Der Codex Purpureus Rossanensis in Rossano
Wer sich für die früheste Geschichte unseres Kontinents interessiert, kommt in der kalabrischen Sibaritide sehr auf seine Kosten. In die Geschichte der Arbëresh, der nach Kalabrien geflohenen Menschen aus Albanien, hatte ich euch schon mitgenommen. Rund um die Gemeinde Corigliano-Rossano möchten viele besondere historische Schätze von Besucher*innen entdeckt werden.
Und: Es lohnt sich sehr! Daher machen wir hier einen Ausflug in die Altstadt von Rossano, wo der legendäre Codex Purpeus zu bestaunen ist. Vorher besuchen wir die archäologischen Ausgrabungsstätte des Parco del Cavallo, dessen Funde im nahegelegenen Archäologischen Nationalmuseum, Museo Archeologico Nazionale della Sibaritide, zu besichtigen sind.
Archäologie goes drittes Jahrtausend!
Viele Museen in Kalabrien sind in die Burgen der einzelnen Provinzen eingezogen. Das Museo Archeologico Nazionale della Sibaritide ist da ein deutlicher Bruch in der Landschaft mit seiner modernen Architektur. Architekt Riccardo Wallach hatte in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts das Museum in modularer Konzeption auf Grundlage der hippodämischen Stadtentwicklung entworfen, indem er auf kreative Weise die präshistorische Straßenstruktur dieser Region in den Bau integrierte.
Das Innenleben wurde in den Jahren der Museumsexistenz einerseits den Zuwächsen der Sammlung angepasst, denn da, wo gebuddelt wird, wird immer noch gefunden. Die technische Evolution der letzten Dekaden, möchte ebenfalls im heutigen Museumsbild integriert werden. Für Kinder konzipierte multimediale Ausstellungen, sind in einer gelungenen Ausstellung unverzichtbar.
Die Sammlung besteht aus den Funden der Ausgrabungen der antiken Ortschaften der Sibaritide: der griechischen Kolonie Sibarys (7. Jh. v. Chr.), ebenfalls griechisch Thurii (5. Jh. v. Chr.) und der Römerstadt Copia (2. Jh. v. Chr.) und von bedeutenden Stätten, darunter das berühmte protohistorische Heiligtum von Francavilla Marittima.
Als ich das Museum besuche, befindet es sich sichtlich im Umbruch. Seit 2021 befindet sich die gesamte Ausstellung in einem Prozess der Modernisierung und Neustrukturierung, um auch in jüngster Zeit gefundene Exponate zu integrieren und die Präsentation der Objekte auch sprachlich der Entwicklung anzupassen. Ein Ende der Reise ist nun in Sicht!
Sie machen das sehr charmant, meinem Erleben nach. Da wird eben der Text zum Ausstellungsobjekt an die Vitrine mit einem Marker geschrieben, dort hängt ein erklärendes Post-it. Hier erzählt eine Notiz, was sich theoretisch in der Vitrine befinden würde, befände sich das Exponat nicht gerade in der Restauration. Alte Informationstafeln werden mit Zetteln ergänzt um aktuelle Nachträge. Und die Besucher sind ausdrücklich aufgefordert, ihre Gedanken und Ideen für die neue Gestaltung der Ausstellung einzureichen. Umbruch im Alten zum Neuen.
Dass hier und dort dann schon neue Elemente z. B. zum Sitzen einladen – wie immer in Italiens Museen in besonders einladendem Design. Ehrlich? Ich hatte kindlichen Spaß in diesem – natürlich barrierefreien – Museum, das gerade wie aus einem Schmetterlingskokon neu schlüpft.
Einige Exponate haben es mir besonders angetan. Tongefäße, Messer und Münzen – sie gehören in einem archäologischen Museum zum Inventar. Hier sind viele trotz ihres hohen Alters so gut erhalten bzw. restauriert worden, eine faszinierende Freude für die Besucher*innen.
Mich beeindruckten besonders diese Statue mit integriertem Spiegel bzw. Handspiegel aus dem Reich der Frauen – beide aus der Bronzezeit!
Spiegel? Aus der Brozenzeit??? (Ich muss mich unbedingt in die Geschichte der Spiegel einlesen!)
Wer mag, kann mit der filmischen Einladung „Passione da Cultivar” der Historie von Olivenbaumzucht und ihrem Anbau folgen, denn natürlich ist man sich der Relevanz der historischen Landwirtschaft dieser Gegend bewusst und hat diesem Punkt einen ganzen Ausstellungsbereich gewidmet.
Der erste final umgebaute Raum ist das neue Zuhause des Stiers, Torre cozzante, in der Pose des Angriffs. Eine beeindruckende Bronzestatur – er ist das Wappen der Stadt Thuri (Thuril), einst eine panhellenische Kolonie, die ca. 444 v. Chr. den Platz von Sybaris einnahm, das 66 Jahre zuvor zerstört worden war. Dieser Stier brachte es im 5. und 4. Jahrhundert vor Christus auf die Münzen der Stadt. Vermutlich steht er für die Verbindung mit dem Gott Apis aus der ägyptischen Welt.
Dieser Stier – um nur einen besonderen Genius dieser Ausstellung zu nennen – wird nebenan in einem eigenen und umfangreichen Bereich die Moderne geführt, da er als kriegerisches Stil-Element viele Arbeiten heutiger Comic-Zeichner inspirierte. Hier wird man auf jeden Fall seine Teenager parken können und in Ruhe den Rest der Ausstellung bewundern dürfen.
