2018-05-28

Aufmerksam

Aufmerksamkeit üben. Im Moment funktioniert das ganz gut bei mir. Aufmerksam sein. Auf mich. Aufmerksam sein gegenüber allen anderen, das war ich Jahrzehnte lang. Oh, ich war sehr sehr gut darin! So gut, dass ich auf Fragen nach meinen Wünschen, Vorstellungen, meinem Dasein, meinem Hinwollen nie eine Antwort kannte. Solange darüber überlegen musste, dass die Fragestellenden, wenn sie ernsthaftes Interesse zeigten, doch irgendwann die Koffer packten und weiter zogen. Meine Antworten hatten immer ein fundamentales Delay.

Das ging schon so seit meinen Kindheitstagen. Ich war so gut darin für andere zu empfinden und mich darüber selbst zu vergessen, dass ich mich nicht einmal mehr erinnern kann, ob mich jemals jemand in meiner Familie je gefragt hätte, was oder wer ich sein möchte, wo ich hin wollte? Also ich alleine gesehen. Ganz losgelöst von den vielen anderen, um die ich mich aufmerksam kümmern musste schon als Kind, betrunkener Vater, aufsässiger Bruder, verlassene Mutter. Ohne irgendwelche Menschen um mich herum, für die ich die Aufmerksamkeit trug. Vermutlich ließ meine Ausstrahlung solche Fragen auch gar nicht zu, weil ich mir nicht selber erlauben wollte, dass man mir diese Fragen stellte. Ich hätte sie beantworten müssen. Konnte ich nicht, meine Aufmerksamkeit war generell woanders, nie bei mir.

Im Freundeskreis wird mir diese Frage immer noch nicht gestellt. Was daran liegt, dass ich nun auch in einem Alter bin in dem man allgemein voraus setzt, solche Planungen wären langsam abgeschlossen. Sind sie bei mir nicht. Im Gegenteil! Gefühlt fange ich jetzt erst damit an mir meine eigene Entwicklung zu erlauben. Im professionellen Umfeld der Maßnahme für den Plan für Glück und Lebensfreude (PGL) stellt man mir diese Fragen viel öfter. Mit – natürlich bezahltem – dennoch echtem Interesse. Echtem Interesse aus einem trivialen Grund: man kann nur mit mir arbeiten, wenn man auf diese Fragen Antworten hat. Und wenn ich noch keine Antworten geben kann, dann heißt es lapidar „Das ist auch gut. Nehmen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen. Wir kommen später noch einmal darauf zurück.”

Und das zwingt mich also Aufmerksamkeit zu üben. Hinzugucken. Auf mich. Nicht zwingend in Hinsicht auf vielleicht esoterisch anmutende therapeutische lernbare Mechanismen. Einfach so, dass ich mich frage: „Was willst Du tun? Jetzt? Wonach ist Dir zumute?” Im Kleinen. Will ich lieber Setzei, Rührei oder gekochtes Ei? Gar kein Ei?

Ich trinke viel weniger Kaffee, weil ich mich neuerdings frage, ob ich – in Situationen in denen ich sonst aus Gewohnheit welchen kochen würde – jetzt wirklich Appetit auf Kaffee habe? Die Antwort ist erstaunlich oft, dass ich gerade keinen habe. Und dann keinen koche. Am Wochenende hatte ich einmal Lust und konnte aber auf die Frage, ob ich Kaffee aus der einfachen Kaffeemaschine oder lieber einen Latte Macchiato aus der Carmecita haben wollte, mir keine Antwort geben. Da habe ich ihn eben auf beide Methoden gemacht. Und mich für den Latte Macchiato entschieden. Das kann man machen. Auch wenn mein kleiner ökolgischer Klugscheißer auf meiner Schulter empört steptanzte. Das war richtig gut!

Ich bin letzte Woche einmal zu Bett gegangen ohne mich abzuschminken und mir die Zähne zu putzen. Pflichtübungen, die ich sonst nie auslasse. Weil ich dann nämlich schlecht schlafe, ich kenne das aus Momenten in denen ich zu krank war dafür. Weil dann sofort in dieser einzigen ungeputzten Zahnnacht riesige Karieskrater wachsen! Aber etwas in mir hatte diese Woche zu mir gesagt: „Dazu habe ich heute keine Lust.” (Man beachte bitte den Punkt. Kein Ausrufezeichen.) Und – das ist ein sehr großes Wunder – ich habe gehört, dass diese innere Stimme das nicht nur nicht wollte, sondern auch es ganz deutlich aussprach: „Du willst Dir heute nicht die Zähne putzen!” Und dann habe ich es nicht gemacht. Und trotzdem gut geschlafen.

