bekäme. Im anderen Prüfbezirk Tempelhof damals, kannte ich mich so gar nicht aus. Aber Charlottenburg/Spandau war ja Sitz des größten Teils der Familie und somit mit mein Kiez. Meine Idee hatte vorzüglich geklappt.

Ich hatte 25 Stunden damals. Das war gesunder Durchschnitt. Vom Ehepaar Bungs hatte ich vorrangig in Erinnerung, dass sie sich beide damals schon die Haare sehr schwarz färbten.

In der Theorie hatte ich null Fehler. Die Prüfung beim ersten Mal bestanden. Den Führerschein habe ich mir größtenteils selbst finanzieren müssen, den ganzen Sommer für gearbeitet im Quartier Napoléon in dortigen Hopital saubergemacht morgens um fünf Uhr. Dann Mittags im Freibad Columbiadamm im Imbiss Geschirr gespült und Eisbecher zubereitet wie am Fließband.

Hatte den Vorteil, dass ich den Führerschein und die Prüfung sehr sehr ernst genommen hatte. Durchfallen wäre für mich eine finanzielle Katastrophe gewesen. Und wer sich seinen Führerschein hart selbst verdient, kommt auch seltener auf die Idee, diesen Führerschein aufs Spiel zu setzen. Meine These.

2019-04-14

Abschiede

Wie Herr Seehofer und die Medien uns suggerieren, geflüchtete Menschen mit einem Abschiebebescheid würden ausschließlich untertauchen, müssten zwingend inhaftiert werden.

Es gibt durchaus sehr viele Menschen, die freiwillig ihre Koffer packen, diesen Land und die gewonnen neuen Freude ungerne verlassen aber herzlich gerne in ihre Heimat zurück gehen – voller Liebe zu ihrem Land und dem innigen Wunsch das Land durch den Krieg in Schutt und Asche gelegt wieder aufbauen zu wollen.

Die Zahlen derer: in den Medien komplett ignoriert! Denn sie würden verdeutlichen, wie ultra toll dieses Deutschland im Empfinden anderer Menschen gar nicht ist.

Ganz oft mag ich diese deutsche Überheblichkeit einfach nicht. Sie steht uns nicht gut zu Gesicht.

2019-04-05

True Italian Pizza Week 2019



Dass die Pizza seit 2017 zum UNESCO-Welterbe gekürt worden ist, habt Ihr das eigentlich mitbekommen? Berlin zelebriert in diesen Tagen wieder einmal die traditionelle True Italian Pizza Week. Bis zum 10.4.20197 könnt Ihr in 32 der beteiligten Pizzerien ein spezielles Menü probieren: eine authentische italienische Pizza (zur Auswahl stehen immer zwei Sorten in jedem Restaurant) zusammen mit einem Aperol Spritz oder Campari Amalfi und einem Digestif Averna zum besonderen Preis von 12€. In sieben Lokalen, in denen keine Cocktails vorbereitet werden können, kostet das Angebot 10€ und enthält statt eines Cocktails ein Bier oder Softdrink.



Einfach in eine der teilnehmenden Pizzerien gehen und nach dem Eventangebot fragen. So könnt ihr Euch für wenig Geld ordentlich durch das Berliner Pizza-Angebot futtern– vor allem mal wieder neue italienische Restaurants in Eurem Bezirk und auch außerhalb kennelernen. Alle teilnehmende Pizzerien findet Ihr hier auf der dem U-Bahnnetz nachgebildeten Karte.



Acht neue Pizzerien nehmen in diesem Jahr an der True Italian Pizza Week teil, Berlin mausert sich offensichtlich zum zweiten Neapel! Auch die alten Hasen sind wieder mit an Bord: Von Malafemmina bis Prometeo über Monella, Francucci, Muntagnola und das neue Futura (eröffnet vom ehemaligen Pizzaiolo des Standard), Marina Blu (von einem der Besitzern des Contadino sotto le Stelle) und Mercato Famous Pizza (von den Prometeo-Besitzern in dieser Woche neu eröffnet) – die Auswahl könnte kaum größer sein.



