2026-04-10

Der Codex Purpureus Rossanensis in Rossano

Wer sich für die früheste Geschichte unseres Kontinents interessiert, kommt in der kalabrischen Sibaritide sehr auf seine Kosten. In die Geschichte der Arbëresh, der nach Kalabrien geflohenen Menschen aus Albanien, hatte ich euch schon mitgenommen. Rund um die Gemeinde Corigliano-Rossano möchten viele besondere historische Schätze von Besucher*innen entdeckt werden. Und: Es lohnt sich sehr! Daher machen wir hier einen Ausflug in die Altstadt von Rossano, wo der legendäre Codex Purpeus zu bestaunen ist. Vorher besuchen wir die archäologischen Ausgrabungsstätte des Parco del Cavallo, dessen Funde im nahegelegenen Archäologischen Nationalmuseum, Museo Archeologico Nazionale della Sibaritide, zu besichtigen sind.


Archäologie goes drittes Jahrtausend!

Viele Museen in Kalabrien sind in die Burgen der einzelnen Provinzen eingezogen. Das Museo Archeologico Nazionale della Sibaritide ist da ein deutlicher Bruch in der Landschaft mit seiner modernen Architektur. Architekt Riccardo Wallach hatte in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts das Museum in modularer Konzeption auf Grundlage der hippodämischen Stadtentwicklung entworfen, indem er auf kreative Weise die präshistorische Straßenstruktur dieser Region in den Bau integrierte.
Das Innenleben wurde in den Jahren der Museumsexistenz einerseits den Zuwächsen der Sammlung angepasst, denn da, wo gebuddelt wird, wird immer noch gefunden. Die technische Evolution der letzten Dekaden, möchte ebenfalls im heutigen Museumsbild integriert werden. Für Kinder konzipierte multimediale Ausstellungen, sind in einer gelungenen Ausstellung unverzichtbar.
Die Sammlung besteht aus den Funden der Ausgrabungen der antiken Ortschaften der Sibaritide: der griechischen Kolonie Sibarys (7. Jh. v. Chr.), ebenfalls griechisch Thurii (5. Jh. v. Chr.) und der Römerstadt Copia (2. Jh. v. Chr.) und von bedeutenden Stätten, darunter das berühmte protohistorische Heiligtum von Francavilla Marittima.
Als ich das Museum besuche, befindet es sich sichtlich im Umbruch. Seit 2021 befindet sich die gesamte Ausstellung in einem Prozess der Modernisierung und Neustrukturierung, um auch in jüngster Zeit gefundene Exponate zu integrieren und die Präsentation der Objekte auch sprachlich der Entwicklung anzupassen. Ein Ende der Reise ist nun in Sicht!

Sie machen das sehr charmant, meinem Erleben nach. Da wird eben der Text zum Ausstellungsobjekt an die Vitrine mit einem Marker geschrieben, dort hängt ein erklärendes Post-it. Hier erzählt eine Notiz, was sich theoretisch in der Vitrine befinden würde, befände sich das Exponat nicht gerade in der Restauration. Alte Informationstafeln werden mit Zetteln ergänzt um aktuelle Nachträge. Und die Besucher sind ausdrücklich aufgefordert, ihre Gedanken und Ideen für die neue Gestaltung der Ausstellung einzureichen. Umbruch im Alten zum Neuen.
Dass hier und dort dann schon neue Elemente z. B. zum Sitzen einladen – wie immer in Italiens Museen in besonders einladendem Design. Ehrlich? Ich hatte kindlichen Spaß in diesem – natürlich barrierefreien – Museum, das gerade wie aus einem Schmetterlingskokon neu schlüpft.

Einige Exponate haben es mir besonders angetan. Tongefäße, Messer und Münzen – sie gehören in einem archäologischen Museum zum Inventar. Hier sind viele trotz ihres hohen Alters so gut erhalten bzw. restauriert worden, eine faszinierende Freude für die Besucher*innen.
Mich beeindruckten besonders diese Statue mit integriertem Spiegel bzw. Handspiegel aus dem Reich der Frauen – beide aus der Bronzezeit!
Spiegel? Aus der Brozenzeit??? (Ich muss mich unbedingt in die Geschichte der Spiegel einlesen!)

