Orchestral Manoeuvres in the Dark still alive 'n kicking – und keiner hat's mir gesagt!
tl;dr Orchestral Manoeuvres in the Dark war die Band, wegen der ich als sehr junger Mensch mein allererstes Überweisungsformular ausfüllte. Sie leben noch bzw. spielen wieder zusammen – haben nur 2007 vergessen mich anzurufen, um mir das mal mitzuteilen.
Heiligt das Internet! Da ich mich schon seit Dekaden nicht mehr von pervers gut gelaunten Radiosendern anschreien lasse, TV sehr selektiv gucke und Spotify aus sozial-finanzpolitischen Gründen den unbekannteren Künstlern gegenüber ablehne – habe ich prompt 20 Jahre lang nichts mitbekommen von dem Get-together von Orchestral Manoeuvres in the Dark.
Sie waren wohl 2005 für eine Chart-Show und sicher okayes Geld vom deutschen Privat-TV angefragt worden und haben danach ein Kooperationsbierchen auf ihre Zukunft getrunken. Ha, sind wir Deutschen also doch noch zu was gut!
Ich recherchiere neulich im Web zum ehemaligen Telegraphenamt in Berlin-Mitte, spült mir Google Telegraph von Orchestral Manoeuvres in the Dark in die Suche und nur zweikommafünf fremdgeleitete Klicks später stehe ich vor der Tatsache, dass Orchestral Manoeuvres in the Dark wieder existieren in alter Formierung. Das seit offensichtlich bereits zwei Jahrzehnten, und sie haben sogar wieder mehrere Alben (und MUSIKKASSETTEN) veröffentlicht, und touren konsequent durch die Welt – wenn nicht gerade Pandemien den Spaß tilten. Quelle surprise délicieuse!
Ein gesunder pubertierender Geist separiert sich erst einmal vom Musikgeschmack seiner Eltern, das war bei meinen Eltern die Musik der 60er. Der ältere Bruder hatte mich zu viel mit den üblichen Größen des Rock und Glitterrock der 70er dominiert. Da war elektronische Musik für mich ausreichend anders als deren gehörter Mainstream, dass ich ohne sie nicht erwachsen werden wollte. Als Fan elektronischer Musik konnte man in den 80ern noch so herrlich gar nicht verstanden werden. Absolut hilfreich im juvenilen Abgrenzungsmodus.
Kraftwerk veröffentlichten Autobahn 1974. Da war ich gerade acht Jahre alt und war sofort völlig fasziniert von dieser Musik, die im Radio des Benz meines Onkels lief. Der, in dem mir immer schlecht wurde. Die prägnanten Töne hatten mich sofort, nur die Roboterstimmen nicht. Die haben mich als Kind zu Tode gegruselt, will sagen, die Erfahrung, in meine Musik erst hineinzuwachsen, die habe ich ziemlich früh gemacht. (Ich möchte heute übrigens immer noch keinen Cher-Effekt in der Musik haben. Kannste singen, kannste singen. Kannste nicht singen, brauchste so ein Gedöns, um dich erträglich hörbar zu machen, verschone mich.)
Also zunächst kein Kraftwerk, dafür den ganzen Kram mitgehört, den mein Bruder präferierte – das waren vorrangig die Bands aus meist Großbritannien mit schönen Langhaarfönfrisuren, vor deren Namen immer THE stand. Dass mein Bruder seine ersten feuchten Träume auf die Hauptprotagonistin der THE Suzie Quatro Band hatte, können wir als gesichert voraussetzen. Ich driftete indes erst noch einmal kindlich komplett auf Abba ab, wie alle innerhalb Europas (außer GB) und habe mir dort vermutlich meine bis heute nachwirkende Überdosis an schmalzigen Liebesliedern abgeholt.
Aber nur solange bis ich dann alt genug war bzw. mich an Stimmen gewöhnt hatte, die ausreichend verfremdet waren, um so zu tun, als wären sie in der Lage, so zu klingen, wie wir uns vorstellen, dass künstliche Intelligenz zu sprechen habe. Kraftwerk waren mittlerweile deutlich häufiger im Radio zu hören, so konnte ich mich auch an die Computerstimmen gewöhnen. Es wurde in den Charts immer elektronischer. In unserem Schwarzweißfernseher trat Gary Numan auf. Liebe. 1981 schwuppte Orchestral Manoeuvres in the Darks Enola Gay in unsere deutschen Charts. Auch Liebe. Sie erschienen mit prägnanter Coolness und den sehr schmalen Krawatten ihrer Zeit im "Musikladen" und bei „Disco." Noch mehr Liebe.
