2026-01-22

Ein zarter Glücksmoment

Die kleine Plüschkugel Shiina lebt sehr gerne auf dem Balkon. Wenn ich auch im Sommer merke, dass sie älter wird und bei sehr heißen Temperaturen sie sich doch wieder tagsüber ins Innere verzieht, erst am frühen Abend die beschränkte Freiheit sucht, schafft sie es im sehr späten Herbst bis in den frühen Winter hinein, draußen zu liegen. Und wenn ich höflich anfrage, ob wir nicht doch langsam die Balkontür schließen können, weil mir kalt ist? Blinzelt sie ein bestimmtes „Nein!” in meine Richtung.

Seit Mitte Dezember verweigert aber sogar Shiina den Balkonaufenthalt. Nun ist es sogar ihr zu kalt, trotz ihres Pelzes. Nervige Böllerei, die uns in diesem Teil Berlin bereits seit Oktober begleitet, tun in dieser Zeit ihr übriges.

So bleibt uns beiden immer nur ihr am Morgen und am Abend, die Balkontür für eine formidable Lüfterei zu öffnen. Und dann sitzt sie dort einige Minuten, guckt ein wenig in die Luft und schnuppert verheißungsvolle Düfte unserer Stadtnatur. Das ist sehr niedlich anzusehen. (Es gibt nicht viele Momente in denen sie nicht niedlich anzusehen ist, muss ich anmerken.)
Heute früh, die Sonne war aufgegangen und zeigte sich uns auch dank winterlicher Hochdruckwetterlage in ihrem Glanz, erzählte ich dem Kätzchen wieder an der Tür sitzend, dass ich verstehe, dass es ist ihr zu kalt sei. Aber dass in wenigen Monaten es wieder aufwärts gehen würde mit den Temperaturen. Dass sie dann wieder auf ihrem Balkon sitzen kann. Es wäre nur noch eine knappe Woche der Monat Januar, dann käme der Februar und dann der März.

Und wenn wir Glück haben, käme im März schon etwas Frühling um die Ecke mit einigen warmen Tagen und das wäre sehr schön.

Ich weiß nicht genau, wie mein Geschwafel bei Shiina ankam (sie versteht erstaunlich viel, meine ich) aber bei mir hatte diese wohlfeil formulierte Aussicht auf einen März mit schon einem Hauch Frühling einen Schmetterlingsflügelschlag Glück durch mich geschickt. Und plötzlich war ich sehr froh. Frohe Momente sind in diesen Zeiten schwierig zu kapern. Hier aber war er. Bei uns in unserer Wohnung. Mit der kleinen Katze vor der offenen Balkontür, dem kühlen Wohnzimmer und die Meineeine.

Manchmal helfen Selbstgespräche eben doch. Oder die zur Katze.

Übrigens hat eine meiner Feigen über den Winter drei Früchte produziert, das wilde Ding!

2026-01-21

Tage, die es nie gab

Ich bin neulich in der Mediathek über die deutsch-österreichische Krimiserie „Tage, die es nie gab” gestolpert, weil dort auf die zweite Staffel aufmerksam gemacht wurde. So habe ich dann die erste Staffel jetzt erst mir angesehen und … wow! Großartiges Fernsehen. So klug initiiert, aufgebaut und überraschend. Jede Folge erzählt die Geschichte von vier Frauen, deren Männern, einer üblen Scheidung, einem Kind mit Suizid und einem abgestürzten Schuldirektor, dessen Todesfall als Cold Case wieder aufgerollt wird nach drei Jahren.

Mit einer großartigen Sissi Höfferer, die ich sehr vermisst habe die letzten Jahre, die mit ihrem Nachwuchskriminalbeamten sehr fein akzenturiert stille humorvolle Momente kreiert (und von ihm, Spoiler, in der zweiten Staffel wieder in ein Hotelzimmer gesteckt wird). Es ist so fein!

