2026-01-19

KI-Gespräche

Ich hatte gestern das spaßigste Get-Together mit einer Künstlichen Intelligenz, das ich bis dato haben durfte.

Gestern früh fuhr ich mit der S-Bahn Richtung 100. Grüne Woche. Am Hauptbahnhof stieg ein Mann laut telefonierend ein und schmiss sich in das Abteil, neben meinem, sodass wir uns diagonal gegenüber saßen. Er war vielleicht etwas jünger als ich. Vom Typ „zu früh, zu lange und zu intensiv mit illegalen Substanzen in seinem Leben Bekanntschaft gemacht“, laut. Einer, der Aufmerksamkeit braucht. Und – dafür hat er sich ziemlich smart ein Ventil gesucht. Und gefunden. Zunächst.

Nach dem Telefonat wussten er (und ich und viele andere Fahrgäste), dass er am S-Bahnhof Charlottenburg aussteigen sollte. Er legte auf und fragte sein Smartphone und die KI (mit weiblicher Stimme), ob er mit seinem ICE-Ticket (ab Hannover) wirklich in der Folge mit dem Ticket auch im Berliner ÖPNV bis zu seiner Zielstation fahren dürfe.

Die KI antwortete ihm, dass er das dürfe.

Wollte er ihr nicht glauben, und hakte nochmals nach, unterbrach sie aber in ihrer zweiten Antwort ziemlich rüde, dass er, wenn das nicht stimmen würde, sie für die Strafe verantwortlich machen würde.

Die KI lehnte das aber ab und überließ ihm den Vortritt bei der Ticket-Verantwortung.

Fand er nicht gut. Und erklärte ihr erneut, dass er das Ticket nicht bezahlen müsse, das wäre dann ihr Ding.

Sie erklärte ihm, dass sie das gar nicht könne, denn sie sei nur eine elektronische Auskunftshilfe.

Er bestand darauf, sie das bezahlen lassen zu wollen.

Sie verneinte seinen Anspruch.

Er erklärte ihr, er hätte die Konversation jetzt gesichert und ja, sie würde verantwortlich gemacht werden. Sie müsste bezahlen!

Sie erklärte ihm, dass sie als KI weder über ein Konto noch über Geld verfügen würde und schon deswegen aus der Nummer raus wäre.

Das nötigte ihn wiederum, ihr zu erklären, dass es ihm genauso ginge.

Sie erklärte ihm, sie könnte nicht für sein Handeln verantwortlich gemacht werden.

So ging das hin und her. Vier Stationen lang.

Das Faszinierende dabei war: Der hatte diesen Widerspruch ganz klar noch humoristisch begonnen, die ersten vier Konversationen hatte er Spaß. Doch dann genau nicht mehr, denn er wurde zur KI unhöflich (sie bestimmt), nutzte Wörter, die sich in einer Kommunikation eher nicht ziemen. Die feminine KI mit „Alter!” anzusprechen, war dabei noch nett. Tatsächlich erklärte er ihr danach, sie würde ihn nerven.

Aber entließ sie auch nicht aus der Konversation, die er zunehmend doof fand, weil sie ihn wiederum nicht aus seiner Verantwortung der Ticketfürsorge entließ. Aber auch immer leiser mit ihr sprach. Ich unterstellte ihm ein langsames Begreifen, dass er aus dieser Situation nicht mehr als coole Socke herauskommen konnte. Er antwortete kürzer. Das Ganze hatte mittlerweile etwas von: „Du bist doof.” „Nee, du.” „Nein, Du!” „Nein, nein. Du bist richtig doof!”

Sie wurde indes, sich anpassend an seine kürzeren Sätze, in ihrer Kommunikation deutlich kürzer, knapper – signalisierte in der ihr einprogrammierten Höflichkeit ganz klar: Du nervst, Dude! Das ging immer so dreimal hintereinander, und beim vierten Mal setzte sie doch wieder zu einem längeren Erklärbär-Passus an: „Wenn du mit einem ungültigen Ticket fährst, ist das dein Problem, und es ist dein Job, für ein gültiges Ticket zu sorgen“ an.