Wer mag, kann mit der filmischen Einladung „Passione da Cultivar” der Historie von Olivenbaumzucht und ihrem Anbau folgen, denn natürlich ist man sich der Relevanz der historischen Landwirtschaft dieser Gegend bewusst und hat diesem Punkt einen ganzen Ausstellungsbereich gewidmet.

Der erste final umgebaute Raum ist das neue Zuhause des Stiers, Torre cozzante, in der Pose des Angriffs. Eine beeindruckende Bronzestatur – er ist das Wappen der Stadt Thuri (Thuril), einst eine panhellenische Kolonie, die ca. 444 v. Chr. den Platz von Sybaris einnahm, das 66 Jahre zuvor zerstört worden war. Dieser Stier brachte es im 5. und 4. Jahrhundert vor Christus auf die Münzen der Stadt. Vermutlich steht er für die Verbindung mit dem Gott Apis aus der ägyptischen Welt.
Dieser Stier – um nur einen besonderen Genius dieser Ausstellung zu nennen – wird nebenan in einem eigenen und umfangreichen Bereich die Moderne geführt, da er als kriegerisches Stil-Element viele Arbeiten heutiger Comic-Zeichner inspirierte. Hier wird man auf jeden Fall seine Teenager parken können und in Ruhe den Rest der Ausstellung bewundern dürfen.
Eine spannende Zusammenführung uralter Geschichte mit unserer Moderne, die das Erleben dieses Museo sympathisch macht.

Die archäologische Anlage der Römerkolonie Copia

Zu Fuß wären es knapp 30 Minuten, sechs Minuten sind es mit dem Auto vom Museum aus zum Parco Archeologico di Sibari, auch Parco del Cavallo, dem größten archäologischen Ausgrabungsgebiet im gesamten Sibari-Raum. Hier befand sich die römische Kolonie Copia.
Von ihr sind Reste der Stadtmauer und das nördlich gelegene monumentale Tor und ein Teil der historischen Theaterarena zu besichtigen. Die Straßenführung zweier Hauptstraßen ist deutlich erkennbar, Reste der Thermen und vereinzelt sogar noch Mosaike im Boden.
Auch hier wird während unseres Besuches gerade gebaut, so dass ich leider nicht auf das Gelände gehen darf. Aber auch der Überblick der sehr frühen historischen Anlage beeindruckt in ihrer Größe und ihrem Erhalt.

Interessierte Besucher sollten sich auf jeden Fall bitte unbedingt vorher über die Öffnungszeiten informieren. Und: Das Gelände liegt im Freien und in den heißen Jahreszeiten sind Sonnenschutz und Wasser deine besten Freunde!

Ein Welterbe in Rossano: Der Codex Purpureus

Nur eine halbe Stunde Autofahrt entfernt, befinden wir uns in Rossano (Calabro). Der einen Namensgeberin der Provinz Corigliano-Rossano. Wer durch die Altstadt der Gemeinde mit knapp 37.000 Einwohnern läuft, bekommt einen ursprünglichen Eindruck Kalabriens.
Wir sind hier am frühen Abend eingetroffen und der kleine Ort zeigt sich uns vergleichsweise ruhig in der Abendsonne.
Verfallene Häuser stehen neben solchen, die vermitteln, dass in ihnen das Leben tobt. Touristisch kaputt saniert, ist hier noch wenig – was auch einmal angenehm zu erleben ist.
Wir, als Besucher, werden betrachtet von den wenigen Menschen, die uns in den Straßen begegnen. Straßen mit Stufen führen hinauf und hinunter. Ich glaube, hier kann man sich herrlich verlaufen!
Rossano – als Die Byzantinische bekannt – liegt, wie so viele Ortschaften in Kalabrien, auf einer Anhöhe – wer hier alt wird, bleibt bei 270 Meter über dem Meerespiegel zwangsläufig jung.
Es scheint völlig unwirklich, dass hier ein sehr besonderer Schatz christlicher Kultur liegt. Der Codex Purpureus Rossanensis – eine der ältesten Bibelhandschriften (6. Jh. n. Chr.) der Welt und sie gilt als eines der kostbarsten Dokumente der byzantinischen Kunst mit ihren Miniaturen.