Fantastisch Jutta Speidel als Karrierefrau a. D. und dann wieder i. D., deren Verhältnis zu Doris, ihrer Tochter ein bisschen fragwürdig ist. Wenn man ständig denkt, der alten hätte ich schon längst jeden Kontakt untersagt, Diana Amft aber als Doris' Tochter zu seicht, deren permanente Bissigkeit respektiert.

Beiden Frauen, Sissi Höfferer und Jutta Speidel, ist hoch anzurechnen, dass sie sich dem Schönheitsdiktat des Alterns im deutschen Schauspielwesen pragmatisch versagt haben. Sie sind schöner gealtert als beispielsweise Iris Berben, meiner Meinung nach.

Auch ganz wundervoll Jasmin Gerat, die ich sehr schätze, der man das Bemühen und ihr Leiden in den Auseinandersetzungen mit dem späterpubertierenden, drogenabhängigen Sohn absolut abkauft, während Wanja Mues als ihr Ehemann ziemlich blaß bleibt in seiner Vaterrolle.

Grandios überraschend in einer ernsten Rolle als (sehr) gut aussehender Ehemann von Doris und TV-Starkoch: Rick Kavanian. Aber sie spielen alle wundervoll – ein grandioses Cast durch und durch.

Vor allem hatte mich die Serie mit diesem Schuldirektor so an meine Schulzeit erinnert am Gymnasium. Geschichts- und Sozialkundenlehrer Herr Frank. Stellvertrender Schulleiter. Zigarrenraucher. Hässlich wie die Nacht, immer unangenhem müffelnd. Ein kleiner Mann (wir haben ihm immer eine Nazi-Vergangenheit unterstellt), der seine Komplexe an uns mit vorsintflutlichen Lehrmethoden abarbeitete. Der kollektive Klassenhass auf ihn war enorm.

Ein Beispiel war, dass sich die ganze Klasse hinstellen musste, wenn er den Raum betrat und ihn begrüßen musste in militärischer Strammstehmanier. Dann wurden Geschichtszahlen abgefragt. Wer traf, konnte sich setzen. Die letzten drei, die noch standen, hatten dann für den Tag eine sechs kassiert. Ja, genauso motiviert man Schüler zum Unterricht. Ich weiß heute nicht eine einzige Jahreszahl mehr (außer 1936 und 1945) oder sonstiges Datum. Er war auch so ein Winzling, der Schüler vor allen anderen Schülern gerne bloß stellte. Mich schüttelt es heute noch, wenn ich an den Kerl denke. Der hat mir den Spaß an Geschichte richtig vermasselt.

Lange Rede: „Tage, die es nie gab” lohnt es sich sehr zu sehen. Und unbedingt die erste Staffel vor der zweiten gucken. In der ARD Mediathek.

2026-01-20

Die Verkündungsbasilika in Nazareth

Wieder eine knappe Stunde Fahrt von Haifa und wir sind in Nazareth. Beziehungsweise: Wir stehen in Nazareth. Der Verkehr dieser Stadt mit ungefähr 90 000 Einwohnern und sehr viel Pendelverkehr hier, es ist ein Erlebnis für sich. Dabei kommen wir noch vergleichsweise gut voran. Die Eröffnung der sich derzeit im Bau befindlichen Bahnlinie Haifa–Nazareth Light Rail wurde mittlerweile auf 2028 vertagt. Man erwartet dann bis zu 100 000 Fahrgäste täglich auf dieser Linie.

Dass gerade Nazareth – also das Nazareth – bis jetzt nicht im Bahnverkehr angebunden ist, sagt viel über diese Stadt, deren Akzeptanz in Israel. Die mich wirklich beeindruckt zurücklässt. Und fragend.
Nazareth! Wer im Religionsunterricht nicht nur geschlafen hatte, wird sich erinnern: Maria und Josef lebten einst in einem Ort namens Nazareth in einer Höhle. Unweit ihres Zuhauses ist in einer weiteren Grotte der Jungfrau Maria der Erzengel Gabriel erschienen und sprach zu ihr – ich kürze ab: „Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir. Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden. Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: Dem sollst du den Namen Jesus geben. Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. […]”

