2010-08-05

Atombombenabwurf auf Hiroshima vor 65 Jahren

Lange schwieg er, auch weil er der Familie in Japan keine Schwierigkeiten machen wollte. Dort, wo die Überlebenden der Bombe keine Helden waren, sondern Geächtete, wo man vor ihnen Angst hatte, vor Ansteckung und missgebildeten Kindern. Wo ihn der Bruder bat: Behalte deine Geschichte für dich, sonst wird niemand meine Kinder heiraten wollen. Aber Sotobayashi sieht, dass die Welt nichts lernt aus Katastrophen, also muss er wohl reden.

Quelle, Tagesspiegel: Herr Sotobayashi bricht sein Schweigen

2010-08-03

AKG Scholarship Of Sound



Letzten Montag als Autorin für's Hauptstadtblog eingeladen worden, der von AKG ins Leben gerufenen (First Edition of) Scholarship Of Sound 2010 beizuwohnen.

AKG, mittlerweile Tochter von Harman, steht für professionelles Musik-Equipment im Aufnahmebereich und produziert Kopfhörer und Mikrofone. Wer Musik liebt und selber macht, sagt jetzt „Ah!“ und beneidet mich ein bisschen. (Dies als Info für die, die von AKG vielleicht noch nichts gehört haben.) Der Sound der Fußballweltmeisterschaft 2010 (nee, ich meine nicht die Vuvuzelas) war z. B. Sache von AKG.



Zehn junge Europäer, die Musiker sind oder sich gerade in der Ausbildung zum Sound- oder Audio Engineer (hieß bei uns früher Tontechniker) befinden oder nach ihrem Abschluss bereits erste Schritte im Berufsleben unternehmen, wurden aus einem umfangreichen Bewerbungsprogramm von ca. 600 Bewerbern ausgewählt und von AKG eine Woche eingeladen, vom Fachwissen von namhaften internationalen Musikexperten zu profitieren. Quincy Jones schreibt das Begrüßungswort im Programm, er glaubt aus eigener Erfahrung an das System von Mentoren. Das Ganze passiert in Berlin, natürlich in Berlin-Mitte.

Die Finalisten sind zwischen 19 und 27 Jahre alt und kommen aus England, Dänemark, Norwegen Holland, Frankreich, Belgien sowie Deutschland. Sie sind Samstag bereits in der Stadt gelandet und wie sie erzählen, mehr als herzlich von AKG begrüßt worden. Wir kommen am ersten echten Workshoptag im Tonstudio „Basement“ in einem Keller in Mitte an.



Ich in einem echten ehrlichen Tonstudio!



Der erste Workshop läuft bereits, die Studenten werden über technische Funktionsweisen von Mikrofon und Kopfhörer aufgeklärt, während wir vom internationalen Marketingteam von AKG und Harman entspannt und lässig begrüßt werden. Ich mag das, der vorbereitete Kaffee ist der umgeknickten Filtertüte zum Opfer gefallen und wir stehen mit Thomas Schnaudt, dem Product Manager von Harman, in der Küche und sind uns schon mal über das NoGo der Abwesenheit echten Kaffees einig. Thomas bessert nach und macht guten Kaffee! Es ist ca. zehn Minuten vor elf und draußen kräht ein Hahn. Also in Berlin Mitte, Linienstraße 156 kräht ein Hahn. Ein echter Hahn. Wie sehr muss man Berliner Mitte-Hahn sein, um erst morgens um elf Uhr zu krähen?



Zweiter Workshop: Produktpräsentation, muss und soll natürlich sein. Selbst ich mit rudimentärer musischer Technikerfahrung, dafür aber ausreichend Erfahrung als Freundin eines Musikers und seit meinem vierwöchigen Meeting mit Apples Tonsoftware Logic schwer davon überzeugt, im nächsten Leben auch „irgendwas mit Ton machen zu wollen“, bin hin- und weg angesichts dieser kleinen gezeigten Gottheiten von Studio-Equipment. Bei der Präsentation vom AKG-USB-Mic werde ich wach und schwach. Will ich unbedingt für Podcasts haben. Also sparen, seufz.



Dann Mikro-Tests. Einer der Studenten, Jon Alexander, 19, spielt sich im Vorraum auf der Gitarre warm und hört nur noch unterbrochen durch Mikrowechsel auf. Er spielt, muss man schlicht sagen, klasse.



Die Diskussion über den Klang der Mikrofone erinnert mich an eine Weinverkostung. Thomas Schnaudt erklärt mir, man würde das Fachsimpeln tatsächlich „Wine Tasting Language“ nennen. Später sitzen wir draußen auf der Kellertreppe und lassen uns von Ashley Douglas, der PR-Managerin von AKG , die Hintergründe von der Idee zur Scholarship Of Sound aufklären. Im Hintergrund gackern die Hühner. Biennale-Hühner. Huhn ist Kunst. Musik auch. AKG will junge Musiker und Audiotechniker auf deren Arbeitspraxis vorbereiten und ihnen ein weiteres Stück Erfahrung in ihrem Arbeitsprozess mit auf den Weg geben. Im Laufe der Woche folgen Workshops mit Musikern, DJs, Musik-Produzenten, Label-Besitzern u.v.m. Sie erarbeiten gemeinsam Tonaufnahmen unter unterschiedlichen Bedingungen, ob Radio oder Bandaufnahme mit Wireless SetUp, sie lernen Software im Studio effizient zu nutzen, werden selber eine Platte abmischen und begleiten diese bis zu ihrer Endproduktion in Vinyl am Freitag als Höhepunkt. Nebenbei vermitteln die Profis ihre Erfahrung und Tipps rund um die Arbeit mit Künstlern oder Label-Marketing. Deutlich mehr Fachkompetenz, Kontakte aber auch Inspiration sollen die Teilnehmer im Gepäck haben, wenn sie wieder die Heimreise antreten.

