2015-09-15

Strausberg



Wie schon berichtet, sagte ich neulich zu einem Wanderführer rund um Berlin beim hiesigen Discounter nicht nein. Der Drang neue Ecken zu erleben, abseits der etwas überfüllten Stadt, ist momentan recht groß bei mir. (Dieses „ich mache demnächst das halbe Jahrhundert voll” macht komische Dinge mit mir!) In diesem Wanderführer blätterte dann Abends die Nachbarin von gegenüber, die mich auf den neuesten Stand unserer Nachbarin unten rechts brachte und stellte bei der Tour nach Strausberg fest, dort sei es besonders schön.

In Strausberg war ich einmal recht kurz nach dem Mauerfall. Wir sind auch nur durchgefahren, alles wirkte damals auf mich, wie typische Orte in der DDR wirkten, recht grau, einen langjährigen visuellen Mangel an Farbe und Baumaterialien penetrant vor sich herzeigend.

Nun, so nachbarlich motiviert, stieg ich Samstag mit Rucksack und ordentlichem Schuhwerk in die S-Bahn und machte mich schon im Vorfeld leicht beeindruckt auf den Weg, denn alleine die Fahrstrecke nach Strausberg beträgt von meinem Standpunkt in Mitte aus eine knappe Stunde – was für Berliner S-Bahn-Verhältnisse ab Stadtmitte erstaunlich lang ist. Die S-Bahn pflegte mir noch ein zusätzliches kleines Abenteuer in die Tour, denn mein Aussteigebahnhof sollte „Strausberg Stadt” heißen – der eh nur von jeder zweiten S-Bahn nach Strausberg angefahren wird, weil die Linie nach Strausberg nur eingleisig verläuft – und genau dieser Bereich der Strecke ist bis Ende September gesperrt und wird von einem Bus-Ersatzverkehr bedient.

So erwartete uns am S-Bahnhof Strausberg ein Bus, der mit uns die restliche Strecke abfuhr und hätte ich nicht zwischenzeitlich vergessen, dass ich gar nicht nach „Strausberg Nord”, der Endhaltestelle, hätte wollen, sondern bereits den Bus in „Strausberg Stadt” hätte verlassen können, was mir just und schon in dem Moment auffiel, als sich die Türen an dieser Haltestelle wieder geschlossen hatten und der Bus bereits anfuhr, hätte ich mir sicherlich nicht die kleine zeitliche Unwucht ins Tagesgeschehen gebastelt.

„Das würde wohl nicht so tragisch sein”, dachte ich und „denn was ist schon eine Station mit dem Bus und die könnte ich sicherlich locker zurück laufen?!” Aber erst nach einer gefühlten Weltreise landeten wir in Strausberg Nord an einem Bahnhof der typischen plastifizierten Neuzeit nach Mauerfall in so etwas wie einem Industriegebiet jungfräulich nach „erschließ mich weiter!” rufend. Es luden am Bahnhof ein: ein Restaurant, erstaunlich nobel eingedeckt, zwei Sitzbänke und die Endpoller der einspurigen Bahnlinie am Bahnhof, der das Zeug gehabt hätte, die besondere Melancholie von „12 Uhr mittags” zu vermitteln. Hätte uns doch nur der cleane Look ein paar Wollmäuse auf der Straße im Wind gen Norden wandernd gegönnt. Und hätte der in der unmittelbaren Nachbarschaft liegende Ford-Autohändler nicht zum Fest geladen und eine ein-Mann-Kappelle auf der Bühne Hits in deutscher Sprache der Hitparade der 80iger Jahre zum Besten geben lassen. Ein Autohausfest und ein Markus-Replikat, das „Ich will Spaß, ich geb' Gas!” singt – darauf muss man ja auch erst einmal kommen im Autohaus-Marketing!

Da ich wusste, würde ich jetzt von dem Poller ein Foto machen, würde der Bus direkt kommen und ohne mich losfahren, entschied ich mich für gegen das Foto!