Dabei ist mir, die sich aus unterschiedlichen Gründen grundsätzlich nicht mit der Stimme meines Smartphones unterhält, auch aufgefallen, dass die KI ja grundsätzlich das letzte Wort haben muss, weil sie sich am Ende bedankt. Sie ist immer die, die sich nochmal bedankt, den Sachverhalt wiederholt oder noch einmal nachfragt. Also wer schnell davon genervt ist, dass jemand das letzte Wort haben will, kann ja eigentlich mit dieser Form von Elektronik null Spaß haben.

Jedenfalls kurz vor dem S-Bahnhof Charlottenburg, wo er aussteigen musste, beendete er relativ leise für sich die Konversation. Woraufhin sie sich nochmals meldete, ihm für das Gespräch dankte und daraufhin darauf verwies, dass er für kein Ticket die möglichen Konsequenz…

Weiter kam sie nicht.

Er hatte ihr mechanisch das Wort abgedreht. Daraufhin meldete sich erneut die KI seiner Routenplanung zu Wort, die er vorher wohl nach dem Fahrweg gefragt hatte, um ihm zu erklären, dass er jetzt auf dem Bahnhof nach vorne aust…

Nee, er war fertig mit elektronischer Kommunikation für den Moment. Grummelte nur: „Wen interessiert’s, in welche Richtung ich aussteigen muss!“ (Berliner S-Bahn-Fahrer*innen wissen, dass gerade am S-Bahnhof Charlottenburg das durchaus richtig wichtig sein könnte.)

Dafür, dass ich den Typen von Anfang an wirklich unangenehm fand mit seinem polterigen, lauten Auftreten, hatte ich am Ende fast so etwas wie Mitleid mit ihm. Mit der KI aber auch.

2026-01-17

Haifa

Haifa, das Drusen-Dorf Usifiya, dann über Nazareth in Richtung See Genezareth mit Bootsfahrt auf demselben. Der zweite Tag unserer Reise durch Israel gen Norden war ein kunterbunter Blumenstrauß in die israelische Kultur, Geschichte und vor allem der Einstieg in Pray, dem einen Teilmotto unserer Pressereise: Eat, Pray, Love!

