2024-07-04

Mit dem Rad entlang des Sile bis nach Jesolo

Von Treviso hatte ich euch schon vorgeschwärmt. Wer gerne Rad fährt oder wandert, der wird in Venetiens Marca Trevigiana traumhaft schöne Touren machen können in einer flachen, dennoch abwechslungsreichen schönen Landschaft, die den Augen viel Weite gönnt!

Woher ich das weiß? Tsja. Tatsächlich wurde ich gar nicht nach Treviso eingeladen, um Tiramisù zu verkosten oder in traumhaften Castelli zu schlafen. Ich wurde eingeladen, um Fahrrad zu fahren. Genauer, ich sollte hier die Erfahrungg machen mit dem neuen Angebot von Treviso.bike „Bike & Boat” – wir wollten vom Castello auf ein Hausboot wechseln. Der Plan war zwei Nächte auf dem Boot zu schlafen und mit diesem die pittoresken Inseln in Venedigs Lagunen anzusteuern und sie dort mittels Rad zu erleben. Der Plan war klasse, das extreme Regenwetter der vorangegangenen Woche indes nicht.

Die Lagunen waren durch die aufgestellten Schutzwälle vom Hochwasser geschützt – kein Durchkommen mit dem Boot. Also sind wir Strecken gefahren, die befahrbar waren – und haben uns trotzdem köstlich amüsiert, hatten Spaß und sind mit wunderschönen Momenten in der Natur belohnt worden!

Treviso.bike

Treviso.bike ist ein Bike Store in Treviso, der sich als Full-Service-Spot rund um das Fahrrad sieht in Treviso. Vier gestandene Männer haben ihre früheren Jobs u.a. im sozialen Management oder als Architekt an den Nagel gehängt und ihre eigene Leidenschaft, das Radfahren, zum Beruf gemacht. Die Jungs kennen nur einen Gott – und der heißt Fahrrad!
Giovanni, Andrea, Riccardo, Filippo und noch einmal Andrea erfüllen ihren Kunden jeden Radwunsch und verkaufen in ihrem extrem nett designten Shop, Fahrräder in der Preisklasse von 1.000-11.000 Euro. Der Shop liegt übrigens keine 100 Meter vom Sile entfernt, hat im Prinzip eine eigene Bootsanlegestelle – und bietet sofortigen Zugang in die reichhaltige Natur.
Nebenbei vermieten sie Fahrräder an Touristen. Filippo repariert zusammen mit Andrea in der peinlichst sauber geführten (so etwas habe ich noch nicht gesehen!) Werkstatt alles, was zwei Räder hat. Wirklich, in dieser Werkstatt kann man vom Boden essen!
Sie organisieren Verkehrserziehungs- und Reparaturkurse für Schulkinder, machen mit ihnen Radtouren. Sie begleiten Radtouren, entwickeln individuellen Touren je nach Kunden-Gusto und -Fitness und bieten einen Abholservice an. Das alles mit einer unglaublichen Freude, Begeisterung und Professionalität.

Und sie leben ihren sozialen Anspruch. Wenn man sieht, wie sie alle mit Freude mit ihrem Kollegen Andrea umgehen, den sie aus einer Behinderteneinrichtung abgeworben haben und wie sie von ihm sprechen – ihm übrigens „Boss of it all” auf die Visitenkarte gedruckt haben – sich einfach darüber freuen, ihn in ihrem Team zu haben, mein Herz hat's berührt. Auch die Hingabe, mit der sie Kinder in respektabler Gruppengröße in allem rund um das Fahrrad schulen und auch Touren mit ihnen fahren, es beeindruckt. Sie sind mit Freude sozial aktiv und leben es motivierend vor. Ich mag die! Im Foto übrigens Andrea oder Andreone „The Boss”, Giovanni, ich, Riccardo und – whatelse? – ‘nen Bike.
Unser erstes Date mit Tourguide Riccardo war ein Online-Date. Früh wurde eine WhatsApp-Gruppe eingerichtet, Riccardo erkundigte sich nach unseren persönliche Radvorlieben und Fitnessstand, um uns die besten Bikes für unsere längeren Touren zu empfehlen. Jorge, der seit Jahren erst Mountain-Bike-Rennen und nun Gravel-Bike-Rennen fährt, bekam sein Gravelbike umgebaut für seine professionelleren Ansprüche. Hester und mir hatte Riccardo e-Bikes empfohlen; wir hatten nichts dagegen einzuwenden.

Mieten kann man bei Treviso.bike alles, was man sich für seine Touren persönlich wünscht: Mountainbike, Tourenrad, e-Bike, Gravelbike – für Familien gibt es natürlich auch Lastenräder für die Kinder (oder Hundebesitzer) und für die Kids, die selber fahren können, natürlich auch kleinere Fahrradmodelle. Solange es ums Fahrrad geht, erfüll dir Treviso.bike jeden Wunsch!

Let’s get the Party startet!

Tag 1. Riccardo fährt mit dem großen Treviso-Van im Castello di Roncade vor und sammelt uns gutgelaunt ein, damit wir den Shop kennenlernen und unsere Räder in Empfang nehmen können. Als Erstes werden wir im Shop zum Caffè eingeladen (Dankeschön @Andrea!), dürfen unsere gesattelten neuwertigen Ponys bewundern, auf unsere Größe einrichten. Wir bekommen Helm, Radtasche und Wasserflasche – Ricardo erklärt uns die Tour. Und ab geht der Spaß.