Übrigens darf nicht jede Pizzeria bei der True Italien Pizza Week mitmachen: Nur wer sich der Zubereitung der originalen Pizza verpflichtet, darf hier mitmachen. Und das heißt: der Hefeteig muss mindestens zehn Stunden gegangen sein, eine richtig gute Tomatensauce und echter Mozarella-Käse sind unverzichtbar – neben den anderen Zutaten höchster Qualität bei kurzer Backzeit, damit alle Zutaten ihren Geschmack behalten.



Die echte Holzofen-Pizza durfte ich diese Woche im Prometeo probieren und bei ihrer Zubereitung zuschauen. (Ich glaube, ich habe eine neue Lieblingspizzeria gefunden).



Das Prometeo wurde 2016 von Aldo (70) (oben auf dem Foto mit Sara Trovatelli, Mitorganisatorin der True Italian Pizza Week) und seinem Sohn Emiliano (45) in Berlin aufgemacht. Beide kommen aus der „Castelli Romani“ in der Nähe von Rom. Aus dieser Region stammt die Porchetta. Vater und Sohne hatten immer eine besondere Passion für neapolitanische Pizza. Wer die echte Pizza wie in Neapel in Berlin essen möchte, der geht hierhin! Fabio, der Pizzabäcker vom Prometeo macht nichts anderes, seit er dreizehn Jahre alt ist.



Er bereitet den Teig mit Hefe aus bestem italienischen Mehl zu – und lässt den Teig mindestens 18 bis zu 72 Stunden ruhen. Und zeigt in diesem Video, welche Technik man anwendet, welche Handfertigkeit man besitzen sollte, um den Teig ganz ohne Nudelholz dünn mit dem typischen Rand zu kneten:



Hier die beiden Pizzen, die es z. B. im Prometeo geben wird: Parmigiana (Tomatensoße, Mozzarella, frittierte Auberginen und Parmesan) und Pizza Sara (mit Radicchio, Birne, Walnuss, Mozarella und Gorgonzola)





Auf die Genehmigung einen Holzofen in Berlin einzusetzen mussten Emiliano und Aldo ein Jahr warten – für einen Gasofen hätten sie die Erlaubnis sofort bekommen. Aber die originale Pizza aus Neapel verlangt nach einem Steinofen „Stefano Ferrara” aus der Lava des Vesuvs gebaut und von der Associazione Verace Pizza Napoletana anerkannt. Nur so erreicht man die hohe Temperatur von 500 Grad Celsius, die für die sehr kurze Backzeit der neaplitanischen Pizza zwingend notwendig ist, damit Mozarella und Tomaten im Geschmack völlig unverändert bleiben. Für die Desserts ist übrigens Aldos Frau, Simonetta, verantwortlich. Sie ist Konditorin. Ihr Tiramisu ist großartig: nicht zu durchweicht und übersüßt. Sehr lecker.



Für Kinder backt Fabio übrigens auch eine mit Nutella gefüllt Pizza, die auch wir Erwachsenen trotz anfänglicher Zweifel glatt wieder bestellen würden.



Ach und wenn Ihr mal im Prometo seid – Aldo macht hier die legendäre Porchetta mit der Gewürzkruste aus Rosmarin, Salz, Pfeffer und einem Hauch Knoblauch selbst. Er serviert sie kalt solo mit Ruccola bzw. auf der Pizza – unbedingt probieren. Diese Porchetta ist ein Fest!



Da die True Italian Pizza Week das dritte Mal stattfindet, feiert sie ihren Geburtstag auch mit einem Instagram-Fotowettbewerb. Zu gewinnen sind insgesamt Aufenthalte in drei Hotels in Neapel für zwei Personen (in zwei Hotels je drei Nächte, in einem Hotel je zwei Nächte, eigene Anreise) – der Stadt der Pizza! Mehr Infos hierzu findet Ihr auf der Homepage. So wie auch den Link zur Karte bzw. ein Verzeichnis aller teilnehmenden Restaurants – sowie alle Informationen zum Fotowettbewerb.

Guten Appetit!

2019-04-03

Ach der Buddenbohm!

„Ich setze mich also weit weg, nur um neben einer Person zu landen, die mit einem Arzt telefoniert und in epischer Breite Symptome schildert, die sie alle so formuliert, als seien sie ganz toll, was vermutlich daran liegt, dass sie Privatpatient ist, wie gleich am Anfang des Telefonats betont wurde, und da kann man sich eben Symptome leisten, da kommt der Rest der Bevölkerung gar nicht drauf.”

