Alle unter einem Himmel – Weinbar Cielo
Für mich die Food-Entdeckung des Jahres in Berlin: Die Weinbar Cielo am Ostkreuz!
Es sind vier Minuten zu Fuß vom Bahnhof Ostkreuz, Ausgang Sonntagsstraße. Die erste Kreuzung rechts in die Straße befindet sich auf der linken Straßenseite das Restaurant. Damit liegt die Weinbar Cielo ruhig in der schönen baumbewachsenen Lenbachstraße 7 – und jetzt im Sommer perfekt im Schatten.
Im Februar 2025 als Weinbar eröffnet, die ausschließlich biodynamische Weine und Naturweine serviert und mit gelegentlichen Pop-up-Menüs getestet, ergänzt inzwischen eine feste und kleine, aber sehr feine Karte das ausgesuchte flüssige Sortiment des Cielo. Ivano Pirolo hat hier seit etwas über einem Jahr eine charmante Insel der Gastfreundschaft für seine Gäst*innen geschaffen.
Ein echter Wohlfühlort mit klassisch-einfachem Interieur, einer kleinen Bar, auch die Küche scheint übersichtlich groß. Kunst an den Wänden wechselt je nach Kauflust, eine übersichtliche Cocktailkarte versteht ihr Handwerk zu angenehmen Preisen. Helle Farben, Blautöne, klares Konzept – hier kann man gut einfach sein.
Alea König im Service und in der Küche Kea Kiknadze ergänzen Ivanos kleines Team. Der Koch aus der Nähe von Neapel in Kampanien lebt seit mittlerweile 14 Jahren in Berlin. Seine Ausbildung als Koch hatte ihn durch halb Europa getragen, bis in die spanische Sterneküche.
Die Tretmühlen der gehobenen Cuisine haben ihm beinahe den Spaß am Job verdorben. Eine Leidenschaft, die er von seinen Großeltern mitbekommen hatte, die ihm früh auf ihrem Bauernhof die Verbindung von der Natur zu den Köstlichkeiten auf dem Tisch vermittelten. Von Fine Dining hat er erst einmal genug. Fine? Immer noch in dem Sinn, dass Qualität auf seine Teller kommen soll und die Aromen sprechen dürfen. Von besonderen Weinen im Glas begleitet. Zu erstaunlich angemessenen Preisen. Fair Dining lautet heute sein Konzept.
Das Cielo ist für ihn die Antwort: keine elitäre Gaststätte, sondern ein Platz für alle, die wir unter diesem einen Himmel leben. Er steht auch symbolisch für das Blau der Mediterranae wie auch für eine unendliche Weite, keine mentale Enge, keine Grenzen – von allem etwas. Vor allem das Beste! Seine Tapas, die klar mediterranen Ursprungs sind, begleiten ein grandioses Sauerteigbrot, zu dem ein Olivenöl aus Griechenland gereicht wird – er hält dieses Öl halt für das Beste. Das Brot wird auch nicht selbst gebacken, denn das kann die Bäckerei Keit um die Ecke halt besser, als sie es können, sagt Ivano.
Ganz im heimatlichen Gebrauch sollen seine Gerichte auch geteilt werden, die sich dann und wann an der Saison und Verfügbarkeit ihrer Zutaten ausrichten. Man schmeckt, dass das, was hier verarbeitet wurde, besonders aufmerksam ausgewählt wurde. Auf dem Teller liegt Liebe zum Essen, sie zeigt sich in der Qualität aller Zutaten.
Menschenskinder, ist das lecker hier! Zum Brot serviert uns Ivano eine Stracciatella mit Chimichurri mit Chiliöl. Ich freue mich, dass Stracciatella mittlerweile auch in unseren Küchen langsam haus- und hoffähig wird. Ihre wundervolle, sahnige Aromatik zu dem säuerlichen Brot mit enorm knuspriger Kruste, zusammen mit dem frischen Kick des Chimichurri, ist eine tolle Begegnung! Dazu stellt uns Ivano marinierte Oliven und Taralli auf den Tisch.
Es folgt ein Fisch-Crudo mit Zitrus-Dressing und einem Chutney der Tropea-Zwiebel sowie Oliven, ergänzt um einen weiteren kühlen Gang: Frisches Thunfischfilet mit Filets von Orange und Pampelmuse rosé in einer feinen fruchtsauren Vinaigrette mit Olivenölfäden – das ist wie ein Spaziergang durch den duftenden Limonenhain.
Zartrosa gelungen, nicht zu dezent aufgeschnittenes Kalbfleisch für das Vitello tonnato – letztere wundervoll säurebetont. Zu ihr möchte ich „Sie“ sagen und einen ganzen Eimer voll mitnehmen. Da ist eine spannende Würze, die den Thunfisch nicht alleine dominieren lässt. Was wirklich auffällt: Alles, was im Cielo mit einer Vinaigrette, Soße oder Bisque gereicht wird, verdient ein herausragendes Prädikat. Sie sind von einer aromatischen Frische, geschmacklich einzigartig, und das Brot wird niemals reichen.