Eine spannende Zusammenführung uralter Geschichte mit unserer Moderne, die das Erleben dieses Museo sympathisch macht.
Die archäologische Anlage der Römerkolonie Copia
Zu Fuß wären es knapp 30 Minuten, sechs Minuten sind es mit dem Auto vom Museum aus zum Parco Archeologico di Sibari, auch Parco del Cavallo, dem größten archäologischen Ausgrabungsgebiet im gesamten Sibari-Raum. Hier befand sich die römische Kolonie Copia.
Von ihr sind Reste der Stadtmauer und das nördlich gelegene monumentale Tor und ein Teil der historischen Theaterarena zu besichtigen. Die Straßenführung zweier Hauptstraßen ist deutlich erkennbar, Reste der Thermen und vereinzelt sogar noch Mosaike im Boden.
Auch hier wird während unseres Besuches gerade gebaut, so dass ich leider nicht auf das Gelände gehen darf. Aber auch der Überblick der sehr frühen historischen Anlage beeindruckt in ihrer Größe und ihrem Erhalt.
Interessierte Besucher sollten sich auf jeden Fall bitte unbedingt vorher über die Öffnungszeiten informieren. Und: Das Gelände liegt im Freien und in den heißen Jahreszeiten sind Sonnenschutz und Wasser deine besten Freunde!
Ein Welterbe in Rossano: Der Codex Purpureus
Nur eine halbe Stunde Autofahrt entfernt, befinden wir uns in Rossano (Calabro). Der einen Namensgeberin der Provinz Corigliano-Rossano. Wer durch die Altstadt der Gemeinde mit knapp 37.000 Einwohnern läuft, bekommt einen ursprünglichen Eindruck Kalabriens.
Wir sind hier am frühen Abend eingetroffen und der kleine Ort zeigt sich uns vergleichsweise ruhig in der Abendsonne.
Verfallene Häuser stehen neben solchen, die vermitteln, dass in ihnen das Leben tobt. Touristisch kaputt saniert, ist hier noch wenig – was auch einmal angenehm zu erleben ist.
Wir, als Besucher, werden betrachtet von den wenigen Menschen, die uns in den Straßen begegnen. Straßen mit Stufen führen hinauf und hinunter. Ich glaube, hier kann man sich herrlich verlaufen!
Rossano – als Die Byzantinische bekannt – liegt, wie so viele Ortschaften in Kalabrien, auf einer Anhöhe – wer hier alt wird, bleibt bei 270 Meter über dem Meerespiegel zwangsläufig jung.
Es scheint völlig unwirklich, dass hier ein sehr besonderer Schatz christlicher Kultur liegt. Der Codex Purpureus Rossanensis – eine der ältesten Bibelhandschriften (6. Jh. n. Chr.) der Welt und sie gilt als eines der kostbarsten Dokumente der byzantinischen Kunst mit ihren Miniaturen.
Dieses beeindruckende Welterbe kann im Diözesanmuseum am Dom von Rossano besichtigt werden. Dieser natürlich auch.
Als Entstehungsort des Codex vermutet man die Türkei, er wurde im 7. Jahrhundert von flüchtenden Mönchen nach Kalabrien gebracht. Sie sind dafür verantwortlich, dass es in Rossano von lauter kleinen Gotteshäusern nur so wimmeln soll.
Von den ehemals 400 Seiten des Codex existieren heute noch 188 Seiten, einige sind von einem Feuer beschädigt, dem leider der größte Teil des Codex zum Opfer fiel. Dennoch: Die Restauratoren haben 1919 große Handwerkskunst geleistet. Der Codex ist wunderschön anzusehen.
Und für mich gesprochen, ist diese Handschrift eine der berührendsten Begegnungen mit der religiösen Geschichte, die ich in Italien bis dato erleben durfte.
Die verbliebenen Texte in griechischer Sprache (Majuskeln) umfassen das vollständige Matthäus-Evangelium und einen Brief des Kirchenvaters Eusebius von Caesarea. Im oströmischen Reich wurde das Neue Testament in griechischer Sprache überliefert. In dem Museum liegt der Codex gesichert und für Besucher zugänglich. Alle drei Monate wird eine neue Seite dieses 260 × 307 cm umfassenden Werkes aufgeschlagen.
Cesare Malpica hatte den Codex im Jahr 1846 in Rossano entdeckt. Doch erst zwei deutsche Gelehrte, Oskar Leopold von Gebhardt und Adolf Harnack, sorgten 1879 für seine Bekanntheit über die rossanischen Stadtgrenzen hinaus. Sie gaben dem Werk seinen heutigen Namen: Evangerliorum Codex Graecus Purpureus Rossanensis.
Oder kurz: Der Codex Purpureus ist ein ganz besonders schönes Stück Geschichte. Das gesamte Pergament ist in Purpur eingefärbt, das einst als die Farbe der Kaiser bzw. Könige galt. Die Schriftfarbe der Texte ist silbern und golden. Die wundervollen Miniaturen, damals wohl von den besten Künstlern ihrer Zeit kreiert, gelten als die schönsten erhaltenen Illustrationen der frühbyzantinischen Kunst.
Was für ein Stück Geschichte – und bildschön dazu. Für mich ein Must-see! Und ich muss noch einmal wiederkommen, denn die gesamte, umfangreiche Ausstellung des Museums konnte ich aus zeitlichen Gründen nicht besichtigen.
Homepage Museo Archeologico Nazionale della Sibaritide
Homepage Parco Archeologico di Sibari
Homepage Museo Codex Rossano
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