Ich glaube, wir sind uns einig, aber das muss genau der Moment gewesen sein, als das unsägliche Stereotyp „Sie ist eine starke Frau” geschaffen wurde. Denn dass nicht einmal der Erzengel Gabriel (männlicher Name deutet zumindest auf das Geschlecht des Engels hin – aber was weiß ich schon von Engeln) den Mut hatte, diese Verkündung im Beisein von Josef auszusprechen, hätte ihm, so wie wir das männliche Geschlecht kennen, vermutlich mindestens ein blaues Auge eingebracht. Und Maria mit dieser doch eher fragwürdigen Neuigkeit – die sie gesellschaftlich völlig diskreditiert haben musste – ihrem Verlobten nun beibringen musste, allein ließ.
Okay, ich bin nicht gläubig. Aber auch als Nichtgläubige – angesichts dieses Bohais, den wir in Europa rund um Pilgerwege machen (und den daran beteiligten Orten durchaus viele Einnahmen bis hin zu ordentlichem Reichtum verhelfen) – stand ich in Nazareth fassungslos vor der sichtlichen Armut dieser Stadt. Ich meine, immerhin hat hier der ganze Kult um Jesus Christus begonnen?!d Hier mit der Verkündigung des Herren und Jesus soll hier auch zumindest einen Teil seiner Kindheit verbracht haben, und was geblieben ist vom Ruhm, dem dieses religiöse Nazareth gebührt, ist Armut und sichtlicher Verfall?
Seit ich in Nazareth war, gucke ich völlig neu auf den Reichtum des Vatikans in Rom. Ich glaube, wenn es einen erkennbaren Fehler in diesem ganzen kommerzialisierten, christlichen System gibt, man findet man ihn in Nazareth. In anderen Worten, seit ich lebe, haben gerade zwei Päpste, Johannes Paul II. und Benedikt XVI., den Weg nach Nazareth gefunden. Kommt im Schnitt auf zwei Papstbesuche alle 30 Jahre, um Maria, der Mutter Gottes, die Ehre zu geben … Läuft nach wie vor nicht gut für Frauen, insbesondere in der katholischen Kirche.
Nazareth ist sichtbar eine orientalische Stadt, hier wird man von einem ganz anderen Flair begrüßt als im hochmodernen Tel Aviv. Es ist schwierig zu verstehen. Einerseits steht Nazareth, wie kaum ein anderer Ort im Nahen Osten für ein friedliches Zusammenleben von israelischen Arabern und Juden. Andererseits, leben diese vermeintlich vereinten Welt doch gegeneinander. Es gibt Rassismus, der, trifft es bei Angriffen aus dem Iran nur Mitglieder der arabischen Bevölkerung, von jüdische Israelis offen zelebriert wird. Verdammt, sie sollten es besser wissen können. Schutzräume für die arabische Bevölkerung Israels kann man hier vergeblich suchen.

Nazareth leidet. Hier wird vom Tourismus gelebt zu einem großen Teil und der bleibt seit den Reisebeschränkungen von Covid aus und konnte sich bisher nach den Luftangriffes vom Iran, dann dem Krieg im Gaza-Streifen in den letzten Jahren auch nicht mehr erholen. Nazareth ist so komplex – und für mich die Stadt, die mich auf dieser Reise viel neugieriger auf sich gemacht hatte, als die vielen anderen besuchten Städte. Im wahrsten Sinne des Wortes, jetzt bin ich begierig mehr von Nazareth zu sehen, zu erleben.
Dafür war unser Besuch zu kurz. Wir haben lediglich die Verkündigungsbasilika im Süden von Nazareth besucht.
Es reicht leider nicht einmal die Zeit, um sich etwas auf der Pilgerstraße in Richtung der griechisch-orthodoxen Verkündigungskirche St. Gabriels zu bewegen. Denn nach dem orthodoxem Glauben soll der der Erzengel Gabriel hier an einer Quelle Maria die Geburt des Herren verkündet haben, um sie dann bis in ihre heimatliche Grotte zu stalken. Diese Kirche ist vegleichweise alt, ie stammt aus dem Jahr 1750, wurde auf den Ruinen einer Kreuzfahrerkirche erbaut.


