2017-02-19

Es wird kalt werden

Gestern fuhr ich mittags S-Bahn. Touristenlinie, die, die über Kreuzberg in die für Besucher attraktive Mitte dieser Stadt führt. Ich stand im Türbereich am Ende des Wagons, dort wo üblicherweise je zwei Sitzplätze sich gegenüber liegen. Alle Sitzplätze von Menschen mittleren Alters besetzt, ein Mann stand daneben. Alle sprachen Deutsch, mehr oder weniger. Die einen konnten ihren bayerischen Dialekt, wenn auch nicht komplett verstecken, allgemein verständlich unterdrücken, bis auf einen Mann, der kurz vor dem Zertifikat „muss untertitelt werden” kommunizierte.

Der Unterhaltung zufolge war der stehende Mann nach Berlin gezogen. Diese Menschen, höchstwahrscheinlich seine Freunde bzw. Bekannte, schienen ihn nun zu besuchen. Man fuhr S-Bahn und gönnte sich dabei den Blick auf die besonderen Attraktivitäten dieser aus dem Zugfenster im Winterschlaf liegenden Stadt.

All diese ganz normal aussehenden Menschen waren fixiert. Auf Ausländer. Das ging so: Man sprach darüber, dass außerhalb der Bahngleise Müll liegen würde. Und prompt war das Thema Dreck in der Stadt und wie sehr die Ausländer daran schuld sein. Und dass sie das doch „zu Hause” machen sollten. Ständig wurden z. B. Anekdoten erzählt bei denen es sehr wichtig war, dass die Protagonisten „drei Schwarze” sein. Auch diese Geschichte endete mit dem sauberen, überheblich mahnenden, deutschen Finger.

Das war an sich schon völlig unangenehm für mich als Deutsche anzuhören. Der Höhepunkt dieser Ungeheuerlichkeit zeichnete sich dann ab als an der gleichen Station mit mir ein Mann aussteigen wollte, der sich eben von einem der Sitzplätze inmitten dieser Reisegruppe erhob und er bzw. dessen Vorfahren höchstwahrscheinlich einmal in Indien oder Pakistan beheimatet waren/sind.

Diese Menschen, hier in der Stadt zu Besuch, hatten also keine Chance ausgelassen sich über Ausländer auszulassen, sehr abschätzig, während so einer zwischen ihnen saß.

Den Zug verließ ich dann doch mit einer Bemerkung, dass Berlin solche Besucher mit derartiger rassistischer Gesinnung, wie sie es offensichtlich wären, hier nicht bräuchte und sie hoffentlich sehr bald wieder nach Hause fahren würden.

Ich habe gestern erstmals begriffen, wie sehr weit und wo überall dieser Hass auf vermeintliche Andersartigkeit wieder in den Köpfen der Menschen in diesem Land gekrochen ist. Und wen diese Menschen im Herbst wählen werden.

Ich habe Angst.

6 Kommentare:

trippmadam hat gesagt…

Mein Eindruck ist, dass es schon sehr lange kalt ist. Angst wird uns aber nichts helfen (was kein Vorwurf sein soll). Ich bin leider meist zu unsicher, um wenigstens eine Bemerkung zu machen wie Sie (ein alter Sprachfehler, der nur wieder kommt, wenn ich mich aufrege).

Sanddorndiva hat gesagt…

Kinder kauft Kämme, es kommen lausige Zeiten.

Etwas ernsthafter ausgedrückt: Ich habe auch Angst. Verdammt viel Angst. So blöd es ist, aber ich finde es mittlerweile tröstlich, dass ich den größten Teil meines Lebens bereits hinter mir habe.

Nelly aus Sachsen hat gesagt…

GUt, dass Du es kommentiert hast

Manuela Hamm hat gesagt…

Bravo Claudia! Flagge zeigen und mutig sein. Diese bayerischen Besucher sind wahrscheinlich nicht vor Scham im S-Bahn-Boden versunken nach deiner Bemerkung. Und wahrscheinlich haben sie deine Bemerkung noch nicht mal verstanden.
Solche Menschen sind dumm. Sie lernen nicht aus der Geschichte. Schaffen es diese Menschen wirklich sich durchzusetzen bei der nächsten Wahl?
Ich habe auch Angst. Aber Angst darf nicht dazu führen, die Augen zu verschließen, nach dem Motto: Ich sehe nichts, ich höre nichts, ich sage nichts.
Gut, dass du etwas gesagt hast!

Daniela hat gesagt…

hi claudia, bei uns hier in bayern sind es eher die ostdeutschen die solche kommentare von sich geben. idioten gibt es leider überall und ja, ich gebe dir recht, es werden leider immer mehr. lg aus bayern, daniela

Maxxie hat gesagt…

Ja,ich habe auch Angst ...
Aber ein ganz großes "Daumen-hoch" für deine Worte! Das sollten viel mehr Menschen machen – statt wegzusehen.
Manchmal schaffe ich dasauch, manchmal bin ich feige (und ärgere mich hinterher darüber).
Liebe Grüße!

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