Buddenbohm & Söhne – mit Herzdame!

Hier ist gerade ruhig, weil Frühling angefangen hat. Frühling heißt Balkon putzen und bepflanzen, dann unten das Gärtchen auf Vordermann bringen.

Frühling heißt auch, dass die Nachbarskinder aus ihren Winterpellen geschlüpft sind als wären es Kokons gewesen und jetzt plötzlich alle 30 Zentimeter größer scheinen und … überhaupt alles völlig neue Kinder sind. Unser Haus-Nicht-mehr-Baby habe ich neulich nur 14 Tage nicht gesehen und schwups, da hat sie den Lauf-Modus völlig neu überarbeitet, das Selbstbewusstsein angestellt und mit ihm das Lächeln einer Königin. Außerdem hat sie Augen, Ohren, Mund und Nase. Nachbarjunge E. trägt jetzt Brille, Papa guckt ganz traurig, weil er ihm nicht nur sein Kinn sondern auch seine komischen Dioptrin vererbt hat. Aber hey, der Junge kann jetzt wenigstens gucken und sieht plötzlich ganz kleine Blumen im Gras, die er seiner Mutter pflücken kann. Ist doch auch was. Seine Schwester E. trägt jetzt Matte und ihr eines Grübchen ist noch viel niedlicher geworden.

Wie ich so über diesen Winter geworden bin, weiß ich noch nicht. Ich wundere mich zur Zeit sehr über Menschen. Mitmenschen. Ich will nicht meckern aber teilweise gefallen sie mir gar nicht, wie sie sich so entwickeln. Könntet Ihr einfach wieder mal aufhören, Euer selbst darüber zu definieren Euch selbst total geil zu finden, ab und an mal die Klappe halten und zuhören? Ein Gefühl dafür bekommen, wann Euch Euer Gegenüber auch so geil findet und wann es geschnallt hat, dass Ihr mit ziemlicher heißer leerer Luft foltert? Weniger selbstreferentielles Blubbern (nachher hält man Euch noch für 'nen Blogger von 2006), dafür ab und an innehalten und lauschen auf die Zwischentöne – als kleiner Dienst für die Allgemeinheit? Muss ja nicht immer gleich was Ehrenamtliches sein. Danke!

Ich habe mir heute drei schon voll grüne Fenchelpflanzen gekauft und Samen. Apulien hat gemacht, dass ich nun völlig im Fenchel-Fieber bin. Fenchen-Likör, Fenchel-Marmelade, Fenchel-Pesto. Bärlauch war gestern, Fenchel rockt so dermaßen!

Vorhin mit dem Bus gefahren. Kam so ein Mensch rein, Typ Pulvermuskeln (diese Pulver-Fresser – das ist doch auch schon eine Form einer Ernährungsstörung oder?) breiter Gang, Stiernacken, blondiert, ausrasierte Seiten, Uncle Sam-Style. Sehr körperbewusst. Sehr cool. Aber dann wehte an ihm eine Überdosis rosa Weichspüler mit durch den Bus … und … Jungs, das eliminiert doch Euren Muscle-Charme im Handumdrehen!

2019-03-27

Otranto



Ich durfte im Rahmen des Programmes von Puglia FESR-FSE „Kulturelle und natürliche Anziehungspunkte und Tourismus in Apulien” und auf Einladung der Europäischen Union, der Region Apulien, der Gemeinden Giurddignano und Otranto und dem Kultur- und Tourismusmagazin „Mediterraneo Spiage” für einige Tage nach Apulien in den Salento reisen.



Otranto ist ein ganz besonderer kleiner traumhafter Ort Apuliens. Dorthin möchte ich Euch heute mitnehmen! Die Stadt mit knapp 6.000 Einwohnern bietet dem Besucher einen traumhaften Blick auf das blaue (adriatische) Meer, einen kleinen charmanten Hafen. Sie liegt südlich am Ende der östlichen Seite Apuliens im Salento, knappe 30 Kilometer von der Provinzhauptstadt Lecce entfernt. Keine 100 Kilometer gegenüber winkt schon Albanien, die Verbindungsstraße auf dem Meer zwischen beiden Ländern trägt den Namen „Straße von Otranto”. Otrantos weit angelegte, von der ganzen Stadt liebevoll umarmte Promenade mit Cafés und Bars, macht es auch dem Touristen leicht in das typische Leben der Salentiner einzutauchen. Zum Beispiel in einem kleinen künstlich angelegten Park, wo die Familien nach der Messe Sonntags die Kinder spielen lassen, während die Erwachsenen sich ihren Cafè gönnen.



