2026-01-08

Masada – 1000 Shades Of Brown

Masada, das Felsplateau, das in der Wüste von Judäa östlich vom südlichen Ende des Yām ha-Melaḥ, des Salzmeeres (Meer des Todes), mit einer Fläche von 276 Hektar in die Höhe ragt, beeindruckt alleine von seinem Anblick. Aber noch viel mehr, wenn man von dessen tausend Jahre langer Geschichte erfährt. Von Mythen umwoben, mehrfach in der Geschichte vergessen und immer wieder entdeckt. Masada – definitiv ein Ort, die bei Israel-Besuchen auf der To-do-Liste stehen sollte.
Und sei es, möchte man einmal im Leben der schieren Unendlichkeit und erstaunlichen Eleganz möglicher Brauntöne ansichtig werden.

Die frühere Festung mit Palastanlage von König Herodes zeigt je nach Tageszeit, Sonnenstand und Wetterverhältnis unglaublich viele Töne des Farbspektrums der Farbe Braun. Eine für mich neue Visualisierung dieser Tertiärfarbe in erstaunlich großer Vielfalt: glänzend, schillernd, leuchtend, matt oder dumpf, hell bis dunkel. Das ist alleine ein besonderes Erlebnis. Und gleichzeitig begegnet man hier frühester erstaunlicher Technik- und Architekturkultur – und einem der relevanten Orte des sehr frühen jüdischen Freiheitskampfes.

Unsere Reise führte uns früh am Morgen im Südbezirk Israels an das südliche Ende des Toten Meeres auf dessen östlicher Seite bei Ein Gedi. Hier, im Masada National Park, befinden sich beeindruckende Salinen entlang der Küste, dort wird das Salz des Toten Meeres abgebaut. Auch David Nahal, ein beeindruckender Canyon mit Wasserfällen und grandiosen Wanderwegen, ist eine weitere Sehenswürdigkeit, die einen Ausflug unbedingt wert ist.
Uns war er leider an diesem Tag nicht vergönnt, denn in den Höhenlagen regnete es. Was unten am Meer als einzelne Tropfen bei strahlendem Sonnenschein mit leichten Quellwolken kaum wahrnehmbar war, sorgte als Wassermassen in der Schlucht für einen reißenden Fluss. Als wir später an deren Eingang ankommen, stehen wir vor Absperrungen. Ein Wächter erklärt uns noch schnell den Sachverhalt und ist in seinem Fahrzeug kurz danach regelrecht auf der Flucht verschwunden. Spätere Fotos zeigen, wie die Straße, auf der wir enttäuscht gen Jerusalem weiterfahren, einen Tag lang nicht mehr passierbar sein wird. (Eine beeindruckende Lehrstunde: Wenn Einheimische sagen, macht dies und das aufgrund des Wetters nicht, dann ruhig auf diese hören, auch wenn das Wetter gerade etwas anderes erzählen will.)
Kurz, hier begegnen uns Naturphänomene. 440 Höhenmeter über dem Niveau des Toten Meeres ragt Masada als ein in der Landschaft isolierter Berg aus Kalkstein, Mergel und Dolomit der Sonne entgegen. Ein riesiges Plateau – dessen eigene beeindruckende Weite man erst überblickt, wenn man hinauffindet – ist umschlossen von fast senkrecht abfallenden Wänden.
Unsere Idee, das Plateau zu Fuß zu erklimmen auf einem der drei Snake Paths (festes Schuhwerk), wurde von der Reiseleitung abschlägig beschieden: keine Zeit im Programm. Leider. Aber man kann das sehr gut machen. Es gibt drei Wege mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden.
Der schnellste Aufstieg kann in ca. 40 Minuten bewältigt werden, ist aber nur Menschen mit Kondition und Erfahrung im Gelände zu empfehlen. Denen schon der Weg das Ziel ist, gönnen sich etwas mehr Zeit mit den längeren und weniger steil laufenden Schlangenwegen. An besonders heißen Tagen bzw. Tageszeiten, können die Wege auch gesperrt sein.
Eine komfortable Alternative ist die Seilbahn, die gerade fünf Minuten benötigt, um eine gehörige Menge Menschen oben auf dem Plateau auszuspucken. Die Aussichten mit beiden Methoden auf die Steilhänge, die Felsmassive im Hinterland oder das Tote Meer: sensationell! Was für eine Weite zu allen Seiten. Besonders beliebt ist dieser Ort natürlich bei Sonnenaufgang über dem Meer.
Vor (oder nach) dem Einstieg in die Seilbahn können in deren Talstation noch ein kurzer Informationsfilm bzw. das dazugehörige Museum besichtigt werden. Tipp: Spätestens hier sich im Shop lieber mit einer Flasche Wasser mehr als geplant eindecken, was natürlich viel früher schon für den Aufstieg gilt. Wir waren Anfang Dezember früh am Vormittag dort oben bei vergleichsweise gemäßigten Außentemperaturen um 23 Grad – und es war unglaublich heiß auf dem Plateau. Sonnenschutz auf der Haut und mittels Kleidung sind hier keine schlechte Idee.