Vor allem der religiöse Hintergrund Israels sollte uns von nun an ein stetiger und spannender Begleiter sein.
Zunächst aber führte unser Weg auf dem Highway nach Haifa. Im Speckgürtel von Tel Aviv wachsen entlang der Autobahn weiße, spannende Trabantenstädte. Am Anfang säumen die beeindruckenden Bauten der Universitäten des Landes unseren Weg und gehen in die Architekturen der Hightech-Industrien über.
Ein faszinierender Anblick, zumal die weiße Farbe der Hochhäuser sie im Sonnenschein erstaunlich edel strahlen lässt. Ich, für meinen Teil, hatte wirklich Spaß an dieser Autofahrt und fand meine architektonische Aussicht mindestens cool.
Mit der Bahn ist Haifa von Tel Aviv übrigens stündlich zu erreichen, die Fahrt dorthin dauert maximal eine Stunde.
Dagegen hält unsere Ankunft in Haifa einen geradezu bürgerlichen Gegenentwurf parat. HaMoshava HaGermanit – die Deutsche Kolonie – ist ein Stadtteil in Haifa, der Mitte des 19. Jahrhunderts von christlich-deutschen Templern am Fuße des Berg Karmel gegründet wurde. Was sie in weiteren Städten Israels wie Jaffa, Galiäa und Jerusalem auch taten – teilweise mit weniger historischem Überlebenswillen. Auf jeden Fall – Eat, Pray Love – hier wird Love zelebriert:
Hochmütig, wie wir Deutschen nun mal sind, glaubten die Gründungsväter dieser protestantischen Glaubensgemeinschaft aus Süddeutschland, dass ihr Leben im Heiligen Land die Wiedergeburt von Jesus Christus beschleunigen würde. (Nun ja … wenn die Schwaben mit der gleichen Überzeugung nach dem Mauerfall über Berlin eingefallen sind … ist ihre Erfolgsstatistik in beiden Fällen als wohl nur mäßig zu beschreiben.)
1893 weihten sie dort ein Gemeindezentrum mit Schulräumen ein, dem heutigen Haifa City Museum, ein Filmkunstmuseum – mit extra Abteilung für pornographische Kunst auf Zelluloid.
Die von Norden nach Süden verlaufende Hauptstraße Haifas, entlang der sich die Deutschen in den Seitenstraßen in 150 Häuser mit erstaunlich reicher Bausubstanz als Gartenstadt mit Einfamilienhäusern ansiedelten, beherbergte in ihrer Blütezeit ca. 750 Einwohner, die man durchaus als gebildete Elite bezeichnen darf. Der heutige Ben-Gurion-Boulevard verläuft vom Berg Karmel gerade hinunter zum Hafen.
Die Sichtachse hoch entlang des Berges auf die Pracht der Bahai-Gärten ist beeindruckend und zumindest in Richtung des Berges Karmel wunderschön! Einige der Häuser der deutschen Kolonie stehen immer noch, teilweise formidabel restauriert, und ja, heute wird auch hier der Duft der Gentrifizierung der Gegend überdeutlich wahrgenommen. Das exclusivere Gastronomieangebot, Kultur- und Nachtleben Haifas findet man dort.
Es mutet merkwürdig an. Da ist dieser Ort, von deutschen Zuwanderern geschaffen, heute im Namen im Land Israel eine Sehenswürdigkeit von Haifa, um nicht zu schreiben, eine der Sehenswürdigkeiten Haifas. Das mit unserer deutschen Geschichte? Tarsächlich begegne ich solchen Geschichten öfter auf dieser Reise. Eine Handreichung jüdischer Israelis uns Deutschen gegenüber. Also: Love. Mindestens: Menschlichkeit. Es macht mir den zunehmenden Antisemitismus in meinem Heimatland noch unerträglicher.

Denn … in den Jahren der Machtübernahme der Nazis in Deutschland war ein nicht unerheblicher Teil der in Palästina lebenden deutschen Kolonisten Mitglied der NSDAP. So wehten auch hier, in den Jahren bis und die ersten Jahre nach der Machtergreifung Hitlers, die Fahnen des nationalsozialistischen deutschen Schande an den Häusern. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, nahmen die britischen Alliierten die Kolonisten mit deutscher Staatsangehörigkeit gefangen und brachten sie bis zu ihrer Deportation nach Australien – zusammen mit deren Sympathisanten aus Italien und Ungarn – in Internierungslagern unter. Lediglich ein kleiner dreistelliger Teil von ihnen, denen man so gar keine Sympathien für das Dritte Reich nachweisen konnte, durfte im Land bleiben.
Eine tolle Vegetation findet man hier im Stadtbild.
Zumal es auf Chanukka und Weihnachten zuging, Haifa hatte sich schon in formidable Feststimmungen geschmückt.
Visuell omnipräsente architektonische Krönung der Bahá’í-Gärten – und somit auch ein besonderes Kulturgut Haifas – ist das weiß leuchtende Mausoleum mit der goldenen Kuppel: der Schrein des Bab(ismus). Bahá’u’lláh. Basierend auf dem Entwurf des kanadischen Architekten William Maxwell, ausgeführt von dem persönlichen Assistenten Effendis, dem Sizilianer Ugo Giacheriy, der kostbare Baumaterialien wie Chiampo-Marmor und Baveno-Granit aus ganz Europa hier verbauen ließ. Die Kuppel besteht z. B. aus 12.000 vergoldeten und feuerglasierten Ziegeln aus den Niederlanden.