Dieser Quai, die „Via Bastione dei Pelasgi” wird umschlossen von der Altstadt Otrantos mit den wundervollen kleinen typisch italienischen Gassen und kleinen Geschäften, die allerhand Sinn- und weniger Sinnvolles für die Touristen bereit halten. Es gibt sogar einen kleinen Strand. Und in der Altstadt halten das Castello Aragonese, die Festung oder die Kathedrale Santa Annunziata mit ihrer besonderen Krypta ausreichend Möglichkeiten für einen Spaziergang der besonderen kulturellen Klasse bereit.

Ich mag Otranto – vor allem jetzt im März – sehr. Es ist jetzt eine wunderschöne Zeit, um hierher zu reisen. Die Sonne wärmt (und bräunt schon) hier zu dieser Zeit ganz schön, dennoch ist noch nicht zu heiß. Der Wind bläst gelegentlich gewaltig und hier und da bemühen sich auch Wolken am Himmel, das macht vor allem das Draußen sein noch nicht zu anstrengend für Menschen, die zu hohe Temperaturen nicht gut vertragen. Das Meer ist gut gelaunt und gelegentlich frühlingsvorfreudig temperamentvoll.

Die kleine Stadt ist noch nicht überfüllt von Touristen, so hat man noch den Freiraum der letzten Tage des apulischen Winters.



Dennoch ist Otranto auch um diese Jahreszeit ausreichend lebendig: Kleine Restaurants haben geöffnet, einige Souvenir-Shops auch – alle anderen bereiten sich auf den ersten Ansturm der Reisefreudigen zu Ostern vor. Es wird geputzt, eingeräumt, gelacht und sich gefreut. Unten am Meer spendieren die Fischer ihren Booten neue Farben. Alle sind fröhlich aktiv, freuen sich sichtlich über den schwindenden Winter. Und über allem strahlt die vergnügte hoch stehende Sonne und taucht Dein Leben in fröhliches Licht!

Italien und die Gemeinde investieren übrigens bereits seit 2010 jährlich Millionen von Euro, um die Küste Otrantos und Architektur vor Erosion zu schützen. Steigende Meeresspiegel kratzen auch hier bereits an den Grundmauern der Bastion.



Unterhalb und rückseitig des Castellos Aragonese liegt in einer Mole geschützt der kleine Hafen von Otranto.



Ein verrostetes Schiff, in Glasplatten gehüllt, mahnt auf der Plattform eindrucksvoll, wie lange Europa schon mit Flüchtlingsströmen so wenig menschlich umgeht. Das Denkmal zeigt wie lange gerade die Länder Nord- und Osteuropas die Augen davor verschlossen haben, welche Dramen sich hier an den Küsten z. B. Italiens schon seit Jahrzehnten – also weit vor 2015 – abspielen.



Die Kater i Rades (Kateri i Radës), ein altes Kanonenboot aus Albanien, war am Abend des 28. März 1997 durch das italienische Marineschiff Sibilla nach derer mehrfacher Aufforderung umzukehren, auf die der Kapitän nicht reagierte, radikal zu einem Wendemanöver und zur Umkehr gezwungen worden. Die Männer auf dem Deck hatten sich aus Angst vor einer Kollision mit dem Marineschiff auf die andere Seite des Decks begeben, so dass das Schiff im erzwungenen Wendemanöver kippte und in der Straße von Otranto blitzschnell versank. Vermutlich 57 Albaner (die Zahlen differieren je nach Medium) fanden damals den Tod, vorrangig Frauen und Kinder, die – eigentlich zu ihrem Schutz vor dem eiskalten Wind – zu dem Zeitpunkt der Havarie unter Deck des Bootes untergebracht waren. Dieses Drama machte damals weltweit erstmals auf die schlechten Lebensbedingungen in – und in der Konsequenz Flüchtlingsströmen aus – Albanien aufmerksam und wurde in Italien zum Politikum ausgeschlachtet. Die Kapitäne beider Schiffe wurden später zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.



