Haifa
Haifa, das Drusen-Dorf Usifiya, dann über Nazareth in Richtung See Genezareth mit Bootsfahrt auf demselben. Der zweite Tag unserer Reise durch Israel gen Norden war ein kunterbunter Blumenstrauß in die israelische Kultur, Geschichte und vor allem der Einstieg in Pray, dem einen Teilmotto unserer Pressereise: Eat, Pray, Love!
Vor allem der religiöse Hintergrund Israels sollte uns von nun an ein stetiger und spannender Begleiter sein.
Zunächst aber führte unser Weg auf dem Highway nach Haifa. Im Speckgürtel von Tel Aviv wachsen entlang der Autobahn weiße, spannende Trabantenstädte. Am Anfang säumen die beeindruckenden Bauten der Universitäten des Landes unseren Weg und gehen in die Architekturen der Hightech-Industrien über.
Ein faszinierender Anblick, zumal die weiße Farbe der Hochhäuser sie im Sonnenschein erstaunlich edel strahlen lässt. Ich, für meinen Teil, hattee wirklich Spaß an dieser Autofahrt und fand meine architektonische Aussicht mindestens cool.
Mit der Bahn ist Haifa von Tel Aviv übrigens stündlich zu erreichen, die Fahrt dorthin dauert maximal eine Stunde.
Dagegen hält unsere Ankunft in Haifa einen geradezu bürgerlichen Gegenentwurf parat. HaMoshava HaGermanit – die Deutsche Kolonie – ist ein Stadtteil in Haifa, der Mitte des 19. Jahrhunderts von christlich-deutschen Templern am Fuße des Berg Karmel gegründet wurde. Was sie in weiteren Städten Israels wie Jaffa, Galiäa und Jerusalem auch taten – teilweise mit weniger historischem Überlebenswillen. Auf jeden Fall – Eat, Pray Love – hier wird Love zelebriert:
Hochmütig, wie wir Deutschen nun mal sind, glaubten die Gründungsväter dieser protestantischen Glaubensgemeinschaft aus Süddeutschland, dass ihr Leben im Heiligen Land die Wiedergeburt von Jesus Christus beschleunigen würde. (Nun ja … wenn die Schwaben mit der gleichen Überzeugung nach dem Mauerfall über Berlin eingefallen sind … ist ihre Erfolgsstatistik in beiden Fällen als wohl nur mäßig zu beschreiben.)
1893 weihten sie dort ein Gemeindezentrum mit Schulräumen ein, dem heutigen Haifa City Museum, ein Filmkunstmuseum – mit extra Abteilung für pornographische Kunst auf Zelluloid.
Die von Norden nach Süden verlaufende Hauptstraße Haifas, entlang der sich die Deutschen in den Seitenstraßen in 150 Häuser mit erstaunlich reicher Bausubstanz als Gartenstadt mit Einfamilienhäusern ansiedelten, beherbergte in ihrer Blütezeit ca. 750 Einwohner, die man durchaus als gebildete Elite bezeichnen darf. Der heutige Ben-Gurion-Boulevard verläuft vom Berg Karmel gerade hinunter zum Hafen.
Die Sichtachse hoch entlang des Berges auf die Pracht der Bahai-Gärten ist beeindruckend und zumindest in Richtung des Berges Karmel wunderschön! Einige der Häuser der deutschen Kolonie stehen immer noch, teilweise formidabel restauriert, und ja, heute wird auch hier der Duft der Gentrifizierung der Gegend überdeutlich wahrgenommen. Das exclusivere Gastronomieangebot, Kultur- und Nachtleben Haifas findet man dort.
Es mutet merkwürdig an. Da ist dieser Ort, von deutschen Zuwanderern geschaffen, heute im Namen im Land Israel eine Sehenswürdigkeit von Haifa, um nicht zu schreiben, eine der Sehenswürdigkeiten Haifas. Das mit unserer deutschen Geschichte? Tarsächlich begegne ich solchen Geschichten öfter auf dieser Reise. Eine Handreichung jüdischer Israelis uns Deutschen gegenüber. Also: Love. Mindestens: Menschlichkeit. Es macht mir den zunehmenden, unertäglichen Antisemitismus in meinem Heimatland noch unerträglicher.