Zu Lebzeiten hatte sich der Begründer der Baháʾí, Seyyed ʿAli Muhammad Schirazis, an diesem Berg seine Grabstätte gewünscht. 1850 hingerichtet, mussten seine sterblichen Überreste bis 1909 warten, um dort in einem ersten einfachen Bau zur Ruhe gebettet zu werden. Diesen hatte sein Sohn Abdul-Bahāʾ errichtet. Der stilvolle, dennoch auch pompöse Bau, der heute die Besucher so beeindruckt, wurde aufgrund der gesamtpolitischen Turbulenzen erst 1949 bis 1953 gebaut. Sechs Kammern enthält das Mausoleum, die allerdings nicht besucht werden können. Besucht und gebetet werden kann man in einem vorgelagerten Raum. Der Schrein gilt heute als das geistige Zentrum der Bahai und als ihre Pilgerstätte.
Die wunderschöne Gartenanlage ist dem Enkel und religiösen Nachfolger des Bab Shoghi Effendi zu verdanken. Das heute als orientalisches Pilgerhospiz bezeichnete frühere Gartenhäuschen, war sein bevorzugter Aufenthaltsort. 100 Meter südöstlich vom Schrein stehend, gestaltete er von hier aus die Gärten nach historischen Vorbildern mit 18 Gartenterrassen.
Davon sind je neun oberhalb und unterhalb des Schreins angelegt. Sie erstrecken sich über eine Kilometerlänge und sind voller Symmetrien mit Zypressen und Orangenbäumen gepflanzt – an die heimatliche Vegetation der Familie erinnernd. Zudem stattete er die Gärten kunstvoll mit Skulpturen, Vasen und Tiermotiven aus.
Uns blieb leider – aber immerhin doch – der Blick auf die Gärten von unten und nach einer kurzen Autofahrt der Blick von einem oberen Standpunkt auf die beeindruckende Anlage. Man kann dort tolle Haifa-Wimmelbilder machen:
Somit steht „einmal die Gärten von Haifa zu Fuß entdecken“ auf meiner persönlichen To-do-Liste. Die Aussicht aber von oben auf das gesamte Haifa, wie sich die Stadt entlang der Bucht mit dem großen Hafen am östlichen Mittelmeer schmiegt, ist faszinierend. In dem Hafen Haifas werden immerhin 65 % des israelischen Containerumschlags abgewickelt. Haifa verfügt auch über hübsche Strände. Kurz: Das bisschen, was ich von dieser Stadt sehen durfte, macht auf jeden Fall Lust auf sehr viel mehr Haifa!

Zurück in die Zukunft

Frau Kiki hat da einen sehr feinen Text geschrieben.

Zurück in die Zukunft

2026-01-16

Guten Tag!

Mein Name ist creezy, ich bin 60 Jahre alt und habe heute zum ersten Mal eine Pizza gefrühstückt.

Ein halbe Pizza. Von gestern aus dem Restaurant mitgenommen, wegen Nachhaltigkeit und so.

Wenn viel Käse drauf war, mit etwas Olivenöl in der Pfanne aufgebacken, geht's eigentlich.

2026-01-14

Gio‘s – Die Küche Georgiens in Kreuzberg

Das Gio's existiert noch nicht lange im Kreuzberger Teil der Dresdener Straße 16. Der Teil zwischen Kottbusser Tor und Oranienplatz hatte lange noch den üblichen Gentrifizierungsmoden trotzen können, mittlerweile zieht überall, wo ein Ladengeschäft frei wird, Gastronomie ein. So das Gio's, das digaonal gegenüber dem Babylon liegt. Hier wird heute die Küche Georgiens serviert in einem einfach eingerichteten, dennoch gemütlichen Restaurant – dem nur leider das grelle LED-Licht etwas die Gemütlichkeit raubt. (Zugang und Toiletten leider nicht barrierefrei.)