Die Kater i Rades, aus 800 Metern Tiefe geborgen, lagerte jahrelang in einer Ecke des Hafens von Brindisi. Unter dem Projektitel „Eine Landung. Eine Arbeit, die der Migration der Menschheit gewidmet ist” ließ der griechische Skulpturenkünstler Costas Varotsos im Jahr 2012 Teile des Schiffes nach Otranto bringen und umschloss diese mit grünen Glasplatten, die symbolisch das Meer darstellen, um an die damalige Tragödie aber auch das Fortbestehen der Flüchtlingsströme zu erinnern.





Hinter der kleinen Hafenpromenade gegenüber des Denkmals führt eine Treppe hinauf zum Castello Aragonese. Surreal denn rechts der Treppe werden Ziegen und Hühner gehalten, links davon baut der Bauer Gemüse auf dem Grün der Stadtmauer an. So ist dieser Weg von hinten in die Altstadt grün, ländlich und beinahe unwirklich.



Wenngleich noch nicht ganz grün, die kahlen Feigenbäume fangen auch hier jetzt erst an auszutreiben …



Dann fällt der Blick auf die Bastion mit dem besonderen Novum des Festungsturmes im Turm und auf das Castello. Die Brücke führt mich, Burgfräulein creezy, direkt in die Altstadt. Übrigens – wie so sehr viel hier in Italien – behindertengerecht!







Eine der kleinen Straßen geleitet zur Kathedrale Santa Annunziata aus dem 11. Jahrhundert. Der Zugang zur Kirche ist gestalterisch bemerkenswert.



Aber berühmt ist die Kathedrale Annunziata für ihren Boden im 12. Jahrhundert mit einem von einem Mönch konzipierten Lebensbaum aus über 10 Millionen Mosaiksteinen gelegt.





Adam und Eva, natürlich auch Satan, die Tiere der Arche Noah und weiteren Gestalten des Alten und Neuen Testaments werden auf einer Fläche von 1596 m² Stein für Stein kunstvoll präsentiert. Ungefähr 700 einzelne Geschichten der Bibel werden hier untereinander über den gesamten Kathedralenboden einschließlich der Seitenschiffe verwoben dargestellt.





Diese Kunst ist unglaublich anzusehen und kaum zu fassen in ihrer Schönheit!





Als 1480 die Osmanen in Otranto anlandeten, suchten 800 Gläubige und der Klerus der Stadt dort in der Kathedrale Zuflucht. Auf ihre Weigerung zum islamischen Glauben zu konvertieren, wurden sie alle enthauptet und die damalige Kathedrale sowie alle dort vorhandenen Kunstschätze zerstört. Die Leichen wurde über ein Jahr nach dem Massaker unversehrt aufgefunden und unterhalb der Kathedrale zur letzten Ruhe gebettet. 1539 wurde ein Verfahren zur Seeligsprechung aller Märtyrer von Otranto eingeleitet. Die Heiligsprechung folgte im Mai 2013 durch Papst Franziskus.



Die Reliquien werden rechtsseitig im rechten Seitenschiff der Kathedrale heute hinter Glas sichtbar aufbewahrt – und Santa Annunziata wird daher auch die Kathedrale der Märtyrer genannt.

Die Kathedralen-Decke, alte Orgeln, Säulen, Fresken – hier gibt es so unfassbar viel zu entdecken!











Unterhalb der Apsis der Kathedrale liegt die Krypta, das Heiligtum und ein Teil des Kirchenschiffes der ursprünglichen Kirche aus dem 11. Jahrhundert. Sie ist eine Miniatur der berühmten Zisterne des Theodosius oder der Moscheenkathedrale von Córdoba und hat drei halbkreisförmige Apsiden und achtundvierzig Buchten, die mit über siebzig Säulen und Säulen durchsetzt sind. An den Wänden sind teilweise sehr gut erhaltene Fresken zu bestaunen.





Die Kathedrale Santa Annunziata gemeinsam mit der Krypta sind an historischer und architektonischer Bedeutung auf so vielfältige Weise für mich kaum zu fassen. Es ist ein ganz besonderer Ort für den man sich ausreichend Zeit nehmen sollte, denn alleine den Mosaikboden in seiner Gänze zu sehen und verstehen, das braucht eine Weile.

