2017-02-23

Womöglich …

… regele ich das mit meiner Altersarmut dergestalt, dass ich lebenslänglich in den Knast einfahre, weil ich einem laut im Bus, U-Bahn, Tram etc. seine Scheißmusik über einen beschissenen Handy-Lautsprecher hörenden Deppen ins Jenseits, also in den sicheren Tod blicke.

2017-02-19

Es wird kalt werden

Gestern fuhr ich mittags S-Bahn. Touristenlinie, die, die über Kreuzberg in die für Besucher attraktive Mitte dieser Stadt führt. Ich stand im Türbereich am Ende des Wagons, dort wo üblicherweise je zwei Sitzplätze sich gegenüber liegen. Alle Sitzplätze von Menschen mittleren Alters besetzt, ein Mann stand daneben. Alle sprachen Deutsch, mehr oder weniger. Die einen konnten ihren bayerischen Dialekt, wenn auch nicht komplett verstecken, allgemein verständlich unterdrücken, bis auf einen Mann, der kurz vor dem Zertifikat „muss untertitelt werden” kommunizierte.

Der Unterhaltung zufolge war der stehende Mann nach Berlin gezogen. Diese Menschen, höchstwahrscheinlich seine Freunde bzw. Bekannte, schienen ihn nun zu besuchen. Man fuhr S-Bahn und gönnte sich dabei den Blick auf die besonderen Attraktivitäten dieser aus dem Zugfenster im Winterschlaf liegenden Stadt.

All diese ganz normal aussehenden Menschen waren fixiert. Auf Ausländer. Das ging so: Man sprach darüber, dass außerhalb der Bahngleise Müll liegen würde. Und prompt war das Thema Dreck in der Stadt und wie sehr die Ausländer daran schuld sein. Und dass sie das doch „zu Hause” machen sollten. Ständig wurden z. B. Anekdoten erzählt bei denen es sehr wichtig war, dass die Protagonisten „drei Schwarze” sein. Auch diese Geschichte endete mit dem sauberen, überheblich mahnenden, deutschen Finger.

Das war an sich schon völlig unangenehm für mich als Deutsche anzuhören. Der Höhepunkt dieser Ungeheuerlichkeit zeichnete sich dann ab als an der gleichen Station mit mir ein Mann aussteigen wollte, der sich eben von einem der Sitzplätze inmitten dieser Reisegruppe erhob und er bzw. dessen Vorfahren höchstwahrscheinlich einmal in Indien oder Pakistan beheimatet waren/sind.

Diese Menschen, hier in der Stadt zu Besuch, hatten also keine Chance ausgelassen sich über Ausländer auszulassen, sehr abschätzig, während so einer zwischen ihnen saß.

Den Zug verließ ich dann doch mit einer Bemerkung, dass Berlin solche Besucher mit derartiger rassistischer Gesinnung, wie sie es offensichtlich wären, hier nicht bräuchte und sie hoffentlich sehr bald wieder nach Hause fahren würden.

Ich habe gestern erstmals begriffen, wie sehr weit und wo überall dieser Hass auf vermeintliche Andersartigkeit wieder in den Köpfen der Menschen in diesem Land gekrochen ist. Und wen diese Menschen im Herbst wählen werden.

Ich habe Angst.

2017-02-09

Strahlenbeschuss

Die befreundeten Nachbarn und ich wohnen in der ersten Etage des Hauses. Unter meiner Wohnung lebt ein älteres nettes Ehepaar, unter der Wohnung meiner Nachbarn W. und J. eine Frau C., alleinstehend, ungefähr mein Alter. Zog in die Wohnung knappe vier Wochen nach mir ein.

Während über die Jahre sich das Verhältnis mit allen Nachbarn hier im Haus recht freundschaftlich entwickelte und man immer ein paar freundliche Worte füreinander übrig hat, wenn man sich trifft, blieb es mit dieser Frau immer eher kühl. Ich hatte ein bisschen Kontakt zu ihr als sie anfing den Vorgarten auf ihrer Seite zu bepflanzen, was sie allerdings so ungelenk tat, dass ihr die Hausverwaltung irgendwann wieder die Genehmigung dafür entzog. Sie ist freundlich, gelegentlich gut, an anderen Tagen schlechter drauf und irgendwie verhuscht.