Dabei begreifen sich die Jungs wirklich als extrem gute Gastgeber. Auch wenn die Tour nicht von ihnen persönlich begleitet wird, man erhält von ihnen grandiose Tipps zu Sehenswürdigkeiten, Food-Stops, ob Agriturismo oder Gelateria. Und sie sind extrem professionell organisiert. Panne unterwegs? Anruf, einer wird kommen. Ihre Touren sind in Komoot eingepflegt, alternativ haben sie Tourenflyer. Der Wohlfühlfaktor hier ist groß, die lieben einfach so sehr, was sie tun.
Wir, das sind Hester aus den Niederlanden und Jorge aus Spanien (hier nach den ersten 20 Kilometern im Schatten), fahren kleine Testrunden mit den Bikes auf dem großen Parkplatz neben dem Laden. Vor dem Shop links abgebogen, fahren wir direkt auf den Sile zu. Unsere erste Tour von den drei geplanten Tagestouren führt von Treviso nach Jesolo an den Strand. Die Strecke verläuft flach ohne nennenswerte Steigungen; sie ist ca. 63 Kilometer lang und in fünf Stunden zu schaffen. Pausen, Genussmomente und ständige „Fotostopp!“-Zwischenrufe nicht eingerechnet.

Riccardo von Treviso Bike begleitet uns mit seiner personifizierten guten Laune auf zwei Beinen bzw. Rädern. Er erklärt uns die Umgebung, löst kleine Pannen und serviert uns eine schöne Aussicht nach der anderen. Er bringt uns in das perfekte Lokal, wo wir ein fantastisches ursprüngliches Mittagessen serviert bekommen – und eine kleine Siesta in den Liegestühlen im Garten halten dürfen.
Tatsächlich verläuft unsere Tour etwas länger. Knappe 70 Kilometer fahren wir am ersten Tag, denn aufgrund der Regenfälle in der Vorwoche sind noch nicht alle Wege wieder passierbar. Daher müssen wir einen Bereich komplett auf der Straße umfahren, weil dieser noch gesperrt ist.

Hier liegt Venedigs Historie vor Anker: Cimitero dei Burci

Den ersten Höhepunkt haben wir knapp vier Kilometer hinter dem Shop. Im kleinen Vorort Silea wartet der Cimitero dei Burci. Auf dem Sile wurden früher die abgeholzten Baumstämme auf großen Holzkähnen, Burci, nach Venedig transportiert. Stämme, aus denen die Pfähle gearbeitet wurden, auf denen heute Venedig immer noch steht. Erst als der Transport über die Straße mit Motorkraft einfacher und schneller vonstattenging, stellte man den Wassertransport ein.

Wir befinden uns hier im Naturpark des Sile (Parco Naturale Regionale del Fume Sile) und müssen über eine kurze Strecke mit Holzbohlen die Räder schieben. Dafür erleben wir hier echte Historie Venedigs – den Friedhof der Burci. Auf dem Gelände eines ehemaligen Steinbruchs, heute geflutet, wurden von 1968 bis 1975 insgesamt 13 dieser traditionellen Transportboote aufgegeben und den Gezeiten überlassen. Von ihnen sind heute noch neun Boote vorhanden – Mitte der 90er Jahre sind vier Boote verschwunden. Niemand weiß, wohin.
Nicht weit von der Stadt befinden wir uns in einer völligen Stille und blicken auf den Untergang einer Geschichte, die schon im 13. Jahrhundert begonnen hatte. Die Boote sind – aufgrund des Unwetters in der Vorwoche –, als wir vor ihnen stehen, beinahe komplett vom Wasser bedeckt. Alles ist friedlich, Schwäne schwimmen im Wasser bzw. brüten, Schildkröten liegen auf der aus dem Wasser schauenden Bootreling und sonnen sich. Hierher möchte ich zu gerne noch einmal im Herbst kommen. Wenn der Sommer den Wasserstand des Sile verringert haben wird, das kann man auf den Fotos im Internet sehen, ragen die Boote beinahe komplett aus dem Wasser. Zusammen mit etwas Herbstnebel muss ihr Anblick in dieser reichhaltigen Natur mit den Tieren und der besonderen Stimmung grandios sein.

Ich, die ich eh so ein Ding mit Schiffswracks am Laufen habe, bin hin und weg von diesem Ort!

Friedlicher Sile, friedliche Strecke

Tatsächlich erleben wir, wie die italienische Polizei auf dem Weg die Absperrungen aufhebt und die Bänder entfernt. Wir haben doch etwas Glück mit unserer Tour. Zwei Tage früher hätten wir diese Strecke größtenteils wohl auch nicht fahren können. Auf der Höhe von Casier überqueren wir den still fließenden grün leuchtenden Sile (was wir auf der Strecke immer wieder tun werden) und reisen nun auf der anderen Uferseite entlang.
Die uns begleitenden Reisfelder haben natürlich nasse Böden, auf Brachen leuchten Kolonien von rotem Klatschmohn.
Auf der gegenüberliegenden Seite von Casier ist ein malerischer Fotostopp fällig. Immer wieder sehen wir hübsche historische Villen an den Ufern des Sile, da und dort verlassene Fabriken. „Lost Places”-Fans sind auf der Strecke gut bedient. Und was ich auch immer wieder spannend finde, sind die industriellen Brüche in der Landschaft. Es gibt definitiv viel zu sehen!
Es folgen kleine charmante Ortschaften wie Casale sul Sile und Musestre
wirkt sehr charmant mit der kleinen Kirche und dem Turmspeicher. Quarto d’Altino und Portegrandi – jetzt kommen wir in die Gegend der Lagunen und die Landschaft ändert sich langsam. Zwischendurch mussten wir die üblichen Strecken mit ca. sechs Kilometern Umweg fahren. Die zogen sich etwas, wir rollten aber auf perfekter Straßenqualität mit erstaunlich wenig Autoverkehr. Dafür begleiteten uns Weinreben, Reis- und Getreidefelder im frischen Grün des Frühlings. Wunderschön!