Für einen Menschen wie mich ist das der ganz große Rock'n Roll!

Und so aufmerksam habe ich mein Wochenende verbracht: ich bin am Samstag schwimmen gegangen. Am Vormittag, weil ich keine Lust hatte auf nachmittäglichen lauten Berliner Seetourismus. Ich bin mit der S-Bahn wieder zurück gefahren als alle anderen zum See hingefahren sind. Das war sehr entspannend. Beide Male war es in der S-Bahn fast leer. Am See noch ein bisschen leer.



Im See bin ich einfach nicht geschwommen, wie ich jetzt immer schwimme: Also nicht perfekt sportlich im YouTube-Lernstil mit Schwimmbrille und auf Tempo, denn ich schwimme meist für die Kondition. Ich bin einfach nur geschwommen … mit dem Kopf über dem Wasser mit geschlossenen Augen. Ich habe die Sonne alles in helles braunes Licht tauchen lassen hinter meinen geschlossenen Augen und ich bin geschwommen in meinem Atem. Angst- und sorgenfrei. Minutenlang. Ein langer Moment einfaches Wunder. Weil ich das so wollte. Das war so … bombe!



Samstag habe ich auf die Katze geguckt und ihr gesagt: „Morgen bleibe ich den ganzen Tag zu Hause. Bei Dir.” Mir war danach. Kein Schwimmen (Konditionspflicht), keine Demo (Politikpflicht), kein Nähen (Hobbypflicht). Wir haben den ganzen Tag herum gelegen, ich habe ihr den Bauch gekrault, sie hat mich beschnurrt. Wir haben zusammen gelesen, Eichhörnchen und Vögel beguckt, Kaffee getrunken. Ich aufmerksam zu ihr, sie aufmerksam zu mir. Das war schön. Erholsam. Unpflichtig.

Ich konnte lesen. Seit langer Zeit habe ich einfach mal wieder ein Buch so weg gelesen. Von Christine Westermann „Da geht noch was. Mit 65 in die Kurve.” Sie schreibt über sehr viele Dinge, die mir unfassbar nahe sind (das Buch ist für mich weniger ein Buch über das Thema Alter bzw. das Altern als es ein Buch ist, das sehr deutlich aufzeigt, wie sich Frauen unserer Generation(en) unser Leben lang emanzipiert haben in dieser unserer Umwelt).

Unter anderem schreibt Frau Westermann über ihre eigene Unsicherheit und wie sie, wie viele andere (und diesbezüglich schlage ich jeden darin mit meiner Kompetenz) mit dem inneren Quälgeist lebt, der sie sich und wichtige Momente in ihrem Leben zu Tode kritisieren lässt. So erzählt sie ziemlich am Ende des Buches über Preisverleihungen, die sie besuchen musste, weil ihr Preise zugesprochen wurden für ihre Arbeit: „Mit einer fortwährend maulenden inneren Flüstertüte war die Preisverleihung für mich in Bremen nicht wirklich ein Vergnügen.”



„Die fortwährend maulende innere Flüstertüte” – die ist ja nicht nur auch ein persönlicher Begleiter von mir. Die ist ja mittlerweile – gefühlt – der Begleiter dieses ganzen Landes geworden. Maulen wir einmal nicht gegen uns, dann maulen wir gegen alle Anderen. Hauptsache die ganze Zeit mault etwas in uns.

Ich werde ab sofort aufmerksam sein mir gegenüber und diese fortwährende maulende innere Flüstertüte öfter und deutlicher wahrzunehmen. Ich werde sie viel bewusster einladen zu gehen. Rechtzeitig. Also gleich. Noch bevor sie ihren Schaden anrichten kann. Immer ein Mal öfter. Und früher. Ich möchte aufmerksam ihren Abschied zelebrieren. Soll sie doch woanders maulen – aber nicht mehr in mir!

Ich mochte dieses Wochenende sehr. Es hat mir sehr viel gegeben!

3 Kommentare:

Sanddorndiva hat gesagt…

Gut gemacht und weiter so! <3

kaltmamsell hat gesagt…

Rock'n Roll!

creezy hat gesagt…

@sanddorndiva
Okay! Mache ich. Also ich gebe mein Bestes!

@kaltmamsell
Rock'n Roll! Mit 52. :-)

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