Meine zeitliche Unwucht nach einem ca. 20 mintütigen Aufenthalt bis der gleiche Bus uns wieder zurück fuhr und diese eine Station zurück, kosteten mich insgesamt ca. 30 Minuten. So sah ich den hässlicheren Teil von Strausberg wenigstens zwei Mal und konnte mich daher nicht beklagen. In „Strausberg Stadt” hielt ich mich geographisch an die ausgeschilderte Richtung „Fähre”, enterte einen Postbank Geldautomaten und eine Eisdiele und gönnte mir eine Kugel Schokolade und Eierlikör in der Waffel, wobei „Eierlikör” mich prompt leicht beschwingte. Mehr gab es dort auch nicht wirklich zu entern in der „Großen Straße”, einer verkehrsberuhigten Zone in der allerlei Kommerzangebote sich feil bieten. Wäre es eben nicht Samstag am frühen Nachmittag gewesen und da hat einfach alles zu. In Strausberg. Bis auf ungefähr drei Blumenläden auf einer Strecke von unter 1.000 Metern.

An einer großen Kreuzung folgte ich dem Wegweiser Fähre nach rechts und stand kurz darauf vor der Fähren-Anlegestelle. Und somit vor dem Straussee.



Ganz dem Wanderführer vertrauend, hielt ich mich weiterhin links dem Uferweg folgend, der übrigens für die Nutzung mit Rollstühlen oder Rollatoren gängig und begradigt wurde und wusste nicht, ob ich zuerst die unfassbare Klarheit des Wassers des Straussees rechts



oder die „hier wird »Schöner Wohnen« gelebt”-Villenanlagen links hoch über mir bewundern sollte, die natürlich alle kleine, fürchterlich romantische Zugänge zum See ihr eigen nennen dürfen.



Überall luden Miniatur-Sandstrände ans oder ins Wasser. In der Ferne fuhr ein kleines Fährgastschiff (das einzige dort motorbetriebene erlaubte Schiff) und einige Angler saßen in ihren Ruderbooten auf dem See bzw. spielten Menschen in einem solchen Gitarre.



Unterwegs fand ich auch zwei am Wegrand installierte „Müll aus dem See gefischt”-Kunstinstallationen, die ruhig ein wenig der Mahnung dienen können. Und wer immer ganze Kaugummiautomaten in Seen wirft, den möge das böse Kaugummimonster ruhig einmal ordentlich heimsuchen!





Ich lief die eine Seite des Sees hoch bis an sein Ende und versuchte den dort ausgewiesenen Wasserturm zu finden, der dann aber irgendwann schlicht nicht weiter ausgewiesen war, was sich insofern als ungünstig erwies, weil der Weg sich dreifach gabelte. Meine erster Versuch in eine Richtung sollte sich als falscher Versuch erweisen und so lief ich zurück zum Wegweiser „Bötzsee”, um wieder an das Ufer des Straussee zurück zu gelangen und meine Umrundung fortzuführen.



Übrigens sagt der Wanderführer, dass diese Tour einmal um den See herum (ab S-Bahn) ca. zehn Kilometer Länge hätte und man ca. drei Stunden Zeit einkalkulieren solle.



Auf der anderen Uferseite traf ich noch viel schönere Sandstrände und, der fortgeschrittenen Zeit geschuldet, viel schönere Lichtverhältnisse,



die zwei Menschen mit ihren Gitarren nun am Ufer übend (wie großartig ist das denn?) und zwei Damen auf Rädern mit Tour-Ausstattung, die es sich nicht nehmen ließen auf einem Gaskocher in einer sehr sehr edlen Carmencita ihren Espresso am Strand aufzukochen. Ein dekadenter aber wunderschöner Habitus, den ich mir direkt auf meine ToDo-Liste schreiben wollte. Kaffee kochen kann ich nämlich, trinken auch, Gitarre spielen nicht. Jedenfalls nicht so, dass ich damit Besucher einer Sees belästigen wollte. Und Blockflöte ist da auch keine Option.