Mittagessen bei In-Vietnamesen Chén Chè. Wir sprechen erstmals mit den Studenten selber und bekommen einen Eindruck davon, wie ungemein wichtig ihnen dieser Lehrgang ist und wie groß ihre Freude darüber zu den auserwählten Teilnehmern zu gehören. Big Point ist, dass Scholarship Of Sound in Berlin stattfindet. In ihren glänzenden Augen ist das offensichtlich schon die halbe Miete. Ich bekomme wieder einmal ein Hauch von Idee, was Berlin für junge Menschen in Europa bedeutet. Mich macht ihr Gefühl für meine Heimatstadt ein bisschen ganz doll irre stolz. Gesprochen wird natürlich englisch. Das tun sie, obwohl teilweise noch so jung, mit einer Selbstverständlichkeit von alten Hasen. Sie fragen uns nach dem Standort berühmter Architektur in Berlin, von der wir mal wieder noch nichts gehört haben. Wenigstens kann ich sagen, wo es in der Stadt Musiktechnik zu kaufen gibt. Ich will wissen, wie sie auf diesem Beruf gekommen sind, Elsa Grelot aus Liége (Belgien), mit 26 und bereits Berufserfahrung eine der älteren Teilnehmer mit unglaublich offenem Gesicht, spielt seit ihrem 12 Lebensjahr Drums und sagt, sie wollte immer schon Sound Engineer werden. Ich glaube ihr das, sie ist erstaunlich fokussiert und es besteht wenig Zweifel, sie hatte den Wunsch schon mit der Muttermilch aufgesogen.



Alle scheinen erstaunlich bodenständig für ihr Alter, auch die ganz jungen von ihnen. Das hier ist keine Klassenfahrt mit Bildungsziel. Die wollen das. Und zwar wirklich! Ich frage, warum nur zwei Frauen unter den Auserwählten sind – ob das für den Beruf steht, ob ihn generell weniger Frauen wählen? Darauf hat keiner eine echte Antwort. Alle erzählen mir, dass in ihren Studiengängen zwar mehr Frauen angefangen haben. Die allermeisten von ihnen aber nach nur zwei Monaten wieder aufgehört haben mit dem Studium. Juan Pablo Maran Ferro (!) kommt aus Paris, der charismatische Kopf der Gruppe. erzählt von seinem beruflichen Werdegang auch als Rowdy. Er glaubt, die Abstinenz könne mit der Schwere der körperlichen Arbeit zu tun haben. Kabel oder Verstärker schleppen, sich dreckig machen, sei nicht so die Sache von Frauen. Die Frage bleibt im Raum stehen, wir stellen wiederum fest, dass die meisten Cutter Frauen sind. Vielleicht ist die Frage ein Thema für eine Doktorarbeit in Soziologie.



Zurück im Studio wartet der nächste Workshop-Leiter auf die Studenten. DJ Dixon, alias Steffen Berkhan, ist seit 19 Jahren in dem Business als Musiker, Produzent und Label-Besitzer aktiv und erzählt die nächsten drei Stunden und länger, sehr charmant ausführlich über seinen beruflichen Werdegang, Chancen, die sich ihm geboten haben und die er genutzt hat. Als einzige Starallüre kann man ihm einen Schwanz von Praktikanten seines Labels „Innervisions“ im Schlepptau unterstellen, die ihm genauso an seinen Lippen hängen wie die Studenten, die seinem Vortrag lauschen.



Er erzählt von neuen Wegen, die er immer wieder einschlagen musste und täglich einschlagen muss. Bei seinem Gigs als auch im Vertrieb seiner Musik – das Musik-Business unterliegt einem extremen Wandel, reagiert schnell wie kaum ein anderes auf neue Techniken und jeder, der damit sein Geld verdienen will, muss mit neuen Vertriebsideen (nicht nur) auf die schöne Online-Welt reagieren. Oder auf Finanzkrisen, die ihren besonderen Einfluss auf die Konzertwelt nehmen. Festival-Hersteller wollen plötzlich nicht mehr seine Gigs bezahlen, weil dort aufzulegen für ihn ja Werbung sein müsste und nur wegen der Festivals er in Clubs gebucht würde, befinden neuerdings die Organisatoren. Dixon lehnt also komplett ab, dieses Jahr Festivals zu spielen. Die Zeiten seien zwar schlecht aber so schlecht nun auch wieder nicht, als dass er sich für dumm verkaufen lässt. Er sagte, er habe sich nie angeboten, sondern sich immer fragen lassen ob er spielen will. Er macht sich auch rar. Möglicherweise ist das ein Erfolgskonzept. Interviews will er nicht mehr geben. Mitnichten Arroganz, er habe einfach nichts mehr Neues zu sagen, immer und immer wieder.