Dieses beeindruckende Welterbe kann im Diözesanmuseum am Dom von Rossano besichtigt werden. Dieser natürlich auch.
Als Entstehungsort des Codex vermutet man die Türkei, er wurde im 7. Jahrhundert von flüchtenden Mönchen nach Kalabrien gebracht. Sie sind dafür verantwortlich, dass es in Rossano von lauter kleinen Gotteshäusern nur so wimmeln soll.

Von den ehemals 400 Seiten des Codex existieren heute noch 188 Seiten, einige sind von einem Feuer beschädigt, dem leider der größte Teil des Codex zum Opfer fiel. Dennoch: Die Restauratoren haben 1919 große Handwerkskunst geleistet. Der Codex ist wunderschön anzusehen.

Und für mich gesprochen, ist diese Handschrift eine der berührendsten Begegnungen mit der religiösen Geschichte, die ich in Italien bis dato erleben durfte.
Die verbliebenen Texte in griechischer Sprache (Majuskeln) umfassen das vollständige Matthäus-Evangelium und einen Brief des Kirchenvaters Eusebius von Caesarea. Im oströmischen Reich wurde das Neue Testament in griechischer Sprache überliefert. In dem Museum liegt der Codex gesichert und für Besucher zugänglich. Alle drei Monate wird eine neue Seite dieses 260 × 307 cm umfassenden Werkes aufgeschlagen.
Cesare Malpica hatte den Codex im Jahr 1846 in Rossano entdeckt. Doch erst zwei deutsche Gelehrte, Oskar Leopold von Gebhardt und Adolf Harnack, sorgten 1879 für seine Bekanntheit über die rossanischen Stadtgrenzen hinaus. Sie gaben dem Werk seinen heutigen Namen: Evangerliorum Codex Graecus Purpureus Rossanensis.
Oder kurz: Der Codex Purpureus ist ein ganz besonders schönes Stück Geschichte. Das gesamte Pergament ist in Purpur eingefärbt, das einst als die Farbe der Kaiser bzw. Könige galt. Die Schriftfarbe der Texte ist silbern und golden. Die wundervollen Miniaturen, damals wohl von den besten Künstlern ihrer Zeit kreiert, gelten als die schönsten erhaltenen Illustrationen der frühbyzantinischen Kunst.

Was für ein Stück Geschichte – und bildschön dazu. Für mich ein Must-see! Und ich muss noch einmal wiederkommen, denn die gesamte, umfangreiche Ausstellung des Museums konnte ich aus zeitlichen Gründen nicht besichtigen.


Homepage Museo Archeologico Nazionale della Sibaritide

Homepage Parco Archeologico di Sibari

Homepage Museo Codex Rossano

2026-04-09

Es gibt ja nichts, …

… was es nicht gibt!

2026-04-08

Meine Güte! Was haben wir uns da eingefangen?

Vielleicht sind wir gestern gerade so am Beginn des 3. Weltkrieges vorbei geschrammt. Der Kanzler? Scheint nicht zu existieren. Sieht auch nicht seine Funktion darin, vielleicht seinen Wählern Angst zu nehmen, Zuspruch zu geben in einer solchen Zeit.

In den Medien findet Friedrich Merz erst fünf Spalten tiefer stattt. Und zwar damit:

Kann die deutsche Regierung noch abstruser werden?