Zu diesem Zeitpunkt war ich schon längst komplett diesem See verfallen, der mit seiner Klarheit fast ein wenig an das Mittelmeer erinnern wollte und natürlich lag meine nächste Schlauchboottour im Zielort bereits fest. Mittlerweile war es knapp nach 17 Uhr und ich entschied mich hinsichtlich einer kleinen Bootkompensation der Empfehlung des Wanderführers „Abkürzung mit der Seilfähre” zu folgen,



die einen für 1,30 Euro von einem Ufer zum anderen übersetzt – und als – Europas einzige elektrische Fähre – auch als Denkmal gilt.





Ich würde auch immer empfehlen die Tour so herum zu machen, denn so fährt man mit der Fähre auf die Skyline von Strausberg mit der ollen Stadtmauer zu, was für das eigene Leben visuell hübsch bereichernd ist.



Der Fährenkapitän trägt einen schönen Seemannsbart, die Fähre ist auch mit Rollstühlen, Rollatoren oder Kinderwagen befahrbar und überhaupt hatte ich die letzte Fähre des Tages erwischt. Herbstfahrplan, da ist ab 17:30 Uhr Schluss. Ansonsten kann man bei Bedarf auf dieser Fähre auch heiraten. Oder Skat spielen.

So bleibt mir für meinen nächsten Ausflug nach Strausberg noch die andere Hälfte des Sees zu Fuß zu umrunden oder per Boot zu befahren oder mit dem Rad die „Drei-Seen-Tour” (Straussee, Bötzsee, Fängersee) zu radeln. Ich schoss noch ein paar wirklich schlechte Enten-Fotos,



beguckte mir beglückt die Stadtmauer, marschierte zum S-Bahnhof zurück; nahm vorher zur Kenntnis, dass ich mit dem Schlauchboot und der Straßenbahn ab S-Bahnhof Strausberg fast direkt an das Ufer zur Haltestelle „Lustgarten” würde fahren können und fuhr mit der S-Bahn gen Sonnenuntergang und Berlin zurück, was auch ein sehr schöner Abschluss des Ausfluges war.

Mann, ist dieser See wunderschön! Und Strausberg auch! Alleine die Mühe die Stadtmauer zu restaurieren, hat sich mehr als gelohnt. Und am Sonntag hatte ich ganz schön Muskelkater. Im Rücken und am Bauch. War aber sehr glücklich.

2015-09-13

Ich bin beeindruckt

Ich laufe nicht wenig im Alltag. Auch und vor allem in der Stadt. Im Schnitt laufe ich Strecken über drei U-Bahnstrecken lieber selbst, bevor ich die Öffentlichen bemühe. Nun war ich Freitag eine Runde mit Nachbarshund in Karow, rund um die Karower Teiche – was eher einem entspannten Spaziergang glich. So ein Hund muss ja viel schnuppern und beachten. Die Strecke selbst in der Länge mehr als übersichtlich – für meine Verhältnisse.

Gestern habe ich mich (einem beim Discounter erworbenen Wanderführer rund um Berlin geschuldet) nach Strausberg aufgemacht, eine kleine Tour rund um den Strausee angedacht. Nun ließ die verfügbare Zeit nur eine halbe Seeumrundung zu, ich kürzte über die letzte Fähre des Tages ab. Aber ich lief strammen Schrittes gute zwei Stunden so rum. Und zog vorher (ausnahmsweise) sogar festes Schuhwerk an.

Und heute habe ich einen Muskelkater … an Stellen … haste nich' jedacht! Den Beinen geht's gut. Aber meine Bauchmuskulatur? Die Rückenmuskulatur? Mein lieber Herr Gesangsverein und Frau Gesangsvereininnen!

Sollte ich Doofi jemals die Synchronisation zwischen dem Smartphone und meinem Rechner hinbekommen, gibt es auch Fotos. Versprochen!

2015-09-10

Surreal

Es ist alles so viel gerade, das bewegt, bewegt wird. Und ich weiß gar nicht mehr, wohin zuerst denken?