Dixon gibt zu, die goldenen Zeiten sind auch im elektronischen Musik-Biz erst mal vorbei. Auch für ihn und sein Label. Er malt den Studenten keine Gespenster an die Wand, spricht die Tatsache dennoch deutlich an und lässt seine eigenen Fehler in der Berichterstattung nicht aus. Er erzählt optimistisch, dass seine über drei Jahre bei einem großen Label erworbenen Erfahrungen für ihn extrem gut waren und das alles, was er dort über Labelmarketing gelernt hatte, genau null Bestand mehr hat in der heutigen Musikindustrie. Dass er schon mal Tracks abgelehnt hat, die einem anderen Label kurze Zeit später den großen Charterfolg gebracht haben. Er findet „Don't ask for feedback, ‘cause it will have no influence (for the record) anymore.“ Der Spruch ist nicht gar nicht überheblich gemeint, wie man vielleicht meinen will: er signalisiert den Studenten, sie sollen hinter ihrem Produkt als Künstler auch stehen, wenn sie damit rausgehen. Wenn sie nicht an sich selber glauben, wie soll es ein Label dann tun? Er kritisiert auch, wie wenig Ahnung oft Künstler, die Stücke bei seinem Label einreichen, von ihrer eigenen Musik haben. „Anyone is good today in any way!“



Dixon hat Samstag gerade geheiratet und verbringt mit diesen Studenten also seinen Honeymoon. Er teilt seine Ideen, wie man künftig mit Musik Geld verdienen kann. Auch online. Er hat, wie ich finde, interessante Visionen von Limitierung. Er glaubt daran, dass jeder Musikkünstler einen Online-Shop auf der eigenen Homepage haben sollte. Bei ihm gibt es Musik seines Labels im Abo. Spätestens jetzt wissen die Zuhörer, dass man in dem Business nichts wird ohne eine Portion Marketing-KnowHow und ausgesprochen großer Erdhaftung. Er macht deutlich, wie wichtig – weil Geld sparend – es ist, dort Profis einzukaufen, wo man selber bei sich Schwächen sieht. Er gibt seine offen zu. Der künstlerische Akt, das Schaffen von Musik, ist und bleibt erstaunlicherweise Nebensache in diesem Gespräch. Die Studenten hören zu, fragen – sehr intensiv. Man muss sich die Situation des Nachmittages vorstellen: draußen sind ca. schwüle 26 Grad. 20 Leute sitzen in einem kleinen Kellerraum, der dank Studioleuchte für die Filmleute mehr als gut geheizt ist. Luftzufuhr nur durch eine Tür. Dixon überzieht mächtig, es geht keiner der Studenten in der gesamten Zeit auf Toilette, Wasser holen, noch eine rauchen. Und genau das ist Scolarship Of Sound 2010.



Später sitzen wir alle noch auf ein Glas im Garten eines Cafès. Alle! Das gesamte Team einschließlich der Filmleute und Fotograf. Lange nicht mehr so eine unpreziöse, dafür aber extrem angenehme Veranstaltung erlebt. Nach dem ersten Tag kann man sagen: das hier ist ein Erfolg. Insofern steht dem Wunsch von AKG, dieses Modell in Zukunft auch global fortzusetzen, wohl nichts im Wege.

Und man kann auch sagen: ich bin gerade ein bisschen neidisch auf die Studenten und darauf, was sie in dieser Woche noch lernen werden. Und wie sie Berlin sehen dürfen. Im nächsten Leben: Sound.

Glückwunsch Herr Rösler!

Sie sind jetzt schon gescheitert mit Ihrem neuen Sparplan für unser Gesundheitssystem. Denn die Pharmaindustrie unterläuft Ihr Arzneimittel-Sparpaket. Das konnten Sie natürlich nicht wissen, weil das letzte von Ihrer Vorgängerin, Ulla Schmidt, initiierte Sparmodell die Pharmaindustrie bereits genauso unterlaufen hatte. Und ebenso die von der Regierung verordneten Rabatte noch vor in Kraft treten des Gesetzes durch Preiserhöhungen im Vorfeld elegant für sich ausgeglichen hatte.

Und dieses Verhalten der Pharmaindustrie wurde auch gar nicht hinreichend medial publiziert als dass Sie davon hätten Kenntnis nehmen können.

Gott wirf Hirn, direkt auf unsere deutschen Politiker.

2010-08-02

Ich will ja nicht nur meckern …

Super Kampagne von Axe zur Zeit:



Die einzelnen Plakate als Animation und wir haben den klügsten Aufklärungsfilm über das weibliche Geschlecht seit Oswalt Kolle.

2010-08-01

Prenzlonischer Currywurstkunde

Einma‘ mit ohne bitte!



Sach ma', dauert's noch lange?!



Nee Du, Wechselgeld kannste behalten!

2010-07-31

Zimmerschmuck



Anfang Juli in Neukölln.

(gewidmet Herrn Exit.)

2010-07-30

Und sonst so …

Ich war diese Woche schon drei Mal Ökoschwein. Einmal gab es Seeteufel und zweimal habe ich meiner Kochwäsche die Vorwäsche gegönnt. Daneben bin ich drei Mal Müll wegbringen gewesen und habe Müll entsorgt, um den ich 1. nie gebeten und 2. ihn nie gebraucht hätte.