Ach und übrigens, das Landgericht Flensburg hat geurteilt und dieser Peinlichkeit von Kanzler (angeblich ja Jurist) die nächste juristische Schlappe serviert: Letzte Generation keine kriminelle Vereinigung Die Aktionen sind keine Gefahr für die öffentliche Sicherheit.

Und noch eimal, diese – meiner persönlichen Meinung nach – Flitzpiepe soll Jura studiert haben. Man will es kaum glauben.

2026-03-31

Kartoffel an Preußisch-Blau – nur im HERITAGE!

Die Aussichten könnten viel schlechter sein. Wer das HERITAGE betritt und einen Fensterplatz als Refugium für die nächsten Stunden sein eigen nennen kann, guckt auf den Gendarmenmarkt, insbesondere auf das Konzerthaus, rechts davon auf den Deutschen Dom.

Tiefes, dunkles Blau ist die Hauptkomponente im Einrichtungsstil des Restaurants – dunkler kann ein Blau kaum noch vorkommen. Wenige wissen, dass man das Preußisch Blau aus dem Tuschkasten in Malersprache auch Berliner Blau nennt, da passt das schon. Innenarchitektin Oana Rosen hat den Räumen mit der Farbe preußische Kühle mit moderner Gemütlichkeit verliehen, die Kunst an den Wänden stammt vom Fine Art Photokünstler András Dobi aus Ungarn.
Das Restaurant HERITAGE gehört zum Hotel Luc. Das Boutiquehotel zählt zur Autograph Collection der MHP-Gruppe und hatte 2022 in Berlin seine Türen geöffnet. 75 Zimmer und 17 Suiten mit Fitness- und Sauna-Bereich, zwei große Möglichkeiten für Konferenzen – und allerbeste Lage am U-Bahnhof Stadtmitte.

Die schönen Räume zu (beinahe) ebener Erde teilen sich auf in den Restaurant- und Barbereich, eine private Lounge kann auch reserviert werden. Im Sommer lockt die Terrasse in der Charlottenstraße.
Übrigens: Luc, so nannte der Philosoph Voltaire seinen guten Freund Fritz, wir reden von Friedrich II, den Großen, beim Kosenamen. In der Sprache Voltaires wird „Luc” gerne im Wortspiel als höflichere Variante für das recht derbe „Cul” (Arsch) verwendet. Beide Männer verband über 42 Jahre eine intensive Freundschaft mit hohem Briefaufkommen – und offensichtlich gerne auch deftigem Sarkasmus in ihrer Kommunikation.
Es ist sehr gemütlich hier – und es gibt keinen Grund, auch für Berliner, dieses Restaurant nicht für sich zu entdecken. Geöffnet ist das HERITAGE ab 06.30 Uhr und serviert dann (nicht nur) Hotelgästen das Frühstücksbüfett. Mit einer kurzen Pause zwischen 11:00 und 12:00 Uhr werden die Wünsche zum Mittag und Abend der Gäste erfüllt.
Wir dürfen uns auf Einladung dem „The Taste of HERITAGE“-Menü widmen. Vier Gänge mit einem Glas Champagner zur Begrüßung und Weinbegleitung zu jedem Gang, werden auf dem wunderschönem Porzellan der Königlichen Porzellan-Manufaktur serviert.
Dem Gelage am Gendarmenmarkt ist geschuldet, dass sich das HERITAGE gemeinsam mit dem Hotel im Fan-Duktus jenem König, dann Kurfürsten Friedrich II., verschrieben hat. Oder wie wir hier im provinziellen Hauptstädtchen gerne sagen: Dem alten Fritze. Im HERITAGE begegnet er an der Bar als Gin Fritz.

Dieser Mann, im Gegensatz zum aktuellen Fritz, hatte noch ein Gespür und Interesse am Wohlergehen seines Volkes und erließ den berühmten Kartoffelerlass, um das (zunächst diesbezüglich eher undankbare) Volk so vor einer weiteren Hungersnot nach mehreren Getreidemissernten zu schützen. Das Volk hielt die Teufelsknolle für giftig, Fritz ließ sie trotzdem im Land erzwungen anbauen – der Rest ist deutsche Geschichte.

