2020-02-01

M29

Gestern unterhalten sich zwei junge Menschen im M29 (für Nichtberliner, das ist der Bus, der einmal quer durch die Stadt fährt vom hinteren KuDamm-Ende [und noch ein bisschen weiter zurück] bis durch das wilde Neukölln, um am Hermannplatz in Kreuzberg zu enden. Es ist der Bus, der nie kommt – oder drei von ihm auf einmal.) ein paar Sitzreihen hinter mir. Es sind offensichtlich Auszubildende und sie reden über ihre Mitauszubildenden, sonstige Kollegen, später dann auch ihre Eltern. Ich sage es mal so: vermintes Gelände wäre gegen diese verbale Hetzjagd Spatzenschiss dagegen. Keiner der nicht anwesenden Protagonisten ist gut genug, allerhöchstes Prädikat – nachdem über die Person viel Schlechtes gesagt wurde – „eigentlich geht er ja”.

Liebe fließt lediglich als beide von ihren Haustieren sprechen. (Sie können es. Das macht Hoffnung – und traurig zugleich.)

Als der junge Mann, der in seinem Sprachgebrauch alle Merkmale eines sehr unsicheren jungen Mannes die junge Frau neben ihm dringend beeindrucken wollend hören lässt, dann unter dem Eindruck des Todes des Cousins des Vaters (wohl beide herzkrank) von seinen Ängsten des etwaigen Sterbens seiner Eltern spricht, weil die schon so alt wären (50, 51) musste ich dann doch einen sehr streng amüsierten Blick rückwärts senden. Auch wenn sein Vater wohl bereits einen Herzinfarkt gehabt hatte. So nicht, mein lieber Jungspund!

Beide Jugendliche sind offensichtlich Kinder von Eltern, die sich sehr wenig leisten können. Die Mutter ist lt. Aussage ihres Sohnes ein Messie mit dreifachem Schulterbruch und aus dem Job geworfen, weil er zwei Wochen krank war und sie sich um ihn gekümmert hatte, seitdem arbeitslos; der Vater berentet. Die junge Frau empfiehlt dem jungen Mann die Sachen der Mutter wegzuschmeißen, da er darüber spricht lieber in der (direkt nebenan liegenden Wohnung) Einzimmerwohnung des Vaters zu leben, weil er dort von Gegenständen der Mutter nicht belästigt wird. (Der Vater ist voller Absicht direkt nach nebenan gezogen, weil er bei seinem Sohn trotz Trennung sein wollte, also scheinbar ein Vater, der vieles richtig machen möchte.) Aber als er einmal vier Wochen zu seinem Vater gezogen sei, wäre es seiner Mutter sehr schlecht gegangen. Entrümpelt hätte sie danach aber immer noch nicht.

Ihr Mutter indes ist erst 32 Jahre alt und ihre Eltern lassen sich gerade scheiden. Aber man muss vorsichtig sein, denn ihre …… kleinere Schwester sei doch jetzt in der Pubertät. Beide erklären weiterhin – mangels Geld – nur sehr wenig gereist zu sein bisher im Leben.

Ich musste dann aussteigen.

Mit etwas Zynismus könnte man in der Folge dieses Gespräches Berlin im M29 wahrscheinlich herovrragend Gesprächstherapien/Lebensberatung anbieten.

Aber eigentlich macht mich dieses Gespräch nur sehr traurig, denn so wie die Kinder sprachen (keine typische Berlinerprollsprache) – auch mit ihrer leicht übertriebenen Altersklugheit aber immerhin klug – ist klar, das sind Kinder aus einer typischen Mittelschicht; Kinder von Paaren, die offensichtlich alles richtig gemacht haben. Auch wenn sie darüber die Liebe verloren haben. Eltern, die beruflich oder gesundheitlich, einfach irgendwann einmal Pech hatten.

Die Kinder geschaffen haben, die offensichtlich sehr bemüht sind ihren Weg zu gehen – aber dem Gespräch nach mussten sie sehr sehr früh Kindheit drangeben und erwachsen werden. Und Verzicht und Armut kennen sie beide.

Und das macht verdammt traurig.

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