2016-07-08

Manchmal bin ich auch 'ne fiese Möpp

Oder wie es in unserer Familie gerne hieß: Zimtzicke.

Die letzten drei Wochen war es hier in meinem Wohnumfeld etwas lauter. Also von dem seit Jahren hier fast rund um die Uhr existierenden Baulärm, weil jede Brache bebaut wird, die es hier entlang des Mauerweges so gibt, einmal abgesehen. Berlin ist mittlerweile so hipp, dass Menschen ernsthaft 5.000 € pro Quadratmeter ausgeben, um an einer befahrenden Hauptstraße mit relativ viel Null-Sexappeal – dafür 24-stündigem Notarztwagenverkehr – neben einem Discounter zu wohnen.

Dagegen wohne ich hier schick, obwohl geographisch nur auf der anderen Seite dieser Straße, weil nicht längs, sondern quer zu eben jener und im hinteren Bereich, man könnte es hier beinahe ruhig nennen. In der Flucht zwischen meinem Haus und dem gegenüber liegenden Haus der gleichen Wohnanlage: grün. Also ungepflegter, vor sich hinleidender Rasen mit viel Baumbestand, zwei Walnussbäumen und ein paar mehr Bäumen, viel Vogelbestand, ein paar Hasen, einige Ratten, die regelmäßig vom Kammerdiener bedient werden. Es könnte schlimmer sein.

Es deutete sich im vergangenen Jahr schon an und nun ist es soweit, diese Hofanlage wird gerade aktuell umgestaltet. Deutete sich an heißt, auf dem restlichen anliegenden, recht umfangreichen Gelände der Genossenschaft konnte man an den Veränderungen ahnen, es würde uns auch ereilen. Tut es nun auch. Und zwar mit einer Ankündigung im Stillen Portier, nur fünf Tage später begann man mit dem Baumaßnahmen.

Die kann man nun positiv oder negativ sehen. Die Grünfläche wird/wurde – mehr halbherzig – etwas aufgepoppt, hässliche Büsche dem Boden beraubt, dafür ein Rondell geschaffen mit etwas Grün, umwandert mit viel grauem Gestein, die alte Bank wird wohl von ihrem Standort umgesetzt werden. Sie machen es jetzt so richtig schön für unsere Dealer.

Während andere Rondelle auf dem Gelände mit schickem blühenden Pflanzensortiment bestückt wurde, wurden bei uns heute pflegeleichte Gräser gesetzt. Die „Zufahrtswege”, die laut meinem Mietvertrag nur von Sonderfahrzeugen bzw. für Umzüge überhaupt benutzt werden dürfen, verbreitert, damit vierkommafünf gar nix mehr merkende Nachbarn uns wieder Sonntags ab 7:30 Uhr ihre Blechkisten vor die Balkone stellen können. (Danke der Nachfrage, ja, ich kot…e im Strahl!) Um denen aber nun das Tempo zu rauben beim Vorfahren – was sie eigentlich gar nicht dürfen – hat man nun den älteren Mietern, die mit Rollatoren unterwegs sein müssen oder sonstigen Gehilfen bzw. Rollstuhl, extra Schikanen, nämlich Schwellen, in den Fußweg gebaut. (Nochmal danke der Nachfrage, ja: ich habe Hals!)

Soweit so schlimm. Was mich an dem ganzen Procedere am meisten nervt, ist diese Methode der Nullkommunikation. Hätte man nämlich mal mit uns Mietern – die wir alle auch Anteilseigner sind – im Vorfeld gesprochen und sich unsere Bedürfnisse angehört, hätte das hier ganz anders, viel schöner, vor allem kindgerechter und die nachbarschaftliche Gemeinschaft fördernder werden können. Beispiel: einige von uns Nachbarn wünschen sich eine Boule-Bahn. Kostet nicht viel, hätte man machen können. Anderes Beispiel, hier ziehen nur viele Kinder zu bzw. kommen hier zur Welt, wie schön wäre da (zumal nebenan die Prinzessinnengärten) ein Lehrgarten gewesen?

Und verdammte Hacke – wozu leben wir im Jahr 2016 eigentlich in Zeiten des Internets, wozu hat die Genossenschaft eine Homepage – auf der man solche Dinge ganz simpel und günstig online in einer Art kleinen Wettbewerb hätte organisieren können. Und bevor jetzt wieder irgendwelche Argumente aus der Vorzeit kommen: Meineunter mir lebenden Nachbarn im hohen Alter von an die 80 haben mir neulich ihre Visitenkarten in die Hand gedrückt – mit E-Mail-Adresse. DAS Argument alte Menschen würden nichts ins Web gehen, es zählt einfach längst nicht mehr.