Die Basilika der Verkündung

Von einem stark befahrenen Kreisverkehr geht die Al-Bishara-Straße, die Straße der guten Nachricht, ab. An einer seiner Ausfahrten verfällt das ehemalige Luxushotel Hotel Royal.
Gesäumt von kleinen, sehr einfachen und kaum frequentierten Geschäften und Bars, führt die schmale Straße leicht bergauf.
Dann liegt rechter Hand der Eingang zum Vorplatz der Basilika. Vor ihrem Eingang stehen Verkaufsstände, die ausgesuchten Plastikmüll aus China feilbieten.
Mit uns waren, wenn es hochkommt, noch vielleicht zehn andere Besucher gleichzeitig an diesem Ort. Im Dezember, also dem Weihnachtsmonat. Davon abgesehen, dass der Tourismus in Israel natürlich noch stark krankt am Kriegsgeschehen, war es an diesem Ort fassungslos machend ruhig. Was uns also fotografisch durchaus zum Vorteil gelangte, war gleichzeitig erschreckend zu erleben.
Die Verkündigungsbasilika, so wie sie im Jahr 1969 eingeweiht wurde, ist die mittlerweile fünfte Version eines Gotteshauses an diesem Ort. Frühere Orte des besonderen Gedenkens fielen menschlicher Zerstörungswut oder Erdbeben zum Opfer. Der heutige Bau wurde im Jahr 1955 begonnen.
Die Basilica steht über den Ruinen der früheren Kirchen und ist in eine Ober- und eine Unterkirche eingeteilt. Sie ist dreischiffig und ihr Kirchenbereich ist von einer 35 Meter hohen Kuppel überbaut.
Auch mit ihrer imposanten Länge von 67,5 Metern macht sie das zu einer der größten Kirchen im Nahen Osten. In ihrer Bedeutung ist sie das ja sowieso. Also … sollte sie sein.
Auf dem Vorplatz rostet Maria vor sich hin.
Kann es eine visuell traurigere Spiegelung zu dieser Stadt in Bezug auf ihre religiöse Relevanz geben? Die Kirche selber ist – für mich schwer zu fassen. Architektonisch wirkt sie doch etwas unentschieden auf mich.
Es beginnt schon am Eingang – von allem etwas viel.
Dieser Zwiespalt wird zusätzlich verstärkt durch zahlreiche Mosaike und anderer Kunstformen an den Wänden,
die insgesamt als ein schönes und wertvolles Symbol dieser Weltreligion zu achten sind. Jedes Land durfte sich hier – im Zentrum des globalen Glaubens – mit einem Kunstwerk verewigen.

In ihrem Inneren faszinieren vor allem der Altar in der unteren Ebene, der dem Ort der Verkündung gleich gesetzt wird.
Zu seiner Rückseite liegen die erhaltenen Reste der Grotte frei. Auch ihre äußere Architektur ist mit Elementen der weltlichen christlichen Gemeinden bestückt. So wunderschön das von der Geste her ist, aber da sie stilistisch völlig uneins sind, tun sie im Gesamtbildnis der Basilika in Ergänzung zu der eh schon architektonischen Vielfalt bedingt nur gut. Aber das kann man auch als Symbolbild weltlicher Ungleichheit verstehen, vereint im Glauben – womöglich liegt darin die besondere Einzigartigkeit dieses Ortes?

