2012-09-25

Sozialisierung

Ich wohne nunmehr in einem brisant politischen Umfeld keine zwei Minuten vom Mauerweg entfernt, genaugenommen nicht weit vom ehemaligen Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße. Drei Häuser und eine Querstraße weiter begann seinerzeit der Westen, überall wo ich in meinem Kiez laufe überlege ich immer, war hier eigentlich Osten oder Westen? Die alte Realität verschwimmt mit den Jahren …

Die Wohnanlage in der ich lebe, die Wohnbautengenossenschaft ist also recht ostzonal, aus geographisch nahe liegenden Gründen. Der Menschenstamm, der hier wohnt, ist in der Hauptsache hochbetagt. Tatsächlich hat das Wohnumfeld Ähnlichkeit mit einer Seniorenwohnanlage auf Mallorca nur mit weniger Sonne. Das ändert sich auch eher langsam und so merkwürdig es klingen mag, ich mit meinen knapp 47 Lebensjahren senke hier den Altersdurchschnitt weiträumig. Persönlich macht mir das Mut, denn offensichtlich ist das Leben hier ein Gesundes, wenn so viele Menschen hier mit einem hohen Alter gesegnet aber sehr aktiv durch das Leben schreiten.

So trifft es sich, wenn mag es wundern, dass ich morgens an meinem Schreibtisch sitze, der zur Zeit noch in Richtung Balkon ausgelegt ist und bei offener Balkontür den Dialogen meiner Nachbarn lauschen darf, die auf dem Weg vom Kaiser's in Richtung Wohnung oder von der Wohnung in Richtung schlimmer Discounter ihre morgendlichen Rituale begehen. Fast immer treffen sich die weiß- oder graubehaarten Menschen direkt unter meinem Balkon, man grüßt sich höflich und immer siezend, kommentiert das eigene Leben, den Tagesablauf und das allgemeine Geschehen im Wohnumfeld, was ich immer recht apart finde, denn ich bin soweit ganz gut informiert. In der kurzen Zeit, die ich hier wohne, gab es wenig Skandale. Keine vier Hochzeiten. Auch keinen Todesfall.

Ein Satz fällt übrigens in den Dialogen immer, danach kann man die Uhr stellen. „Ich komme gerade vom Arzt!” Dann folgt üblicherweise eine ausführliche Beschreibung des gesundheitlichen Status und eine Aussichtsbeschreibung auf künftige Untersuchungen. Von dieser Dialogtradition wird niemals abgewichen und ich korrigiere daher meine obige Angabe, die Wege, die sich da kreuzen seien ursächlich käuflicher Willkür. Ich komme nicht umhin bekannt zugeben, dass ich somit meine Nachbarn zunehmend als „das ist die Frau mit dem CTG” oder „die Hypertonistin” benenne.

Nun, da auch ich mir gelegentlich den Haaransatz schon färbe, jetzt noch eher gegen das Straßenköterblond ein bisschen aber auch schon gegen das Grau, dachte ich bei mir, ich könnte mich zwecks allgemeiner Sozialisierung in meiner Nachbarschaft auch einmal zum Arzt begeben. Da meine Allgemeinmedizinerin mittlerweile in Rente ist (ich war ja lange, lange nicht mehr beim Arzt), meine Gynäkologin zwischenzeitlich auch nur noch psychologisch betreut und der frauenärztlichen Grundausbildung gänzlich abgeschworen hat, lag es nahe, sich der ärztlichen Kompetenz in meinem neuen Wohnumfeld anzuvertrauen.

So suchte ich als allererstes den Tierarzt im Kiez auf. Das gehört sich so bei Katzenbesitzern oder wie Gary Larson zu empfehlen pflegt: „Erst die Hose, dann die Schuhe.” Der Tierarzt ist übrigens eine ziemliche Sahneschnitte und ich würde von dem gerne meine Fachliteratur vorgelesen bekommen, ich bin ein Fan seiner Stimme. Er hat übrigens Katzen. Hatte ich erwähnt, dass ich ein Fan …?