Il Pranzo in der Osteria Alle Vigne Ca Tron di Roncade

Mittagessen gibt es in der Osteria Alle Vigne Ca Tron di Roncade. In dem für uns von Riccardo ausgesuchten Restaurant, gibt es eine authentische venezianische Küche zu mehr als akzeptablen Preisen, einen sehr schnellen und freundlichen Service. Riccardo musste uns ein wenig drängen, denn wie so oft auf dem Land, wird hier das Essen bis zu einer bestimmten Uhrzeit nur serviert – danach ist bis zum Abendessen auch dieses Restaurant erst einmal geschlossen.
Die Mittagskarte bietet pro Gang vier Gerichte zur Auswahl. Wir genießen Mozzarella Caprese, ich ein feines Rinder-Carpaccio und Penne all’Arrabbiata, einen sehr guten Hauswein. Ich konnte hier meine allerersten Trippa alla parmigiana essen.
Endlich fand ich sie auf einer Karte. Riccardo orderte eine kleine Portion für mich zum Probieren. Denn ich traute mich nicht, sie als meinen Hauptgang zu bestellen. Das war eine weise Entscheidung; die Jungs, die Trippa schon kannten, bezeichneten sie als sehr gut. Ich fand sie geschmacklich schon sehr nahe am … Stall. Noch einmal würde sie wohl eher nicht bestellen (probieren aber immer wieder.) Für Kinder gibt es hier einen Spielplatz im Garten. Für uns standen einige Liegestühle draußen bereit für eine kurze Siesta.

In den Lagunen von Venedig

Ab Caposile beginnt die Lagunenlandschaft Venedigs. Jesolo, wo der Sile in die Adria mündet, ist nun nicht mehr weit. Wir bestaunen die „Ponte di barche a Caposile sul fiume Sile.”
Eine Stahlbrücke, die auf flachen Metallbooten (Barken) ruht. In der Saison sitzt übrigens jemand in einem Wärterhäuschen und man entkommt dann dem „Don’t pay the ferryman!” nicht. Einen Euro kostet die Überfahrt für Autos.

Kurz vor Jesolo erblicken wir die ersten Bilance da pesca, die hier sogenannten Fischerwaagen, Fischerhäuschen, von denen aus die Besitzer die Reusen an hohen Holzstativen ins Wasser lassen, um Fisch zu fangen. Diese hübschen Häuser findet man überall entlang der Adriaküste. Im Süden Italiens kenne ich sie als Trabucco, das Letzte von ihnen steht dort wohl in Barletta. Ihr Charme ist unbeschreiblich. Ihre Sinnhaftigkeit unbestechlich. Noch sind wir am Ufer des Sile – aber jetzt schnuppern wir auch etwas Meeresluft. Wir fahren auf einer wunderschönen ruhigen Strecke mit seltenem Autoverkehr, der Besitzer der Bilance da pesca, die hier nur fahren dürfen.
Links der Fluss, rechts viel Grün. Die Räder rollen auf befestigtem Schotterboden, dem aber der Regen beeindruckende Schlaglöcher verpasst hat. Diese Strecke ist wunderschön – aber verlangt unbedingte Aufmerksamkeit für den Untergrund ab. Und gutes Radmaterial.

Lido di Jesolo und Lio Piccolo

Am Strand von Jesolo begrüßt uns dessen Leuchtturm – und die ruhige Adria sagt auch „Hallo!” Wenn am Ende einer Tour, mit was auch immer, „il Mare” steht – ist es dann nicht auch die schönste Belohnung vor dem Meer zu stehen?
Mit dem Umweg sind wir 67 Kilometer gefahren, das ist eine ordentliche Strecke. Ich glaube, nach einer längeren Pause am Strand und einem Getränk hätte ich zehn Kilometer noch gut durchgehalten. 20 Kilometer … da hätte ich etwas gelitten. Unsere echten Radprofis, Riccardo und Jorge ziehen durch, lassen uns zurück und fahren noch durch die Lagune, eine wunderschöne Strecke bis nach Lio Piccolo.
Hester und ich indes genießen einfach den Strand von Jesolo, der jetzt am frühen Abend fast leer ist. Wir gucken den Wellen zu und lassen Beine und Seele baumeln und sind einfach glücklich mit diesem Tag, der traumhaften schönen Tour und den vielen wundervollen Eindrücken! Später sammelt uns Giovanni mit dem Treviso Bike-Van und Trailer ein. Das ist auch deren Service auf Wunsch – am Abend gewisse Streckenpunkte abzufahren und die Kunden, deren Räder wieder einzusammeln. Die Räder sind schnell aufgeladen und gesichert und wir fahren den Jungs hinterher nach Lio Piccolo.
Lio Piccolo, ein sehr kleines Dorf mit vielleicht zwanzig Einwohnern und einer Kirche Santa Maria della Neve, gebaut 1791, liegt inmitten der Lagunen von Cavallino-Treporti und bezaubert am Abend mit seiner Stille und einem Blick auf die Vogelvielfalt, die sich hier zum gemeinsamen Abendessen zusammen findet. In der Römerzeit soll sich hier ein wichtiger Handelsposten befunden haben, wie Reste von Handelshäusern beweisen. Heute verhandeln hier weiße Flamingos, Kormorane, Stelzenläufer, Klatschvogel, Seeschwalben, Seeschwalben, Stockenten und Reiher unterschiedlicher Couleur und Größen im abendlichen Sonnenschein um die Fischbestände. Ein guter Ort! Wahnsinnig gerne wäre ich hier einmal mit dem Kajak unterwegs.
Das ist wirklich eine großartige Tour. Ich würde sie vermutlich mit etwas mehr Zeit und Muße auf zwei, drei Tage strecken, mit Übernachtungen auf der Strecke, um die Sehenswürdigkeiten in den kleinen Ortschaften, die wir durchfahren haben (bzw. haben rechts liegen lassen) zu besuchen. Da kann etwas mehr Zeit die Eindrücke intensivieren. Und: Auch wer nicht im Fahrradtraining ist, kann dann mit einem normalen Tourenbike entspannt die Strecke bewältigen. So oder so – ist die Landschaft traumhaft schön – und ihr intensives Erleben auf dem Fahrrad ist sie mehr als wert.