Neulich bei Kaiser's (Apostroph hier ja Firmen-CI-Idiotie, ich war's nicht!) an der Kasse die Milchtüte wieder getroffen. Habe fast weinen müssen über das Wiedersehen nach so langer Zeit.

Ich bin reif. Im Sinne von fertig. Ich gehe zu Kaiser's, nur um Käse zu kaufen. Und dann flüstert in meinem Hirn eine Stimme: „Gehe zur Fischtheke. Gehe JETZT zur Fischtheke!“ Und dann gehe ich dorthin, ferngesteuert von der Stimme in meinem Hirn und diese flüstert weiter: „Kaufe diese eine Forelle. Kaufe JETZT diese eine Forelle.“ Ich halte es für obsolet diese eine Forelle zu kaufen, weil es die letzten zwei Tage schon Fisch zum Abendessen gab und kaufe die Forelle. Ich komme nach Hause, der Kater guckt mich unschuldig an und während der folgenden zwei Stunden bis zum Abendbrot weicht er nicht von meiner Seite und kommen wir zum sitzen, sitzt er mir gegenüber und macht sein Forellengesicht.

Ferngesteuert. Ich. Nicht nur von Werbung. Auch vom Kater.

Am gleichen Tag vor der stillgelegten Postfiliale gestanden. Ersatzlos gestrichen. Im gleichen Umfeld befinden sich die ehemaligen Sozialbauten mit hohem Behindertenwohnanteil. Was hat ein Rollstuhlfahrer auch mit der Post zu schaffen?

Anfang der Woche dem Inhaber von McFit geschrieben und höflich darauf aufmerksam gemacht, dass Bestattungen und Überführungen (für Opfer aus dem Ausland) sehr teuer sind und man als Veranstalter für eine Übernahme stehen kann, ohne damit ein Schuldgeständnis einzugehen. Die Stadt Duisburg organisiert eine Trauerfeier am Samstag für die Opfer und vergisst die Eltern der Opfer einzuladen. Vergisst Beileid auszusprechen. Vergisst mit ihnen über eine Bestattung zu sprechen. Es ist nicht alleine das Unglück an sich, das so fassungslos macht. Es ist der Umgang der Offiziellen mit der Tragödie jenseits aller menschlichen Konventionen, der so sprachlos macht! Offensichtlich soll sich die Sinnlosigkeit bis zum Ende durchziehen. (Edit: Die schweigende Minderheit.)

Manchmal den Wunsch irgendwo in ein kleines Dorf zu ziehen. Irgendwo auf dem Berg. Über alle und alles blicken können, aber nichts und niemanden mehr an sich heranzulassen. Den schlimmen Dingen außen von innen die Tür zu verschließen.

2010-07-29

Die Killeralgen

O.g. Dokumentation lief neulich nachts im NDR und war erstaunlich spannend, informativ. Mehr arte tv-Niveau. Wer noch nicht genug hat von Meeresmeldungen und sich unerwartet schnell auflösenden Öl-Teppichen im Golf von Mexiko, kann sich noch online inspirieren lassen vor dem nächsten Muscheleinkauf. Kurz: absolute Empfehlung!

Und zum Golf von Mexiko. Deutsche Nachrichtensender berichten in der Tat von sich ungewöhnlich schnell auflösendem Öl-Teppich nach erstmaliger Schließung des Bohrlochs. Sie berichten aber nicht darüber, warum er sich so schnell auflöst und wie die Konsequenzen sind.

2010-07-28

Migranten hadern mit Gesundheitssystem

Absolut lesenswerter Artikel bei der Berliner Morgenpost.

„Deutsche fragen: ‚Was habe ich?’ – Türken fragen: ‚Warum habe ich das?’“ Alleine darüber sollte man hinsichtlich der Deutschen Kultur zu ihrer Gesundheit und den Kosten des Systems ernsthaft nachdenken.

Gibt es derzeit …

eigentlich noch dümmlichere Werbung als die von Ariel, die uns mit Hilfe von ausgesprochenen Bewegungslegasthenikern glauben machen will, man könne seine Wäsche von Flecken frei schütteln oder frei hüpfen?

Ich bin regelmäßig peinlich berührt, wann immer ich diesen Spot sehen muss. Warum dürfen im Jahr 2010 Agenturen mit solch‘ einem Schwachsinn Werbetats gewinnen?

Und ist Euch aufgefallen, dass wir Frauen in der Werbung zwar jahrzehntelang blaue Ersatzflüssigkeiten bluten mussten aber jetzt, da uns Parodontax von schlimmen Zahnfleischerkrankungen bewahrt, herzhaft schön rotes Zahnfleischbluten in das Waschbecken gerotzt werden darf? Was ich im Prozess übrigens deutlich ekliger finde, als das stille Eingeständnis der Werbeindustrie, dass wenn so ein Mensch blutet, er es dann doch meist in rot macht – also auch Frauen. Auch unten rum. Echt jetzt mal!

2010-07-27

Ultimative Nähe



… und dann auch noch auf Rosa.

2010-07-26

Politiker und Sicherheit

Übrigens hat Duisburgs Polizeipräsident a.D. Rolf Cebin im Frühling 2009 darauf hingewiesen, dass es in Duisburg kaum möglich sei ein Veranstaltungsgelände für über 500.000 Besuch mit sicherer Abzugsmöglichkeit zu finden.