Die Gynäkologin befindet sich einmal über die Straße um die Ecke. Dorthin ging ich neulich scheu und erkundigte mich, ob man überhaupt neue Patientinnen noch annähme? Es ist in Berlin nämlich keine Seltenheit, dass Gynäkologen neuen Patienten die Behandlung wegen Überlast verweigern müssen. (Weswegen ich über gesundheitspolitisch verordnete Mammographie-Screenings nur lachen kann.) Und siehe da, die sehr freundliche Dame am Empfang, freute sich mir einen Termin geben zu können in einigen Wochen, da Frau Doktor die nächste Zeit in Urlaub sei. Vier Wochen Wartezeit sind aber hier in der Stadt noch lächerlich kurz und sie sagt, ich möge bitte zum Termin, mich, meine Karte und gute Laune mitbringen. Gute Laune an einem Wochentag im Oktober um 9.30 Uhr. Das Leben im Osten birgt viele Herausforderungen.

Die Allgemeinmedizinerin, auch einmal über die Straße aber dann um die andere Ecke gelegen, suchte ich dann heute heim. In der vergleichsweise kurzen Zeit, die ich dort im Wartezimmer wartete, fragten viele wagemutige Seniorinnen nach dem herbstzeitlichen Impfstoff, der aber erst im Oktober kommen sollte. Und mir ist bewusst geworden, das muss ein Bombengeschäft sein, diese Impfungen gegen Grippeviren nach denen alle, die ich kenne, die sich regelmäßig impfen lassen, immer schön fette Erkältungen bekommen mit Fieber und Bettruhe … Nun, also Impfungen, die ja eh nie vor denen in der aktuellen Jahreszeit grasierenden Grippeviren schützen können. Egal, Bombengeschäft halt.

Ich bin übrigens 181 cm groß und wiege knapp unter 70 Kilo. Sagt Messstelle und Waage in einem. Das ist insofern sehr interessant, weil ich immer dachte und mein Ausweis behauptet, ich sei lediglich 180 cm groß und daher scheine ich ganz gegentrendlich im Alter nicht zu schrumpfen sondern zu wachsen. Außerdem habe ich das letzte Mal 2004 auf der Waage gestanden (damals nur, um die Gewichtsabnahme meiner alten Katze zu kontrollieren) und habe knapp zwei Kilo mehr auf den Rippen als damals gewogen. Ich hätte gedacht, es seien mehr. Alles in allem aber eine passable Leistung.

Mit der Ärztin unterhielt ich mich dann übrigens hauptsächlich über ihre Zinnfigurensammlung und wie man dieser zu Ostzeiten frönen konnte, denn meinem Erleben nach, war das eher ein ostzonaler Trend (gefühlt kenne ich mehr Läden mit Zinnsoldaten im Ost- als im Westteil), dem sie aber vehement widersprach und mir von den Schwierigkeiten berichtete, zu Mauerzeit an derartige Figuren zu kommen. Sie war die erste Ärztin, die mir den Blutdruck auf beiden Seiten gemessen hatte, was mich sehr beeindruckt hat (tatsächlich eine diagnostisch sinnvolle Sache ist ab einem bestimmten Alter). Morgen darf ich Mittelstrahl urinieren und Blut spenden.

Um acht Uhr werde ich morgen unter meinem Balkon stehen und sagen: „Ich komme gerade vom Arzt!” und wehe keiner will es hören …

3 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ja, aber nach "Ich komme gerade vom Arzt..." erwarten sich allfällige Zuhörer ja knusprige Details, nicht "...und es passt eh alles."
Vielleicht sollten Sie eine exotische, aber dennoch gut heilbare Krankheit aus dem Ärmel zaubern, auf dass der geheime Zuhörer auch was davon hat? :-)

Mark Siebenneundrei hat gesagt…

überall wo ich in meinem Kiez laufe überlege ich immer, war hier eigentlich Osten oder Westen

Lustig, dass das auch Berlinern so geht. Ich kann das kaum abstellen, wenn ich in Berlin bin. Habe mich sogar schon ein klein bisschen geärgert darüber, dass ich den alten Stadtplan von vor dem Mauerfall weggeworfen habe.

shadow hat gesagt…

Durch das nächtlich Liegen streckt sich die Wirbelsäule ein wenig und wird über den Tag durch das Körpergewicht gestaucht.
Somit bist du morgens 1 cm größer.

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