Treviso.bike
Stradella Interna A, 8a
31100 Treviso – Italien
phone: +39 0422 1783822
mail: rent@treviso.bike

Osteria Alle Vigne Ca Tron di Roncade
Via Nuova, 64, , Italien
31056 Ca' Tron di Roncade – Italien
phone: +39 392 248 4369

2024-07-02

Gerne gelesen: Das Gemüsekisten Kochbuch

Das Gemüsekisten Kochbuch (saisonal kochen das ganze Jahr) von Stefanie Hiekmann (DK Verlag Dorling Kindersley) ist für mich jetzt schon mein Lieblingskochbuch des Jahres! Ein grandioses Konzept-Kochbuch mit feinen Rezepten, das in meine Küche frischen Wind gebracht hat!

Zugegeben: Ich selber beziehe keine Gemüsekiste. Mit mittlerweile fünf Bio-Supermärkten in fußläufiger Umgebung, davon einem, der nur regionale Obst- und Gemüsesorten anbietet und auch als für eine Person kochend, erschien für mich das Gemüsekisten-Konzept nicht sinnvoll. Für mich. Für alle anderen auf jeden Fall sehr!

Aber ich kenne durchaus die verzweifelten Tweets oder Tröts in den sozialen Netzwerken, in denen Gemüsekistenbezieher nach der fünften Lieferung Rosenkohl in Folge, die Timeline um neue Rezeptideen anbetteln. Nichts ist online so sicher, wie die Verzweiflung von Gartenbesitzer*innen während der Zucchini-Ernte ab Juni. Die Antworten lesen sich immer sehr spannend – manch geniales Rezept wird offeriert, das mich dann veranlasst hatte, das Gemüse zu kaufen. Aber … Gemüsekisten können im dritten Zucchini-Monat irgendwann eine Herausforderung sein!
Stefanie Hiekmann ist Food-Journalistin und -Fotografin, schreibt für den Feinschmecker und das FAZ-Magazin, visuell kennen wir sie als Jurorin aus der (leider nicht mehr produzierten) ZDF-Sendung Stadt Land Lecker. Das Gemüsekisten Kochbuch ist ihr viertes Kochbuch, das Fünfte rechnet man noch eines hinzu, das sie als Ghostwriterin für eine prominente Dame geschrieben hat.

Auch wenn es Gemüsekisten Kochbuch heißt. Hiekmann ist da nicht doktrinär. Hier und dort legt sich auch ein Stück Hähnchen oder Kabeljau auf die von oben, meist in der Totalen, fotografierten Teller. Und dass sich in den Rezepten auch Gemüse finden, die in Deutschland nicht unbedingt in den regionalen Gemüsekisten sich finden lassen, auch das passiert. Warum auch nicht? Längst haben auch internationale Gemüsestände auf heimischen Märkten Einzug gefunden. Insofern hilft dieses Buch auch dabei, zu erfahren, dass man aus dem passiven Modus „Ich sehe das immer am Marktstand – was ist das eigentlich? Was mache ich damit?” in die Aktion gehen kann. Herrlich!
Stefanie Hiekmann will ihre Leser*innen nicht überfordern. So hat sie sich für jeden Monat lediglich fünf Gemüsesorten aus der Saison herausgegriffen. Die Flexibilität ist in den Rezepten gegeben, denn kein Gemüse gibt es nur einen einzigen Monat lang. Auch Spargel hält länger durch. Den Saisonalen-Kalender hat sie zwischen Gemüse, Obst, Salate und Kräuter praktisch aufgeteilt. Sie bezieht sie dabei auf die echte Saison in deutschen Gärten – wie Gemüsekisten sie nur anbieten können.
Wer will, kann natürlich jederzeit Rezepte auch mit Produkten zubereiten, die außerhalb der Saison aus Gewächshäusern stammen und anderen Ländern. Keep ist simple: Lediglich fünf Gewürze benennt sie als must have: Ras el Hanout, Kreuzkümmel, Curry, Baharat und geräuchertes Paprikapulver – und schreibt auch gleich die Gemüse hinzu, für die sich die Aromen am besten eignen. Salz und Pfeffer hat man eh im Haus. Die eine und andere Zutat ebenfalls, z. B. Sojasauce, Ahornsirup und Balsamico. Sie schleichten sich in den Kapiteln wie von selbst ein.

Vor diesem Kochbuch müssen auch Kochanfänger genau gar keine Angst haben! Die meisten Rezepte sind wirklich sehr einfach, einige vielleicht herausfordernder – aber da tasten sich auch Kochlehrlinge dann heran. Und sie sind durchaus auch spannend international.

