2010-12-15

Mein Blogwichtel 2010

Spurensuche

Was treibt mich, was treibt uns dazu, unseren Gedanken Ausdruck zu verleihen? Die menschliche Ausdrucksfreude, diese Expressivität, hat im Laufe der Geschichte viele verschiedene Formen gefunden. Formen in Folgen von Symbolen, die schließlich einen Übergang zur Kulturtechnik fanden, also als eine weithin eingeübte Gepflogenheit Teil einer Gemeinschaft wurden.

Jedes Blog als eine Ansammlung von Spuren: Abdrücke der Gedanken geronnen in Sprache und übersetzt in das für sie übliche System von Zeichen, die anders als ein Tagebuch, ein Leserkommentar oder eine einfache Notiz, mitunter einen ganz spezifischen hypertextuellen Charakter aufweist, mit anderen Gedanken, Meinungen, Definitionen oder Beschreibungen verknüpft ist. Öffentliche Gedanken, die zuweilen von anderen und sofern sich es bei dem anderen nicht um einen sogenannten Troll handelt, zur Freude der jeweiligen Bloggerin, des jeweiligen Bloggers kommentiert werden.

Im Laufe der Zeit wächst das Archiv von Spuren, die je nach Perspektive für den einen eher einer Rumpelkammer oder liebteure Schatzkammer darstellen und zeichnet dabei nicht selten eine prozessuale Veränderung auf.

holy fruit salad! ist ein solche Schatzkammer, die anders als so manche visuelle Reblog-Rumpelkammer, mehr den Charakter geronnener Gedanken pflegt. Ein digital-virtueller Fährtensucher mag seine helle Freude in der "archälogischen" Auseinandersetzung mit diesem reichen Fundus finden.


© Ramessos, Wikipedia Commons, CC-Lizenz

Da ist zunächst die Erzählung einer Beobachtung, in der gleichermaßen das Versagen und der Gewinn der Mitmenschlichkeit deutlich wird. Oder Persönliches: zu Herzen gehende Berichte über die eigene Verliebtheit, als auch die nicht zu vermeidenden alltäglichen Aufreger über institunelle Inkompetenz. Die lehrreiche Einführung in die kalorinhaltige Genealogie und in die Gender Theorie sollen an dieser Stelle ebensowenig unerwähnt bleiben wie expressive Leibesübung und gewisse ironische Spitzen.

Wenngleich dies hier kein Marketing-Artikel sein soll und darf, findet ein Archäologe, eine Archäologin im Archiv des Blogs in der Tat eine furchtig-erfrischende Mischung wieder, ein Cocktail den man beileibe gerne genießt, weil er dann doch nicht zu süß ist.

Wenn wir uns ausdrücken und diesen Ausdruck mittels einer Kulturtechnik aufzeichnen, dann schaffen wir etwas für eine noch unbekannte Zukunft.

"Huch!", mag nun die oder der eine oder andere BloggerIn denken, "dessen bin ich mir gar nicht bewusst". Vermutlich sind wir uns dessen nicht immer bewusst, aber es ist durchaus vorstellbar, dass das Bewahren, die eigentlich eine Transformation für und in das Künftige ist, einen Teil unserer Motivation als Blogger auszeichnet. Wenn also die Geschichte vor uns eine offene ist und wir uns für das uns Unbekannte kleine Notizen machen, die wir mit andern teilen, dann ist vielleicht auch ein bischen so, als wenn wir eine kleine Prise, eine kleine Dosis, der Illusion Ewigkeit inhalieren.

So manch einer glaubt, das Internet könne nicht vergessen. Aber sind nicht alle unsere Spuren, Spuren im Sand, die der Wind verweht? Und die Zeit, die Zeit hat einen langen Atem.

3 Kommentare:

creezy hat gesagt…

Ich bedanke mich sehr bei meinem Blogwichtel, von dem ich – ganz außer Konkurrenz ja weiß – wer es ist und der es bestimmt nicht leicht hatte mit meinem Blog. Ich habe dieses Blogwichtel (wirklich erst gestern!) gelesen und mich sehr über die fast schon wissenschaftlich Abhandlung gefreut. Vor allem sehr schön geschrieben! Vielen Dank dafür! ;-)

truetigger hat gesagt…

Für uns andere bleibt ja der Ratespass. Mit soviel Poesie und Feinfühligkeit und ganz ohne Sarkasmus - das lässt zwar noch nicht viel Schlüsse zu, kann aber einige Rabauken unter den Bloggern schon einmal herausfiltern.

Der konkrete Rückblick konzentriert auf einen Absatz mit einigen Links zu Creezys früheren Beiträgen ist übrigens sehr elegant hineingewebt in den ansonsten so philosophischen Gedankengang.

Felios hat gesagt…

Gegenüber den Foren, insbesondere jenen mit großen Nutzerzahlen, haben Blogs den Vorteil, dass Beiträge leichter auffindbar sind und nicht im Orkus von tausenden Beiträgen verschwinden. Dennoch: für mich zählt das Schreiben auf Papier (und damit unweigerlich verbunden eine chaotische Zetterlwirtschaft) immer noch zu dem Muss, um etwas dauerhaft zu archivieren. Nie werde ich mich an E-Books oder Online-Zeitungen gewöhnen können. Je nach Gelegenheit und Gusto gehört die Zeitung und das Buch einfach zum Frühstück oder Kaffee trinken im Kaffeehaus dazu.

Just my two cents.

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