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2026-01-20

Die Verkündungsbasilika in Nazareth

Wieder eine knappe Stunde Fahrt von Haifa und wir sind in Nazareth. Beziehungsweise: Wir stehen in Nazareth. Der Verkehr dieser Stadt mit ungefähr 90 000 Einwohnern und sehr viel Pendelverkehr hier, es ist ein Erlebnis für sich. Dabei kommen wir noch vergleichsweise gut voran. Die Eröffnung der sich derzeit im Bau befindlichen Bahnlinie Haifa–Nazareth Light Rail wurde mittlerweile auf 2028 vertagt. Man erwartet dann bis zu 100 000 Fahrgäste täglich auf dieser Linie.

Dass gerade Nazareth – also das Nazareth – bis jetzt nicht im Bahnverkehr angebunden ist, sagt viel über diese Stadt, deren Akzeptanz in Israel. Die mich wirklich beeindruckt zurücklässt. Und fragend.
Nazareth! Wer im Religionsunterricht nicht nur geschlafen hatte, wird sich erinnern: Maria und Josef lebten einst in einem Ort namens Nazareth in einer Höhle. Unweit ihres Zuhauses ist in einer weiteren Grotte der Jungfrau Maria der Erzengel Gabriel erschienen und sprach zu ihr – ich kürze ab: „Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir. Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden. Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: Dem sollst du den Namen Jesus geben. Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. […]”

Ich glaube, wir sind uns einig, aber das muss genau der Moment gewesen sein, als das unsägliche Stereotyp „Sie ist eine starke Frau” geschaffen wurde. Denn dass nicht einmal der Erzengel Gabriel (männlicher Name deutet zumindest auf das Geschlecht des Engels hin – aber was weiß ich schon von Engeln) den Mut hatte, diese Verkündung im Beisein von Josef auszusprechen, hätte ihm, so wie wir das männliche Geschlecht kennen, vermutlich mindestens ein blaues Auge eingebracht. Und Maria mit dieser doch eher fragwürdigen Neuigkeit – die sie gesellschaftlich völlig diskreditiert haben musste – ihrem Verlobten nun beibringen musste, allein ließ.
Okay, ich bin nicht gläubig. Aber auch als Nichtgläubige – angesichts dieses Bohais, den wir in Europa rund um Pilgerwege machen (und den daran beteiligten Orten durchaus viele Einnahmen bis hin zu ordentlichem Reichtum verhelfen) – stand ich in Nazareth fassungslos vor der sichtlichen Armut dieser Stadt. Ich meine, immerhin hat hier der ganze Kult um Jesus Christus begonnen?!d Hier mit der Verkündigung des Herren und Jesus soll hier auch zumindest einen Teil seiner Kindheit verbracht haben, und was geblieben ist vom Ruhm, dem dieses religiöse Nazareth gebührt, ist Armut und sichtlicher Verfall?
Seit ich in Nazareth war, gucke ich völlig neu auf den Reichtum des Vatikans in Rom. Ich glaube, wenn es einen erkennbaren Fehler in diesem ganzen kommerzialisierten, christlichen System gibt, man findet man ihn in Nazareth. In anderen Worten, seit ich lebe, haben gerade zwei Päpste, Johannes Paul II. und Benedikt XVI., den Weg nach Nazareth gefunden. Kommt im Schnitt auf zwei Papstbesuche alle 30 Jahre, um Maria, der Mutter Gottes, die Ehre zu geben … Läuft nach wie vor nicht gut für Frauen, insbesondere in der katholischen Kirche.
Nazareth ist sichtbar eine orientalische Stadt, hier wird man von einem ganz anderen Flair begrüßt als im hochmodernen Tel Aviv. Es ist schwierig zu verstehen. Einerseits steht Nazareth, wie kaum ein anderer Ort im Nahen Osten für ein friedliches Zusammenleben von israelischen Arabern und Juden. Andererseits, leben diese vermeintlich vereinten Welt doch gegeneinander. Es gibt Rassismus, der, trifft es bei Angriffen aus dem Iran nur Mitglieder der arabischen Bevölkerung, von jüdische Israelis offen zelebriert wird. Verdammt, sie sollten es besser wissen können. Schutzräume für die arabische Bevölkerung Israels kann man hier vergeblich suchen.