Diese Woche haben Frau maske_katja und ich einen merkwürdigen Tag zum Abschluss gebracht. Auf jeden Fall kann man sich im Gio’s hervorragend die Gerichte teilen. Sehr viele Gerichte sind vegetarisch und auch vegan. Gio's Speisekarte ist vergleichsweise übersichtlich, passt auf eine DinA4-Seite, doppelt bedruckt. Es gibt aber noch eine kleine Karte mit neuen Specials. Die Gerichte fangen ab 11,— Euro an und hören bei 20,— auf.
Als erstes haben wir uns den Phakali Mix geteilt. Für zwei Personen eine sehr gut sättigende Vorspeise mit zwei Mal Spinat mit Walnusspaste, Koriander, georgischen Gewürzen, Essig und Knoblauch und Granatapfelkernen, die geschmacklich zurückhaltendste Variante auf dem Teller. Mehr Wumms hatten dagegen eine wirklich grandiose Rote Beete-Paste und die Auberginenrollen. auch mit Walnusspaste pikant abgeschmeckt. haben viel Spaß gemacht.

Glücklich machte die Megruli Khachapuri!
Khachapuri sind runde Teigtaschen in Pizzagröße mit grandiosen Füllungen. Wir wählten die einfache Variante mit Käse gefüllt. Heiß, der Käse schmilzt und ist angenehm aromatisch, dazu der heiße gebackene fluffige Teig – und tut einfach der Seele gut.
Und macht gut satt. Sie gibt es auch mit doppeltem Käse und Fleisch gefüllt oder mit einer Bohnenmus-Füllung für Veganer zu genießen. Wir haben uns die Khachapuri geteilt, wie auch die Chinkali.
Die berühmten georgischen Teigtaschen, große Dumplings, die gekocht serviert werden. Wir hatten die vegetarische Varinate mit Champignons, Estragon, Zwiebeln und der feinen georgischen Aromatik. Alles in allem waren das köstlichen Gänge, vielleicht war unsere Wahl am Schluss doch etwas sehr teiglastig. Aber das kann man beim nächsten Mal auch ändern, denn die georgische Küche hat auch fantastische Topfgerichte (auch mit Fleisch).
Dazu gab es georgische Limonade, die ich persönlich etwas gewöhnungsbedürftig fand. Katja war mit ihrem Kindheitsdrink aus früheren Urlauben, Limonade mit Estragon – schön giftgrün im Glas, absolut happy. Ich hatte die Birnenlimonade bestellt – fand sie extrem künstlich und übersüßt – sie schmeckte wie aufgelöste Gummibären. Beim nächsten Mal bleibe ich beim Wasser, natürlich könnte man als Biergenießer auch gregorianisches Bier bestellen!

Für das leckere Essen, dem man ein hohes Talent zur Sättigung unterstellen darf, auf jeden Fall alle Daumen hoch. Hier wird wirklich selber gekocht, die Teige sind hausgemacht. Eine (für mich) neue aber sehr geschmackvolle Küche, perfekt zum Teilen und mit einem schnellen und freundlichen Service. Ich freue mich auf das nächste Essen bei Gio's!

Dredener Straße 18, 10999 Berlin
Öffnungszeiten Mo-So: 15:30 Uhr bis 22:30 Uhr

2026-01-12

Arancina Vaniglia – die Vanille Orange

Kennt ihr Vanille Orangen?
Meine allererste Vanille Orange – Citrus sinensis arancina dolce (oder dolce moscato als Blutorange) – hatte ich im November 2025 in der Basilikata genießen dürfen! Eigentlich … waren wir Oliven ernten. Es war ein Traum, reife Oliven an den Bäumen und die ersten reifen Orangen an den Bäumen!
Pino hielt mir sie zuerst kommentarlos hin, als wir auf dem Gelände von einem Freund von ihm waren, …
… der unterschiedliche Arten von Zitrusfrüchten anbaut – und Oliven.
Was war das für ein besonderer Genuss! Dann erzählte er mir, was wir da gerade aßen: eine Arancina Vaniglia.