Zu diesem Zeitpunkt hieß sie schon „Frau Dunkel” bei uns. Ihre erste Amtshandlung nach dem Einzug war es, die Wohnungstür samt Rahmen in eine Hochsicherheitstür zu tauschen. Ansonsten lebt sie im Erdgeschoss ausschließlich mit herunter gelassenen Jalousien. Seit nun immerhin fünf Jahren.

Die gute Frau hat irgendein Ding mit meinen Nachbarn zu laufen. Am Anfang war es Lärm. Nun, die Wohnungen sind, wie Plattenbauten halt so sind, recht hellhörig, dann war es Gestank und die Idee meine Nachbarn würden wohl Katzen in den Ecken ihrer Wohnung verwesen lassen. Interessanterweise hörte sie meine Nachbarn auch dann, wenn sie gar nicht da waren. Irgendwann sprach mich der Hauswart sehr vorsichtig und äußerst peinlich berührt an, ob ich denn auch mitbekommen hätte, dass meine Nachbarn „so Substanzen” konsumieren würden, denn Frau C. hätte sich über diesen Geruch beklagt. Meine Nachbarn rauchen nicht. Da fiel aber auch auf, dass – wir haben ja nun ein paar mehr Balkone auf denen Nachbarn lustiges Kraut rauchen könnten – sie doch äußerst fixiert auf meine Nachbarn war.

Das Ganze lief gleichzeitig auch immer über den Hausverwalter, denn im sich beschweren ist Frau C. große Meisterin. Seit sie irgendwann mal bei meinen Nachbarn vor der Tür oben stand und ihnen angeboten hatte, sich an einem Teppichkauf zu beteiligen, damit sie den bösen lauten Schritten entkäme – ungefragt, ob die sich überhaupt Teppich in die Wohnung legen wollten – zogen es auch meine Nachbarn vor in dem Punkt gerne mit dem Verwalter zu kommunizieren. Übrigens kann ich mich nicht erinnern, jemals neben so ruhigen Nachbarn gewohnt zu haben.

Als meine Nachbarn vor zwei Jahren im Urlaub waren, ich versorge dann immer die Katze, gab es wieder eine Meldung an den Hausverwalter, diese hätten ihre Wohnung in der Ferienzeit untervermietet. Davon abgesehen, dass es jedem freisteht während der Ferienzeit seine Wohnung auch anderen zur Verfügung zu stellen, konnte sie über „Vermietung” und „Geldfluss” nichts wissen und hatte an der Stelle den Fehler begangen quasi mich mit ins Boot zu holen, denn meine Freundin und Nachbarin J. stand eines Tages lachend in der Tür und forderte von mir das Geld für die Untermiete ein. Da habe ich erst mal nicht undoof geguckt, bis sie mir den Sachverhalt erklärte.

Ich befand zu diesem Zeitpunkt, nun könne auch mal Schluss mit lustig sein und schrieb an unseren Verwalter einen höflichen Brief in dem ich mich darüber ausließ, dass Frau C. offensichtlich Dinge roch und höre, die nicht wirklich passierten, ich bei der Unterstellung des Drogenkonsums meiner Nachbarn schon leicht den strafrechtlichen Bereich berührt sähe. Und bei dieser aktuellen Vermietungsunterstellungsnummer ich die einzige Person gewesen sei die in dieser Zeit die Wohnung betreten hätte, um mich um die Pflanzen und Katze zu kümmern und weder ich, noch die Katze die Wohnung untervermietet hätten. Dass ich es schon sehr merkwürdig fände, dass solche Gerüchte in Umlauf gesetzt würden ohne dass Frau C. überhaupt bei den Nachbarn nachfragen würde. Dass wir grundsätzlich ein sehr freundschaftliches Mi(e)teinander im Haus pflegen würden, dem sich nur Frau C. entziehen würde. Abschließend merkte ich an, er, der Hausverwalter, müsse mir auf mein Schreiben nicht antworten, es möge es nur bitte beide Parteien betreffend zu deren Akten legen und ich überließ Frau C. eine Kopie des Anschreibens im Briefkasten. (Der Hausverwalter jubelte übrigens, die Nachbarn schienen gerührt.)