Diese Kartoffel ist nun der heilige Gral im Hotel Luc und HERITAGE. Irgendwie sympathisch. Wir finden sie in der Dekoration – und auf der Karte!
So zeichnet sich dann auch im Menü der erste Gang durch Pommes Allumettes besonders aus, denn in deren Nest ruht ein delikates Bœuf Tartare und ein apartes Eigelb on top. Das Bœuf Tartare ist ganz wunderbar abgeschmeckt und duftet elegant nach Kapern, das Eigelb tut nachdrücklich, was es tun soll, und umhüllt das Tartare elegant-reichhaltig mit seiner Creme. Die Pommes Allumettes sind knusprig und kalt. Ich bin ehrlich, ich präferierte sie in warmer Variante. Frittierte kalte Kartoffeln bringen immer eine gewisse Bitterkeit mit, die ich hier im Kontext nicht wertschätzen vermochte. Nun, es isst wie es ist.
Es folgt eine Kürbissuppe. Sie beherrschte die hohe Kunst, uns zu verwöhnen. Heiß, duftend – köstlich. Sie wird cremig und würzig, mit Kokoscreme und Tahin angemacht, der Sesamduft steht ihr außerordentlich gut – wie auch der frische Crunch der Granatapfelkerne. Ein weiterer Levantegruß versteckt sich im Süppchen: geerdete Kichererbsen. Jeder am Tisch ist ein bisschen in diese Suppe verliebt. Ist so!
Derweil sind wir vom Champagner umgestiegen auf einen der offenen Weine, als da wären ein Chardonnay – Domaine Laballe Sud Quest von 2023. Und ich wünsche mir den Eins – Zwei – DRY Pinot Noir Rosé von Leitz im Rheingau ins Glas. Ein sehr zarter Schmelz und feine Frucht – ihn stelle ich mir sehr gut zum Spargel vorl!
Zum Hauptgang wechseln einige, auch ich, in unserer Runde auf den Sauvignon Blanc vom legendären Emil Bauer aus der Pfalz. Wie schon 2023 in der Flasche, auch 2026 im Glas mit seinen klaren, demokratischen Grüßen. Klassiker.
Meine Nachbarin bleibt in der Welt des Rosé und wählt eine Pinot Noir Cuvée (Weinberge in Wachenheim und Ruppertsberg) von Dr. Bürkling-Wolf (Pfalz, 2023)– und ja, diesen Wein werde ich mir definitv merken. Spannender Charakter, ein besonderer Rosé. Und ein Etikett, bei dem Rosmunde Pilcher schwach werden würde.

Ach, geht einfach mal Wein trinken im HERITAGE. Ist doch bald Frühling und die schöne Zeit auf der Terrasse nicht mehr weit. Hier lebt sich charmantes Brasserie-Feeling in Berlins schönster Jahreszeit an einer der beeindruckendsten Adressen dieser Stadt. J'en serais ravi. Zumal euch Der Alte Fritz hier ins Ohr flüstert: „Kein Mensch taugt ohne Freude.”
Nun, da, wo der Preußenkönig sein fröhliches Unwesen treibt, sind natürlich die Hugenotten in Berlin nicht weit. Es ist also kein Wunder, dass Küchendirektor Florian Glauert mit seinem Team sich der deutsch-französischen Cuisine verschrieben hat. Der gebürtige Berliner Glauert hat jahrelange Erfahrung in der Sterne-Gastronomie im In- und Ausland gesammelt.
So gelingt der nächste Gang sehr französisch – und spätwinterlich saisonal. Die Jus zum Short Rib duftet schon in Richtung unseres Tisches, da können wir unseren delikaten Hauptgang noch gar nicht erblicken.
Wat ’ne Soße! Das Short Rib ist butterweich und fällt von selbst vom beeindruckenden Knochen, der auf dem Teller durchaus eine visuelle Ansage macht. Dazu gibt es ein cremiges Kartoffelgratin. Wir erfreuen uns ob dieser Opulenz – ich mich insbesondere über diese glänzende Jus, die nach Port und rotem Gewächs duftet und einfach ein Geschenk ist!
Auch der Nachtisch hat (mittlerweile eingedeutschten) französischen Charme. Fondant au chocolat mit etwas Vanilleeis und eingelegter Kumquats auf einem Maracuja-Spiegel. Letzterer ergänzt auch meinem Teller. Meine Nachbarin, die Probleme beim Genuss von Nüssen hat, vertraut lieber alternativ auf die Collection von Sorbet, dem ich mich anschließe.
Das uns servierte, bildschöne Gemälde besteht aus einem sehr cremigen Bananen-, Erdbeer- und Veilchensorbet. Ach, Veilchen! Da lassen die, leider stillgelegten, Galeries Lafayette von um die Ecke grüßen.
Wir genießen einen aromatischen Espresso und beschließen den Abend beglückt, köstlich bekocht und vor allem so sehr charmant bedient von Sheila Scheidemann, der Food and Beverage Managerin im HERITAGE. Das Menü kostet derzeit € 99,—, mit Weinbegleitung zusätzlich für vier Gläser € 49,—, alkoholfreie Begleitung mit zusätzlichen € 39,— berechnet.