Ich bin unser Reiseleitung, Carmen Mancarella, sehr dankbar, dass sie mir diese Möglichkeit geschenkt hatte, diese besondere Begegnung machen zu dürfen! Ich bin wirklich nicht im Sinne des Christentums gläubig – aber meine Reisen in den Salento haben mein Interesse an frühalterlicher Architektur und Kirchenkunst ganz sicher zum Leben erweckt.



Der Kathedrale oder der Krypta entstiegen, ist man mitten drinnen im Leben von Otranto. Im Sonnenschein schlendert man durch die kleinen Straßen hinunter ans Meer. Natürlich nicht ohne einen Blick in das eine oder andere Geschäft in den Straßen zu werfen, Souvenirs aus der Pietra Leccese, dem typischen hellen Kalkstein mit der charakteristischen zurückhaltenden Beimischung von Rot des Salento, mehr oder weniger stilvolle Kühlschrankmagneten, hier Olivenöl, da Taralli in allen möglichen Aromavariationen, Weine, das notwendige Instrumentatrium, um selbst Pasta herzustellen. Hier gibt es Gelato, dort duftet es nach Caffe und zwischen drinnen deuten reich gefüllte Körbe mit Lebensmitteln an, welch grandiose Küche hinter der Tür man als Gast zu erwarten hat. Italien eben.



Und schon ist man am Meer! Allerspätestens jetzt, wenn man auf dem langen Quai steht in dem die Stadtmauern integriert sind und hinaus auf die Mole und das dahinter liegende offene Meer blickt, hat man wohl sein Herz an Otranto verloren! Diese Kombination von dem hellen und dennoch kräftigen Türkisblau des Wassers, der helle Stein, die bunten Boote, die unten am Wasser liegen, der kleine Strand, die Lichtanlagen, das Treiben – ich hätte hier problemlos den ganzen Tag verbringen können. Dieser Platz hat eine Aura, die es einen gut ergehen lässt.





Doch wir müssen weiter, die Anlagen um das Castello Aragonese – das Castello selbst – gehören natürlich auch besucht.



Die Militärfestung wurde zwischen 1495-1498 von Fernando I. von Aragon gebaut, der Grundriss ist fünfeckig und wird von drei zylindrischen Türmen umschlossen, ein Novum: ein vierter Turm, Torre Mata, ist in einem der Türme verbaut und seit kurzem auch wieder zu besichtigen.



Rund um das Castello verläuft ein Graben, der zur jetzigen Frühlingszeit satt grün gefüllt ist, wo die Katzen umherstreifen und Dohlen fliegen, die in den Gemäuern brüten.





Heutzutage wird in dem Castello Theater gespielt und können vielfältige Ausstellungen besichtigt werden. Fest installiert die Ausstellung rund um Otranto und seine Geschichte bzw. umliegende Sehenswürdigkeiten – oder im Wechsel z. B. Fotoausstellungen. Und überall in dem Gemäuer auf unterschiedlichen Ebenen hat man den Blick auf das Meer – oder auf das schöne Otranto!

Noch ein kurzer Blick in die Chieasa Bizantia di San Pietro. Sie gilt als lebendigster Ausdruck von byzantinischer Kunst in der Gegend. Ihre Entstehung wird auf das Ende des IX-X Jahrhunderts datiert. Im Inneren sind drei kleine Kirchenschiffe von einer zentralen Kuppel überragt, die von vier Säulen getragen wird; ihr Altar ist geradzu neuwertig zu nennen: 1841 errichtet. In den drei Apsiden auf der Rückseite befinden sich die prächtigen Fresken im byzantinischen Stil aus dem 10. bis 11. Jahrhundert. Prächtig ist womöglich untertrieben.



Wir machen uns auf, die nähere Umgebung von Otranto zu erkunden!