Gestern erzählt auf Facebook ein junger Mann davon, dass er eine junge syrische Familie, Mann (Apotheker), Frau (Radiologin) mit einem Kleinkind kurzerhand bei sich und seiner Frau bei sich aufgenommen hatte, damit sie Ruhe und Schutz vor dem Wetter finden. Und das kleine offensichtlich kranke Kind von der Straße kommt, um gesund werden zu können. Er erzählt die Geschichte der Familie, dass der Mann in Syrien Menschen unterstützt hatte mit Medikamenten und dabei nicht nach deren politischer Gesinnung unterschied und man ihm dafür die Apotheke zerstörte. Bevor man ihn und seine Familie töten konnte, sind sie geflohen. Über unendliche viele Wege … zwischenzeitlich mussten sie sich von dem älteren Kind trennen, dem es gesundheitlich sehr schlecht ging und es irgendwie zu den Großeltern nach Schweden schaffen, was geglückt ist. Und sie hoffen nun, dem Sohn folgen zu können. Mit dem zweiten kleinen Sohn, der sein halbes kurzes Leben auf der Flucht verbrachte.

Insgesamt hat diese Familie 31.000,— Euro an Schlepper bezahlt, um überhaupt soweit kommen. Schlepper, die die Familie vor Griechenland einfach über Bord geworfen hatte.

Dann flattert per E-Mail der übliche Newsletter von Germanwings ins Postfach und erklärt Dir, Du könntest doch für nicht ganze 30˛– Euro mal wieder nach Italien oder London fliegen …

… das ist alles so surreal.

2015-09-09

Tally sagt „Danke!” …



… für die tollen Nierendiätfutterspenden! Und weil sie sich so freut, hat sie sich ausnahmsweise auch fotografieren lassen (an Lieblingsspielratte).

2015-09-08

hart aber fair Gender-reloaded

Ich kann Simone Thomalla nicht ab – auf den ganz unterschiedlichen Ebenen ihres Wirkens in der Öffentlichkeit. Aber: sie steht für eine neue Generation von Frauen, die eine Meinung hat auch zu Themen, die sie vielleicht komplett in ihrer Gänze (noch) nicht begriffen hat, und das ist richtig und gut so. Davon abgesehen kann man auch instinktiv Gutes und Wahres zu Dingen sagen, selbst wenn man sie noch nicht zu 200 Prozent durchleuchtet hat. Wie wir Frauen gerne glauben, das immer erst einmal tun zu müssen – bis wir uns eine Stimme geben oder die anderer Frauen akzeptieren wollen. Wenn wir uns oder ihnen überhaupt eine Stimme geben.

Nun behaupte ich sicherlich nicht, dass Frau Thomalla ständig Gutes und Wahres raushaut, ganz im Gegenteil, zieht's bei dem von ihr Gesagtem mir doch öfter den Kopf magnetisch in Richtung Tischplatte. Aber sie hat alles Recht der Welt Dinge zu sagen, die andere nicht hören möchten, weil's nicht mit der eigenen Meinung konform geht. Sie lässt sich – als Frau – nicht den Mund verbieten, nur weil man von ihr erwartet weiblich niedlich und nett zu sein. Das althergebrachte Spielchen spielt sie nicht mit. Der größte Prozentsatz von Männern in öffentlichen Debatten tut das genau auch nicht. Nur deren abweichende Meinung wird selten hinterfragt – schon gar nicht vom eigenen Geschlecht; das männliche Geschlecht kann nämlich einfach sein und gelten lassen.

Männer brauchen nicht zur Stärkung ihrer eigenen Thema absolute Solidarität in einer Gesprächsrunde. Die haben soviel Rückgrat, die können auch zu einem Thema unterschiedliche Meinungen vom eigenen Geschlecht zulassen.

Wie gestern dagegen „gestandene” Frauen wie Sybille Mattfeldt-Kloth und Anne Wizorek alias Martha Dear in einer Gender-Debatte (!) gegen Simone Thomalla geschossen haben – stellenweise gänzlich losgelöst vom eigentlichen Sende-Thema, dafür unschön persönlich – weil sie nach ihrer unangenehm zur Schau gstellten überheblichen Vorstellung meinen, Frau Thomalla hätte keine Ahnung von dem Thema (was so nicht stimmt, Frau Thomalla hat nur eben eine konträre Meinung zum Thema) – das war so ein unterirdisches Zicken-Gedisse, wie ich es bitte nicht mehr sehen, noch hören möchte bei diesem doch recht relevanten Thema „Gender”.