Die Darstellung Marias, immerhin Hauptprotagonistin an dieser Stelle, auch im inneren Bereich der Kirche, wirkt eher beliebig als gelungen.
Mich berührt die im Aufbau befindliche Krippe zur Weihnachtszeit. Christi Geburt steht vor der Tür – und es ist für mich ein großes Geschenk, zu dieser Zeit in diesem Land zu sein. Beeindruckt stehe ich vor der Grotte, in der Maria und Josef gelebt haben. Sie liegt offen – allerdings mit dem architektonischen Charme einer Tiefgarage überdacht.
Der Eintritt in die Verkündungsbasilika ist frei. Es wird aber ausdrücklich auf die Beachtung der Kleidungs- und Verhaltensregeln geachtet. In der Kirche werden Messen abgehalten. Über die Zeiten, in denen dann möglicherweise Touristen nicht eingelassen werden, sollte man sich vorab informieren.
Ja, die Verkündigungsbasilika ist historisch ein besonderer Ort, künstlerisch ein Ort, an dem man viele Stunden entdecken und bewundern kann. Dennoch konnte sie mich nicht für sich einnehmen. Immerhin … ich, als Nichtchristin, weiß, dass mich schon eine der kleinsten, halb verfallenen Kirchen Süditaliens zu Tränen rühren konnte. Oder wie empfänglich ich für die Magie der Basilika St. Nicola in Bari bin, die historisch gesehen nun gar keine Relevanz hat – außer, dass man in ihr Reliquien aufbewahrt.

Lange Rede: Der Besuch von Nazareth hat mich auf vielen Ebenen berührt und auch ratlos zurückgelassen. Ich bin voller Dankbarkeit, dass ich diesen besonderen Ort besuchen durfte und zumindest eine der Kirchen. Man tut Narazeth Unrecht, wenn man diese Stadt als Tourist nur kurz besucht bzw. durchfährt. In Nazaretz muss man eintauchen, die Stadt und die Menschen erleben, dann klappte es auch mit mehr Liebe zu diesem besonderen Ort!

2026-01-19

KI-Gespräche

Ich hatte gestern das spaßigste Get-Together mit einer Künstlichen Intelligenz, das ich bis dato haben durfte.

Gestern früh fuhr ich mit der S-Bahn Richtung 100. Grüne Woche. Am Hauptbahnhof stieg ein Mann laut telefonierend ein und schmiss sich in das Abteil, neben meinem, sodass wir uns diagonal gegenüber saßen. Er war vielleicht etwas jünger als ich. Vom Typ „zu früh, zu lange und zu intensiv mit illegalen Substanzen in seinem Leben Bekanntschaft gemacht“, laut. Einer, der Aufmerksamkeit braucht. Und – dafür hat er sich ziemlich smart ein Ventil gesucht. Und gefunden. Zunächst.

Nach dem Telefonat wussten er (und ich und viele andere Fahrgäste), dass er am S-Bahnhof Charlottenburg aussteigen sollte. Er legte auf und fragte sein Smartphone und die KI (mit weiblicher Stimme), ob er mit seinem ICE-Ticket (ab Hannover) wirklich in der Folge mit dem Ticket auch im Berliner ÖPNV bis zu seiner Zielstation fahren dürfe.

Die KI antwortete ihm, dass er das dürfe.

Wollte er ihr nicht glauben, und hakte nochmals nach, unterbrach sie aber in ihrer zweiten Antwort ziemlich rüde, dass er, wenn das nicht stimmen würde, sie für die Strafe verantwortlich machen würde.

Die KI lehnte das aber ab und überließ ihm den Vortritt bei der Ticket-Verantwortung.

Fand er nicht gut. Und erklärte ihr erneut, dass er das Ticket nicht bezahlen müsse, das wäre dann ihr Ding.

Sie erklärte ihm, dass sie das gar nicht könne, denn sie sei nur eine elektronische Auskunftshilfe.

Er bestand darauf, sie das bezahlen lassen zu wollen.

Sie verneinte seinen Anspruch.

Er erklärte ihr, er hätte die Konversation jetzt gesichert und ja, sie würde verantwortlich gemacht werden. Sie müsste bezahlen!

Sie erklärte ihm, dass sie als KI weder über ein Konto noch über Geld verfügen würde und schon deswegen aus der Nummer raus wäre.

Das nötigte ihn wiederum, ihr zu erklären, dass es ihm genauso ginge.

Sie erklärte ihm, sie könnte nicht für sein Handeln verantwortlich gemacht werden.

So ging das hin und her. Vier Stationen lang.