Danach hatten meine Nachbarn (somit auch ich) ein gutes Jahr Ruhe. Frau C. und ich grüßten uns sehr freundlich, wann immer wir uns sahen, nahmen höflich für einander Pakete an. Wenn sie aber meine Nachbarn sah, sorgte sie dafür, dass sie mit denen ja bloß nie durch eine Haustür gehen musste, noch mit ihnen gemeinsam im Hausflur verweilen musste. Sie ging ihnen offensiv aus dem Weg. Nur einmal riss sie die Wohnungstür auf, als meine Nachbarin J. nach Hause kam und warf ihr ein „Danke! Das hat weh getan!” an den Kopf und zog die Tür wieder zu.

Der Verwalter ließ verlauten, Frau C. hätte angekündigt sich eine neue Wohnung zu suchen. Er selbst verweigerte ihr neuen Wohnraum bei der Genossenschaft, denn „sie würde woanders genau solchen Ärger machen.” Seit vier Wochen wissen wir nun, Frau C. wird Ende März ausziehen. Wie der Verwalter trocken anmerkte, „die Kündigung nehmen wir garantiert auch nicht mehr zurück.”

Gestern steht meine Nachbarsfreundin J. in der Tür um mir zu erzählen, dass der Nachbar (unter mir wohnend) sie gestern angesprochen hätte, „sie und ihr Mann müssten ja ganz schlimme Nachbarn sein.” Und auf weitere Nachfrage erzählte er, Frau C. hätte ihm erklärt, dass meine Nachbarn Frau C. durch die Decke mit elektrischen Strahlen beschießen würden. Sie müsse deswegen sogar schon ab und zu im Keller schlafen.

Gestern Abend komme ich gegen 23 Uhr nach Hause, stehen bei uns auf dem Parkplatz zwei (!) Polizeifahrzeuge. Die Beamten, vier Stück an der Zahl, kommen gerade von ihrem Einsatz zurück zu ihren Autos und lachen sehr fröhlich. Offensichtlich hatte man viel Freude bei dem Einsatz, eine Polizisten merkte noch an beim Einsteigen an „So einen Einsatz hatte ich ja noch nie. Das glaubt mir doch keiner.” Und während ich anmerke „Na Sie haben ja viel Spaß bei der Arbeit!”, antwortet mir ihr Kollege, „Wenn Sie wüssten warum, hätten Sie auch Ihren Spaß. Wir dürfen ja leider nichts sagen, aber es ist sehr lustig.” Ich überlege noch kurz, ob ich das Codewort „Strahlen” ins Spiel bringen soll, mein Bauchgefühl eben, verkneife mir das aber, denn einerseits will ich meine Nachbarin – so schräg sie auch drauf ist – nicht vorführen. Zum anderen habe ich Sorge, dass die Beamten dann vor Lachen tot zusammenbrechen könnten. (Und das gäbe Ärger!)

Heute gehe ich zu meinen Nachbarn rüber, Teechen trinken und wir quatschen noch mal über die Strahlungsgeschichte. Ich will natürlich wissen, wie sie das eigentlich machen, ob sie es nun selbst sind oder doch die Katze. Kurz: wir haben unseren Spaß. Dann erzähle ich von meiner Begegnung mit den Polizeibeamten und deute meine Ahnung an, die könnten nur von Frau C. gerufen worden sein.

Nachmittags klingelt meine Nachbarin, sie hätte mit dem Verwalter telefoniert (man hält mittlerweile so etwas wie eine freundliche Standleitung), der ihr erzählt hatte, er hätte heute von der Nachbarin sieben Seiten Zettelage erhalten mit einem Ausdruck aus dem Internet über die Gefährlichkeit von Mikrowellenstrahlen, und einem sehr ausführlichen Strahlungsprotokoll. So sollen z. B. am Freitagnachmittag meine Nachbarn sie stundenlang beschossen haben (Freitag nachmittag war die Katze alleine in der Wohnung, denn meine Nachbarn waren an die Ostsee verreist) – und der bittere Vorwurf, die Polizei würde sie und ihr Leiden nicht ernst nehmen.

Ja nu.

2017-02-08

Der Freitagstexter geht an …

Wir erinnern uns, ich zeigte Euch ein Foto und wünschte mir zahlreiche Bildunterschriften aus denen ich mir meine Lieblinge raus picken wollte. Ihr habt meinem Wunsch entsprochen und keine Mühen, Ideen und Tastaturanschläge gescheut und mein Kommentarfeld zu Überstunden gezwungen. Womit ich nun den Salat habe und mich für eine der Bildunterschriften entscheiden muss. Mindestens.