Daraufhin wurde vom Kreisparteivorsitzenden (mittlerweile Mitglied des Bundestages) der CDU Thomas Mahlberg öffentlich beim Innenminister die Ablösung Cebins gefordert. Diese Forderung publizierte Mahlberg damals sogar gerne in einem Newsletter in seiner Gänze, weil man ihn in den Medien nur auszugsweise zitiert habe. Der Newsletter ist auf der Homepage der CDU Kreisverband Duisburg heute nicht mehr abrufbar. Seine Noch-Existenz im Google-Cache lässt kurzfristige Entfernung vermuten.



(Suche: Rolf Cebin Loveparade, derzeit Seite 3)

Mahlberg unterstellte damals Cebin, dieser hätte von „eklatanten Sicherheitsmängel“ gesprochen, „die einer Durchführung der Loveparade entgegenstünden“, was Cebin zu diesem Zeitpunkt interessanterweise noch gar nicht gesagt hatte. Vielmehr äußerte er sich so: „In Duisburg eine Veranstaltungsfläche für 500 000 oder mehr Menschen zu finden, inklusive eines geordneten An- und Abreiseverkehrs, ist nicht einfach.“ Der Westen nannte damals das Politiker-Geplänkel deutlich beim Namen.

Heute wissen wir, die Stadt Duisburg hat diese Fläche tatsächlich nicht gefunden. Alternativ für ein Veranstaltungskonzept, das für eine Besuchermenge von mindestens 1 Million Besucher kalkuliert war, auf eine Fläche zurück gegriffen, die für maximal 250.000 Menschen ausgelegt war.

Das ZDF meldete heute mittag, der Polizeichef von Duisburg hätte im Dezember 2009 nochmals auf eklatante Sicherheitsmängel hingewiesen und den Politikern der Stadt eine Absage der Loveparade in Duisburg nahegelegt. Rolf Cebin ist im Mai 2010 in den Altersruhestand gegangen.

Macht die Katastrophe, die vielen Toten und Verletzten leider auch nicht ungeschehen.

Dreamteam

Samstag kam charmanter Besuch aus Dresden und wir warfen kurzerhand den Plan Museumsbesuch auf den Heuhaufen und ließen uns durch die Delikatessenläden Berlins treiben. Beispielsweise waren wir, also auch ich, erstmals im großen Frischeparadies, das ich mehr so naja finde. Große Fläche, erstaunlich kleine Auwahl, im Schnitt zu teuer – aber eine schöne Fischtheke. Die Kühlung viel zu hoch gedreht.

Dann trieb es uns zum Kollwitzplatz, denn ein endlich zu verschickendes Päckchen will, dass ich nochmals Miel de Cevennes nachkaufe. Der bisherige Vorrat hat sich als praktisches Mitbringsel erwiesen und somit reduziert und ich wollte dem Laden Le Flo endlich einen Besuch abstatten.

Le Flo ist ein kleiner Laden, der in der Tat das südfranzösische Gourmetherz höher schlagen lässt. Wein, Süßigkeiten, alle Honigsorten, die Patrick Corigliano produziert und eine Theke voller Salamis in allen Variationen. Eine Auswahl von drei Sorten wird für nur 10 Euro offeriert – und auf der Theke laden Minisalamis für 50 Cent das Stück zum Probieren ein.



Sie sind alle ob natur, mit Pfeffer oder Kräutern der Provence mit Walnüssen und schmecken vorzüglich. Sagt auch der Kater, der gestern als Salamiduft in der Luft lag wieder anfing schöne Weisen zu trällern, dabei ist er für Wurst nur sehr selten zu haben.

Im weiteren Verlauf des Ausflugs führte ich Mona Lisa zu Goldhahn & Sampsons, Ihr Buchregal wird den großen Einkauf wohl danken!

Klebeporn

2010-07-25

Geld und Gesundheit

Die taz hat diese Woche einen klugen Artikel zur Homöopathie-Debatte gebracht, das Verhältnis der Kosten im Gesamtbild aufgezeigt und deutlich macht, dass die wenigen Millionen, die Homöopathie die Deutschen Kassen tatsächlich kosten, problemlos auch als Kostenpunkt in dem Budget für das Marketing auftauchen könnten – und da gar nicht diskutiert würden.

Claudia Witt, Professorin für Alternativmedizin, die bereits im Spiegel-Artikel als Gegenpol zu Edzard Ernst (Omnipräsenter Homöopathie-Gegner) zu Wort kam, ist heute Gesprächspartnerin im Sonntaz-Gespräch (Online-Ankündigung). Im Spiegel und in der taz formuliert sie, was mich in der gesamten Homöopathie-Debatte soweit ich sie online geführt habe, am meisten geärgert hatte. Nämlich die Eingemeindung der Gegner von Homöopathie, wenn man sich nicht auf deren Seite stellen vermochte, als automatischen Homöopathiebefürworter: „Ihr …“. So diskutiert man nicht!