Das Faszinierende dabei war: Der hatte diesen Widerspruch ganz klar noch humoristisch begonnen, die ersten vier Konversationen hatte er Spaß. Doch dann genau nicht mehr, denn er wurde zur KI unhöflich (sie bestimmt), nutzte Wörter, die sich in einer Kommunikation eher nicht ziemen. Die feminine KI mit „Alter!” anzusprechen, war dabei noch nett. Tatsächlich erklärte er ihr danach, sie würde ihn nerven.

Aber entließ sie auch nicht aus der Konversation, die er zunehmend doof fand, weil sie ihn wiederum nicht aus seiner Verantwortung der Ticketfürsorge entließ. Aber auch immer leiser mit ihr sprach. Ich unterstellte ihm ein langsames Begreifen, dass er aus dieser Situation nicht mehr als coole Socke herauskommen konnte. Er antwortete kürzer. Das Ganze hatte mittlerweile etwas von: „Du bist doof.” „Nee, du.” „Nein, Du!” „Nein, nein. Du bist richtig doof!”

Sie wurde indes, sich anpassend an seine kürzeren Sätze, in ihrer Kommunikation deutlich kürzer, knapper – signalisierte in der ihr einprogrammierten Höflichkeit ganz klar: Du nervst, Dude! Das ging immer so dreimal hintereinander, und beim vierten Mal setzte sie doch wieder zu einem längeren Erklärbär-Passus an: „Wenn du mit einem ungültigen Ticket fährst, ist das dein Problem, und es ist dein Job, für ein gültiges Ticket zu sorgen“ an.

Dabei ist mir, die sich aus unterschiedlichen Gründen grundsätzlich nicht mit der Stimme meines Smartphones unterhält, auch aufgefallen, dass die KI ja grundsätzlich das letzte Wort haben muss, weil sie sich am Ende bedankt. Sie ist immer die, die sich nochmal bedankt, den Sachverhalt wiederholt oder noch einmal nachfragt. Also wer schnell davon genervt ist, dass jemand das letzte Wort haben will, kann ja eigentlich mit dieser Form von Elektronik null Spaß haben.

Jedenfalls kurz vor dem S-Bahnhof Charlottenburg, wo er aussteigen musste, beendete er relativ leise für sich die Konversation. Woraufhin sie sich nochmals meldete, ihm für das Gespräch dankte und daraufhin darauf verwies, dass er für kein Ticket die möglichen Konsequenz…

Weiter kam sie nicht.

Er hatte ihr mechanisch das Wort abgedreht. Daraufhin meldete sich erneut die KI seiner Routenplanung zu Wort, die er vorher wohl nach dem Fahrweg gefragt hatte, um ihm zu erklären, dass er jetzt auf dem Bahnhof nach vorne aust…

Nee, er war fertig mit elektronischer Kommunikation für den Moment. Grummelte nur: „Wen interessiert’s, in welche Richtung ich aussteigen muss!“ (Berliner S-Bahn-Fahrer*innen wissen, dass gerade am S-Bahnhof Charlottenburg das durchaus richtig wichtig sein könnte.)

Dafür, dass ich den Typen von Anfang an wirklich unangenehm fand mit seinem polterigen, lauten Auftreten, hatte ich am Ende fast so etwas wie Mitleid mit ihm. Mit der KI aber auch.

2026-01-17

Haifa

Haifa, das Drusen-Dorf Usifiya, dann über Nazareth in Richtung See Genezareth mit Bootsfahrt auf demselben. Der zweite Tag unserer Reise durch Israel gen Norden war ein kunterbunter Blumenstrauß in die israelische Kultur, Geschichte und vor allem der Einstieg in Pray, dem einen Teilmotto unserer Pressereise: Eat, Pray, Love!