Ich war so unangenehm berührt von dem weibischen Habitus, der da an den Tag gelegt wurde, (Anne Wiczorek tat das bereits in der letzten Sendung) dass ich zwanghaft fast Sympathien für Frau Thomalla empfinden musste. Und das nehme ich den beiden gegen Frau Thomalla hetzenden Frauen nun wirklich übel!

Wie kann man vor laufender Kamera „als vermeintlicher Profi” so persönlich gegen einzelne Personen (des eigenen Geschlechts!) schießen und damit die Chance so dermaßen vertun, sich inhaltlich pro-aktiv zum eigentlichen Thema „Gender” zu äußern?

Nur weil diese einzelne Person eine andere Meinung zum Thema vertritt, wird ihre Kompetenz angezweifelt (als Frau!)?

An welcher Stelle genau wurde denn die Kompetenz von Wolfgang Kubicki hinterfragt, dessen Funktion auch nur die ist den staatlich geprüften Macho zu geben (zumindest nach außen) und generell zu jeder Talkshow-Einladung „ja!” zu sagen? Der Mann darf konträr zu persönlichen eigenen Meinung diskutieren, die Frau nicht? Und das nennt Ihr dann Gleichberechtigung? Echt? Ich nenne das gleichgeschlechtliche Zwangshaft!

Frau Thomalla also mag vielleicht nicht die Meinung aller Feministinnen teilen und vielleicht hat sie inhaltlich auch nur einen Teilbereich verstanden oder will nur Stücke davon nachvollziehen – aber sie hat das Rückgrat sich mit dieser ihrer Meinung in eine Sendung zu setzen und ihr Mitspracherecht einzufordern mit einer Fairness, die anderen anwesenden Frauen offensichtlich nicht mit in die soziale Wiege gelegt worden ist.

Jedenfalls musste Frau Thomalla wenigstens nicht öffentlich vor laufenden Kameras erzieherisch in vollem Umfang von Birgit Kelle gemaßregelt werden – wie Mattfeldt-Kloth und Wizorek. Und wahrlich zur Recht! (War ich peinlich berührt!)

Bei Frau Wizorek habe ich nun leider ein weiteres Mal erleben müssen, dass sie öffentlich den Ausschluss einzelner Personen direkt oder indirekt fordert. Sie hat es in diesem Jahr bereits getan, als sie in der Twitter-Öffentlichkeit der re:pulica-Orga nahelegte, Sascha Pallenberg nicht als Sprecher einzuladen, weil dieser ihrer Vorstellung von Feminismus-Meinungsträger nicht zusagte. Das ist ein NoGo!

Irgendein Medienberatungs-Profi sollte ihr vielleicht einmal sagen, dass sie so etwas nicht tun sollte, weil Profis so etwas nicht tun. Schon gar nicht aus einer persönlichen Betroffenheit heraus! Man diskutiert nicht die Teilnehmerliste in einer Diskussion, man diskutiert ausschließlich das Thema. Und man lernt damit zu dealen, dass in einer Diskussion auch Menschen sitzen, gerade des eigenen Geschlechts, die eine andere Meinung vertreten als man selbst.

Die Zeiten des Absolutismus sind nämlich zum Glück Vergangenheit!

2015-09-06

Wilde Tinte

Seit ungefähr zwei Jahren erklärt mir der hiesige Laserwriter sein Toner wäre alle. Seit ungefähr zwei Jahren ignoriere ich diese Meldung geflissentlich. Seit ungefähr zwei Jahren entnehme ich die Toner-Cartridge dem Drucker, will er partiell partout keine Tinte mehr aufbringen, schüttele diese und setze sie wieder ein und drucke erneut. Das lief so prima in den letzten zwei Jahren, dass ich im Grunde davon überzeugt war, ich könnte das Spiel noch endlos so weiter spielen. Also wenigstens weitere zwei Jahre.

Jetzt habe ich mir wildes Ding allerdings doch neuen Toner gegönnt. An der Stelle finde ich immer sehr schön, dass Menschen auf Amazon ihre persönlichen Lebenserfahrungen mit Tonern in ihren Rezensionen mit uns teilen.