Bei uns erschien zuerst das grandiose zweite Album Organisation. Und als deren erstes Album Orchestral Manoeuvres in the Dark etwas später auch endlich in unseren Plattenläden eintrudelte, war ich hin- und weg! Mittlerweile komplett im politischen Aufbruch einer pubertierenden 15-jährigen West-Berlinerin angekommen – wie großartig passte denn da Bunker Soldiers auf meinen Plattenteller? Und seien wir ehrlich: Mit Electricity haben sie doch den sehr frühen Wegweiser in Richtung Techno gelegt! Finde ich, lasse ich mir auch nicht ausreden. Und wie sehr passend den Kalten Krieg meiner Jugend dominierend: Es gab so gut wie keine schmalzigen Liebeslieder!
Das alles war große britische Königsklasse, genauso wie das britische Auto, das meine Mum damals fuhr. Immerhin, auch wegen Bands wie Kraftwerk und Orchestral Manoeuvres in the Dark hatte ich auf dem Gymnasium EDV als Wahlpflichtfach belegt.
Auch extrem motivierend an Orchestral Manoeuvres in the Dark: Endlich hatte eine Band aus dem United Kingdom nicht das obligatorische „THE” als enervierendes Zeitzeugnis vor dem Namen stehen. Zwar im Namen später verbaut, war immer noch ein kleines sprachliches Foul für uns Deutsche. Dennoch akzeptabel, hatten sie das Kürzel OMD sprachvereinfacht gleich mitgeliefert. Kein „THE” vorm Namen, war für mich ein Signal für … alles! Mindestens intellektuelle Größe. Dank Orchestral Manoeuvres in the Dark war plötzlich alles modern und anders. Ich ahnte eine grandiose musikalische Zukunft – und ich war mittendrin!
Dann der Name selber, großes Kino! Lang und ungefähr genauso bedeutungsschwanger wie bedeutungslos, das ging einfach nicht besser! Keine selbstreferentielle Eigennamenreklame mehr, wie seinerzeit üblich. Wo andere Fragezeichen im Gesicht hatten, sah ich mit Orchestral Manoeuvres in the Dark krasse Anzeichen von Genialität bei der Band – alleine schon nur wegen dieses absurden Namens. Und habe voll elitärem Genuss nie die Abkürzung benutzt, wie so ein echter Fan eben.
(Selbstverständlich schreibe ich in diesem Blogpost den Bandnamen ausschließlich aus. Handgeschrieben quasi, weil ich's kann. Soviel ehrerbietender Spaß muss sein. Kann mir aber gut vorstellen, dass die Band später total froh war, als "Type it for me" für Apples OS gelaunched wurde.)
Ein echter Fan tritt in den Fanclub ein, glaubte ich. Support your unlocal musician. Und weil ich noch relativ jung war, kein eigenes Bankkonto hatte, die Dinge überhaupt sehr analog noch funktionierten, mein Einkommen Taschengeld hieß und ich vermutete, meiner Mutter würde nicht gefallen, wohin ich ihr hart verdientes Geld tragen würde (eigentlich dumm, denn meine supercoole Mum hatte meine musikalischen Ambitionen immer unterstützt), habe ich meinen Mitgliedsbeitrag als Devisen für ein Jahr ins Ausland via Bareinzahlung überwiesen, was damals so unglaublich fucking irrsinnig teuer war. Natürlich auch sehr aufregend, denn wir können festhalten: Wegen Orchestral Manoeuvres in the Dark habe ich mein allererstes Überweisungsformular ever ausgefüllt – und dann gleich eine internationale Überweisung! Und so ein teures dazu. Ich meine mich zu erinnern, die Bearbeitungsgebühr war ähnlich teuer wie der Mitgliedsbeitrag. Oberhammerultrasuperteuer! Die drei oder vier Hochglanzmagazine, die ich im Gegenzug erhielt, waren ganz schick. Ich habe dann aber trotzdem nicht verlängert. Dieses Konzept Fanclub war irgendwie … gar nicht mal so befriedigend für mich.
Am 3. Februar 1982 traten Orchestral Manoeuvres in the Dark im Berliner Metropol-Theater auf. Bin ich hingegangen. War ich immer noch erst 16. Alleine, tatsächlich habe ich selten meinen Musikgeschmack mit meinen Freund*innen wirklich teilen dürfen. Meine Mutter ließ mich auch alleine gehen und holte mich später ab, wie schon gesagt: cool! Ich kann mich noch erinnern, dass ich das Konzert toll fand – und irgendwie untoll kurz. Ich glaube nicht, dass die überhaupt auf 90 Minuten gekommen sind mit Zugabe. Fanden die Berliner Gazetten am Tag darauf übrigens auch und schrieben das Konzert dezent nieder ob seiner Kürze. Orchestral Manoeuvres in the Dark konterten in einem Interview später mit „Sie hätten nirgendwo so dreckigere Umkleiden erlebt wie im Berliner Metropol.“ Jut, war’n wa quitt jewesen: die kurz, wir dreckig.
