2026-01-20

Die Verkündungsbasilika in Nazareth

Wieder eine knappe Stunde Fahrt von Haifa und wir sind in Nazareth. Beziehungsweise: Wir stehen in Nazareth. Der Verkehr dieser Stadt mit ungefähr 90 000 Einwohnern und sehr viel Pendelverkehr hier, es ist ein Erlebnis für sich. Dabei kommen wir noch vergleichsweise gut voran. Die Eröffnung der sich derzeit im Bau befindlichen Bahnlinie Haifa–Nazareth Light Rail wurde mittlerweile auf 2028 vertagt. Man erwartet dann bis zu 100 000 Fahrgäste täglich auf dieser Linie.

Dass gerade Nazareth – also das Nazareth – bis jetzt nicht im Bahnverkehr angebunden ist, sagt viel über diese Stadt, deren Akzeptanz im Land. Die mich wirklich beeindruckt zurücklässt. Und fragend.
Nazareth! Wer im Religionsunterricht nicht nur geschlafen hatte, wird sich erinnern: Maria und Josef lebten einst in einem Ort namens Nazareth in einer Höhle. Unweit ihres Zuhauses ist in einer weiteren Grotte der Jungfrau Maria der Erzengel Gabriel erschienen und sprach zu ihr – ich kürze ab: „Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir. Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden. Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: Dem sollst du den Namen Jesus geben. Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. […]”

Ich glaube, wir sind uns einig, aber das muss genau der Moment gewesen sein, als das unsägliche Stereotyp „Sie ist eine starke Frau” geschaffen wurde. Denn dass nicht einmal der Erzengel Gabriel (männlicher Name deutet zumindest auf das Geschlecht des Engels hin – aber was weiß ich schon von Engeln) den Mut hatte, diese Verkündung im Beisein von Josef auszusprechen, hätte ihm, so wie wir das männliche Geschlecht kennen, vermutlich mindestens ein blaues Auge eingebracht. Und Maria mit dieser doch eher fragwürdigen Neuigkeit – die sie gesellschaftlich völlig diskreditiert haben musste – ihrem Verlobten nun beibringen musste, allein ließ.
Okay, ich bin nicht gläubig. Aber auch als Nichtgläubige – angesichts des Kultes, den wir in Europa rund um Pilgerwege machen (und den daran beteiligten Orten durchaus viele Einnahmen bis hin zu ordentlichem Reichtum verhelfen) – stand ich in Nazareth fassungslos vor der sichtlichen Armut dieser Stadt. Ich meine, immerhin hat hier der ganze Kult um Jesus Christus begonnen?!d Hier mit der Verkündigung des Herren und Jesus soll hier auch zumindest einen Teil seiner Kindheit verbracht haben, und was geblieben ist vom Ruhm, dem dieses religiöse Nazareth gebührt, ist Armut und sichtlicher Verfall?
Seit ich in Nazareth war, gucke ich völlig neu auf den Reichtum des Vatikans in Rom. Ich glaube, wenn es einen erkennbaren Fehler in diesem ganzen kommerzialisierten, christlichen System gibt, man findet man ihn in Nazareth. In anderen Worten, seit ich lebe, haben gerade zwei Päpste, Johannes Paul II. und Benedikt XVI., den Weg nach Nazareth gefunden. Kommt im Schnitt auf zwei Papstbesuche alle 30 Jahre, um Maria, der Mutter Gottes, die Ehre zu geben … Läuft nach wie vor nicht gut für Frauen, insbesondere in der katholischen Kirche.
Nazareth ist sichtbar eine orientalische Stadt, hier wird man von einem ganz anderen Flair begrüßt als im hochmodernen Tel Aviv. Es ist schwierig zu verstehen. Einerseits steht Nazareth, wie kaum ein anderer Ort im Nahen Osten für ein friedliches Zusammenleben von israelischen Arabern und Juden. Andererseits, leben diese vermeintlich vereinten Welt doch gegeneinander. Es gibt Rassismus, der, trifft es bei Angriffen aus dem Iran nur Mitglieder der arabischen Bevölkerung, von jüdische Israelis offen zelebriert wird. Verdammt, sie sollten es besser wissen können. Schutzräume für die arabische Bevölkerung Israels kann man hier vergeblich suchen.

Nazareth leidet. Hier wird vom Tourismus gelebt zu einem großen Teil und der bleibt seit den Reisebeschränkungen von Covid aus und konnte sich bisher nach den Luftangriffes vom Iran, dann dem Krieg im Gaza-Streifen in den letzten Jahren auch nicht mehr erholen. Nazareth ist so komplex – und für mich die Stadt, die mich auf dieser Reise viel neugieriger auf sich gemacht hatte, als die vielen anderen besuchten Städte. Im wahrsten Sinne des Wortes, jetzt bin ich begierig mehr von Nazareth zu sehen, zu erleben.
Dafür war unser Besuch zu kurz. Wir haben lediglich die Verkündigungsbasilika im Süden von Nazareth besucht.
Es reicht leider nicht einmal die Zeit, um sich etwas auf der Pilgerstraße in Richtung der griechisch-orthodoxen Verkündigungskirche St. Gabriels zu bewegen. Denn nach dem orthodoxem Glauben soll der der Erzengel Gabriel hier an einer Quelle Maria die Geburt des Herren verkündet haben, um sie dann bis in ihre heimatliche Grotte zu stalken. Diese Kirche ist vegleichweise alt, ie stammt aus dem Jahr 1750, wurde auf den Ruinen einer Kreuzfahrerkirche erbaut.