Aus dem Logbuch des Hundesitters: 07.02.2017 - Wie man sieht, klappt das Clicker-Training jetzt auch schon in Einkaufs-Zentren ohne Leine und bei geschlossenen Türen. Ansonsten alles okay. Das rote Mäntelchen hab ich in seiner Größe zurücklegen lassen.

Somit überreiche ich den Freitagstexter der ersten Februar-Woche 2017 mit großem Vergnügen an Ina von Kreative Strukturen!

Womöglich versteht den Clicker-Context nur, wer mit chronisch dickköpfigen, schwer hörenden, jederzeit unwilligen Katzen sein Leben fristet – ich fand den Spruch sehr lustig.

Platz Nr. 2 geht an bee. Denn „WUUUUUÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄST!” war bis gestern – so sorry – mein eigentlicher Favorit! Ich finde ein Hund, der an Wurst denkt, sieht er ein rotes Lackmäntelchen – das hat was, das mein schwarzhumoriges Herz berührt!

Und last but not least mochte ich den levitierenden Filax
Filax macht verzweifelt in Levitation,
in Tibet gelernt vor seiner Reinkarnation.
” vom Dinihou auch sehr gerne – Platz drei an das esoterische Hündchen im Flow!



Und somit, liebe Freitagstexter-Freunde, herzlichen Dank für die zahlreiche und kreative Teilnahme und nun wandelt bitte weiter zur Ina, die in Kürze mit einem neuen bildunterschriftslosen Foto aufwarten dürfte!


2017-02-07

Kassengeschichten

Man kann in Supermärkten in Kassenschlangen stehen und Dinge erleben. Solche und solche.

2017-02-06

Interessanterweise …

… als ich im letzten Jahr – noch vor der Wahl Trumps – meinem leider immer zu gut funktionierendem Bauchgefühl folgend sorgenvoll vorhersehend in den Raum stellte, dass die klügste Lösung für diesen einen Kandidaten (in einem nun doch schon fortgeschrittenem Alter) womöglich der Sensenmann sei, gab es auf Twitter ein paar scharfe Schüsse in meine Richtung mit Empörung untermalt, man dürfe nie jemanden den Tod wünschen.

Einige dieser Stimmen wünschen jetzt diesem Präsidenten hilflos den … na was wohl?

Tsja. Mittlerweile überlege ich, ob Trump – selbst würde ihn irgendwie innerhalb seiner Amtszeit den Tod des Alters ereilen (ich distanziere mich ganz klar gegen jedes Fremdverschulden) – er hätte momentan nicht einmal das Zeug zu einem Märtyrer. Das muss man auch erst einmal schaffen.

Ansonsten hat Frau Kiki diesen fürchterlichen, dennoch sehr guten Text von Ron Rosenbaum für uns aufgetan: „Against Normalization: The Lesson of the »Munich Post«” Lang, lesenswert.

Was auch immer. Alte Männer, nachweislich von ihren Vätern nie wirklich wert geschätzt und immer getrieben, können im Alter noch einmal sehr gefährlich werden.

Da geht einem doch das Herz auf …

… oder wie man höchst professionell mit unprofessionellen Fake-News-Mitteilern umgeht:

2017-02-04

Frank Zander wird heute 75!

Frank Zander ist nicht nur Schlagersänger, Komiker, ein begnadeter und dabei durchaus hurmorvoller Maler – es ist auch ein durch und durch guter Mensch. Dieser Mann, ein Berliner Urgestein (Neuköllner), wird heute 75 Jahre alt.

Zeit ein paar Geständnisse bzw. Erlebnisse zu teilen, die mich mit ihm verbinden.

Frank Zander brachte im Jahr 1969 eine Single heraus, namens „Der Ur-Ur-Enkel von Frankenstein”. Das war die erste Single, die ich mir damals als noch richtig kleines Kind (fünf Jahre) als Single wünschte. Ich habe sie übrigens noch heute. Ich fand das Lied toll und auch sehr gruselig gleichzeitig. Gruselig weil mich der Ausklang, wenn durch das Verschwinden der (damals sprachen wir nur von Batterien) Batterieladung die Stimme Frankensteins Ur-Ur-Enkel blechern klang bis sie ganz versagte, dieses Elektrisieren seiner Stimme mir regelrecht körperliche Schmerzen bereitete. Daher stoppte ich gerne den Plattenspieler vor dem Ende, ich kann das heute noch nicht gut hören.