Nazareth leidet. Hier wird vom Tourismus gelebt zu einem großen Teil und der bleibt seit den Reisebeschränkungen von Covid aus und konnte sich bisher nach den Luftangriffes vom Iran, dann dem Krieg im Gaza-Streifen in den letzten Jahren auch nicht mehr erholen. Nazareth ist so komplex – und für mich die Stadt, die mich auf dieser Reise viel neugieriger auf sich gemacht hatte, als die vielen anderen besuchten Städte. Im wahrsten Sinne des Wortes, jetzt bin ich begierig mehr von Nazareth zu sehen, zu erleben.
Dafür war unser Besuch zu kurz. Wir haben lediglich die Verkündigungsbasilika im Süden von Nazareth besucht.
Es reicht leider nicht einmal die Zeit, um sich etwas auf der Pilgerstraße in Richtung der griechisch-orthodoxen Verkündigungskirche St. Gabriels zu bewegen. Denn nach dem orthodoxem Glauben soll der der Erzengel Gabriel hier an einer Quelle Maria die Geburt des Herren verkündet haben, um sie dann bis in ihre heimatliche Grotte zu stalken. Diese Kirche ist vegleichweise alt, ie stammt aus dem Jahr 1750, wurde auf den Ruinen einer Kreuzfahrerkirche erbaut.


Die Basilika der Verkündung

Von einem stark befahrenen Kreisverkehr geht die Al-Bishara-Straße, die Straße der guten Nachricht, ab. An einer seiner Ausfahrten verfällt das ehemalige Luxushotel Hotel Royal.
Gesäumt von kleinen, sehr einfachen und kaum frequentierten Geschäften und Bars, führt die schmale Straße leicht bergauf.
Dann liegt rechter Hand der Eingang zum Vorplatz der Basilika. Vor ihrem Eingang stehen Verkaufsstände, die ausgesuchten Plastikmüll aus China feilbieten.
Mit uns waren, wenn es hochkommt, noch vielleicht zehn andere Besucher gleichzeitig an diesem Ort. Im Dezember, also dem Weihnachtsmonat. Davon abgesehen, dass der Tourismus in Israel natürlich noch stark krankt am Kriegsgeschehen, war es an diesem Ort fassungslos machend ruhig. Was uns also fotografisch durchaus zum Vorteil gelangte, war gleichzeitig erschreckend zu erleben.
Die Verkündigungsbasilika, so wie sie im Jahr 1969 eingeweiht wurde, ist die mittlerweile fünfte Version eines Gotteshauses an diesem Ort. Frühere Orte des besonderen Gedenkens fielen menschlicher Zerstörungswut oder Erdbeben zum Opfer. Der heutige Bau wurde im Jahr 1955 begonnen.
Die Basilica steht über den Ruinen der früheren Kirchen und ist in eine Ober- und eine Unterkirche eingeteilt. Sie ist dreischiffig und ihr Kirchenbereich ist von einer 35 Meter hohen Kuppel überbaut.
Auch mit ihrer imposanten Länge von 67,5 Metern macht sie das zu einer der größten Kirchen im Nahen Osten. In ihrer Bedeutung ist sie das ja sowieso. Also … sollte sie sein.
Auf dem Vorplatz rostet Maria vor sich hin.
Kann es eine visuell traurigere Spiegelung zu dieser Stadt in Bezug auf ihre religiöse Relevanz geben? Die Kirche selber ist – für mich schwer zu fassen. Architektonisch wirkt sie doch etwas unentschieden auf mich.
Es beginnt schon am Eingang – von allem etwas viel.
Dieser Zwiespalt wird zusätzlich verstärkt durch zahlreiche Mosaike und anderer Kunstformen an den Wänden,
die insgesamt als ein schönes und wertvolles Symbol dieser Weltreligion zu achten sind. Jedes Land durfte sich hier – im Zentrum des globalen Glaubens – mit einem Kunstwerk verewigen.

In ihrem Inneren faszinieren vor allem der Altar in der unteren Ebene, der dem Ort der Verkündung gleich gesetzt wird.
Zu seiner Rückseite liegen die erhaltenen Reste der Grotte frei. Auch ihre äußere Architektur ist mit Elementen der weltlichen christlichen Gemeinden bestückt. So wunderschön das von der Geste her ist, aber da sie stilistisch völlig uneins sind, tun sie im Gesamtbildnis der Basilika in Ergänzung zu der eh schon architektonischen Vielfalt bedingt nur gut. Aber das kann man auch als Symbolbild weltlicher Ungleichheit verstehen, vereint im Glauben – womöglich liegt darin die besondere Einzigartigkeit dieses Ortes?