Damit ist eines der vielen Faszinosa von Masada beschrieben, nämlich wie Menschen ernsthaft auf die Idee kommen konnten, unter der eh schon sengenden Sonne der Wüstenlandschaft dieser noch weiter entgegenkommend leben zu wollen? Denn archäologische Funde lassen auf eine Besiedelung der Höhlen schon 4000 Jahre vor Christus schließen. Spuren einiger früherer Gebäude beweisen die Besiedelung des Plateaus bereits 1000 bis 700 Jahre vor Chr. Später wurde hier das Vorbild eines unabhängigen jüdischen Staates unter den Häsmonaer begründet, wenn dieser auch ca. 63 v. Chr. zerschlagen wurde. Es erklärt die erste, sehr frühe historische Bedeutung dieses Ortes für Israel.
Mit den langen und harten Kampferfahrungen der Römer galt der Berg nach dessen schwieriger Übernahme für den römischen Vasallenkönig Herodes I. (zu dem Zeitpunkt noch nicht als der Große betitelt) als uneinnehmbar, und so ließ er sich 36 und 30 v. Chr. hier eine Mezadá (hebräisch für Festung) auf den Ruinen erbauen. Mit einer das Plateau umlaufenden Schutzmauer von 1,3 Kilometern Länge und mit 40 Wachtürmen, unterstrich er architektonisch nochmals den besonderen Schutz. Sich seiner Unbeliebtheit durchaus bewusst, wollte er einen Ort für seinen Rückzug haben, an dem er mehrere Jahre überleben konnte mit seiner Familie und Bediensteten und Soldaten. Der Überlieferung nach war Herodes nach der Fertigstellung der Anlage nie mehr vor Ort. Entsandte jedoch seine Familie dorthin, die den pompösen, an der Nordseite mit Meeresblick gebauten Palast bewohnten.
Nicht zum Spaß. Zu ihrer Sicherheit, während er nach Rom reiste, um sich dort von dem späteren ersten römischen Kaiser Augustus, damals noch Marcus Antonius und Octavian, als König von Judäa inthronisieren zu lassen.

Auf drei Ebenen wurde gebaut, mit einer Architektur und Logistik, die in Anbetracht ihrer modernen Ideen heute beeindruckt. Neben dem persönlichen Palast und Unterkünften für die Soldaten und generell notwendiger Infrastruktur, wurden großflächige Lagerhallen in das Gestein geschlagen, in denen kaum vorstellbare Mengen an Getreide und Lebensmitteln gelagert wurden. Eines dieser Lebensmittel soll der Legende nach italienischer Rotwein gewesen sein.