Pino erklärte, als man in Kalabrien die Menschen aus den schwer zugänglichen Bergregionen in der Nähe der Küste, zum Beispiel in Montalbano Jonico, ansiedelte und ihnen die Behörden einfache Häuser mit Selbstversorgergärten zur Verfügung stellten, wurde in jedem dieser Gärten mindestens ein Baum dieser Sorte gepflanzt. In Süditalien kennen sie also viele Menschen – die Kinder wachsen mit ihr auf. So ist diese Orange der Geschmack seiner Kindheit. Für mich ist sie nun der Geschmack einer wundervollen Basilikata-Reise.
Aus welchen Gründen auch immer – aus der Basilikata wird man diese Frucht selten im Handel finden, noch weniger als Exportware. Womöglich, weil ihr die groß gezüchteten (nicht immer geschmackvollen) Orangen im Anbau und Preisspanne den Rang abgelaufen haben? Hierzulande wird man sie am ehesten als Ware aus Sizilien bestellen können. Meiner Erfahrung nach, solltet ihr das unbedingt einmal tun. Sie ist eine wundervolle Erfahrung, gefühlt für mich ein bisschen wie die Ur-Orange!

Ihren Weg hat sie um 1400 n. Chr. auf die Insel gefunden, ob aus China oder Indien importiert – man weiß es heute nicht mehr so genau. Im Vergleich zu anderen Züchtungen tragen die Bäume kleine bis höchstens mittelgroße Früchte, die komplett kernlos sind. Frisch vom Baum genommen, ist sie sehr leicht mit den Fingern zu schälen. Auch ihr Mesokarp, also die innere weiße Haut, ist essbar und schmeckt süß. (Wir erinnern uns: Im Mesokarp stecken eigentlich nur die relevanten Vitamine der Zitrusfrüchte.) Das Perikarp, also die Haut der Fruchtwände, ist sehr zart. Die typische Bitterkeit muss man suchen. Tatsächlich kann man diese Orange komplett mit Schale essen. Komplett in der Hand und ungeschält, ist sie schon ein aromatisches, duftendes, rundes Stück Glück. Ihr Fruchtfleisch ist relativ hell, besonders saftig und sehr süß. Also, wer auch nur ihr Fruchtfleisch genießt: Es ist deliziös!
Es macht die Arancina Vaniglia so besonders im Genuss, für mich schmeckt sie wie keine andere Orangensorte. Dieses Fruchtfleisch überrascht mit einem duftenden Vanillegeruch und Geschmack, der zart herb-würzig wie ihre Namensgeberin schmeckt und auch ein wenig nach süßem Balsamico erinnert. Sie besitzt im Vergleich zu anderen Sorten keine Säure – ihre Süße ist überraschend und unvergleichlich. Die Vanille-Orange ist also die perfekte Zitrusfrucht für Menschen, die Zitrussäure nicht sehr gut vertragen. Somit ist sie auch für Kinder der perfekte fruchtige Einstieg in die wunderbare Welt der Zitrusfrüchte und liefert ihnen neben Vitamin C auch A, B1 sowie B2 dem Organismus.

Tipp: Stellt sie vor dem Essen jetzt im Winter kurz auf die Heizung. Die Wärme lässt ihre spezielle Aromatik besonders zur Geltung kommen. Und wenn ihr sie dünn aufschneidet mit Schale (wie man es mit der Cedre macht), dann ist sie eine Geschmacksexplosion.
Wie kommt man nun an diese besondere Frucht?
Natürlich im Internet – zur Not. Aber wir in Berlin haben Glück. Die kleine Salumeria Terre Sicily in der Rheinstraße 18 ist die richtige Anlaufstelle für euch!
Peppe und seine Frau Ginevra bieten alles, was das Herz des Italienliebhabers begehrt: Perfekten italienischen Kaffee mit Torta an der kleinen Fenstertheke im Haus zu genießen oder eine Antipastiplatte to go?! Und Produkte aus – vor allem Sizilien –, aber auch frische Köstlichkeiten aus Apulien wie Cime di Rape und Puntanelle sind frisch vorhanden.
Perfekte Auberginen, frische Artischocken (es gibt sie jetzt, die jungen ersten Köpfe von der Insel und auch aus Apulien). Und: Cipolla di Tropea in selten gesehener perfekter Qualität!