Die Darstellung Marias, immerhin Hauptprotagonistin an dieser Stelle, auch im inneren Bereich der Kirche, wirkt eher beliebig als gelungen.
Mich berührt die im Aufbau befindliche Krippe zur Weihnachtszeit. Christi Geburt steht vor der Tür – und es ist für mich ein großes Geschenk, zu dieser Zeit in diesem Land zu sein. Beeindruckt stehe ich vor der Grotte, in der Maria und Josef gelebt haben. Sie liegt offen – allerdings mit dem architektonischen Charme einer Tiefgarage überdacht.
Der Eintritt in die Verkündungsbasilika ist frei. Es wird aber ausdrücklich auf die Beachtung der Kleidungs- und Verhaltensregeln geachtet. In der Kirche werden Messen abgehalten. Über die Zeiten, in denen dann möglicherweise Touristen nicht eingelassen werden, sollte man sich vorab informieren.
Ja, die Verkündigungsbasilika ist historisch ein besonderer Ort, künstlerisch ein Ort, an dem man viele Stunden entdecken und bewundern kann. Dennoch konnte sie mich nicht für sich einnehmen. Immerhin … ich, als Nichtchristin, weiß, dass mich schon eine der kleinsten, halb verfallenen Kirchen Süditaliens zu Tränen rühren konnte. Oder wie empfänglich ich für die Magie der Basilika St. Nicola in Bari bin, die historisch gesehen nun gar keine Relevanz hat – außer, dass man in ihr Reliquien aufbewahrt.

Lange Rede: Der Besuch von Nazareth hat mich auf vielen Ebenen berührt und auch ratlos zurückgelassen. Ich bin voller Dankbarkeit, dass ich diesen besonderen Ort besuchen durfte und zumindest eine der Kirchen. Man tut Narazeth Unrecht, wenn man diese Stadt als Tourist nur kurz besucht bzw. durchfährt. In Nazaretz muss man eintauchen, die Stadt und die Menschen erleben, dann klappte es auch mit mehr Liebe zu diesem besonderen Ort!

2026-01-17

Haifa

Haifa, das Drusen-Dorf Usifiya, dann über Nazareth in Richtung See Genezareth mit Bootsfahrt auf demselben. Der zweite Tag unserer Reise durch Israel gen Norden war ein kunterbunter Blumenstrauß in die israelische Kultur, Geschichte und vor allem der Einstieg in Pray, dem einen Teilmotto unserer Pressereise: Eat, Pray, Love!

Vor allem der religiöse Hintergrund Israels sollte uns von nun an ein stetiger und spannender Begleiter sein.
Zunächst aber führte unser Weg auf dem Highway nach Haifa. Im Speckgürtel von Tel Aviv wachsen entlang der Autobahn weiße, spannende Trabantenstädte. Am Anfang säumen die beeindruckenden Bauten der Universitäten des Landes unseren Weg und gehen in die Architekturen der Hightech-Industrien über.
Ein faszinierender Anblick, zumal die weiße Farbe der Hochhäuser sie im Sonnenschein erstaunlich edel strahlen lässt. Ich, für meinen Teil, hatte wirklich Spaß an dieser Autofahrt und fand meine architektonische Aussicht mindestens cool.
Mit der Bahn ist Haifa von Tel Aviv übrigens stündlich zu erreichen, die Fahrt dorthin dauert maximal eine Stunde.
Dagegen hält unsere Ankunft in Haifa einen geradezu bürgerlichen Gegenentwurf parat. HaMoshava HaGermanit – die Deutsche Kolonie – ist ein Stadtteil in Haifa, der Mitte des 19. Jahrhunderts von christlich-deutschen Templern am Fuße des Berg Karmel gegründet wurde. Was sie in weiteren Städten Israels wie Jaffa, Galiäa und Jerusalem auch taten – teilweise mit weniger historischem Überlebenswillen. Auf jeden Fall – Eat, Pray Love – hier wird Love zelebriert:
Hochmütig, wie wir Deutschen nun mal sind, glaubten die Gründungsväter dieser protestantischen Glaubensgemeinschaft aus Süddeutschland, dass ihr Leben im Heiligen Land die Wiedergeburt von Jesus Christus beschleunigen würde. (Nun ja … wenn die Schwaben mit der gleichen Überzeugung nach dem Mauerfall über Berlin eingefallen sind … ist ihre Erfolgsstatistik in beiden Fällen als wohl nur mäßig zu beschreiben.)
1893 weihten sie dort ein Gemeindezentrum mit Schulräumen ein, dem heutigen Haifa City Museum, ein Filmkunstmuseum – mit extra Abteilung für pornographische Kunst auf Zelluloid.
Die von Norden nach Süden verlaufende Hauptstraße Haifas, entlang der sich die Deutschen in den Seitenstraßen in 150 Häuser mit erstaunlich reicher Bausubstanz als Gartenstadt mit Einfamilienhäusern ansiedelten, beherbergte in ihrer Blütezeit ca. 750 Einwohner, die man durchaus als gebildete Elite bezeichnen darf. Der heutige Ben-Gurion-Boulevard verläuft vom Berg Karmel gerade hinunter zum Hafen.
Die Sichtachse hoch entlang des Berges auf die Pracht der Bahai-Gärten ist beeindruckend und zumindest in Richtung des Berges Karmel wunderschön! Einige der Häuser der deutschen Kolonie stehen immer noch, teilweise formidabel restauriert, und ja, heute wird auch hier der Duft der Gentrifizierung der Gegend überdeutlich wahrgenommen. Das exclusivere Gastronomieangebot, Kultur- und Nachtleben Haifas findet man dort.
Es mutet merkwürdig an. Da ist dieser Ort, von deutschen Zuwanderern geschaffen, heute im Namen im Land Israel eine Sehenswürdigkeit von Haifa, um nicht zu schreiben, eine der Sehenswürdigkeiten Haifas. Das mit unserer deutschen Geschichte? Tarsächlich begegne ich solchen Geschichten öfter auf dieser Reise. Eine Handreichung jüdischer Israelis uns Deutschen gegenüber. Also: Love. Mindestens: Menschlichkeit. Es macht mir den zunehmenden Antisemitismus in meinem Heimatland noch unerträglicher.