Zwischendurch bereichern kleine Features wie »Mit Toppings durchs Jahr«, z  B. Panko-Crunch oder Gewürznüsse, feine kleine Begleiter eines Gerichts, die man, einmal gemacht, auch in Gläsern etwas vorhalten kann für andere Rezepte. Hier hat jemand einfach sehr viel Spaß an dem, was sie tut!
Simple Ideen werten alte Rezepte auf. Bulgur z. B. bringt Stefanie Hiekmann mit einem Pesto einfach in kräftigem Grün auf den Tisch; erklärt, wie man aus Wurzeln der Gemüserest selber ein Gemüse neu ziehen kann. Es sind diese kleinen liebevollen Ideen, die in dem Buch viel Spaß machen! Und von denen auch erfahrene Köch*innen lernen können.
Zu jedem Rezept gibt es zum Abschluss eine »Tausch mal«-Empfehlung. wie es passt, immer aus der gleichen Saison vorgeschlagen. Also kann man beim Lieblingsgericht die Austernpilze weglassen, stattdessen auf Paprikastreifen zurückgreifen – wer für den Austernpilz Döner mit würziger Kebab-Marinade (eines meiner Lieblingsrezepte) als Pilzhasser die Alternative braucht. Spargel kann Rhabarber ersetzen, Fenchel den grünen Spargel – das macht die im Buch enthaltenen Rezepte unendlich groß in ihrer Vielfalt. Und selber muss man nicht kreativ sein!
Das sind dann ihre Rezepte sowieso. Hier und begegnen die Gemüse sehr traditionell in den Rezepten, Grünkohl mit allem drum und dann, oft machen sie aber auch einen Ausflug in anderen Länder, z. B. der Ofen-Rosenkohl mit Cranberrys und Feta. Und richtig gute Ideen, wie man tierische Produkte perfekt durch Gemüse ersetzt, finden Leser*innen auch. Ich mochte das Stiele als eingeschnittene Jakobsmuscheln – hier aber aus Kräutersaitlingen – präsentieren sehr.

Ein Buch, das ich nicht mehr hergeben möchte!

„Das Gemüsekisten Kochbuch”
Autorinnen: Stefanie Hiekmann
Verlag: DK Verlag
ISBN: 978-3-8310-4853-3

2024-07-01

Was mich wirklich umtreibt …

… in Anbetracht dieser vom Wähler forcierten politischen Entwicklungen. Als ich – ja, im vergangenen Jahrhundert, ich weiß – zur Schule gegangen bin, Grundschule, Gymnasium, später auch in der Ausbildung – es wurde nie, zu keiner Zeit je einen Zweifel daran gelassen, dass man Faschisten nicht wählt. Dass Rechtsextremismus das schlimmste Übel ist, dass es gibt auf dieser Welt. Dass – bei uns hieß die AfD noch NPD – man sich dieser Partei einfach nicht nähert, geschweige denn sie wählt.

Da gab es im Schulunterricht keinen Millimeter nach rechts, eine ganz klare Positionierung seitens der Lehrer. Und selbst die, also die alten Herren auf dem Gymnasium, die noch recht zweifelhafte Unterrichtsmethoden an den Tag legten, und denen man hinsichtlich ihrer privaten politischen Gesinnung durchaus etwas anderes unterstellen konnte, haben keinen Zweifel daran gelassen, dass man nicht rechts wählt. Also diesen Schritt politisch einfach nicht geht.

Natürlich hatten auch wir damals so ein paar Idioten, übrigens meist männliche Rich-Kids, die von Bruderschaften träumten – weil auch der Papa in einer war – die es schick fanden, mit den Inhalten der NPD zu sympathisieren. Die wurden aber relativ strikt von der Schülergemeinschaft ausgeschlossen. Das war ein NoGo. Und wer das nicht als solches beachten wollte, der war ziemlich flink unten durch bei uns.

Was in den Familien passiert, darauf hat man keinen Einfluss, geht einen im Grunde auch nichts an. Aber wie kann es sein, dass offensichtlich der Schulbetrieb in dieser Zeit so sehr versagt? Wie kann es sein, dass gerade Wähler – die noch nie gewählt haben – „Protest” wählen – oder aus echter Überzeugung rechts wählen?

Ist das wirklich nur der permanente Stundenausfall? Wie wird in unserem Land politische Schulbildung betrieben? Guckt da noch jemand hin? Reagiert noch jemand? Ist da überhaupt noch jemand am Leben?

Ich weiß, wir haben verdammt gute Lehrer in diesem Land, die für die guten demokratischen Ziele im Unterricht stehen? Wie sehr muss die Politik, die im Regen stehen gelassen haben, dass sie offensichtlich nichts Gutes bewirken können?

(Wobei man natürlich die Frage stellen kann, wie demokratisch Menschen empfinden können, die jedes Jahr ausgeblutet werden, um im Sommer grundsätzlich sechs Wochen in die Arbeitslosigkeit geschickt werden?)

Ich habe mittlerweile richtig große Angst.

2024-06-30

Köstliches Mattinata, Teil 1

Mein Aufenthalt in Mattinata war ein wenig wie Urlaub machen, denn auch zwei wundervolle Food-Events haben mein Herz höher schlagen lassen. Ein langgehegter Wunsch wurde mir erfüllt, endlich durfte ich bei der Mozzarella-Produktion dabei sein!

Gracia und Rafaele Devida, Mutter und Sohn, halten in ihrer Azienda Agricula Caseificio de Vita nicht nur selber Ziegen, Kühe und Büffel, sie führen auch eine Käserei mitten in Mattinata. Hier wird im Hinterzimmer die Milch der eigenen Tiere verarbeitet, um direkt im Vorraum als frischer Ricotta und Mozzarella verkauft zu werden.

Und Matteo Granatiero hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Er bietet Verkostungen von Olivenöl und Weinen an, die in der Region produziert werden. Dies hier war nun wirklich nicht meine erste professionelle Olivenöl-Verkostung – dafür die, die am interessantesten aufbereitet worden ist. Und, ganz nebenbei, auch die in der schönsten Umgebung!