Wie auch immer, ich bin heute noch schwer beeindruckt vom ersten Album Orchestral Manoeuvres in the Dark. Ich halte das nach wie vor für ein grandioses Stück E-Punk und finde heute im Übrigen, dass es richtig gut gealtert ist. Es klingt immer noch überhaupt nicht beliebig, immer noch erstaunlich progressiv … frisch. Und teilweise so schön aggro! Natürlich waren Organisation und Architecture & Morality auch feine Alben und für den Mainstream tanzbarer (tanzen war wichtig – da konnte man sich bei OMD immer drauf verlassen), aber Orchestral Manoeuvres in the Dark war kompromissloser. Ich bin heute noch fasziniert, wie man mit erst 21 oder 22 so ein Masterpiece von Musik wie The Beginning and the End komponieren und texten und übrigens auch so singen kann. Das Lied ist heute immer noch komplett underratet! Alleine der Mut, einen Song (in der damaligen Zeit!) zu servieren, der nicht mit Verse, Chorus, Verse, Chorus, Bridge, Chorus langweilt. Von seinem musikalischen Aufbau ganz abgesehen.
Dann kam Dazzle Ships 1983. Ich glaube, in heutigen Zeiten würden Künstler für einen solchen Move von Fans ernstgemeinte Todesdrohungen im Web erhalten. Vermutlich.
Ich hab’s geliebt! Fing schon mit der Artwork des Covers an, meine Farben. Für mich war Dazzle Ships sehr viel weniger das Problem als das, was danach an Alben kam.
Mir ist Dazzle Ships auch nicht gleich in den Schoß gefallen, wohl den wenigsten Fans damals. Ich musste mir die Großartigkeit dieses Albums erhören – aber genau das war auch so grandios daran. Sensationell anders, allem anderen weit voraus! Selbst für übliche Kraftwerk-Verhältnisse experimentell weit vorne! Und ich wusste einfach nach dem zweiten Hören, dass ich hier etwas sehr Besonderes auf dem Plattenteller hatte – und ich es überhaupt noch nicht verstehen konnte.
Aber können dir Künstler ein größeres Geschenk machen, indem sie dir ein Album geben, an dem du selber musikalisch, somit auch intellektuell mitwachsen darfst? Ob als junger oder älterer Mensch und sofern du dich dazu entschließt, ihr Angebot anzunehmen? Für mich ist das heute noch die eigentliche Größe von Dazzle Ships, dass es uns Fans in unsere individuelle Entfaltung entsendete. Ohne dieses Album wäre ich später nie in die Post-Industrial-Welt mit EBM und Power Electronics abgetaucht. Sehr sicher nicht. Es war das richtige Album zur richtigen Zeit für mich, das hat mir eine enorme, neue Weite in meiner musikalischen Entwicklung zum damaligen Zeitpunkt ermöglicht. Beste Platte, immer noch. Ich habe mir das auch gerade noch einmal angehört im Zuge der Wiederentdeckung. Es ist immer noch großartig. Danke für Dazzle Ships!
Nur … nachdem mich Orchestral Manoeuvres in the Dark mit dem Album erst einmal auf den Weg geschickt hatten, wurden mir persönlich die folgenden Platten zu sehr für „Wir wollen jetzt auch in Amerika was werden“-mainstreamig. Also nach Dazzle Ships mit Junk Culture klarzukommen, das war echt nicht meine Kernkompetenz. Bei dem Album konnte ich nur noch mit Junk Culture und White Trash etwas anfangen. The Pacific Age, Crush … naja.
Und dann haben sich die Herren auch erst einmal getrennt, und bei sowas bin ich ungefähr so flexibel wie ein Brennelement im AKW Sellafield. Trennungen von mir liebgewonnenen Bands kann ich ungefähr so gut leiden wie Trennungen in meinem Privatleben oder Zahnarztbesuche. Da hat der clean gestylte Mr. McCluskey in den folgenden Jahren bei MTV in den Hochglanzvideos seiner Popausspielungen (mir) auch nicht weitergeholfen.
Nun, also jetzt neu auf dem Radar zu haben, dass Mr. Paul Humphreys und Mr. Andy McCluskey sowie Mr. Martin Cooper und Mr. Malcolm Homes, aus gesundheitlichen Gründen ersetzt von Mr. Stuart Kershaw, vor nun fast 20 Jahren erneut zusammengefunden haben und touren – das ist schon extrem charmant. Wenn man bedenkt, dass die in zwei Jahren ihre goldene Bandhochzeit feiern, eine Timeline, die von Bands selten beschritten wird.