(So geht es mir übrigens auch mit Kraftwerk. Ich fand die von der ersten Minute an toll, also deren Musik, den Habitus. Die Roboterstimmen kann ich manchmal heute noch sehr schlecht ertragen, früher konnte ich es gar nicht.)

Das Lied, die Musik vom „Ur-Ur-Enkel von Frankenstein” fand ich aber sonst witzig und toll. Ebenso seine dazugehörigen Auftritte im übersichtlichen Musikprogrammen der Öffentlich Rechtlichen Sender. (Es gibt damals davon keine Videos, liebe Kinder. Abba gewannen erst in diesem Jahr den Grand Prix und die erfanden bekanntermaßen später so etwas wie das Musikvideo. Die mittlerweile verfügbaren Aufzeichnungen sind späteren Datums, Zander hatte den Song von ein paar Jahren nochmals neu veröffentlicht.)

Frank Zander hatte das große Talent – für mein Empfinden als Kind – sich sehr gruselig zu verkleiden und zu benehmen und trotzdem immer etwas Gutes durchscheinen zu lassen, vor dem man sich genau nicht fürchten musste. Also: alles nicht so schlimm, wie es zunächst aussieht. Das ist womöglich das besondere Talent von ihm: er bietet uns immer etwas an, sendet dennoch gleichzeitig die Signale, dass man ihn nie all zu ernst nehmen sollte.

Interessanterweise hatten wir im letzten Jahr am Heiligabend einen Moment in dem wir uns unsere ersten Lieblingslieder bzw. Platten gestanden in fröhlicher Runde, was insofern viel Spaß machte, denn wir konnte uns die Lieder alle auf YouTube gleich anhören. Da wurde mir bewusst – auch durch den Zuspruch der anderen – dass das Lied schon damals erstaunlich modern und seiner Zeit sehr weit voraus war. Wenn Frank Zander sagt, das sei eigentlich der allererste deutschsprachige Rap überhaupt gewesen – dann ist das so verkehrt nicht.

O-Ton Frank Zander: „Der erste echte Rap und zugleich mein erster Nummer 1 Hit, allerdings nicht in Deutschland, sondern in Österreich, dort liebten sie den schwarzen Humor. Für den Rhythmus habe ich mit dem Fuß auf meinen alten Holzboden getreten und der Impuls zweier Bananenstecker musste für die Snaredrum herhalten. Klingt irgendwie irre -- war es auch! Noch zur heutigen Zeit klopft man mir in Österreich auf die Schulter und sagt „Jo Zander, mir ha'm dir net vergessen!" Der Ur-Ur-Enkel wirkt doch sehr nachhaltig.

Der Groove vom Song ist erstaunlich modern, heute noch.

Jahre später, ich war in der Oberstufe und verdiente mir mein Geld als Gardrobiere im ICC sowie im Konzertsaal vom (damaligen) Sender Freies Berlin (SFB), hatte ich einen Job als Schließerin bei einer Live-Radio-Sendung beim SFB. Diese Sendung fand in einem kleineren Sendesaal mit Bestuhlung statt – gibt es das heute eigentlich überhaupt noch? Diverse Schlagersänger durften dort ihr Playback singen und kurz etwas ins Mikro sagen. Daran nahmen teil Drafi Deutscher (der damals mit dem Revival von „Marmor, Stein und Eisen bricht” gerade wieder kurz hoch poppte am Schlagerhimmel) mit sehr sehr sehr junger Freundin, Jürgen Marcus mit seinem Manager-Freund und eben Frank Zander.

Besucher dieser Veranstaltung waren Berliner Menschen, die schon so sehr Fan sein mussten, dass sie überhaupt mitbekommen hatten, das so eine sehr schräge Sendung produziert wurde. Eine recht große Gruppe bestand aus Menschen mit geistigen Behinderungen mit ihren Betreuern, die schlicht und einfach Fans waren. Glückliche Fans. Das alles war keine große Sache, lass es mit uns Beschäftigten, Gästen und Künstlern insgesamt 80-100 Leute gewesen sein. Wirklich überschaubar.