Landwirtschaft im Gargano

Im Gargano wird wie überall in Apulien viel Vieh- und Landwirtschaft betrieben. Das Mikroklima ist hierfür natürlich ideal, wenn auch der Boden und die Sommerhitze den Produzenten ein Leben mit sehr harter Arbeit abringen. Die Landschaft ist übersät mit den klaren Linien der Olivenbaumreihen. Und, wie neulich schon erwähnt, gelegentlich begegnen sie einem in der Landschaft an Orten, wo jeder mit einem Hauch Sicherheitsbedürfnis nie welche gepflanzt hätte.

Und sind es nicht die Alberi di ulivi, dann ordnen sich die Weinstöcke ordentlich ins landschaftliche Bild ein. Nero di Troia, Bombino Bianco oder Bombino Nero – so heißen die autochthonen Reben, die hier köstliche Weine in die Gläser bringen. Als Rosé ausgebaut, ein fantastischer Sommerwein in traumhaften Farbtönen, der eher mit erstaunlicher Tiefe, anstatt Leichtigkeit erfreut. Und einer der wenigen Rosado, der Kirchenfenster ins Glas malt! Selbstverständlich werden auch im Terre del Gargano die Weine Apuliens überhaupt angebaut: Primitivo und Negroamaro.


Alles Käse – Azienda Agricula Caseificio de Vita

Letzter Tag, am frühen Nachmittag droht unsere Abreise. Leider. Wir fahren noch einmal von unserer schönen Unterkunft, Residence Il Porto, hinein in die Stadt Mattinata. Gracia und Rafaele Devida haben bereits einen halben Arbeitstag hinter sich – obwohl es noch früh am Tag ist. Die beiden haben mindestens ihre Ziegen und Kühe gefüttert und gemolken.
Deren Milch steht in den riesengroßen Kübeln auf offenen Gasflammen auf dem Boden, wo sie auf Temperatur gebracht werden. Auch das Wasser, in dem der vorbereitete Käsebruch zu saftigem Mozzarella gezogen wird, ist vorbereitet.
Rafaele hat in der kleinen Käserei schon als Kind seinen Eltern beim Käsen zugesehen. Jetzt führt der junge Mann den Laden gemeinsam mit seiner Mutter. Und den landwirtschaftlichen Betrieb, denn die Milch kommt von den eigenen Ziegen, Büffeln bzw. Kühen.
Die Azienda Agricula Caseificio de Vita hat auch außerhalb von Mattinata einen sehr guten Ruf. Wie und was sie produzieren, stellen sie unter den Richtlinien der „Slow Food”-Bewegung her. Beide sind wieder so unglaublich freundlich, wie die Menschen in Apulien sind, und teilen ihre Kunst des Käsens mit uns. Und später, liebenswerterweise, auch ihren Käse.

Mozzarella, Ricotta, Stracciatella, Caciocavallo, Scarmozza, Cacioricotta … die Käsetheke im kleinen Verkaufsraum, durch eine Glasfront von der Produktion getrennt, ist voller Köstlichkeiten.

Ich bin in meinem kleinen Foodiekosmos wie im Himmel! Draußen ist ein wunderschöner und sehr warmer Frühlingstag. Drinnen brennen drei große Gasflammen und machen die Hitze beinahe unerträglich. Wie muss es erst im Hochsommer sein? Mich faszinieren Menschen, die dieses Handwerk ausüben – denn es ist nicht nur die täglich harte Arbeit. Es sind doch auch die Umstände, in denen die Menschen diese Produkte für uns alle schaffen. Es gebietet großen Respekt.

Etwas streng riecht es nach dem Käse, einige von uns fliehen immer wieder nach draußen in die Sonne, während ich gar nicht genug bekommen kann, Davide dabei zuzusehen, wie er die erwärmte Molke – aus der zuvor der Bruch für den Mozzarella hergestellt wurde – für den Cacioricotta mit pflanzlichem Lab abbindet und später in die Behälter abschöpft.
Cacioricotta wird vor allem in Süditalien noch jung – nach einer Reifezeit von zwei Monaten – gerne als Tischkäse serviert. Zwei Jahre gereift, ist er sehr würzig und wird in Apulien, im Latinum oder Kalabrien gerne für alles verwendet, wofür man in Norditalien einen Parmigiano vorzieht.
Für unsere Kameras zelebriert Rafaele seine Arbeitsschritte mit geduldiger Hingabe. Ein Arbeitsprozess, den er sonst in wenigen Minuten abgehandelt hat, wird so eine Aufgabe für fast eine halbe Stunde.
Pasta Filata, gesponnener Teig bzw. Käsebruch, so bezeichnet man den Prozess der Mozzarella-Produktion. Hierfür wird der Käsebruch, der in der Molke einige Stunden reifen durfte, für den Mozzarella mit heißem Wasser (95 Grad Celsius) übergossen und zu einer zusammenhängenden Masse mit einem langen Holzstab geformt.
Danach wird gezogen, und – mozzàre – abgeschnitten. Traditionell wird mit den Händen ein Stück Käse von der Masse abgetrennt und geformt – zu kleinen und großen Kugeln.
Das Tempo, mit dem Rafaele den Käse abtrennt und ihn zu pituresken Nodini flechtet, der zu einem oder mehreren Knoten geformte Mozzarella, ist beeindruckend!
Und während wir dem Prozess beiwohnen, serviert uns Gracia Devida kontinuierlich und sehr großzügig ihre Käsesorten. Wir probieren den frischen süßlichen Ricotta,
gereift als würzigen Cacioricotta, wir dürfen den sehr frischen Mozzarella kosten – und natürlich auch die fantastische Stracciatella, die hier auch produziert wird.

