Es gibt diese ewig wiederkehrenden Wahrscheinlichkeiten: Zum Beispiel die, wenn ich mich auf einer Fete anschicke Nachschub an Getränken zu besorgen, von anderen Gästen Bier nachgeordert wird und ich grundsätzlich zurück frage „welches?” (weil ich kein Bier trinke und wirklich null Ahnung habe von dem Thema, was ich den Leute auch genau so erkläre damit sie sich darüber im Klaren sind, dass sie mir hier am Besten überhaupt gar keine freie Hand beim Einkauf lassen), sagen die trotzdem „och irgendso‘n Pils”, („irgendso'n” gehört in Berlin unbedingt zusammen geschrieben!), dann komme ich wieder mit meinen Einkäufen auf denen „Berlin” und „Pils” steht – als vor Mauerfall geborene Westberlinerin und mit deren Fall ins Exil geschickte Ex-Insulanerin, muss ich schon aus Liebe zur Heimat so auf Berlin fixiert einkaufen – und anstelle eines „Dankeschön!” ernte ich ultralange Fressen (oder Gesichter – je nachdem auf welcher Seite der Umgangssprachregelung man sein Päuschen einlegen mag.) Party gesprengt. Und ich bin wieder schuld.
Berliner Bier kann man eigentlich überhaupt nicht trinken. Berliner Bier eignet sich allenfalls warm zur Nierenspülung. Berliner Bier muss das schlimmste trinkbare Nass auf Erden sein und Berliner Bier würde man nicht einmal dem Hund vom Nachbarn zum trinken geben, obwohl man den hasst wie die Pest, weil der immer die neuen Alufelgen vom Auto anpinkelt. Vermutlich genau deswegen, denn Alufelgenpinkelei ist an sich gar nicht so schlimm. Aber niemand sieht seine Alufelgen gerne mit Berliner Bier blank gestrahlt. Das ist das, was ich in den mehreren Jahrzehnten auf diesem Planeten als Nichtbiertrinkerin gelernt habe, bevor Berliner Bier auf den Tisch kommt: lieber freiwillig auf nichtaromatisiertes stilles Quellwasser umschwenken.
Wiederkäut man wiederum in einem Gespräch mit unbekannten Biertrinkern diese Tatsache sinngemäß als Nullahnung-Inhaberin aber eben Berlingebürtige, damit man bitteschön wenigstens einmal in geselliger Runde so tun kann, als hätte man von irgendwas überhaupt eine Ahnung, gucken die anwesenden – meist zugereisten – Biertrinker auf das unterentwickelte Bierselbstbewußtsein in mir und versuchen ihm liebevoll den Kopf zu tätscheln, indem sie solche Floskeln von sich geben, wie „oooooooch, soooo schlimm ist Berliner Bier doch gar nicht.” (Bei „oooooooch” weiß ich schon sofort, was als Nächstes kommt und was die anwesende trinkende Meute tatsächlich denkt.)
Frage ich dann begeistert zurück (weil doch die Berliner Bierindustrie so tragisch am Boden liegt und unterstützt gehört), ob ich dann jetzt mal eine Runde ordern soll, werden sie indes sofort grün im Gesicht, erscheinen denkbar unentspannt, winken übertrieben hektisch ab und behaupten plötzlich innerhalb der letzten 20 Sekunden zum Sommelier mutiert zu sein und der könne gar kein Bier mehr trinken, wegen irgendwelcher Geschmacksnerven-Paralelluniversendispute zwischen Hopfen und Traube. Unglaublich, was ich im direkten Anschluss an so eine lächerliche Frage alles zu hören bekomme. Damit könnte man glatt ganze Yps-Heftgenerationen füllen. Manchmal sitzte ich dann auch von null auf hundert plötzlich alleine da, mit ungefähr noch 20 halbvollen Biergläsern mit Sorten aus allen anderen Regionen des Bundesgebietes, nur kein Berliner Bier darunter, und das in einer Berliner Ausgeh-Schatulle. Pah!
Weil die Berliner Bierindustrie aber immer noch so tragisch am Boden liegt, habe ich mir eine Möglichkeit überlegt, wie man ihr wieder auf die Füsse verhelfen kann und bin auf eine grandiose Idee gekommen. Dazu gehört der unbedingte Appetit auf eines der leckersten selbstgemachten Brathähnchen, das Ihr jemals gegessen habt und von Euch mit links unglaublich einfach zubereitet wurde. Vertraut mir, auch wenn Eure Kochfähigkeiten bis dato in der Übernahme einer Currywurst am Imbiss bestanden haben. Ihr benötigt:
1 Brathähnchen
Salz, Pfeffer
1-2 Teelöffel milden Paprika
1 Teelöffel Kräuter der Provence
1 Dose Berliner Kindl (und die größte Schwierigkeit dürfte sein, das überhaupt noch in Dosen zu bekommen. Aber eine Lebensmittelkette mit dem großen „K” und dem kleinen „s” am Ende und hier und da mit Öffnungszeiten bis 24:00 Uhr hilft Euch dabei.)
1 Auflaufform mit etwas Wasser gefüllt.
Das Hähnchen wird gewaschen mit der aus den Gewürzen gemixten Mischung eingerieben. Die Dose Berliner Kindl wird aufgemacht, das Hähnchen mit der unteren Öffnung darauf gesetzt, das Bauwerk kommt in die Auflaufform und die wird in den vorgeheizten Ofen (Vorsicht beim Transport, die Dose steht wacklig!) auf die unterste Schiene gestellt und bei (ich habe nur) Gas Stufe 3 – je nach Größe des Gockels – 45-60 Minuten im Ofen gegrillt.

Am Ende habt ihr ein perfektes Brathähnchen mit superknuspriger Haut – und zwar rundherum an allen und ich meine wirklich allen Seiten – und dem zartesten Hähnchenfleisch überhaupt. Es liegt sehr wohl ein bisschen Berliner Bierduft in der Luft aber das Fleisch schmeckt völlig geschmacksneutral nach Huhn.
Nein, das Gericht funktioniert selbstverständlich NICHT mit anderen Biersorten in der Dose! Nicht mit Cola und auch nicht mit nichtaromatisiertem stillen Quellwasser! Wieso bitteschön fragt Ihr mich das überhaupt so unverschämt dreist und blöd?!
Guten Appetit!