Nunmehr kommen meine Briefe also wieder in schwarz und nicht mehr in RAL 1745.

2015-09-05

Ein wahr gewordener Traum

Es gibt ein Foto von meinem Vater mit meinem Bruder am See in einem kleinen Holzboot. Mich gab es damals auch schon aber ich war noch zu klein zum Boot fahren. Meine Eltern hatten zu dieser eine Gartenparzelle in Kladow. Langer Holzbau mit kleinen Unterteilungen, wo man sich gerade mal bei Regen drinnen aufhalten wollte. Schlafen konnte man dort, wenn auch ungerne. Es war die Zeit in dem sich mir als sehr kleines Kind erstmals kleine Bruchstücke im Gehirn fest setzten. Dunkles Grundstück, viel Insekten. Als viel lieber gewonnene Alternative in meinem kleinen Kinderherzen dazu der Garten meiner Großeltern, der immer in der prallen Sonne lag und mir somit schon als kleinem Lebewesen mehr ins Gemüt passte.

Irgendwann erhielten meine Eltern die Kündigung, angeblich sollten die Parzellen abgerissen werden und einem neuen Bau weichen. Ich meine, diese Holzbauten heute noch in Kladow stehen zu sehen. Vermutlich konnte meine Mutter einfach die Pacht nicht mehr zahlen, es war die Zeit in der mein Vater schon viel zu viel trank und regelmäßig seine Jobs verlor.

Ungefähr als ich acht Jahre alt war, ich besuchte die dritte Klasse, flatterte uns ein Wertheim-Prospekt ins Haus in dem ein orange farbiges Kajak abgebildet war, in das ich mich sofort verliebte. Ich schlich bei Wertheim bzw. Hertie in den damals noch deutlich umfangreicher ausgebauten Sportabteilungen rum und himmelte diess Boot auch in der Realität an. Der Deal mit meiner Mutter war dann, dass ich es bekommen sollte, würde ich in die vierte Klasse nur mit Einsen und Zweien auf dem Zeugnis kommen.

Und dann besaß ich ein Kajak!

Wenn ich heute überlege, was so ein Boot damals schon wog und ich es trotzdem mit großer Begeisterung nach der Schule von zu Hause zum Bus mit häufigem Umsteigen bis zum Wasser schleppte und abends nach Hause, es muss wirklich die ganz ganz große Liebe gewesen sein. Im Schnitt fängt so ein Boot bei 10 Kilo Eigengewicht an – ohne Blasebalg und Paddel.

Meine Mutter schleppte mich dann über eine Bekannte von einem Bekannen einmal am Wannsee in einen Kajak-Verein. Ich sollte mir angucken, ob mir der Sport so Spaß machen würde. Ich setzte mich in ein Kajak, von der Stabilität her eine ganz andere Herausforderung als mein gemütliches PVC-Kajak und paddelte mutig in dem kleinen abgegrenzten Bereich am Verein auf dem „großen Wasser”, bis die anwesenden Herren auf die Idee kamen meinen Wildwassertauglichkeit zu testen und schmissen an einem Boot den Motor an und drehten diesen Hoch, ich sollte im Strudel der Schiffsschraube paddeln. Ich hatte Angst, dann Panik, ich weinte, ging an Land und wollte nie wieder diesen Verein von innen sehen.

Ich erinnere aber großartige Sommer mit meinem eigenen Boot. Ich war ein sehr glückliches Kind in diesem Boot auf dem Wasser. Dieses glückliches Kind verlieh das Boot einmal an meinen Bruder und ich sah das Kajak nie mehr wieder. Über ein Jahrzehnt später – mein Bruder war damals schon auf seinem Wunsch hin aus unserem Leben verschwunden – riefen mich völlig fremde Menschen an, um mir zu sagen, sie hätten mein Boot im Keller aber es sei kaputt.

Der Schmerz saß lange.