Ich bin weder Befürworter von Homöopathie, noch bin ich gegen sie. Ich bin Befürworter vom Respekt anderen Menschen gegenüber, die schwer krank sind und teilweise jahrelange Schmerzen ertragen – bereits in der Schulmedizin – hinter sich haben, von ihr als austherapiert gelten. Und ich habe mich geweigert dieser Debatte so folgen zu wollen, weil ich wusste, dass hier über lächerliche Summen debattiert werden, während an anderen Stellen Milliarden längst eingespart werden könnten, was aber nicht passiert infolge des Lobbyismus der riesigen Gesundheitsindustrie. Einer Industrie, die den gesunden Menschen (und somit den gesund lebenden Menschen) als ihren betriebswirtschaftlichen Feind begreifen muss. Und ich habe um etwas Respekt geworben in der Debatte, Menschen gegenüber, die einen unglaublichen Leidensweg in der Schuldmedizin bereits hinter sich haben, diesen Menschen nicht aus Unwissen über deren Schicksal heraus, die Hoffnung zu nehmen. In der Folge wurde ich mehrfach in den Diskussionen als „Ihr ( … Homöopathiebefürworter)“ bezeichnet. Soviel arrogante Trivialität ist mir in einer Diskussion lange nicht mehr begegnet!

Diskutierte man vornehmlich online, musste zwangsläufig die Vermutung greifen, dass radikale Homöopathiegegner eher unter 30 Jahre alt sind. Die Themen Schmerz und Krankheit, bis auf wenige persönliche Ausnahmen, noch nie persönlich ihren Horizont gestriffen haben. Sie ein iPhone besitzen und blauäugig wissenschaftlich zahlenhörig sind. Nur: so einfach wie Zahlenstrukturen funktioniert leider kein kranker Mensch.

Dann diese Woche der zweite Versuch in der Spardiskussion die nächsten Kostenverursacher an den Pranger stellen zu wollen. Da hat man dann mal echte Zahlen (echt im Sinne von hoher Relevanz im Vergleich) herangezogen. Haben die Homöopathiegegner kurz zuvor demonstriert, wie leidenschaftlich eine Patientengruppe als dämlich abgestempelt gebrandmarkt, bekämpft oder aussortiert gehört in unserem System – wenn sie nur überhaupt Kosten verursachen: 19 Milliarden kosten die Dicken uns, den Beitragszahlern, war zu lesen!

Man kann die Nullen von 9 Millionen im Vergleich zu 19 Milliarden zählen und nachdenken. Aber diese Dicken-Diskussion (so verwerflich ich sie fände) wird nun in den Medien deutlich weniger intensiv vorangetrieben als zuvor die zu der kleinen Gruppe alternativ denkenden (meist erstaunlich gesund lebenden) Homöopathiegläubiger. Warum? Weil 19 Milliarden für die Industrie ein viel zu großer und ungemein relevanter Geschäftsmarkt ist. Bei dem übrigens die Folgekosten, die die Patienten verursachen, die zeitlebens versuchen auf bequeme Art und Weise Gewicht zu reduzieren und dieses mit den chemischen Handwerkzeugen einer Pharmaindustrie tun, tatsächlich überhaupt nicht beziffert werden können. Und Diätmedikamente funktionieren nur in dem sie in den Stoffwechsel eingreifen. Stoffwechselerkrankung. Habt Ihr eine Idee was für eine Magie in dieser Diagnose für die Unternehmen der Pharmaindustrie liegt?

Und so könnte man in jedes Thema, das der deutsche Patient bietet, reingreifen und überall den zahlenden Patienten als Ursache für sein eigenes Schicksal ausmachen. Das wird künftig auch geschehen unter dem heeren Mantel der Kosteneinsparung und das Fass dafür, die Legitimierung dafür haben genau dieses Jahr die Homöopathiegegner aufgemacht. Ehrlich für so viel Blindheit und Ahnungslosigkeit verachte ich Euch. Ihr habt Patienten in diesem Land damit geschadet. Ihr habt den Ball nur wieder der Industrie zugespielt.

Aber keine Sorge, das Thema Dicke und ihre Kosten wird zumindest nicht weiter medial in gleicher Vehemenz verfolgt werden. Schon gar nicht außerhalb des Sommerloches. Macht Euch den Spaß und streicht alle Anzeigen die Medikamente bewerben in Euren Tageszeitungen oder sonstigen Druckerzeugnissen durch. Soviel Leerstand von Anzeigenfläche verkraftet kein Verlag. Das Thema ist durch. Die Pharmaindustrie ist nämlich keine mit der man sich anlegt.

Es ärgert mich, dass Homöopathiegegner sofort auf die Straße gegen würden und gegen die paar wenigen Befürworter demonstrieren würden, um lächerliche 9 Millionen zu sparen aber gleichfalls nicht den Arsch hoch kriegen in einer Zeit, in der die sozial ungerechteste Gesundheitsreform verabschiedet wird, die vor allem mal wieder den geringer verdienenden Beitragszahler Milliarden kosten wird. Warum sie das nicht tun? Weil sie das System in der Gänze weder begreifen, noch es sie auch überhaupt interessiert. Die paar Esoteriker verbal verkloppen, das geht gerade noch.

Eine aktuelle Meldung aus der wundersamen Rappelkiste deutscher Gesundheitsreformen: Dem Tagesspiegel liegt ein SPD-Gutachten vor, das aussagt, abgesehen von der sozialen Ungerechtigkeit, dass Röslers Gesundheitsreform natürlich gegen unsere Verfassung verstößt.