Der zu Fuße des Plateaus liegende Steinbruch lieferte die Quadersteine zum Aufbau der Tempel und Behausungen. Zwölf tiefe und große Zisternen dienten in der Wüste der Vorratshaltung von Regenwasser. Insgesamt konnte das Zisternen-System bis zu 4.000 Kubikmeter Wasser fassen. Gefüllt wurden sie auch mit Wasser der Wadis der Umgebung, die ausreichend Wasser führten, sobald es regnete. Die dazugehörige Kanalisation umläuft heute noch beeindruckend in den Stein gehauen den gesamten Tafelberg.
In seinem Palast hatte Herodes eine exklusive römische Thermalbadelandschaft bauen lassen. Einige der kunstvollen Wandmalereien sind heute partiell erhalten. Sie wurden mithilfe italienischer Restauratoren in ihren Originalfarben wiederhergestellt. Unter den Mosaikböden befanden sich sogar Fußbodenheizungen – wie auch Heizungen in den Wänden der Aufbauten –, die mit Ziegeldächern überdacht wurden. Ihre Reste vermitteln einen Eindruck kunstvoller und für die Zeit erstaunlich praktischer Pracht.
Mit der späteren, für die jüdische Geschichte aber relevanteren Besetzung der Festung durch die Zeloten sind jüdische Ritualbäder, Mikwe, in das Gelände integriert worden. Es befinden sich davon drei dieser Bäder auf dem Gelände. Allen drei Bädern ist der Aufbau nach streng orthodox-jüdischer Kultur gemein. Weniger galten diese Bäder als Reinigungsstätte im heutigen Sinne.
Hier konnte sich reinwaschen, wer mit unreinen Gegenständen in Berührung kam, beispielsweise nach der Berührung eines Verstorbenen. Ein Sammelbecken für das Regenwasser – die streng rituelle jüdische Tradition verlangt Reinigung mit reinem, fließendem Wasser. Ein Becken für die Fuß- und Handreinigung und schließlich das eigentliche Tauchbecken, das die Person wieder unter den kulturellen Maßstäben reinwusch. Dieser Zeit werden auch der Bau einer Synagoge, Bäckerei und ein Taubenverschlag zugeordnet.
Wir haben lauter gute Momente hier oben an diesem besonderen Ort. Karl beweist uns sein Talent als Vogeldompteur und füttert die Stare, die nur auf ihn gewartet haben.
Tatsächlich ist die Menge anderer Besucher überschaubar. Liegt es an der frühen Tageszeit oder an dem radikalen Rückgang der Tourismuszahlen in Israel aufgrund der politischen Lage? Uns jedenfalls gibt das die Möglichkeit, die vielen Besichtigungspunkte geradezu alleine sehen zu dürfen. Lediglich zwei Reisegruppen mit US-Amerikanern und Afrikanern hauchen mit uns Masada an diesem Vormittag Leben ein. Letztere skandieren in ihren Gruppenfotos mit großer Freude immer wieder „We love you, Jesus!” und scheinen einfach sehr glücklich in diesem Moment an diesem wundervollen Ort. Wer würde sich da ihren Emotionen entziehen wollen an diesem berührenden Platz im Sonnenschein?
Solche Glücksgefühle hatten die Zeloten (Sikarier) nach ihrer Übernahme Masadas hier eher nicht leben dürfen. Im ersten jüdischen Krieg gegen die Römer 66 nach Christus hatten sie mit einem Handstreich die restlichen auf Masada verbliebenen Römer überwältigt und die Festung eingenommen. Aufgrund innerjüdischer Meinungsverschiedenheiten hatten diese sich früher schon von anderen jüdischen Gruppierungen losgesagt und Jerusalem verlassen. Sie siedelten sich auf Masada an, bauten die Anlage aus, errichteten Wohnhäuser und lebten dort einige Jahre unbehelligt. Nach der Niederschlagung des Aufstandes der Juden im Großteil Israels haben die Römer unter Flavius Silva Masada 72 n. Chr. als letzte einzunehmende Bastion belagert und um die Festung ihre Lager errichtet.
Aber eine echte Übernahme sollte ihnen der Legende nach erst nach vielen Monaten gelingen, nachdem sie über neun Monate eine Rampe errichtet hatten und mit deren Aufbauten, sie die Schutzmauer einreißen konnten. Insofern, die Treppe hier ist ein etwas späteres Relikt:
Damit galt der erste israelische Krieg offiziell als beendet.
Die Zeloten waren als durchaus radikal in ihrem gegen die Römer leistenden Widerstand zu bezeichnende Juden. Auf dem letzten Stück der errichteten Rampe, bedienten sich die Römer eines grausamen Schachzuges. Natürlich wehrten sich die Zeloten gegen die Übernahme und warfen große Steine hinunter, um die Römer direkt unterhalb der Festungs zu töten und damit abzuwehren. Daraufhin setzten jene nur noch als solche zu erkennende jüdische Sklaven an diesem Ort ein. Die eigenen Glaubensleute zu verletzen bzw. zu töten, war auch den Zeloten indes nicht möglich. Mit diesen schlechten Aussichten sich ergeben zu müssen, …
… wie vom jüdischen Geschichtsschreiber Flavius Josephus berichtet, beschlossen sie unter der Führung von Eleasar ben Ja’ir in ihrem Exil lieber in den ruhmvollen Tod zu gehen, als ein Leben (als Sklaven der Römer) im Elend zu führen. Das Losverfahren bestimmte zehn Männer, die die anderen Bewohner töteten und sich dann gegenseitig. Die letzten zwei verbliebenen Männer richteten sich selbst.
So fanden die Römer am Morgen nach der Eroberung der Festung neben 960 Leichnamen lediglich zwei lebende Frauen und fünf Kinder vor, die sich in einer der Zisternen versteckt hielten – und den Sachverhalt schildern konnten.