Selbstverständlich lädt das HERITAGE ein, auch à la carte zu dinieren, um jeden Gang des Menüs auch einzeln genießen zu können. Die Karte liest sich bonfortionös und lässt – naturallement – auch Vegetarier bzw. Veganer nicht verhungern! Wie klingt beispielsweise als Vorspeise Vatare HERITAGE – Jackfruit, Rote Beete Pilze, Rauchmaj – vegan oder Pilze à la Crème mit knusprigen La Ratte-Kartoffeln, Belper Knolle und schwarzem Trüffel?

Eben!

Restaurant HERITAGE
Charlottenstraße 51, 10117 Berlin
Homepage
Reservierung erbeten

2026-03-29

Ich und mein Monk

Ich passe tatsächlich weitreichend in das künstlich geschaffene Weltbild eines Monks. Hängst du deine Bilder in nicht Millimeter gleich abgemessenen Abständen und Höhen auf und gibst ihnen zudem noch einen Schwung zur Schräghängung – und ich bin deine Freundin.

Nicht.

Das hat viel mit dem Thema Hochsensibilität zu tun. Monken schafft Ordnung, suggeriert Klarheit, lenkt die Antennen nicht ab, während sie Signale empfangen. Vermeintlich. Das ist so, damit lebe ich. Deutlich leichter, seit ich um die Zusammenhänge weiß. Mein Monk ist immer bei mir und tut mir nur geht so gut. Aber mittlerweile kann ich ihn hier und dann streicheln und ab und zu belustigt belächeln. Das ist natürlich auch das große Geschenk, das einem das Leben macht, wenn man dann das Glück hat, zur älteren Frau zu werden. Schrullige ältere Frau zu sein, es kümmert mich nicht mehr, was die anderen denken.

Dieses Monken hat beispielsweise dazu geführt, dass ich, seit ich selbständig wohne, nie farbige Wände in meinen Wohnungen hatte. Klassisch weiß, Raufaser – was anderen langweilig vorkommen mag, ist mein heiligster Schutz. Wenig Buntness hilft meiner inneren Ordnung. Da mutet es regelrecht wahnwitzig an, dass ich seit letztem Jahr überlege, eine Wand in meinem Wohnzimmer in einem zarten Türkiston tünchen zu wollen.

Tünchen. So ein schönes Wort! Wird auch viel zu selten verwendet: Ich tünche, du tünchst, wir tünchen. Lasst uns mehr tünchen! Naja, also nicht in meiner Wohnung, da nur die eine Wand, vielleicht. Es ist schon ein irrsinniger innerer Rock’n’Roll für mich, dass ich überhaupt darüber nachdenke.