Eine leckere Freude! (Nicht weit von dem Käseladen führt die Familie natürlich auch noch eine Fleischerei in Mattinata.)

Olivenöl-Verkostung mit Matteo Granatiero in der La Vineria

Wir laufen noch etwas durch Mattinata und finden uns in der La Vineria in der Via Vittorio Emanuelle II 2 an der Ecke zum berühmten Corso Matino wieder.

Dieses Lokal ist mir schon bei unserem ersten Spaziergang durch Mattinata aufgefallen. Wunderschöne – liebevoll zu dem Türkisblau der Adria passend gestrichene Möbel – stehen auf den Stufen der hoch führenden Straße und machen direkt gute Laune. Strohhüte an den Wänden, bunte Tischdecken – hier hat jemand viel Spaß an Dekoration. Um die Ecke in einer kleinen Gasse kann man etwas ruhiger sitzen – weiße aufgespannte Regenschirme schützen vor der Sonne. Ein extrem charmanter Ort in Mattinata!
Hier hat für uns Matteo Granatiero seine vielen geheimnisvollen Becher mit Deckeln und Olivenöle aufgebaut. Er berät Touristen, wie auch Restaurants in ihrer Weinauswahl und organisiert Verkostungen für Olio und Vino – wo immer man sie diese erleben möchte.

Matteo serviert uns später einen Aperitivo mit einem in der Farbe traumhaft schönen Rosado (Rosalia Nero di Troia I.G.T. Puglia)
und feinste Antipasti, die er mit der Sorte Olivenöl übergießt, die wir nach unserer Verkostung als passend für das jeweilige Gemüse definiert haben.
Nach einer kurzen Einführung zum Anbau der Oliven in der Region rund um Foggia im Gargano und der Geschichte – wie immer sind die Griechen „schuld”, die die Frucht 1000 Jahre vor Christus nach Italien gebracht haben – lässt uns Matteo durch einen kleinen Spalt der verschlossenen Becher schnuppern. Dahinter verbergen sich Gemüse wie Tomaten, Ruccola, Artischocken u.m. – wir riechen und „erschnuppern” quasi blind die Aromen, die wir, unter seiner Anleitung, später genau so aus den Olivenöl-Proben der jeweiligen Flaschen wieder erkennen. Um sie dann mit den Antipasti nach unserem Gusto zu vergesellschaften Neudeutsch: Pairing).

So Olivenöl zu erfahren, macht Spaß und ist mir eine neue Erkenntnis, wie ich das perfekt passende Öl für das jeweilige Food-Produkt finde.
Natürlich zeigt er uns, wie man für ein Olivenöl-Tasting, das Öl zunächst mindestens mit der Hand oben verschließt und unten im Glas (hier Becher) durch die Wärme der Hand leicht erwärmt, um das Bouquet zu verdichten. Denn auch Olivenöl riecht man zuerst, bevor man es schmeckt – wie man es wie Wein mit Luft einzieht und im Mund etwas kaut, bevor man es schluckt, um alle Aromen zu erfassen. Mit Muße genießen. Eine fast heilige Prozedur.
Drei Öle aus der Serie „Monocultivar” der Azienda Agricola Bisceglia probieren wir. Es sind keine Cuvées, sondern jedes Öl ist auch nur einen Olivensorte hergestellt! Für eine Verkostung ideal gewählt. Gelb: Ogliarola; hellgrün: Peranzana; grün: Coratina. Wir schmecken ein fruchtiges und mildes, dann ein aromatischeres mit viel Grüntönen und ein sehr tiefgründiges, pfeffriges Öl. Für jeden Geschmack ist etwas dabei. Die Azienda existiert seit 1857 und wird heute in der vierten Generation wird von drei Schwestern geführt.

Die Olivenöle Apuliens gelten als besonders würzig und haben meist Tiefe. Die Leichtigkeit eines z. B. umbrischen Olivenöls – die können die Öle aus dem Süden einfach nicht. Dafür sind sie fruchtig und sie bringen die Aromen in die Flasche, die in ihrer nahen Umgebung auch mit angebaut werden. Nicht selten dominieren hier grüne Aromen wie Gras und Artischocke, dazu Mandel und Zitrusfrucht. Ihr Abgang ist bitter, pfeffrig bis scharf. Ein Ausdruck ihrer Qualität.

Das Tasting macht Spaß. Matteo gießt das Öl reichhaltig über unsere Antipasti: Pane mit Fave e cicoria – das Gericht Apuliens, hier sehr gut abgeschmeckt und lecker
– oder Bruschetta mit Tomaten und Ruccola. Natürlich kann man mit etwas mehr Zeit im Gepäck in der Azienda auch Führungen buchen und deren feinen Öle bzw. sonstigen Köstlichkeiten können online geordert werden.
Das war eine feine Verkostung, spannend aufbereitet in einer traumhaft schönen Location! Mit diesen beiden Erlebnissen, war unser letzer Vormittag im schönen Mattinata perfekt und intensiv genutzt vor unserer Abreise. Und die La Vineria ist sowieso ein must go in Mattinata.


Weitere Blogposts zu Mattinata und den Gargano

2024-06-28

Ich fordere auch …

Ich möchte einmal etwas klarstellen, was mich in letzter Zeit zunehmend ärgert.

Und das sind Politiker, die neuerdings meinen, ständig irgendetwas von uns, den Wählern, dem Volk, fordern zu können!