Diese Geschichte gilt in der heutigen Geschichte Israels und im jüdischen Glauben als eines der herausragenden geschichtlichen Ereignisse im jüdischen Widerstandskampf. Wenngleich … heutige Forschungen und Berechnungen unter Berücksichtigung der Menge der vorhandenen römischen Soldaten vermuten lassen, dass die Einnahme Masadas den Römern deutlich schneller, vermutlich binnen zwei Wochen, gelungen sein dürfte. Dennoch: Die Legende des jüdischen Widerstandes lebt.

Wieder wurde Masada lange Zeit von Römern bewacht, nach einem sehr schweren Erdbeben aber aufgegeben. Zwischen dem 5. und 6. Jahrhundert von christlichen Mönchen erneut besiedelt, bauten sie in der Nähe der früheren Synagoge eine byzantinische Kirche. Sie ist heute noch in Resten erhalten.
Danach wurde Masada trotz ihres großen Mythos für viele hunderte Jahre schlicht vergessen. Man wusste all die Jahre von der Existenz und erzählte von den ikonischen Zeloten – nur die Lage Masadas, die hatte es nicht in die Überlieferung geschafft. Erst 1838 (!) wurde die Festung von den amerikanischen Forschern Edward Robinson und Eli Smith wiederentdeckt und vier Jahre später von Samuel Walcott und W. Tipping erstmals bestiegen, um Lageskizzen anzufertigen.
Und dann sollte es immer noch über ein Jahrhundert dauern, bis dort die ersten Ausgrabungen stattfanden. Dies passierte in zwei relevanten Schritten durch israelische Archäologen mit staatlicher Unterstützung. 1963–1965 grub Yigael Yadin einen Teil der Anlage aus und ließ Teilbereiche rekonstruieren. 1966 wurde Masada zum Nationalpark erklärt und konnte von der Öffentlichkeit besichtigt werden. Ab 1989 führte der Archäologe Ehud Netzer weitere Grabungen durch. In deren Folge wurden die Rampe der römischen Übernahme und römische Lager wiederentdeckt. Tatsächlich finden in und um Masada heute noch Ausgrabungen statt.

2001 wurde Masada zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt.


Masada National Park

Hier geht es zur offiziellen Homepage des Masada National Park. Tickets können online gebucht werden. Bemerkenswert ist die musikalische Lichtshow in der Dunkelheit „Masada from Dusk to Dawn”, die Dienstags und Donnerstags von Mai bis Dezember stattfindet.

Am Fuß des Plateaus an der Westseite gibt es einen Camping Platz. Unzählige Hotels entlang der Stände des Toten Meeres laden zur Übernachtung ein. Tatsächlich sollte man bedenken: Masada ist durchaus auch einen zweiten Besuch wert.

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