Montag vor 14. Tagen kam ich nach der Arbeit nach Hause und meine Wohnung war geräumt. Leer. Die Katzen im Tierheim. Schloss ausgetauscht.
Ja, ich konnte seit einigen Monaten meine Miete nicht bezahlen und ja, ich konnte auch diese Briefe nicht mehr öffnen und ja, ich habe mich nicht gekümmert. Ich war nicht mehr in der Lage für mich die Energien aufzubringen, um für mich zu kämpfen.
Ich bin nicht dumm. Ich bin kein asozialer Mensch. Ich bin sozial und kultiviert. Ich bin nicht alkoholabhängig oder von sonstigen Drogen süchtig. Ich bin lediglich ein Mensch, der nach über zehn Jahren Nackenschlägen, Arbeitslosigkeit und dem immer neu zu aktivierenden Optimismus in einem Leben, in dem längst andere kapituliert hätten, einfach die Waffen gestreckt hat. Ich bin genau das, was die Arbeitsagentur versucht zu produzieren: Menschen ohne Arbeit, die vor dem Verwaltungskram und Sanktionen aufgeben, um diesem Staat nicht mehr zur Last zu fallen. Ich habe aufgegeben. Und jetzt bin ich wohnungslos.
Das passiert mittlerweile mit Menschen in diesem Land. Und ich vermute, nicht mit wenigen.
Irgendwann kam ein Schreiben von der Agentur, meine Miete sei zu hoch (die Miete ist immer gleich geblieben, aber die Energiekosten haben sich wie üblich längst zur zweiten Kaltmiete gemausert bzw. diese sogar überstiegen) und ich müsse jetzt umziehen oder vom Regelsatz die 150 Euro selber begleichen. So etwas ist ein Todesurteil für einen Menschen wie mich. Dann starb meine Tante. Das war der Moment, in dem ich die Waffen gestreckt habe. Nach zwanzig Jahren aus der Wohnung ziehen. Ohne Geld. Ohne Kraft. Ohne Zukunftsaussicht.
Ich habe in diesem Jahr zu viel Energie in andere Menschen gesteckt und nicht darauf geachtet, dass ich mit meinen Kräften hätte längst haushalten müssen, um meine eigene Kämpfe zu leben. Ich bin ein Mensch, der gerne für andere da ist. Vielleicht zu gerne. Und ich bin kein Mensch, der sagen kann, „ich brauche Hilfe!”. Noch schlechter bin ich darin, Hilfe anzunehmen. Es gab in der vergangenen Zeit Menschen, die mir in bestimmten Bereichen Hilfe angeboten habe, die ich nicht annehmen konnte. Weil ich sie zu wenig kannte und ich Angst hatte, mich ihnen zu öffnen und ich mich wunderte, warum sie mir überhaupt helfen wollten. Es gab Menschen, die die Signale gesehen haben und gedeutet haben. Aber da konnte ich schon längst nicht mehr. Es gab auch viele Menschen in meiner näheren Umgebung, die Signale hätten sehen können, die mich nicht gefragt haben, wovon lebst Du eigentlich?
Es gab sehr sehr wenige Menschen in meinem realen Leben, denen ich mich im allerletzten Moment in aller Offenheit anvertraut hatte in einem allerletzten Impuls den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Zwei, um genau zu sein. Wie gesagt, ich kann das nicht gut. Als ich es tat, folgte in einem Fall eine riesige Verletzung. Der eine Mensch, der einzige, mit dem ich meinen Geburtstag verbracht hätte, drehte sich nach meiner Offenbarung um, sagte unser Treffen ab und diagnostizierte seine eigenen Probleme wieder einmal als relevanter und forderte mir einfach die nächsten Tage weiterhin meine Kraft ab. Ich habe die Leine gezogen, aber zu spät. Der andere Mensch, mein bester Freund, den ich überhaupt nicht mehr mit meinen Problemen behelligen wollte, weil er schon viel zu viel für mich getan hat und ich nie annähernd gleichwertig zurück geben konnte, besorgte mir umgehend Arbeit, dergestalt, dass ich mich nicht vorstellen musste. Denn es ist wohl richtig, wie eine Freundin in der Euphorie ihres eigenen Bewerbungsprocederes aus einem festen Job heraus lapidar, aber für mich in dem Moment sehr verletzend, meinte, ich könnte wohl Arbeit haben (ich habe nie auch nur einen Putzjob abgelehnt in den letzten Jahren). Weil sie keine Ahnung hat, was jahrelange Arbeitslosigkeit mit einem Menschen macht und dem Vertrauen in das eigene Können. Niemand kann sich wohl vorstellen, dass man sich nicht bewerben kann, wenn die Kraft nicht mehr da ist, selbstbewusst in ein solches Bewerbungsgespräch zu gehen in dem man lange Strecken der Arbeitslosigkeit zu überlügen hat. Was ich eh nicht kann, dieses Lügen.
So habe ich Arbeit seit dem 1.11., so einfach, dass ich sie mir im Moment zutrauen kann und so einfach, dass sie mich vermutlich in zwei Monaten unterfordern wird. Aber sie ist gerade genau richtig! Sie wird bezahlt, mäßig das Nettogehalt liegt vielleicht 100 Euro über dem ALG II-Satz plus Miete. Aber ich habe einen Ort, wo ich hingehen kann, der mich ablenkt und der mich im Moment rettet. Ich bin krankenversichert! Längst hätte ich die letzten Monate zum Arzt gehen müssen. Um die Depression zu diagnostizieren, hätte ich keinen gebraucht, aber einen für die Behandlung. Aber wie ohne Krankenkasse? Wovon selbst bezahlen?