Ansonsten möchte ich Euch den Tipp geben, dass es bei den Wohltat‘schen Buchhandlungen (Ich glaube, die gibt es aber nur in Berlin oder?) gerade das Buch von Sibylle Herbert „Diagnose: unbezahlbar – Aus der Praxis der Zweiklassenmedizin“ (Kiepenheuer & Witsch) für € 2,95 verkauft wird. Lesen! Vor allem wer das Gefühl hat, das Gesundheitssystem in Deutschland nicht mehr zu überblicken oder es verstehen zu können, kauft Euch dieses Buch. Ihr werdet Euch hinterher natürlich nicht besser fühlen. Aber Ihr werdet verstehen und im schlimmsten Falll hier und da in Erinnerung an das Gelesene Euer Recht einfordern wollen.

Oder vielleicht den Sinn darin erkennen für eine sinnvolle und gerechte Gesundheitsreform für Patienten und Beitragszahler auf die Straße gehen.

2010-07-23

Kornblume, nee: Witwenblume

Melody

sagt Danke!

Ich wünsche der Familie sehr, dass mehr und mehr wieder ein schönerer Alltag Einzug in ihr völlig aus den Fugen geratenes Leben hält. Auf dem Spendenkonto von „Abgebrannt – wir helfen!“ sind € 20.118,52 in nur zwei Wochen zusammen gekommen. Ob auch die Spenden der ersten Tage, die noch auf ein Konto von Oliver geflossen sind, in dieser Summe ebenfalls stecken, weiß ich nicht.

Es war Eure Hilfsbereitschaft und Herzlichkeit, die diese Hilfe für Carolas Hilfe möglich gemacht hat. Dafür sage ich auch selber herzlichen Dank! Und dieser Dank richtet sich nicht nur an diejenigen, die Geld oder Material geben konnten. Jeder gute Gedanke, jede Idee für tatkräftige Hilfe, jede Mail mit Hinweis auf Rechtsbeistand, jede noch so kleine Mühe, jeder der vor Ort anpacken konnte und es getan hat, alles war wichtig: Danke!

Carola hat gebeten, die Spendenaktion jetzt zu stoppen. Wir haben der Familie ermöglicht, kurzfristig für sich eine neue kleine Existenz zu realisieren. Den Rest werden sie mit viel Geduld bewerkstelligen. Diese Woche twitterte Carola

„Der zuständige Sachbearbeiter bei der Kripo ist 4 Wochen im Urlaub, so lange geht es nicht weiter (Ermittlungen, Freigaben etc.)“

„Die polizeilichen Ermittlungen müssen warten, bis der zuständige Beamte aus dem Urlaub zurück ist (16. August, wenn ich richtig verstand.)“

„Versicherung reagiert erst nach Abschluss: "daher ... zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine Aussagen zur Ersatzpflicht oder Zahlungen möglich."


Ein Beispiel für die kleinen Katastrophen in der großen Katastrophe, die alles ein bisschen schwerer machen als zwingend notwendig!

2010-07-21

Vier.



Vier Jahre ist es nun schon her. Begleitet hat mich das dumpfe Gefühl bereits die ganze WM über, denn das brennt sich im Hirn fest, dieses „sehr kurz nach der WM 2006 war sie einfach und unfassbarerweise nicht mehr da.“

Fassen kann ich es auch nach vier Jahren noch nicht. Ich habe mich daran gewöhnt, dass die Telefonate nicht mehr sind. Die Umstände, die sie als Mensch machte und die Liebe, die sie als Mensch schenkte, weggefallen sind. Sehr oft denke ich im Alltagsgeschehen: „Das hätte ihr gefallen. Das zu sehen, hätte ihr weh getan. Wenn sie noch wäre, hätte ich ihr das jetzt gekauft.“ Sie ist immer bei mir. Das ist wohl gut so. Wenn man seine Eltern immer mit sich tragen möchte, haben sie nicht viel falsch gemacht.

Die Idee, wie sie war, wenn sie anstrengend war und einem das Leben schwer gemacht hatte – wofür sie in etwa die gleich hohe Kompetenz besaß wie für die Dinge, mit denen sie einem das Leben schön gemacht hatte – verwischt langsam. Ich merke nach vier Jahren, dass all die Dinge, die uns das Miteinander auch sehr schwer gemacht haben, nun in angemessener Weise verblasst sind. Auch das ist gut so, weil sie im Vergleich zu endgültigen Abwesenheit ihre Relevanz eh schon verloren haben. Es bleiben immer mehr die schönen Erinnerungen und die anderen Dinge, die noch hängen geblieben sind, werden mit einer ordentlichen Portion der eigenen anwachsenden Altersmilde übergestäubt.