Vor allem darf ich noch einmal neue Alben von Orchestral Manoeuvres in the Dark entdecken! Das ist gerade wie eine alte Serie spät für sich zu erleben, dafür mit dem Wissen, da liegen noch vier Staffeln auf „on hold“. Bisher habe ich mir nur das letzte Album Bauhaus Staircase (2023) intensiver angehört und das finde ich sensationell gut. Da ist nichts mehr süß-schmalzig, noch dieser Mainstream existent, dessen, was OMD in den 2000ern verströmte. Auch die Artwork der Clips, was für eine ästhetische Freude! Wie großartig aufbauend ist doch Anthropocene? (Btw. sehr cooler Katername, könnte man prima auf Anthri abkürzen – also wenn man doch noch an etwas Zukunft glaubt.) Oder wie angemessen wütend Kleptocracy? Bauhaus Staircase – auf den Treppen vom Bauhaus knutschen wollen, welche/r Deutsch*e könnte es nicht nachvollziehen? (In diesen schon wieder prä-faschistischen Zeiten im geschichtlichen Bauhaus-Kontext.) Exzellentes, so tanzbares Album. Wenn so etwas aus einer Covid-Pandemie entwachsen will, nur zu – ich habe da gerade richtig Spaß!
Und wenn ich jetzt schon finde, dass die Alben OMD und Dazzle Ships kaum gealtert sind, kann man das Kompliment doch gleich an die Herren weiterreichen. Die Mitglieder dieser Boyband sind jetzt wohl auch schon so um die Mitte 60, wenn mir meine Dyskalkulie da nicht hineingrätscht. Brille, um was auf dem Screen vom Mac lesen zu können – wer kennt's nicht von uns? Guckt man die aktuelleren Gig-Mitschnitte auf YouTube an, dann sind sie geradezu entzückend bis herausragend gut gealtert! (Diesen zärtlichen Moment lasse ich jetzt auch hier so stehen.) Vielleicht haben sie immer die richtigen Drogen genommen oder rechtzeitig damit aufgehört.
Dass McCluskey immer noch den energiereichen Tanzbären in Konzertlänge gibt, da zolle ich jeden Respekt. Als Mensch, der schon immer gerne tanzende Menschen beobachtet hat, derzeit alle drei Tage ungefragt das personifizierte Grauen eines tanzenden Trump-Memes auf den Screen gespült zu bekommen, ist überhaupt nicht leicht für mich. Glaubt mir, da den eigenen Algorithmus mit einem tanzenden McCluskey zu frisieren, möchte ich geradezu als therapeutisch positiv bewerten. Den tanzen zu sehen, war nicht nur für mich immer eine besondere Freude. Selten tanzen Musiker so perfekt punktiert wie der Manön. Und man kann wirklich nicht vielen Musikern nachsagen, auf der Bühne ein ganz eigenes Genre mit ihren Bewegungen erfunden zu haben. Oft kopiert, nie erreicht. Hätte ich Tanzpädagogik studiert, McCluskeys Danceart wäre das Thema meiner Masterarbeit gewesen.
Auf jeden Fall halte ich das Konzept, in etwas fortgeschrittenem Alter immer noch auf Bühnen herumzuspringen, dabei Spaß zu haben und offensichtlich die Fans zu beglücken, für prima. Auf jeden Fall für viel besser, als auf dem heimischen Sofa abzuhängen und auf das Verklumpen des eigenen Blutes zu warten. Gut, doof, so ließen ihre politischen Texte immer schon anmuten, waren die ja noch nie. (Das Einzige, was mich leicht verstört, ist, wenn sie schon singen: „I’m gonna kick down fascist art“ – da ließe sich einfach bei ihrem Account bei X anfangen. Warum hält man 2026 noch Accounts bei gesicherten Faschos?)
So. Ich habe jetzt ungefähr trillionen Mal mit viel Freude Orchestral Manoeuvres in the Dark ausgeschrieben (ich kann's jetzt), hatte bei dem Spaziergang zurück in meine Jugend Spaß und möchte in der mir eigenen eleganten Art ganz nebenbei darauf hinweisen:
Orchestral Manoeuvres in the Dark touren im August 2026 durch Deutschland und Osteuropa. In Berlin spielen sie z. B. am 18. August 2026 in der Zitadelle Spandau. Alle anderen Termine auf deren Homepage. Tickets, falls überhaupt noch verfügbar, für geradezu günstige 70 Euronen.
Geht hin, supportet diese großartige Herrenkombo mit ihren elektronischen Spielzeugen. Sie machen immer noch ganz feine Musik – arme britische Künstler haben doch nach dem Brexit auch nix mehr auf der Tasche.