Die Idee war mit dem Verdienst Miete und Kosten begleichen zu können und mit Fotojobs zusätzlich Geld zu verdienen, um die Schulden bezahlen zu können.
Dem Vermieter habe ich mitgeteilt, dass ich Arbeit habe und die Miete bezahlen werden, die Rückstände würde ich versuchen zu tilgen. Zu spät, offensichtlich.
Ich habe derzeit nichts mehr, außer einem Teil meiner Kleidung. Man bekommt – wenn man in einer solchen Situation überhaupt Geld hat, die Sachen auszulösen – erst einmal Kleidung und Papiere ausgehändigt. Man erhält nicht einmal seine Toilettenartikel. Wenn der Gerichtsvollzieher befindet, der Rechner wird nicht gepfändet, sortiert das Transportunternehmen diesen nicht zu den Papieren, was im Jahr 2011 wohl die einzige Logik wäre. Jetzt weigern sie sich, diesen aus den restlichen Sachen rauszusuchen – oder nur gegen teures Geld! Ich kann also meine Sachen nicht einmal regeln, noch kann ich letzte Rechnungen schreiben. Der Gerichtsvollzieher pfändete alles, was ich zur weiteren Ausübung meiner Freiberuflichkeit brauche: die Kamera, Objektive, Blitzköpfe. Die wenigen wertvollen Dinge, die in der Hauptsache wichtig sind, weil Erbstücke. Nicht, weil sie enorm wertvoll wären, sie sind für mich lebenswichtige Erinnerungen einer Familie, die ich nicht mehr habe.
Sie haben mir das einzige Werkzeug genommen, das mich die letzten Jahre vor Schlimmeren abgehalten hatte, weil es für mich immer wie ein Instrumentarium einer Therapie zum Besseren hin gewesen war: die Kamera. Und wohl auch die Küche. Natürlich fehlt mir das Geld sie auszulösen. Ich weiß derzeit nicht einmal, ob ich es schaffe, binnen der jetzt noch verbliebenen sechs Wochen meine Möbel oder anderen Sachen, die in einem Pfandleihhaus untergebracht sind, das Wucherlagerpreise verlangt, auszulösen und sie irgendwo unterzustellen.
Ich muss eine halbwegs bezahlbare Wohnung finden für so wenig Geld in einer Stadt, in der es keine halbwegs bezahlbaren Wohnungen gibt – in realistischer Nähe zur Arbeitsstelle. Und selbst würde ich sie finden, werde ich sie nicht bekommen unter den aktuellen Vorzeichen der Mietschuld. Ich brauche Geld, um meine Schulden zu tilgen, um meine Sachen wieder zu bekommen. Ich brauche Nerven und Kraft! Ich habe von allem im Moment gar nichts!
Ich bin so nackt, ich bin so verletzt. Ich bin kraftlos und ich kann nicht mehr. Der einzige Grund, warum ich an dem Montag nicht zurück zur S-Bahn gegangen bin und von der Brücke gesprungen bin, waren die Katzen im Tierheim. Eine Nacht lang! Das werde ich mir nie verzeihen! Mein Gott, was habe ich ihnen angetan!
Ich wohne derzeit mit ihnen bei Freunden in deren Haus. Sie sind so reizend, großzügig und hilfsbereit aber letztendlich sind wir ein Störfaktor in deren Leben. Ich versuche nach allen Seiten irgendwelche Fassaden aufrecht zu erhalten und das kostet so viel Kraft! Ich weiß, dass sich viele meiner Freunde im Hintergrund Gedanken machen und helfen wollen aber die Dynamik, die das nimmt, dass ich nicht einmal gefragt werde, wem ich von meiner Situation Wissen lassen wollte, wem nicht oder auch nur: wann ich die selber die Kraft habe, es ihnen zu sagen, um mit den Reaktionen klar zu kommen, macht es nicht leichter. Das ist auch der Grund für die Offenheit hier. Mir wurde die Möglichkeit genommen, meinen letzten Stolz zu behalten, um irgendwie über die erste Zeit zu kommen bis ich wieder klar denken kann. Ich weiß aber, dass man es nur sehr sehr gut mit mir gemeint hatte. Vielleicht lerne ich auch irgendwann, dass es genau so richtig und wichtig war. Dann kann ich mich hier auch nackig machen. Es ist egal.
Vielleicht nehmt Ihr meine Geschichte zum Anlass etwas genauer auf die Menschen im eigenen Umfeld zu achten und Zeichen richtig zu deuten, denn nein, arbeitslos zu sein, des Kampfes müde, die Wohnung und sein ganzes Hab und Gut zu verlieren, das macht niemand mit Freude, Vorsatz und Absicht. Es tut so weh.
Ich habe im Moment noch das bisschen Glück, Freunde zu haben und Menschen, die sich kümmern wollen. Es schon getan haben. Alleine, ich kann nicht einmal mehr diesem Glück trauen. All denen, die mich fragen, wie sie mir helfen können: vielen Dank! Aber ich weiß es selber nicht. Ich weiß im Moment nicht mal mehr, wofür ich kämpfen soll.
Edit: ich danke Euch sehr, ich weiß nicht was ich gerade sagen soll. Euer Zuspruch, die vielen guten Worte helfen mir gerade sehr. Wirklich! Ich habe übrigens nichts gegen kritische Stimmen, bitte überlegt aber vorher, ob ich mir die von Euch getätigten Vorwürfe nicht selber schon längst täglich 100fach mache. Und: Kommentare, die vor allem meinem Freund unlautere Absichten unterstellen, werde ich löschen. Der Mann hat gerade soviel Dreck am Bein durch mich und hält mit seiner Frau so viel aus, den lasse ich hier nicht verunglimpfen – in keiner Weise!