Lange Einleitung. Kommen wir zurück zu meiner Monkigness oder heißt es Monkigkeit? Egal, bin ja eh für unglaubwürdige Wortschöpfungen bekannt. Mein Monk begleitet mich eher nach innen gerichtet. Dafür begleitet er mich ständig. Beispiele gefällig?

Wenn ihr Filme oder Fernsehen oder irgendwas mit Bildmaterial guckt, wo eine professionelle Maske ihre talentierten Finger im Spiel hatte, dann seht ihr Gesichter. Ich aber sehe weiße Striche auf der Oberlippe. Weil, der gehört da so hin! Das ist eine unumstößliche Maskenbildnerregel: Die Oberlippe gehört weiß gestrichen.

Keine Ahnung warum, vermutlich sieht dann die Lippe voller aus oder das böse harte Filmlicht zeichnet so weniger harten Schatten unter den Nasenbereich. Oder weil wir Zuschauer zu doof sind, das Ende der Lippen und den Anfang vom Philtrum zu erkennen. Dieser immer präsente Strich wird sicherlich einen solventen Grund haben, sonst würde er nicht ständig gezeichnet werden.

Nur: Ich sehe ihn. Und zwar ausschließlich. Er ist für mich das Element in einem Filmgesicht. Du kannst mich nach einem Film fragen, ob die Schauspielerin grüne oder gelbe Kontaktlinsen trug. Das weiß ich nicht, denn mein Monk und ich haben ausschließlich den weißen Strich auf der Oberlippe gesehen. Manchmal ist er so omnipräsent und überhaupt nicht verblendet, da möchte ich die jeweilige Täterperson in der Maske fragen, was sie sich eigentlich dabei gedacht hat.

Manchmal ist er ganz zart, kaum wahrnehmbar – dann entspannen Monk und ich uns sogar und können mit unseren Augen weiter hochwandern zum immer präsenten weißen Lidstrich im Auge, denn die müssen ja auch zwingend größer gezeichnet werden. Übrigens auch dann, wenn das Sujet der Schauspielkunst von Natur aus sehr große Augen bereits hat. Egal, Hauptsache Kuhauge gemalt.

Also … ich finde diesen weißen Lippenstrich völlig überflüssig und er nervt mich … seit immer. Er lenkt mich von allem ab. Von der Figur, dem Gesicht, dem Können des/der Schauspieler*in. Naja, nichtsnutziges Gegendere. Männer bekommen nämlich seltener weiße Lippenstriche gemalt. Außer Dragqueens, da wird auch der weiße Lippenstrich auf der Oberlippe gerne maximal überzeichnet. Nur, dort tut er meinem Monk inside weniger weh, weil bekanntermaßen Make-ups von Dragqueens nicht gerade eine Kunstform der Zurückhaltung sind.

So. Soviel zu meinem einen inneren Monk, der mich hart und zuverlässig seit Jahrzehnten begleitet. Ich habe mir diesen hässlichen Oberlippenstrich übrigens nie gezogen, als ich mich noch täglich sehr gerne geschminkt hatte, mit allem, was die Make-up-Industrie mir verkaufen wollte. Und ich freue mich sehr, dass ihr nun künftig auch nicht mehr in ein Filmgesicht gucken könnt, ohne diesen verderbten Strich wahrzunehmen. Herzlich willkommen in creezys Monkhausen!

Mein zweiter innerer Monk tanzt regelmäßig Pogo in … Kochsendungen. In Kochsendungen wird nämlich sehr gerne ein Plural eines Fachbegriffes einer uns fremden Sprache, der sich aber in den deutschen Sprachgebrauch eingemummelt hat, doppelt gebildet, der irrationale Plural verwendet: GnocchiS.

Da zieht mein innerer Monk regelmäßig zum Sprung an. Jetzt gibt es eine relativ klare Regel in der – mittlerweile ziemlich aufgeweichten – deutschen Sprachregelung, vor allem zu Latinismen und Italienismen, die es in unseren alltäglichen Sprachduktus geschafft haben. Und das betrifft in der italienischen Sprache vorrangig wohl das Vokabular der Küche und Musik.