Politiker* haben nicht zu fordern! Politiker haben zu leisten! Politiker sind üblicherweise von ihren Wählern (also vom Volk) gewählte Arbeitsbienen, die eine für das Land gute Politik zu machen haben – und übrigens für das ganze Volk. Sie haben nicht einzelne Volksgruppen zu verunglimpfen und ihnen nicht nachgewiesene Sachverhalte zu unterstellen. Es ist ihre Aufgabe, Politik für alle Menschen zu machen, gleichberechtigt – denn in diesem Land sind lt. Grundgesetz immer noch alle Menschen gleich! Sie haben zu arbeiten; es ist ihre Aufgabe, politische Sachverhalte zu überprüfen, ggf. zu verändern zugunsten des gesamten Staates und Volkes. Nicht mehr, nicht weniger!

Christian Lindner fordert z. B. Einsparungen bei Sozialausgaben, fordert mehr Leistungen in der Marktwirtschaft Deutschlands, denn „alle Staatsausgaben müssen erst einmal erwirtschaftet werden”. Die Liste seiner Forderungen ist so lang, wie sie zu dumm ist, wie sie unser aller Ehre verletzt.

Markus Söder, Best man of irrationale Forderungen, fordert die Sechstage-Woche (die haben wir in Deutschland seit Jahrzehnten), fordert Abschiebungen (auch von hier ausgebildeten Pflegekräften, die wir hier dringend brauchen), Neuwahlen (nach EU-Wahlen, komplett anderes Thema als Bundestagswahlen). Er fordert Untersuchungsausschüsse wegen zeitgemäß abgeschalteten AKWs gegen die Ampel, die lediglich die festgelegten Zeitpläne in der Regierungszeit der CDU/CSU erfüllt haben, er fordert sogar Personalien im Fußball. Er ist ein ganz großer Forderer, nicht zu verwechseln bitte mit Förderer.

Alexander Dobrindt, schlechtester Bundesverkehrsminister Deutschlands zusammen mit Scheuer und Wissing, mit ihm hat der Niedergang der deutschen Infrastruktur im Verkehrswesen tatsächlich begonnen, dagegen der Prozess deutscher Digitalisierung niemals begonnen, fordert Heimfahrten von Ukrainer*innen mit ihren Kindern in die Ukraine, wenn sie hier keiner Arbeit nachgehen. Ausreichend Kindergartenplätze, damit die Frauen in Sprachkurse und Arbeit gehen können in Deutschland, weil ihre Kinder tagsüber versorgt sind, fordert er indes nicht. Bei Dobrindt ist übrigens witzig, dass in Artikeln hierzulande sein kompletter Name selbst im souveränen Journalismus nicht mehr genannt wird, weil Dobrindt quasi gesetzter Begriff ist für, meiner persönlichen Meinung nach, Inkompetenz. Ein Dobrindt, die Maßeinheit für gelebte Inkompetenz.

Kann man ergänzen mit „Ein Lindner”, die Maßeinheit für plumpe Arroganz, Hass auf arme Menschen oder Abwesenheit völliger volkswirtschaftlicher und leider auch obendrauf betriebswirtschaftlicher Kompetenz.

Auch Jens Spahn, der nachweislich in seinem Ministeramt – zugegeben mit Erschwerniszulage – auch nicht sooo gut performed hat, fordert unendlich viel Unsinniges: Längere Arbeitszeiten, Migrationspausen, weniger Bürgergeld, Drittstaatenmodell und möchte sich so sehr unentschlossen für sehr viele Ministerämter in Zukunft empfehlen. Nachdem er das eine, für das er im Vorfeld tatsächlich so etwas wie Kompetenz mitbrachte, ziemlich in den Sand gesetzt hatte.

Ich fordere indes endlich eine gesetzliche Qualitätskontrolle für das politische Agieren von Politikern, mit echter Konsequenz, finanziell und persönlich. Ein Politiker, der x-Milliarden in Maskenkäufe versenkt, sollte aus dem Politikbetrieb ausgeschlossen werden. Wer so schlecht liefert, Schaden verursacht, sollte nach dem Prinzip der Marktwirtschaft seiner Ämter für lange Zeit entbunden werden. Ein Politiker, der größenwahnsinnig Millionen im dreistelligen Bereich den Steuerzahler kostet, sollte aus dem Politikbetrieb ausgeschlossen – und im Übrigen sollte man seine Diäten zurückfordern.

Ich fordere übrigens auch eine harte Reglementierung von Nebeneinkünften von Politikern mit einer Obergrenze in ihrer Amtszeit. Ich fordere, dass sich Politiker nicht mehr im Amt durch Lobbyarbeit eine goldene Nase verdienen dürfen. Und zumindest mit diesen Einnahmen für entstandene Schäden in ihrem Ministeramt haften. (Finde ich schon deswegen sehr wichtig, damit die Typen endlich wieder Bodenhaftung bekommen.)

Ich fordere von einem Bundesfinanzminister übrigens auch, dass er politisch alles daran setzt, dass Steuereinnahmen im Land in der Menge gewährleistet werden, dass sie gleichberechtigt nach Höhe der Einkommen fließen, von allen, die aufgrund ihrer Einnahmen sich dazu in der Lage sehen. Sich also endlich auch mal an die Vermögens- und Erbschaftssteuer ranwanzt – und dafür sorgt, dass Schäden von politischen Vorgängern verursacht in irgendeiner Art und Weise von dessen in Person oder derer Partei zurückfließen müssen an den Staat. Dann hätte der Herr Lindner nämlich nicht das vorgebliche Problem mit zu geringen Staatshaushaltseinnahmen.

Das würde für eine völlig neue politische Qualität sorgen.

* Mit Vorsatz nicht gegendert.