Denn … in den Jahren der Machtübernahme der Nazis in Deutschland war ein nicht unerheblicher Teil der in Palästina lebenden deutschen Kolonisten Mitglied der NSDAP. So wehten auch hier, in den Jahren bis und die ersten Jahre nach der Machtergreifung Hitlers, die Fahnen des nationalsozialistischen deutschen Schande an den Häusern. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, nahmen die britischen Alliierten die Kolonisten mit deutscher Staatsangehörigkeit gefangen und brachten sie bis zu ihrer Deportation nach Australien – zusammen mit deren Sympathisanten aus Italien und Ungarn – in Internierungslagern unter. Lediglich ein kleiner dreistelliger Teil von ihnen, denen man so gar keine Sympathien für das Dritte Reich nachweisen konnte, durfte im Land bleiben.
Eine tolle Vegetation findet man hier im Stadtbild.
Zumal es auf Chanukka und Weihnachten zuging, Haifa hatte sich schon in formidable Feststimmungen geschmückt.
Visuell omnipräsente architektonische Krönung der Bahá’í-Gärten – und somit auch ein besonderes Kulturgut Haifas – ist das weiß leuchtende Mausoleum mit der goldenen Kuppel: der Schrein des Bab(ismus). Bahá’u’lláh. Basierend auf dem Entwurf des kanadischen Architekten William Maxwell, ausgeführt von dem persönlichen Assistenten Effendis, dem Sizilianer Ugo Giacheriy, der kostbare Baumaterialien wie Chiampo-Marmor und Baveno-Granit aus ganz Europa hier verbauen ließ. Die Kuppel besteht z. B. aus 12.000 vergoldeten und feuerglasierten Ziegeln aus den Niederlanden.