Vor allem der religiöse Hintergrund Israels sollte uns von nun an ein stetiger und spannender Begleiter sein.
Zunächst aber führte unser Weg auf dem Highway nach Haifa. Im Speckgürtel von Tel Aviv wachsen entlang der Autobahn weiße, spannende Trabantenstädte. Am Anfang säumen die beeindruckenden Bauten der Universitäten des Landes unseren Weg und gehen in die Architekturen der Hightech-Industrien über.
Ein faszinierender Anblick, zumal die weiße Farbe der Hochhäuser sie im Sonnenschein erstaunlich edel strahlen lässt. Ich, für meinen Teil, hatte wirklich Spaß an dieser Autofahrt und fand meine architektonische Aussicht mindestens cool.
Mit der Bahn ist Haifa von Tel Aviv übrigens stündlich zu erreichen, die Fahrt dorthin dauert maximal eine Stunde.
Dagegen hält unsere Ankunft in Haifa einen geradezu bürgerlichen Gegenentwurf parat. HaMoshava HaGermanit – die Deutsche Kolonie – ist ein Stadtteil in Haifa, der Mitte des 19. Jahrhunderts von christlich-deutschen Templern am Fuße des Berg Karmel gegründet wurde. Was sie in weiteren Städten Israels wie Jaffa, Galiäa und Jerusalem auch taten – teilweise mit weniger historischem Überlebenswillen. Auf jeden Fall – Eat, Pray Love – hier wird Love zelebriert:
Hochmütig, wie wir Deutschen nun mal sind, glaubten die Gründungsväter dieser protestantischen Glaubensgemeinschaft aus Süddeutschland, dass ihr Leben im Heiligen Land die Wiedergeburt von Jesus Christus beschleunigen würde. (Nun ja … wenn die Schwaben mit der gleichen Überzeugung nach dem Mauerfall über Berlin eingefallen sind … ist ihre Erfolgsstatistik in beiden Fällen als wohl nur mäßig zu beschreiben.)
1893 weihten sie dort ein Gemeindezentrum mit Schulräumen ein, dem heutigen Haifa City Museum, ein Filmkunstmuseum – mit extra Abteilung für pornographische Kunst auf Zelluloid.
Die von Norden nach Süden verlaufende Hauptstraße Haifas, entlang der sich die Deutschen in den Seitenstraßen in 150 Häuser mit erstaunlich reicher Bausubstanz als Gartenstadt mit Einfamilienhäusern ansiedelten, beherbergte in ihrer Blütezeit ca. 750 Einwohner, die man durchaus als gebildete Elite bezeichnen darf. Der heutige Ben-Gurion-Boulevard verläuft vom Berg Karmel gerade hinunter zum Hafen.
Die Sichtachse hoch entlang des Berges auf die Pracht der Bahai-Gärten ist beeindruckend und zumindest in Richtung des Berges Karmel wunderschön! Einige der Häuser der deutschen Kolonie stehen immer noch, teilweise formidabel restauriert, und ja, heute wird auch hier der Duft der Gentrifizierung der Gegend überdeutlich wahrgenommen. Das exclusivere Gastronomieangebot, Kultur- und Nachtleben Haifas findet man dort.
Es mutet merkwürdig an. Da ist dieser Ort, von deutschen Zuwanderern geschaffen, heute im Namen im Land Israel eine Sehenswürdigkeit von Haifa, um nicht zu schreiben, eine der Sehenswürdigkeiten Haifas. Das mit unserer deutschen Geschichte? Tarsächlich begegne ich solchen Geschichten öfter auf dieser Reise. Eine Handreichung jüdischer Israelis uns Deutschen gegenüber. Also: Love. Mindestens: Menschlichkeit. Es macht mir den zunehmenden Antisemitismus in meinem Heimatland noch unerträglicher.