Wir benutzen im Singular eben jenen, also „den Gnoccho“. Seltener „der Spaghetto“ (der kommt selten alleine), eher noch der Raviolo. Und verändern dessen Plural (o auf i) einfach nicht mit einem angelsächsischen „s” dazu. No way! Es bleibt auch in unserer Sprache der italienische Plural unverändert. Es sind Gnocchi. Spaghetti. Ravioli. Punkt.

Und das ist offensichtlich schwer zu verstehen – ich rege mich da weniger über Kochshowkandidaten auf – aber sehr bei den Profis vor den Kameras, die dann immer wieder von GnocchiS (also übersetzt Klößchenchen) oder RavioliS (Teigtaschenschen) sprechen. Immer und immer wieder. Das sind doppelte Pluräler – und glaubt es mir: „Doppelte Pluräler” das ist schon von Haus aus die allerhässlichste Wortkombination, die die deutsche Grammatik ihr eigen nennt!

Und jedes Mal, wenn Björn Freitag, dessen Wortschatz eh schon nur zu 78 % aus „Mega” und „Krass” besteht, obendrein acht Mal in einer Sendung seit über zwanzig Jahren „Gnocchis” falsch sagt, ja, dann fühlen Monk und ich eine heftige Unwucht. Jedes verdammte Mal! Man, der Typ macht Food-Reisesendungen nach Italien – und bekommt es nicht hin im TV den korrekten Plural vom Gnoccho in seiner eigenen Heimatsprache zu bilden?!

Diese harte Unwucht fühlen Monk und ich ürigens auch, wenn Jurorin Sarah Henke immer wieder BruSCHetta sagt (ach so, wir sind bei der Küchenschlacht im ZDF – also im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, dem mit dem angeblichen Bildungsauftrag), anstatt Bruschetta mit hartem K, dann werde ich wirklich sauer. Bekommen die in ihren TV-Jobs wirklich keinerlei Spracherziehung? Oder überhaupt in ihren Jobs? Übrigens: Juror Thomas Martin bekommt die Pluralbildung eines italienischen Substantivs korrekt hin. Und das Bruschetta.

Wirklich, wenn mein 90-jähriger Nachbar das falsch ausspricht, geschenkt! Aber Moderatoren, Juroren, die in ihrem eigenen Kosmos und in ihrer eigenen Fachsprache – im öffentlichen Fernsehen – kommunizieren? Monk und ich können da einfach nicht amused sein.

Langes Blogpost, kurz gefasst: Ihr guckt halt TV, ich leide ständig, weil ich omnipräsent Dinge sehe oder Wörter höre, die meinem Monk die tägliche Dosis Extasy ist.

Hier übrigens sind ganz zauberhafte Pluräler der deutschen Sprache aufgeführt!

2026-03-28

Deutscher Journalismus

Geschichte über eine ältere Frau (über 80) und wie sie etwas unkonventionell lebt.

Bildredaktion dazu: Stockfoto, ältere Frau sitzt auf einem Stuhl und strickt, natürlich grauhaarig mit Brille.

Header dazu: Oma lebt so und so …

Im Artikel: Nicht ein einziger Hinweis darauf, dass diese Frau Kinder noch Enkel hat, also Großmutter ist.

Mich ödet diese zunehmende Drittklassigkeit der Schreiberzunft nur noch an. Das ist noch schlimmer, als schon alle Witze bereits dreimal gehört zu haben.

2026-03-27

These

Lars Klingbeil wurde einst als Neoliberaler von der FDP in die SPD eingeschleust, um diese hart zu unterwandern.

Jetzt, da die FDP im Sterben liegt, hat sie natürlich kein Interesse mehr daran ihren blassen Sondermüll wieder einzusammeln. Und da, wo es nach Verwesung riecht, wird halt auch Parteienübergreifend gestorben.