Denn … in den Jahren der Machtübernahme der Nazis in Deutschland war ein nicht unerheblicher Teil der in Palästina lebenden deutschen Kolonisten Mitglied der NSDAP. So wehten such hier, in den Jahren bis und die ersten Jahre nach der Machtergreifung Hitlers, die Fahnen des nationalsozialistischen deutschen Schande an den Häusern. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, nahmen die britischen Alliierten die Kolonisten mit deutscher Staatsangehörigkeit gefangen und brachten sie bis zu ihrer Deportation nach Australien – zusammen mit deren Sympathisanten aus Italien und Ungarn – in Internierungslagern unter. Lediglich ein kleiner dreistelliger Teil von ihnen, denen man so gar keine Sympathien für das Dritte Reich nachweisen konnte, durfte im Land bleiben.
Eine tolle Vegetation findet man hier im Stadtbild.
Zumal es auf Chanukka und Weihnachten zuging, Haifa hatte sich schon in formidable Feststimmungen geschmückt.
Visuell omnipräsente architektonische Krönung der Bahá’í-Gärten – und somit auch ein besonderes Kulturgut Haifas – ist das weiß leuchtende Mausoleum mit der goldenen Kuppel: der Schrein des Bab(ismus). Bahá’u’lláh.
Basierend auf dem Entwurf des kanadischen Architekten William Maxwell, ausgeführt von dem persönlichen Assistenten Effendis, dem Sizilianer Ugo Giacheriy, der kostbare Baumaterialien wie Chiampo-Marmor und Baveno-Granit aus ganz Europa hier verbauen ließ. Die Kuppel besteht z. B. aus 12.000 vergoldete, feuerglasierte Ziegeln aus den Niederlanden.
Zu Lebzeiten hatte sich der Begründer der Baháʾí, Seyyed ʿAli Muhammad Schirazis, an diesem Berg seine Grabstätte gewünscht. 1850 hingerichtet, mussten seine sterblichen Überreste bis 1909 warten, um dort in einem ersten einfachen Bau zur Ruhe gebettet zu werden. Diesen hatte sein Sohn Abdul-Bahāʾ errichtet. Der stilvolle, dennoch auch pompöse Bau, der heute die Besucher so beeindruckt, wurde aufgrund der gesamtpolitischen Turbulenzen erst 1949 bis 1953 gebaut. Sechs Kammern enthält das Mausoleum, die allerdings nicht besucht werden können. Besucht und gebetet werden kann man in einem vorgelagerten Raum. Der Schrein gilt heute als das geistige Zentrum der Bahai und als ihre Pilgerstätte.
Die wunderschöne Gartenanlage ist dem Enkel und religiösen Nachfolger des Bab Shoghi Effendi zu verdanken. Das heute als orientalisches Pilgerhospiz bezeichnete frühere Gartenhäuschen, war sein bevorzugter Aufenthaltsort. 100 Meter südöstlich vom Schrein stehend, gestaltete er von hier aus die Gärten nach historischen Vorbildern mit 18 Gartenterrassen.
Davon sind je neun oberhalb und unterhalb des Schreins angelegt. Sie erstrecken sich über eine Kilometerlänge und sind voller Symmetrien mit Zypressen und Orangenbäumen gepflanzt – an die heimatliche Vegetation der Familie erinnernd. Zudem stattete er die Gärten kunstvoll mit Skulpturen, Vasen und Tiermotiven aus.
Uns blieb leider – aber immerhin doch – der Blick auf die Gärten von unten und nach einer kurzen Autofahrt der Blick von einem oberen Standpunkt auf die beeindruckende Anlage. Man kann dort tolle Haifa-Wimmelbilder machen:
Somit steht „einmal die Gärten von Haifa zu Fuß entdecken“ auf meiner persönlichen To-do-Liste. Die Aussicht aber von oben auf das gesamte Haifa, wie sich die Stadt entlang der Bucht mit dem großen Hafen am östlichen Mittelmeer schmiegt, ist faszinierend. In dem Hafen Haifas werden immerhin 65 % des israelischen Containerumschlags abgewickelt. Haifa verfügt auch über hübsche Strände. Kurz: Das bisschen, was ich von dieser Stadt sehen durfte, macht auf jeden Fall Lust auf sehr viel mehr Haifa!
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