Ich habe eine große Liebe zum Wasser. An und auf dem Wasser geht es mir gut, ich fühle mich dort sicher und frei. Da war immer der Traum vom Bootsschein. Segeln ist nicht so so sehr mein Ding, Speedboote sind‘s auch nicht. Gemütlich schippern, da fühle ich mich wohl bei. Paddeln finde ich großartig, weil noch etwas Sport dabei ist und man aufgrund der Bauweise der Boote fast ein bisschen im Wasser sitzt und man so eine Einheit bildet. Dieser Geruch, das Gluckern … ich liebe das sehr.

Einer der schönsten mich tragenden Tage im vergangenen Jahr war ein Tag im ausgeliehenen Kajak auf dem Müggelsee. Wenngleich diese Kajaks vom Handling her eine Strafe waren, es war ein Tag voller Frieden, Glück und ich konnte lange von diesem einen Tag zehren. Und da war der Wunsch nach einem eigenen Boot war wieder ganz nah.

Als es mir vor einigen Wochen krankheitsbedingt ziemlich mies ging, hat mir ein sehr sehr lieber Mensch einen, diesen Herzenswunsch erfüllt. Gestatten, dass ich vorstelle:
„»Die« Theo Lingen”:



Das Besondere an der „Theo Lingen” ist, sie ist mein! Sie fährt mit mir mit den öffentlichen Verkehrsmitteln auf einem Trolley mit Pumpe und Paddel (bzw. neu im Rucksack). Sie ist sehr schnell aufgepumpt und seetüchtig und paddelt gemeinsam mit mir seit einigen Wochen über die Berliner Gewässer. Wir üben noch ein bisschen den Abbau aber auf dem Wasser sind wir mittlerweile ein gutes Team. Ich fühle mich sicher und langweile mich fast schon auf allzu stillen Seen. Ich muss noch lernen richtig zu entspannen, neue Touren bringen natürlich auch immer etwas Aufregung mit sich, der Unkenntnis der Strecke geschuldet.

Als wir das erste Mal auf dem Wasser waren, an der Havel, ging es mir hinterher richtig schlecht. Ich war zu angespannt, zu aufgeregt und obwohl ich schon vorsichtig war mit der ersten Strecke und mich vermeintlich nicht überanstrengen sollte/wollte, war ich am Ende richtig fertig. Zudem war der Tag zu heiß. Mir tat die ganze Nacht der Arm weh, als wollte er sich direkt in eine Sehnenscheideentzündung begeben; der Rücken schmerzte. Sport ist Mord. Kurz: ich war fürchterlich verunsichert, ob meines Wunsches und seiner Erfüllung.

So bin ich die nächsten sehr heißen Tage lieber mit Rad erst Strecken abgefahren, um zu gucken, wo ich an für mich neuen Wassergebieten gut mit den Öffentlichen ran komme. Denn das frühere übersichtliche Angebot an befahrbaren Strecken ist seit meiner Kindheit im Westen durch die „hinzugekommenen” Gewässer im Osten riesengroß geworden. Berlin ist eine wundervolle Stadt für den Wassersport. Wenn ich mir ansehe, wo ich überall im ehemaligen Ostteil der Stadt und ihrer Umgebung noch wundervolle Touren fahren kann, wird mir ganz schwindlig vor Überschwang!

Mittlerweile sind wir gemeinsam schon einige schöne Touren gefahren und wachsen immer mehr zusammen. Ich finde das Boot wunderschön, qualitativ ist es sehr gut und ich bin froh, meine Entscheidung zugunsten genau dieses Bootes getroffen zu haben. Langsam wachsen auch die Paddel prima in die Hände (man benutzt ja Muskeln beim Paddeln, die man auch schon länger nicht mehr gespürt hatte) und unsere Touren werden immer länger. Und ich dabei immer glücklicher. Und entspannter.



Wir treffen unterwegs nette Menschen und haben interessante Gespräche. Ich sehe Berlin von der anderen Seite als von der bekannten Straßenseite und die Stadt und ihre Umgebung wird dabei jedes Mal ein Stück entzückender. Die Sonne motiviert, die Natur verschönt uns den Tag und dieses Boot macht mein Leben gerade ganz reich und ein großes Stück leichter und mein Gemüt luftiger als es noch vor einigen Wochen war.

Ich bin so froh!

Dankeschön für dieses wertvolle Geschenk!