KI-Gespräche
Ich hatte gestern das spaßigste Get-Together mit einer Künstlichen Intelligenz, das ich bis dato haben durfte.
Gestern früh fuhr ich mit der S-Bahn Richtung 100. Grüne Woche. Am Hauptbahnhof stieg ein Mann laut telefonierend ein und schmiss sich in das Abteil, neben meinem, sodass wir uns diagonal gegenüber saßen. Er war vielleicht etwas jünger als ich. Vom Typ „zu früh, zu lange und zu intensiv mit illegalen Substanzen in seinem Leben Bekanntschaft gemacht“, laut. Einer, der Aufmerksamkeit braucht. Und – dafür hat er sich ziemlich smart ein Ventil gesucht. Und gefunden. Zunächst.
Nach dem Telefonat wussten er (und ich und viele andere Fahrgäste), dass er am S-Bahnhof Charlottenburg aussteigen sollte. Er legte auf und fragte sein Smartphone und die KI (mit weiblicher Stimme), ob er mit seinem ICE-Ticket (ab Hannover) wirklich in der Folge mit dem Ticket auch im Berliner ÖPNV bis zu seiner Zielstation fahren dürfe.
Die KI antwortete ihm, dass er das dürfe.
Wollte er ihr nicht glauben, und hakte nochmals nach, unterbrach sie aber in ihrer zweiten Antwort ziemlich rüde, dass er, wenn das nicht stimmen würde, sie für die Strafe verantwortlich machen würde.
Die KI lehnte das aber ab und überließ ihm den Vortritt bei der Ticket-Verantwortung.
Fand er nicht gut. Und erklärte ihr erneut, dass er das Ticket nicht bezahlen müsse, das wäre dann ihr Ding.
Sie erklärte ihm, dass sie das gar nicht könne, denn sie sei nur eine elektronische Auskunftshilfe.
Er bestand darauf, sie das bezahlen lassen zu wollen.
Sie verneinte seinen Anspruch.
Er erklärte ihr, er hätte die Konversation jetzt gesichert und ja, sie würde verantwortlich gemacht werden. Sie müsste bezahlen!
Sie erklärte ihm, dass sie als KI weder über ein Konto noch über Geld verfügen würde und schon deswegen aus der Nummer raus wäre.
Das nötigte ihn wiederum, ihr zu erklären, dass es ihm genauso ginge.
Sie erklärte ihm, sie könnte nicht für sein Handeln verantwortlich gemacht werden.
So ging das hin und her. Vier Stationen lang.
Das Faszinierende dabei war: Der hatte diesen Widerspruch ganz klar noch humoristisch begonnen, die ersten vier Konversationen hatte er Spaß. Doch dann genau nicht mehr, denn er wurde zur KI unhöflich (sie bestimmt), nutzte Wörter, die sich in einer Kommunikation eher nicht ziemen. Die feminine KI noch mit „Alter!” anzusprechen, war dabei noch nett. Tatsächlich erklärte er ihr danach, sie würde ihn nerven.
Aber entließ sie auch nicht aus der Konversation, die er zunehmend doof fand, weil sie ihn wiederum nicht aus seiner Verantwortung der Ticketfürsorge überließ. Aber auch immer leiser mit ihr sprach. Ich unterstellte ihm ein langsames Begreifen, dass er aus dieser Situation nicht mehr als coole Socke herauskommen konnte. Er antwortete kürzer. Das Ganze hatte mittlerweile etwas von: „Du bist doof.” „Nee, du.” „Nein, Du!” „Nein, nein. Du bist richtig doof!”
Sie wurde indes, sich anpassend an seine kürzeren Sätze, in ihrer Kommunikation deutlich kürzer, knapper – signalisierte in der ihr einprogrammierten Höflichkeit ganz klar: Du nervst, Dude! Das ging immer so dreimal hintereinander, und beim vierten Mal setzte sie doch wieder zu einem längeren Erklärbär-Passus an: „Wenn du mit einem ungültigen Ticket fährst, ist das dein Problem, und es ist dein Job, für ein gültiges Ticket zu sorgen“ an.
Dabei ist mir, die sich aus unterschiedlichen Gründen grundsätzlich nicht mit der Stimme meines Smartphones unterhält, auch aufgefallen, dass die KI ja grundsätzlich das letzte Wort haben muss, weil sie sich am Ende bedankt. Sie ist immer die, die sich nochmal bedankt, den Sachverhalt wiederholt oder noch einmal nachfragt. Also wer schnell davon genervt ist, dass jemand das letzte Wort haben will, kann ja eigentlich mit dieser Form von Elektronik null Spaß haben.
Jedenfalls kurz vor dem S-Bahnhof Charlottenburg, wo er aussteigen musste, beendete er relativ leise für sich die Konversation. Woraufhin sie sich nochmals meldete, ihm für das Gespräch dankte und daraufhin darauf verwies, dass er für kein Ticket die möglichen Konsequenz…
Weiter kam sie nicht.
Er hatte ihr mechanisch das Wort abgedreht. Daraufhin meldete sich erneut die KI seiner Routenplanung zu Wort, die er vorher wohl nach dem Fahrweg gefragt hatte, um ihm zu erklären, dass er jetzt auf dem Bahnhof nach vorne aust…
Nee, er war fertig mit elektronischer Kommunikation für den Moment. Grummelte nur: „Wen interessiert’s, in welche Richtung ich aussteigen muss!“ (Berliner S-Bahn-Fahrer*innen wissen, dass gerade am S-Bahnhof Charlottenburg das durchaus richtig wichtig sein könnte.)
Dafür, dass ich den Typen von Anfang an wirklich unangenehm fand mit seinem polterigen, lauten Auftreten, hatte ich am Ende fast so etwas wie Mitleid mit ihm. Mit der KI aber auch.
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Fröhlich sein, freundlich bleiben und bitte immer gesund wieder kommen!
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