Kreativ serviert und bringt eine Runde Aufregung in unsere Runde: Das Rindertatar auf dem längsgeteilten warmen Markknochen des Rindes. Das Tartar mit einer pikant-sauren Würze, in dem man die Kapern nicht suchen muss, so wie ich es mag. Dazu das warme Mark vom Rinderbein. Göttlich. Das Gebein in Berlin so geschnitten zu bekommen, ist nicht leicht, erzählt Ivano. Da muss man sich seinen Fleischer gut aussuchen und er schwört auf Treue bei seinen Lieferanten.
Stimmt! Da waren ja noch die Weine, derentwegen man eigentlich ins Cielo geht. Tatsächlich sind sie bei unserem Dinner etwas ins Abseits geraten, so überrascht und begeistert hat uns die Küche. Wir haben sie dennoch genossen, die Weinkarte, auch klein und fein, ist eine Reise durch alle europäischen Weinländer. Sie zählt drei Variationen, die blubbern, sechs Weißweine, je zwei Rosè und Orange Weine sowie drei Rote.
Auch hier hat sich Ivano überall die beste Essenz für seine Gäste erwählt. Seine fachliche Expertise ist unser Einstieg: Der Sampagnino kommt von der Cantine Bulli aus Piacentini in der Emilia Romagna. Die Rebe Ortrugo wird in Flaschengärung ausgebaut, unfiltriert, kein Schwefel. Junge, lebendige Mineralität. Hallo Sommer!
Gefolgt von einer Cuvée aus Welschriesling, Chardonnay und Traminer. Der Naturwein „Weißes Handgemenge” (2025) von Wachter-Wiesler ist blumig, voller gelber Aromen wie Quitte, Winterapfel, Zitrusfrucht. Ein guter Einstieg in die Welt der Naturweine mit 11,5 % Alkohol.
Für uns Alkoholgenießerinnen geht es weiter mit einer traumhaft schönen Farbe aus einem Keller in den Abruzzen: Kriya Cerasuolo d’Abruzzo DOC Biowein aus der Montepulciano. Ein veganer Bio-Rosé mit trockener Substanz und einem Potpourri vieler roter Beeren.
Die Person in unserer Runde, die keinen Alkohol möchte, trinkt einen Frizero (Valpolicella), aus der Kaltgärung und alkoholfrei, mit Bubbles in Weiß. Elegant, macht Spaß und grüßt mit intensiven grünen Noten von Apfel und Birne.
Der Oktopus-Spieß mit Padrón-Piementos entsendet uns an den Lungomare, und auch dieser ruht wieder in einer aromatischen, pikanten Begleitung, von der man nichts auf dem Teller lassen möchte. Der Oktopus ist wundervoll zart, keinesfalls trocken gegrillt. Selten so perfekt zubereitet bekommen! Kann es noch besser werden?
Die Miesmuschel in pikanter 'Nduja-Escabeche mit frischen Frühlingszwiebeln ist Glückseligkeit mit ihrer Schärfe. Wie gut das Fett vom Schwein den Muscheln tut!
Die grüne Lasagne mit Zucchini, Scamorza und Salsiccia ist genauso fein, hat es aber mit ihrer erdigen italienischen Grundständigkeit nicht leicht, an die vorangegangenen Gänge heranzureichen. Tatsächlich schafft es das Cielo, jeden Gang mit einem eigenen Sidekick auf den Tisch zu bringen, den man nicht erwartet – wie einem der Gang zuvor noch nie serviert wurde. Das macht die Küche von Ivano und Kea hier wirklich zu einem intensiven Erlebnis.
Die Dessertkarte ist übersichtlich. Gefühlt schwärmt ganz Berlin von der Mascarpone Mousse. Zart aufgeschlagene Kalorie grüßt in ihr das teuerste Gewürz der Welt – il safrano – und weiße Schokolade ergänzt das Träumchen. Auch die Windbeutel mit Zitrus-Creme und Erdbeeren machen Spaß zum Caffè.
Ach ja, das Cielo hat auch eine Cocktailkarte, ich empfehle die leichte Sommervariante eines Negronis, den Sbagliato – auf Basis eines Negronis ohne Gin, dafür mit Prosecco. Bin ich Fan! Falls ich euch noch nicht vom Cielo überzeugen konnte (hä?) wie es sich für ein wirklich gutes Restaurant mit italienischen Wurzeln gehört, lässt sich hier ein ordentliches Chinotto ordern!
Ich komme wieder!

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Fröhlich sein, freundlich bleiben und bitte immer gesund wieder kommen!
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