Zu Lebzeiten hatte sich der Begründer der Baháʾí, Seyyed ʿAli Muhammad Schirazis, an diesem Berg seine Grabstätte gewünscht. 1850 hingerichtet, mussten seine sterblichen Überreste bis 1909 warten, um dort in einem ersten einfachen Bau zur Ruhe gebettet zu werden. Diesen hatte sein Sohn Abdul-Bahāʾ errichtet. Der stilvolle, dennoch auch pompöse Bau, der heute die Besucher so beeindruckt, wurde aufgrund der gesamtpolitischen Turbulenzen erst 1949 bis 1953 gebaut. Sechs Kammern enthält das Mausoleum, die allerdings nicht besucht werden können. Besucht und gebetet werden kann man in einem vorgelagerten Raum. Der Schrein gilt heute als das geistige Zentrum der Bahai und als ihre Pilgerstätte.
Die wunderschöne Gartenanlage ist dem Enkel und religiösen Nachfolger des Bab Shoghi Effendi zu verdanken. Das heute als orientalisches Pilgerhospiz bezeichnete frühere Gartenhäuschen, war sein bevorzugter Aufenthaltsort. 100 Meter südöstlich vom Schrein stehend, gestaltete er von hier aus die Gärten nach historischen Vorbildern mit 18 Gartenterrassen.
Davon sind je neun oberhalb und unterhalb des Schreins angelegt. Sie erstrecken sich über eine Kilometerlänge und sind voller Symmetrien mit Zypressen und Orangenbäumen gepflanzt – an die heimatliche Vegetation der Familie erinnernd. Zudem stattete er die Gärten kunstvoll mit Skulpturen, Vasen und Tiermotiven aus.
Uns blieb leider – aber immerhin doch – der Blick auf die Gärten von unten und nach einer kurzen Autofahrt der Blick von einem oberen Standpunkt auf die beeindruckende Anlage. Man kann dort tolle Haifa-Wimmelbilder machen:
Somit steht „einmal die Gärten von Haifa zu Fuß entdecken“ auf meiner persönlichen To-do-Liste. Die Aussicht aber von oben auf das gesamte Haifa, wie sich die Stadt entlang der Bucht mit dem großen Hafen am östlichen Mittelmeer schmiegt, ist faszinierend. In dem Hafen Haifas werden immerhin 65 % des israelischen Containerumschlags abgewickelt. Haifa verfügt auch über hübsche Strände. Kurz: Das bisschen, was ich von dieser Stadt sehen durfte, macht auf jeden Fall Lust auf sehr viel mehr Haifa!

2026-01-08

Masada – 1000 Shades Of Brown

Masada, das Felsplateau, das in der Wüste von Judäa östlich vom südlichen Ende des Yām ha-Melaḥ, des Salzmeeres (Meer des Todes), mit einer Fläche von 276 Hektar in die Höhe ragt, beeindruckt alleine von seinem Anblick. Aber noch viel mehr, wenn man von dessen tausend Jahre langer Geschichte erfährt. Von Mythen umwoben, mehrfach in der Geschichte vergessen und immer wieder entdeckt. Masada – definitiv ein Ort, die bei Israel-Besuchen auf der To-do-Liste stehen sollte.
Und sei es, möchte man einmal im Leben der schieren Unendlichkeit und erstaunlichen Eleganz möglicher Brauntöne ansichtig werden.

Die frühere Festung mit Palastanlage von König Herodes zeigt je nach Tageszeit, Sonnenstand und Wetterverhältnis unglaublich viele Töne des Farbspektrums der Farbe Braun. Eine für mich neue Visualisierung dieser Tertiärfarbe in erstaunlich großer Vielfalt: glänzend, schillernd, leuchtend, matt oder dumpf, hell bis dunkel. Das ist alleine ein besonderes Erlebnis. Und gleichzeitig begegnet man hier frühester erstaunlicher Technik- und Architekturkultur – und einem der relevanten Orte des sehr frühen jüdischen Freiheitskampfes.