Als Schließerin ist es Aufgabe die ganze Zeit vor der Sendung freundlich guckend herum zu stehen an den Türen, den Gästen die Sitzplätze zu zeigen {wenn die Karten nummeriert verkauft wurden), ggf. Progammhefte zu verkaufen und nach dem dritten Gong, wer wäre jetzt darauf gekommen, die Türen zu schließen. Und diese zu bewachen, damit – vor allem bei Klassikkonzerten oder Radioaufnahmen – nicht störende Zuspätkommer das Event etwa vor dem ersten Applaus stören. So hatte ich also Zeit diese Veranstaltung im Vorfeld genau zu beobachten, so etwas wie Maske gab es nicht, denn wenngleich die Künstler zwar von ihren Fans gesehen wurden, gab es keine Aufzeichnung der Television. Die kamen also, bekamen etwas zu trinken, deren begleitendes Manager-Personal drehte ein bisschen übertrieben aufgescheucht am Rad (vorrangig das von Drafi Deutscher), der Rest war im Grunde ein Meet & Greet. Man trifft sich, versichert sich seiner gegenseitigen Zuneigung und unterschreibt Platten, Hefte bzw. verteilt Autogrammkarten.

Für die Stars sicher Business as usual. Für die Fans etwas deren Leben Bewegendes.

Und hier genau trennte sich die Spreu vom Weizen: während Drafi Deutscher, so muss man es sagen, sich wirklich wie ein arroganter Arsch verhielt und sich vor allem von den Menschen mit den Behinderungen regelrecht angewidert abwandte und dann zurück zog, den Fans vielleicht fünf Minuten Zeit gönnte, stand Jürgen Marcus nett, ganz bescheiden herum und tat das, was seine Fans sich von ihm wünschten. Zog sich später in eine Ecke zurück mit seinem Freund, nachdem er diesen Teil erledigt hatte (er war zu der Zeit nicht mehr ganz Top of the Pop, meine ich zu erinnern), war zurückhaltend aber durchaus zugewandt.

Frank Zander aber betrat den Gang vor dem Raum, begrüßte alle Menschen sehr herzlich, ließ sich das Aufzeichnungsprozedere erklären und widmete sich ab dem Moment mit einer Hingabe, Freundlichkeit und Zuwendung jedem einzelnen dieser Menschen, die ihm einmal nahe sein wollten, ließ sie nicht eine Sekunde spüren, sie wären nicht weniger besonders als er und ließ jeden der Anwesenden sich wie ein kleiner König sich fühlen – und hatte bis heute durch seinen menschlichen Habitus mein Herz gewonnen. Ich hatte nämlich gesehen, was er mit diesem Verhalten bei all diesen Menschen bewirkte, nachhaltig. Man musste ihn zu Beginn der Sendung regelrecht von den Fans wegziehen. Es war … er war eben besonders!

Das muss Anfang der Achtziger Jahre gewesen sein. Mich hatte damals Frank Zander (dessen Musik ich ehrlich gesagt in den letzten Jahren eher weniger wahrgenommen hatte, mein Geschmack hatte sich doch ein bisschen geändert über die Jahre Zeit) so nachhaltig beeindruckt, dass ich heute noch gelegentlich feuchte Augen bekomme, denke ich an diese Szene. Ihn zu erleben und die Freude dieser Menschen, war ein kleines mich mein Leben begleitendes Geschenk.

Meine Nachbarn gehen öfter hier in Kreuzberg in einer Kneipe etwas trinken, wo Frank Zander immer noch gern gesehener Stammgast ist und erzählen ab und an davon – ooch janz glücklich! Ich habe ihn noch nie dort getroffen. Freue mich aber jedes Jahr darüber, wenn es zur Weihnachtszeit wieder von ihm und durch ihn Gänse gibt für Menschen, die sonst nicht viel haben, dass es ihm gut geht und bewundere seine Arbeit und Leidenschaft. Dass er nun auch schon 75 Jahre alt ist – hat mich heute doch etwas erschrocken. Kann eigentlich nicht sein, das war doch alles erst gestern?

Hoffentlich kann uns Frank Zander noch viele, viele Jahre mit seiner Fröhlichkeit, Menschlichkeit, Optimismus und Weitsichtigkeit anstecken!