Überhaupt, nach vier Jahren ohne Mum, hat mein Leben diesen Status erreicht, den man als Erwachsener wohl erst erreichen kann, wenn nicht mehr ist, was immer selbstverständlich war. Wenn die Menschen, die einem das Leben geschenkt haben und bedingungslos geliebt haben wie kein anderer im Leben einen mehr lieben wird, nicht mehr sind. Das Leben, wenn einem der große mütterliche Faktor des Urvertrauens weggestorben ist. Man guckt auf die anderen Freundinnen im Umfeld, die über ihre Mütter stöhnen und denkt bei sich, „wenn Du nur wüsstest!“ Es ist schwer, dieses Laufen lernen im Leben so ganz ohne Mum. Und jeder Tag, den man so verbringen muss, ist im Herzen gefühlt ein Tag zuviel davon. Ich wünsche mir immer noch jede Umarmung zurück, jedes Gespräch, jeden Rat, jedes verständnisvolle Schweigen, dieses am Leben der Tochter doch irgendwie teilhaben wollen. Ihr werdet nie wieder jemanden finden, der ein so herzliches tiefes Interesse an Eurem Dasein hat, wie Eure Mutter. Es nervt Euch, wie es mich genervt hat – aber glaubt mir, Ihr werdet es irgendwann so schmerzlich vermissen! Also genießt es lieber, solang Ihr es noch könnt!

Oft ist da der Gedanke daran, was wohl sein würde, hätte sie diese vier Jahre noch leben dürfen, müssen? Es wären qualvolle Jahre für sie gewesen, das steht fest. Wir hätten Erlebnisse miteinander geteilt. Ob sie heute noch bei klarem Geist wäre? Die Fragen sind in ihrem Fall mit so wenig Selbstverständlichkeit zum Guten zu beantworten, dass ich friedvoll mit der Tatsache umgehen kann, dass sie diese vier Jahre nicht mehr erlebt hat. Andererseits konnte meine Mum viel Schlechtes ertragen, weil sie, wie kaum ein anderer Mensch, den ich je gekannt habe, so viel und lange aus einem kleinen Hauch von Gutem und Schönem schöpfen konnte. Ein bisschen, glaube ich, habe ich von dieser Eigenschaft von ihr geerbt. Es ist gut so.

Überhaupt fällt mir immer mehr auf, wie sehr ich ihr ähnlich bin und immer mehr werde.

Oft lese ich z. B. in den Tweets – von den Töchtern – kurze Gedankengänge, die ganz klar das Nervige der eigenen Mutter in den Raum stellen. Ich verstehe Euch immer noch sehr gut und denke dann doch aber bei mir „Ach, gib ihr doch das bisschen Zeit und Wissen über Dich, dass sie von Dir gerne hätte. Du weißt nie, wie lange sie Dich noch darum bitten können wird und Du teilen darfst.“ Nein, ich fasse immer noch nicht, dass mir meine Mum einfach so weggestorben ist. Auch wenn ich das nun weiß.

Neulich war ich mit einigen Freundinnen Abends im Biergarten und das Gespräch kam irgendwann auf unsere Mütter. Es war ein – für mich – sehr schönes Gespräch, denn in allem was wir uns über unsere Mütter erzählten, konnte ich von meiner Mum nur sagen: „Nein, so war meine Mum nicht. Das hat sie nie verboten! Im Gegenteil! Sie hatte immer ein offenes Haus geschaffen. Sie wollte immer für meine Freunde auch da sein. Sie hat nie „nein“ gesagt, wenn es darum ging, mit meinen Freunden deren Leben, Leid zu teilen und Ratschlag zu geben – oder einfach mal in den Arm zu nehmen. Sie hat sich gekümmert. Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Mum zum Beispiel jemals etwas Schlechtes über meine von mir gewählten Freunde gesagt hätte. Sie war natürlich immer traurig, wenn ich mit ihnen stritt – aber sie war immer offen für sie und ohne jeden Vorbehalt da, wenn die sie brauchten. Sie hatte so ein unermessliches Bedürfnis mir mein Leben schön zu gestalten, dass das Leben derer, die mir nahe und wichtig waren, auch schön gestaltet werden sollte. Wieder einmal habe ich in diesem Gespräch gelernt, wie unglaublich viel meine Mum richtig gemacht hat und was für große Freude sie mir und anderen Menschen im Leben damit bereitet hatte. Wie konnte ich nur jemals ernsthaft glauben, dass dies eine nie endende Selbstverständlichkeit ist? Sie war aus meiner Sicht oft der anstrengendste Mensch auf Erden. Und der liebevollste, klügste Mensch auf Erden – mit einem Herz so groß und weit wie sechs Ozeane und noch mehr.

Warum nur muss ein Mensch immer erst Vergangenheit sein, damit man ihn der Gegenwart so wunderschön komplett sehen kann? All die kleinen besonderen Feinheiten sieht man leider erst in der kompletten Dimension, wenn dieser Mensch nicht mehr ist. Darum, wenn Ihr auch nur annähernd das Gefühl habt, auch Glück zu haben mit Euren Müttern, dann gebt Ihnen was sie von Euch so gerne möchten. Es ist doch oft nur ein bisschen von Eurer Zeit oder ein Gespräch, ein kleines geteiltes Geheimnis. Die Zeit, die Ihr nun mit ihr nur noch haben werdet, ist schon längst bemessen und knapp. Macht das Beste für Euch beide daraus.

Das Schlimmste ist wohl zurück zu bleiben und in diesem Punkt das eigene Versagen erkennen zu müssen, wenn gleichzeitig der Wunsch so groß ist nur dieses eine Gespräch noch mal führen zu können, einmal sie doch noch einmal in die Arme nehmen zu dürfen. Ihr Leben zu spüren. Ihr in diesem einzigen Gespräch von der großen eigenen Liebe zu ihr erzählen!

Sie fehlt.

2010-07-20

Gleis 17











































Gleis 17, Berlin-Grunewald

Catman