Unsere Reise führte uns früh am Morgen im Südbezirk Israels an das südliche Ende des Toten Meeres auf dessen östlicher Seite bei Ein Gedi. Hier, im Masada National Park, befinden sich beeindruckende Salinen entlang der Küste, dort wird das Salz des Toten Meeres abgebaut. Auch David Nahal, ein beeindruckender Canyon mit Wasserfällen und grandiosen Wanderwegen, ist eine weitere Sehenswürdigkeit, die einen Ausflug unbedingt wert ist.
Uns war er leider an diesem Tag nicht vergönnt, denn in den Höhenlagen regnete es. Was unten am Meer als einzelne Tropfen bei strahlendem Sonnenschein mit leichten Quellwolken kaum wahrnehmbar war, sorgte als Wassermassen in der Schlucht für einen reißenden Fluss. Als wir später an deren Eingang ankommen, stehen wir vor Absperrungen. Ein Wächter erklärt uns noch schnell den Sachverhalt und ist in seinem Fahrzeug kurz danach regelrecht auf der Flucht verschwunden. Spätere Fotos zeigen, wie die Straße, auf der wir enttäuscht gen Jerusalem weiterfahren, einen Tag lang nicht mehr passierbar sein wird. (Eine beeindruckende Lehrstunde: Wenn Einheimische sagen, macht dies und das aufgrund des Wetters nicht, dann ruhig auf diese hören, auch wenn das Wetter gerade etwas anderes erzählen will.)
Kurz, hier begegnen uns Naturphänomene. 440 Höhenmeter über dem Niveau des Toten Meeres ragt Masada als ein in der Landschaft isolierter Berg aus Kalkstein, Mergel und Dolomit der Sonne entgegen. Ein riesiges Plateau – dessen eigene beeindruckende Weite man erst überblickt, wenn man hinauffindet – ist umschlossen von fast senkrecht abfallenden Wänden.
Unsere Idee, das Plateau zu Fuß zu erklimmen auf einem der drei Snake Paths (festes Schuhwerk), wurde von der Reiseleitung abschlägig beschieden: keine Zeit im Programm. Leider. Aber man kann das sehr gut machen. Es gibt drei Wege mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden.
Der schnellste Aufstieg kann in ca. 40 Minuten bewältigt werden, ist aber nur Menschen mit Kondition und Erfahrung im Gelände zu empfehlen. Denen schon der Weg das Ziel ist, gönnen sich etwas mehr Zeit mit den längeren und weniger steil laufenden Schlangenwegen. An besonders heißen Tagen bzw. Tageszeiten, können die Wege auch gesperrt sein.
Eine komfortable Alternative ist die Seilbahn, die gerade fünf Minuten benötigt, um eine gehörige Menge Menschen oben auf dem Plateau auszuspucken. Die Aussichten mit beiden Methoden auf die Steilhänge, die Felsmassive im Hinterland oder das Tote Meer: sensationell! Was für eine Weite zu allen Seiten. Besonders beliebt ist dieser Ort natürlich bei Sonnenaufgang über dem Meer.
Vor (oder nach) dem Einstieg in die Seilbahn können in deren Talstation noch ein kurzer Informationsfilm bzw. das dazugehörige Museum besichtigt werden. Tipp: Spätestens hier sich im Shop lieber mit einer Flasche Wasser mehr als geplant eindecken, was natürlich viel früher schon für den Aufstieg gilt. Wir waren Anfang Dezember früh am Vormittag dort oben bei vergleichsweise gemäßigten Außentemperaturen um 23 Grad – und es war unglaublich heiß auf dem Plateau. Sonnenschutz auf der Haut und mittels Kleidung sind hier keine schlechte Idee.

Damit ist eines der vielen Faszinosa von Masada beschrieben, nämlich wie Menschen ernsthaft auf die Idee kommen konnten, unter der eh schon sengenden Sonne der Wüstenlandschaft dieser noch weiter entgegenkommend leben zu wollen? Denn archäologische Funde lassen auf eine Besiedelung der Höhlen schon 4000 Jahre vor Christus schließen. Spuren einiger früherer Gebäude beweisen die Besiedelung des Plateaus bereits 1000 bis 700 Jahre vor Chr. Später wurde hier das Vorbild eines unabhängigen jüdischen Staates unter den Häsmonaer begründet, wenn dieser auch ca. 63 v. Chr. zerschlagen wurde. Es erklärt die erste, sehr frühe historische Bedeutung dieses Ortes für Israel.
Mit den langen und harten Kampferfahrungen der Römer galt der Berg nach dessen schwieriger Übernahme für den römischen Vasallenkönig Herodes I. (zu dem Zeitpunkt noch nicht als der Große betitelt) als uneinnehmbar, und so ließ er sich 36 und 30 v. Chr. hier eine Mezadá (hebräisch für Festung) auf den Ruinen erbauen. Mit einer das Plateau umlaufenden Schutzmauer von 1,3 Kilometern Länge und mit 40 Wachtürmen, unterstrich er architektonisch nochmals den besonderen Schutz. Sich seiner Unbeliebtheit durchaus bewusst, wollte er einen Ort für seinen Rückzug haben, an dem er mehrere Jahre überleben konnte mit seiner Familie und Bediensteten und Soldaten. Der Überlieferung nach war Herodes nach der Fertigstellung der Anlage nie mehr vor Ort. Entsandte jedoch seine Familie dorthin, die den pompösen, an der Nordseite mit Meeresblick gebauten Palast bewohnten.
Nicht zum Spaß. Zu ihrer Sicherheit, während er nach Rom reiste, um sich dort von dem späteren ersten römischen Kaiser Augustus, damals noch Marcus Antonius und Octavian, als König von Judäa inthronisieren zu lassen.