Denn … in den Jahren der Machtübernahme der Nazis in Deutschland war ein nicht unerheblicher Teil der in Palästina lebenden deutschen Kolonisten Mitglied der NSDAP. So wehten auch hier, in den Jahren bis und die ersten Jahre nach der Machtergreifung Hitlers, die Fahnen des nationalsozialistischen deutschen Schande an den Häusern. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, nahmen die britischen Alliierten die Kolonisten mit deutscher Staatsangehörigkeit gefangen und brachten sie bis zu ihrer Deportation nach Australien – zusammen mit deren Sympathisanten aus Italien und Ungarn – in Internierungslagern unter. Lediglich ein kleiner dreistelliger Teil von ihnen, denen man so gar keine Sympathien für das Dritte Reich nachweisen konnte, durfte im Land bleiben.
Eine tolle Vegetation findet man hier im Stadtbild.
Zumal es auf Chanukka und Weihnachten zuging, Haifa hatte sich schon in formidable Feststimmungen geschmückt.
Visuell omnipräsente architektonische Krönung der Bahá’í-Gärten – und somit auch ein besonderes Kulturgut Haifas – ist das weiß leuchtende Mausoleum mit der goldenen Kuppel: der Schrein des Bab(ismus). Bahá’u’lláh. Basierend auf dem Entwurf des kanadischen Architekten William Maxwell, ausgeführt von dem persönlichen Assistenten Effendis, dem Sizilianer Ugo Giacheriy, der kostbare Baumaterialien wie Chiampo-Marmor und Baveno-Granit aus ganz Europa hier verbauen ließ. Die Kuppel besteht z. B. aus 12.000 vergoldeten und feuerglasierten Ziegeln aus den Niederlanden.

Zu Lebzeiten hatte sich der Begründer der Baháʾí, Seyyed ʿAli Muhammad Schirazis, an diesem Berg seine Grabstätte gewünscht. 1850 hingerichtet, mussten seine sterblichen Überreste bis 1909 warten, um dort in einem ersten einfachen Bau zur Ruhe gebettet zu werden. Diesen hatte sein Sohn Abdul-Bahāʾ errichtet. Der stilvolle, dennoch auch pompöse Bau, der heute die Besucher so beeindruckt, wurde aufgrund der gesamtpolitischen Turbulenzen erst 1949 bis 1953 gebaut. Sechs Kammern enthält das Mausoleum, die allerdings nicht besucht werden können. Besucht und gebetet werden kann man in einem vorgelagerten Raum. Der Schrein gilt heute als das geistige Zentrum der Bahai und als ihre Pilgerstätte.
Die wunderschöne Gartenanlage ist dem Enkel und religiösen Nachfolger des Bab Shoghi Effendi zu verdanken. Das heute als orientalisches Pilgerhospiz bezeichnete frühere Gartenhäuschen, war sein bevorzugter Aufenthaltsort. 100 Meter südöstlich vom Schrein stehend, gestaltete er von hier aus die Gärten nach historischen Vorbildern mit 18 Gartenterrassen.
Davon sind je neun oberhalb und unterhalb des Schreins angelegt. Sie erstrecken sich über eine Kilometerlänge und sind voller Symmetrien mit Zypressen und Orangenbäumen gepflanzt – an die heimatliche Vegetation der Familie erinnernd. Zudem stattete er die Gärten kunstvoll mit Skulpturen, Vasen und Tiermotiven aus.
Uns blieb leider – aber immerhin doch – der Blick auf die Gärten von unten und nach einer kurzen Autofahrt der Blick von einem oberen Standpunkt auf die beeindruckende Anlage. Man kann dort tolle Haifa-Wimmelbilder machen:
Somit steht „einmal die Gärten von Haifa zu Fuß entdecken“ auf meiner persönlichen To-do-Liste. Die Aussicht aber von oben auf das gesamte Haifa, wie sich die Stadt entlang der Bucht mit dem großen Hafen am östlichen Mittelmeer schmiegt, ist faszinierend. In dem Hafen Haifas werden immerhin 65 % des israelischen Containerumschlags abgewickelt. Haifa verfügt auch über hübsche Strände. Kurz: Das bisschen, was ich von dieser Stadt sehen durfte, macht auf jeden Fall Lust auf sehr viel mehr Haifa!

Zurück in die Zukunft

Frau Kiki hat da einen sehr feinen Text geschrieben.

Zurück in die Zukunft

2026-01-16

Guten Tag!

Mein Name ist creezy, ich bin 60 Jahre alt und habe heute zum ersten Mal eine Pizza gefrühstückt.

Ein halbe Pizza. Von gestern aus dem Restaurant mitgenommen, wegen Nachhaltigkeit und so.

Wenn viel Käse drauf war, mit etwas Olivenöl in der Pfanne aufgebacken, geht's eigentlich.