Die Basilika der Verkündung

Von einem stark befahrenen Kreisverkehr geht die Al-Bishara-Straße, die Straße der guten Nachricht, ab. An einer seiner Ausfahrten verfällt das ehemalige Luxushotel Hotel Royal.
Gesäumt von kleinen, sehr einfachen und kaum frequentierten Geschäften und Bars, führt die schmale Straße leicht bergauf.
Dann liegt rechter Hand der Eingang zum Vorplatz der Basilika. Vor ihrem Eingang stehen Verkaufsstände, die ausgesuchten Plastikmüll aus China feilbieten.
Mit uns waren, wenn es hochkommt, noch vielleicht zehn andere Besucher gleichzeitig an diesem Ort. Im Dezember, also dem Weihnachtsmonat. Davon abgesehen, dass der Tourismus in Israel natürlich noch stark krankt am Kriegsgeschehen, war es an diesem Ort fassungslos machend ruhig. Was uns also fotografisch durchaus zum Vorteil gelangte, war gleichzeitig erschreckend zu erleben.
Die Verkündigungsbasilika, so wie sie im Jahr 1969 eingeweiht wurde, ist die mittlerweile fünfte Version eines Gotteshauses an diesem Ort. Frühere Orte des besonderen Gedenkens fielen menschlicher Zerstörungswut oder Erdbeben zum Opfer. Der heutige Bau wurde im Jahr 1955 begonnen.
Die Basilica steht über den Ruinen der früheren Kirchen und ist in eine Ober- und eine Unterkirche eingeteilt. Sie ist dreischiffig und ihr Kirchenbereich ist von einer 35 Meter hohen Kuppel überbaut.
Auch mit ihrer imposanten Länge von 67,5 Metern macht sie das zu einer der größten Kirchen im Nahen Osten. In ihrer Bedeutung ist sie das ja sowieso. Also … sollte sie sein.
Auf dem Vorplatz rostet Maria vor sich hin.
Kann es eine visuell traurigere Spiegelung zu dieser Stadt in Bezug auf ihre religiöse Relevanz geben? Die Kirche selber ist – für mich schwer zu fassen. Architektonisch wirkt sie doch etwas unentschieden auf mich.
Es beginnt schon am Eingang – von allem etwas viel.
Dieser Zwiespalt wird zusätzlich verstärkt durch zahlreiche Mosaike und anderer Kunstformen an den Wänden,
die insgesamt als ein schönes und wertvolles Symbol dieser Weltreligion zu achten sind. Jedes Land durfte sich hier – im Zentrum des globalen Glaubens – mit einem Kunstwerk verewigen.

In ihrem Inneren faszinieren vor allem der Altar in der unteren Ebene, der dem Ort der Verkündung gleich gesetzt wird.
Zu seiner Rückseite liegen die erhaltenen Reste der Grotte frei. Auch ihre äußere Architektur ist mit Elementen der weltlichen christlichen Gemeinden bestückt. So wunderschön das von der Geste her ist, aber da sie stilistisch völlig uneins sind, tun sie im Gesamtbildnis der Basilika in Ergänzung zu der eh schon architektonischen Vielfalt bedingt nur gut. Aber das kann man auch als Symbolbild weltlicher Ungleichheit verstehen, vereint im Glauben – womöglich liegt darin die besondere Einzigartigkeit dieses Ortes?

Die Darstellung Marias, immerhin Hauptprotagonistin an dieser Stelle, auch im inneren Bereich der Kirche, wirkt eher beliebig als gelungen.
Mich berührt die im Aufbau befindliche Krippe zur Weihnachtszeit. Christi Geburt steht vor der Tür – und es ist für mich ein großes Geschenk, zu dieser Zeit in diesem Land zu sein. Beeindruckt stehe ich vor der Grotte, in der Maria und Josef gelebt haben. Sie liegt offen – allerdings mit dem architektonischen Charme einer Tiefgarage überdacht.
Der Eintritt in die Verkündungsbasilika ist frei. Es wird aber ausdrücklich auf die Beachtung der Kleidungs- und Verhaltensregeln geachtet. In der Kirche werden Messen abgehalten. Über die Zeiten, in denen dann möglicherweise Touristen nicht eingelassen werden, sollte man sich vorab informieren.
Ja, die Verkündigungsbasilika ist historisch ein besonderer Ort, künstlerisch ein Ort, an dem man viele Stunden entdecken und bewundern kann. Dennoch konnte sie mich nicht für sich einnehmen. Immerhin … ich, als Nichtchristin, weiß, dass mich schon eine der kleinsten, halb verfallenen Kirchen Süditaliens zu Tränen rühren konnte. Oder wie empfänglich ich für die Magie der Basilika St. Nicola in Bari bin, die historisch gesehen nun gar keine Relevanz hat – außer, dass man in ihr Reliquien aufbewahrt.

Lange Rede: Der Besuch von Nazareth hat mich auf vielen Ebenen berührt und auch ratlos zurückgelassen. Ich bin voller Dankbarkeit, dass ich diesen besonderen Ort besuchen durfte und zumindest eine der Kirchen. Man tut Narazeth Unrecht, wenn man diese Stadt als Tourist nur kurz besucht bzw. durchfährt. In Nazaretz muss man eintauchen, die Stadt und die Menschen erleben, dann klappte es auch mit mehr Liebe zu diesem besonderen Ort!

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