Auf drei Ebenen wurde gebaut, mit einer Architektur und Logistik, die in Anbetracht ihrer modernen Ideen heute beeindruckt. Neben dem persönlichen Palast und Unterkünften für die Soldaten und generell notwendiger Infrastruktur, wurden großflächige Lagerhallen in das Gestein geschlagen, in denen kaum vorstellbare Mengen an Getreide und Lebensmitteln gelagert wurden. Eines dieser Lebensmittel soll der Legende nach italienischer Rotwein gewesen sein.

Der zu Fuße des Plateaus liegende Steinbruch lieferte die Quadersteine zum Aufbau der Tempel und Behausungen. Zwölf tiefe und große Zisternen dienten in der Wüste der Vorratshaltung von Regenwasser. Insgesamt konnte das Zisternen-System bis zu 4.000 Kubikmeter Wasser fassen. Gefüllt wurden sie auch mit Wasser der Wadis der Umgebung, die ausreichend Wasser führten, sobald es regnete. Die dazugehörige Kanalisation umläuft heute noch beeindruckend in den Stein gehauen den gesamten Tafelberg.
In seinem Palast hatte Herodes eine exklusive römische Thermalbadelandschaft bauen lassen. Einige der kunstvollen Wandmalereien sind heute partiell erhalten. Sie wurden mithilfe italienischer Restauratoren in ihren Originalfarben wiederhergestellt. Unter den Mosaikböden befanden sich sogar Fußbodenheizungen – wie auch Heizungen in den Wänden der Aufbauten –, die mit Ziegeldächern überdacht wurden. Ihre Reste vermitteln einen Eindruck kunstvoller und für die Zeit erstaunlich praktischer Pracht.
Mit der späteren, für die jüdische Geschichte aber relevanteren Besetzung der Festung durch die Zeloten sind jüdische Ritualbäder, Mikwe, in das Gelände integriert worden. Es befinden sich davon drei dieser Bäder auf dem Gelände. Allen drei Bädern ist der Aufbau nach streng orthodox-jüdischer Kultur gemein. Weniger galten diese Bäder als Reinigungsstätte im heutigen Sinne.
Hier konnte sich reinwaschen, wer mit unreinen Gegenständen in Berührung kam, beispielsweise nach der Berührung eines Verstorbenen. Ein Sammelbecken für das Regenwasser – die streng rituelle jüdische Tradition verlangt Reinigung mit reinem, fließendem Wasser. Ein Becken für die Fuß- und Handreinigung und schließlich das eigentliche Tauchbecken, das die Person wieder unter den kulturellen Maßstäben reinwusch. Dieser Zeit werden auch der Bau einer Synagoge, Bäckerei und ein Taubenverschlag zugeordnet.
Wir haben lauter gute Momente hier oben an diesem besonderen Ort. Karl beweist uns sein Talent als Vogeldompteur und füttert die Stare, die nur auf ihn gewartet haben.
Tatsächlich ist die Menge anderer Besucher überschaubar. Liegt es an der frühen Tageszeit oder an dem radikalen Rückgang der Tourismuszahlen in Israel aufgrund der politischen Lage? Uns jedenfalls gibt das die Möglichkeit, die vielen Besichtigungspunkte geradezu alleine sehen zu dürfen. Lediglich zwei Reisegruppen mit US-Amerikanern und Afrikanern hauchen mit uns Masada an diesem Vormittag Leben ein. Letztere skandieren in ihren Gruppenfotos mit großer Freude immer wieder „We love you, Jesus!” und scheinen einfach sehr glücklich in diesem Moment an diesem wundervollen Ort. Wer würde sich da ihren Emotionen entziehen wollen an diesem berührenden Platz im Sonnenschein?
Solche Glücksgefühle hatten die Zeloten (Sikarier) nach ihrer Übernahme Masadas hier eher nicht leben dürfen. Im ersten jüdischen Krieg gegen die Römer 66 nach Christus hatten sie mit einem Handstreich die restlichen auf Masada verbliebenen Römer überwältigt und die Festung eingenommen. Aufgrund innerjüdischer Meinungsverschiedenheiten hatten diese sich früher schon von anderen jüdischen Gruppierungen losgesagt und Jerusalem verlassen. Sie siedelten sich auf Masada an, bauten die Anlage aus, errichteten Wohnhäuser und lebten dort einige Jahre unbehelligt. Nach der Niederschlagung des Aufstandes der Juden im Großteil Israels haben die Römer unter Flavius Silva Masada 72 n. Chr. als letzte einzunehmende Bastion belagert und um die Festung ihre Lager errichtet.
Aber eine echte Übernahme sollte ihnen der Legende nach erst nach vielen Monaten gelingen, nachdem sie über neun Monate eine Rampe errichtet hatten und mit deren Aufbauten, sie die Schutzmauer einreißen konnten. Insofern, die Treppe hier ist ein etwas späteres Relikt:
Damit galt der erste israelische Krieg offiziell als beendet.
Die Zeloten waren als durchaus radikal in ihrem gegen die Römer leistenden Widerstand zu bezeichnende Juden. Auf dem letzten Stück der errichteten Rampe, bedienten sich die Römer eines grausamen Schachzuges. Natürlich wehrten sich die Zeloten gegen die Übernahme und warfen große Steine hinunter, um die Römer direkt unterhalb der Festungs zu töten und damit abzuwehren. Daraufhin setzten jene nur noch als solche zu erkennende jüdische Sklaven an diesem Ort ein. Die eigenen Glaubensleute zu verletzen bzw. zu töten, war auch den Zeloten indes nicht möglich. Mit diesen schlechten Aussichten sich ergeben zu müssen, …
… wie vom jüdischen Geschichtsschreiber Flavius Josephus berichtet, beschlossen sie unter der Führung von Eleasar ben Ja’ir in ihrem Exil lieber in den ruhmvollen Tod zu gehen, als ein Leben (als Sklaven der Römer) im Elend zu führen. Das Losverfahren bestimmte zehn Männer, die die anderen Bewohner töteten und sich dann gegenseitig. Die letzten zwei verbliebenen Männer richteten sich selbst.
So fanden die Römer am Morgen nach der Eroberung der Festung neben 960 Leichnamen lediglich zwei lebende Frauen und fünf Kinder vor, die sich in einer der Zisternen versteckt hielten – und den Sachverhalt schildern konnten.