Nur sechs Kilometer entfernt von Otranto wartet Il Faro di Palascia, allermeist aber Capo d’Otranto genannt. Mit dem Auto ist es ein Katzensprung, zu Fuß darf man 1-2 Stunden einrechnen. Dies hier ist der östlichste Punkt Apuliens. Die Ruine des Leuchtturms La Torre del Serpe aus dem Jahr 1867 wartet auf ihre Besucher. Einige hundert Meter weiter rechts davon ruht stolz und weiß und aufrecht der modernere Faro di Palascia. Seine Funktion als Leuchtturm wurde 1970 eingestellt und 2008 wieder in Betrieb genommen, heute ist dort das Zentrum für Umwelt und Gesundheit der mediterranen Ökosysteme eingerichtet. Der Leuchtturm selbst misst 32 Meter Höhe, sein Licht liegt aber gute 60 Meter über dem Meeresspiegel, ist alle fünf Sekunden sichtbar und aus einer Entfernung von 18 Seemeilen zu erkennen.

Bei gutem Wetter kann man von hier vom Land aus Albaniens Berge und teilweise sogar die Häuser dort sehen. Auf alle Fälle kann man hier Ruhe tanken – zu dieser Jahreszeit.



Der Legende nach trifft hier das Adriatische Meer auf das Ionische Meer. (Aber soweit ich weiß, behauptet das die Legende auch noch von mindestens zwei anderen Standorten im Salento.) Egal, irgendwo werden sich die Meere mischen – dies hier ist sicherlich nicht der schlechteste Ort dafür!



Es ist ein kurzer Spaziergang hinunter zur Anlage, vielleicht 20 Minuten vom oberen Plateau aus und jetzt zu dieser Jahreszeit lockt die frühlingshafte Botanik Apuliens mit ersten Blüten. Zu dieser Jahreszeit wirkt Faro di Palascia eher verlassen. Wenige Besucher sind in den Abendstunden vor Ort, das eine und andere Liebespaar genießt hier die romantische blaue Stunde.



Jedenfalls ist es ein guter Platz für ein Picknick mit einer feinen Flasche Primitovo im Gepäck! Nicht mehr ganz so ruhig und beschaulich wird es hier am Neujahrsmorgen sein, denn der Tradition zufolge trifft sich hier der halbe Salento gemeinsam, um den allerersten Sonnenaufgang des neues Jahres zu begrüßen. Aber ist das nicht ein Grund mehr nach Apulien auch einmal in den Wintermonaten zu reisen?



Auf dem Weg zurück nach Otranto lohnt sich allemal und unbedingt ein Abstecher zur Laghetto cava di bauxite – zum Bauxit-Steinbruch!





Natürlich fährt man hier besser früher am Tage vorbei, denn nachmittags bzw. am Abend ist hier das Licht für Fotos nicht optimal.

In den vierziger Jahren begann man hier Bauxit (Aluminiumerz) für die Aluminiumproduktion abzubauen, doch seit 1980 wird hier nicht mehr gefördert. Der Steinbruch wurde mittlerweile künstlich geflutet, sogar Fische wurden hier ausgesetzt. Visuell ist er das Sahnehäubchen auf den ganzen Tag – von sehr sehr vielen anderen Sahnehäubchen meines Tages in Otranto. Die grüne Fauna, die reichhaltige rote Erde, das Grün des Wassers und im Hintergrund das Blau des Adriatischen Meeres. Was für ein Ort voller Schönheit und legendärer Farbenpracht! Wenn die ganze Besonderheit und Schönheit des Salentos vor dem eigenen Auge explodiert, dann hier!



Zu Fuß kann man für die Wanderung ab Otranto über Bauxit, Il Faro della Palascia und zurück nach Otranto einen Tagesmarsch einkalkulieren. Angenehme Pausen einberechnet.

Falls jemand noch Zweifel hat nachdem ich Euch mitgenommen habe auf diesen besonderen Tag: Ja, Otranto ist ganz sicher eine Reise wert!



Anreise

Von Deuschland aus fliegen einige Airlines die beiden Flughäfen im Salento, Bari und Brindisi direkt an, andere über Zwischenstopp in Rom. Zubringer zu den einzelnen Städten gibt es ab den Flughäfen mit der Bahn, Bus oder Mietwagen. Ab Brindisi ist man z. B. mit der Bahn oder mit dem Bus im Schnitt ein bis zwei Stunden bis nach Otranto unterwegs. Solange dauert der Transfer ab Bari mit dem Auto. Im Salento bieten viele freundliche Menschen im Transportwesen eine gute günstige Möglichkeit Touren per Auto zu unternehmen. Die jeweiligen Fremdenverkehrsbüros vermitteln gerne Adressen.