Und dann wartet ein für den kleinen Laden riesiges Zitrusangebot auf uns. Duftende Bergamotte, die geschmacksintensive Cedro, …
… Grapefruits, Mandarinen (klein, süß und perfekt), Clementinen und Orangen: Bitterorangen, Blutorangen, alleine fünf Sorten Orangen habe ich gezählt – und mittendrin die wundervolle Arancina Vaniglia!
Alle Früchte in Bioqualität mit Blatt und an diesem erkennbar in sehr frischer Qualität! Kilopreis 6 Euro für perfekte, nicht gespritzte Früchte – und es gibt Rabatte bei Mehrabnahme.

Fast alle der hier angebotenen Zitrusfrüchte stammen von Sizilien. Auf der Insel werden auf über 85 000 Hektar mehr als 16 Millionen Zentner Zitrusfrüchte unterschiedlichster Sorten angebaut. Früher wurden die Früchte für den Eigenbedarf im Garten angebaut. In die großflächige Produktion, auch für den Export, stieg man nach der Besetzung durch die Briten im frühen 19. Jahrhundert ein, der steigenden Nachfrage durch die Besetzer geschuldet. Viele der Zitrusfrüchte, die heute auf Sizilien geerntet werden, tragen das DOP-Siegel. Jetzt – in der italienischen fünften Jahreszeit – ab Januar bis April sind die geschmackvollsten Züchtungen reif und bei Terra Verde Sicilia zu erhalten: Blutorangen, Orangen, Mandarinen und Clementinen. Als auch Zitronen (Femminiello), die Cedre und Bergamotte.
Und … aufgrund der Bio-Qualität kann man die gesamte Frucht verwenden: natürlich für Marmelade, als Würze z. B. für Pasta, Risotto und Fleischgerichte. Oder kandiert als gesunde Süßigkeit und gedörrt als Aromazusatz für Salz, Zucker oder Teemischungen. (Ich vakuumiere und friere frische Schalen auch ein, damit ich im Sommer aus ihnen aromatisches Orangen- oder Limoneneis machen kann.)
Ganz nebenbei möchte ich die Frischetheke bei Terra Verde Sicily mit italienischem Käse und Wurstwaren, Oliven und Antipasti natürlich nicht unterschlagen. Frisches, köstliches Olivenöl der Familie lässt man sich abfüllen. Samstags bekommt ihr hier frische und hausgemachte Arrancini! Lange Rede: Terra Verda Sicily – für Menschen wie mich ein kleines Paradies.
Peppes Frau hat mir auch gleich die Idee mit auf den Weg geben, was man mit der geschmacksintensiven Schale der Vanille Orange macht, denn sie ist definitiv zu schade für den Kompost: Kandieren natürlich. Für einen leckeren, zitronigen Kick auf Torten, im Joghurt oder Müsli oder auf dem Salat. Für eine spätere Verwendung lassen sich die köstlichen Schalen eingefroren aufheben. Und Peppe hat mir noch ein weiteres leckeres sizilianisches Rezept in die Ohren geflüstert. Die Rezepte kommen die Tage!


Terra Verde Sicily

Rheinstraße 18, 12159 Berlin
phone: +49 176 3554 9700
Öffnungszeiten: Mo-Mi 10:00-18:00 Uhr, Do-Sa 10-22 Uhr (Küche ab 12-21 Uhr)

2026-01-11

Kleine unschuldige

Schneemänner töten.

Wie traurig muss (s)ein Leben sein?