Diese Geschichte gilt in der heutigen Geschichte Israels und im jüdischen Glauben als eines der herausragenden geschichtlichen Ereignisse im jüdischen Widerstandskampf. Wenngleich … heutige Forschungen und Berechnungen unter Berücksichtigung der Menge der vorhandenen römischen Soldaten vermuten lassen, dass die Einnahme Masadas den Römern deutlich schneller, vermutlich binnen zwei Wochen, gelungen sein dürfte. Dennoch: Die Legende des jüdischen Widerstandes lebt.

Wieder wurde Masada lange Zeit von Römern bewacht, nach einem sehr schweren Erdbeben aber aufgegeben. Zwischen dem 5. und 6. Jahrhundert von christlichen Mönchen erneut besiedelt, bauten sie in der Nähe der früheren Synagoge eine byzantinische Kirche. Sie ist heute noch in Resten erhalten.
Danach wurde Masada trotz ihres großen Mythos für viele hunderte Jahre schlicht vergessen. Man wusste all die Jahre von der Existenz und erzählte von den ikonischen Zeloten – nur die Lage Masadas, die hatte es nicht in die Überlieferung geschafft. Erst 1838 (!) wurde die Festung von den amerikanischen Forschern Edward Robinson und Eli Smith wiederentdeckt und vier Jahre später von Samuel Walcott und W. Tipping erstmals bestiegen, um Lageskizzen anzufertigen.
Und dann sollte es immer noch über ein Jahrhundert dauern, bis dort die ersten Ausgrabungen stattfanden. Dies passierte in zwei relevanten Schritten durch israelische Archäologen mit staatlicher Unterstützung. 1963–1965 grub Yigael Yadin einen Teil der Anlage aus und ließ Teilbereiche rekonstruieren. 1966 wurde Masada zum Nationalpark erklärt und konnte von der Öffentlichkeit besichtigt werden. Ab 1989 führte der Archäologe Ehud Netzer weitere Grabungen durch. In deren Folge wurden die Rampe der römischen Übernahme und römische Lager wiederentdeckt. Tatsächlich finden in und um Masada heute noch Ausgrabungen statt.

2001 wurde Masada zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt.


Masada National Park

Hier geht es zur offiziellen Homepage des Masada National Park. Tickets können online gebucht werden. Bemerkenswert ist die musikalische Lichtshow in der Dunkelheit „Masada from Dusk to Dawn”, die Dienstags und Donnerstags von Mai bis Dezember stattfindet.

Am Fuß des Plateaus an der Westseite gibt es einen Camping Platz. Unzählige Hotels entlang der Stände des Toten Meeres laden zur Übernachtung ein. Tatsächlich sollte man bedenken: Masada ist durchaus auch einen zweiten Besuch wert.