Auf der Grünfläche stehen, seit ich hier wohne, diverse Baumstümpfe von längst, bzw. in den letzten vier Jahren auch noch von mir miterlebt, gefällten Bäumen. Das war insofern kein großes Problem, weil das Gelände eh nicht zwingend zum Aufenthalt aufforderte. Ab und an trafen wir Nachbarn uns auf der traurigen Bank, wenn nicht gerade vom Junkie bevölkert, gelegentlich spielten die Kinder dort. Nun aber installierte man vor jedem Hauseingang Einbuchtungen für neue und vor allem mehr Fahrradständer – sowie das schon beschriebene Rondell. Man möchte also uns Mieter aufrufen das Gelände zu betreten, was eine gewisse neue Umsicht auch nötig macht.

Die man allerdings seitens der Planer etwas außer Acht ließ. So traf man z. B. sichtbare Vorinstallationen für den künftigen neuen Aufenthalt der Bank – direkt neben so einem Baumstumpf. Alternativ vor einer der Hausnummern setzte man den Radstellplatzhafen ebenfalls direkt neben so einem Stumpf. Dort einmal im Dunklen falsch getreten, könnte man echt gut fliegen. Dito bei der Bank: wenn sich da Eltern mit ihren Kinder aufhalten sollen und Kinder drum herum rennen, war eigentlich auch klar, was da schief gehen wird.

Und das sind so Dinge, da stellen sich mir die Nachenhaare hoch. Da bin ich einhundertprozentig sowas von Deutsche!

Ich hatte so eine Ahnung, dass diese Rumgebaue hier ordentlich Geld kostet und war doch dezent betrübt, weil man es offensichtlich nicht richtig machen wollte. Also schrieb ich höflich dem Verwalter und erkundigte mich, ob diese Baumstümpfe noch entfernt würden oder ob das jetzt ernst gemeint sei mit diesem womöglich ungesunden Geiz der Genossenschaft (klar so einen Baumstamm richtig zu entheben, das kostet halt 250-300 Euronen, das mal fünf Baumstümpfe auf dem Gelände …) … oder ob hier nur schlicht Profis bei der Arbeit wären?

Letzteres glaube ich ernsthaft keinen Moment lang, denn die Jungs arbeiten gut und sauber. Vielmehr hatte ich den Eindruck, dass denen das selbst nicht gefiel. Kein Landschaftsgärtner will so etwas gestalterisch hinterlassen. Der Verwalter überließ es dem zuständigen Beauftragten der Genossenschaft meine Anfrage zu beantworten, der das ausreichend von oben herab tat, was womöglich daran liegt, weil er laut Signatur der verantwortliche IT-ler der Genossenschaft ist (ich habe sehr gelacht!), so dass er mein kleines wildes Ego freilegte und ich nach gut fünf überschlafenen Nächten ähnlich von oben herab antwortete.

Seiner Argumentation nach wäre nämlich schweres Gerät vor Ort notwendig gewesen, um diese Stümpfe dem Boden platt zu machen. Und das hätte man eben nicht. Antwortete ich, die ich ja das Tagesgeschehen live miterlebt habe, das schwere Gerät sei sehr wohl ganz am Anfang vor Ort gewesen (und im übrigen würde es immer noch vor Ort gelagert), denn man hätte doch auch tiefes Wurzelwerk einiger altgedienter Sträucher genau so nur entfernen können.

Dann wollte er mir mitteilen, dass diese supertolle Maßnahme immerhin so ca. 30.000 Euro kosten würde – also die Genossenschaft mitnichten geizig wäre und man immerhin diese Maßnahme großzügig auch nicht auf uns Mieter umlegen wollte. Nicht umlegen dürfe, antwortete ich da prompt, da per se aus juristischen Gründen Hofneu- und -umgestaltungen – im Gegensatz zur Hofpflege – nicht auf die Mieter umgelegt werden dürfen.

Dann erklärte ich ihm, dass niemand von der Genossenschaft verlangen würde, die Stämme auf dem tiefen Grund zu heben, aber dass man sie wenigstens mit einer Baumfräse abfräsen könnte. Dass sich so eine Fräse in jedem größeren Bau- bzw. Gartenmarkt ausleihen ließe, was im Vergleich günstige 170,— Euro kosten würde/Tag und ich gerne bereit wäre mitzuhelfen, wenn es nötig sei. (Ist ganz praktisch Menschen mit ordentlich Grundstück und Baumbestand im sozialen Umfeld zu haben. Und ja, ich hätte wirklich gerne mal meinen Spaß mit so einer Fräse gehabt.)

Schlussendlich erklärte ich, dass ich wirklich keine fiese Möpp sein wollte, aber mir schon ein bisschen die Sicherheit der Anwohner – vor allem der Kinder (nicht zu vergessen unsere Junkies und Dealer) – in diesem Fall am Herzen liegen würde und womöglich Schadensersatzforderungen bei etwaigen Unfällen die Gesellschaft teurer kommen könnten. Und ich mir nicht sicher sei, ob diese dann nicht doch auf die Mieter/Anteilseigner umgelegt werden könnten. Und wenn man schon 30.000 Euro für so eine Maßnahme raushauen würde, warum man es dann nicht einfach gleich richtig und schön machen könne?

Die Baumstümpfe sind weg.

1 Kommentare:

Clarissa hat gesagt…

Yes! Sehr gut - deine Nachbar_innen sind dir sicher dankbar! In meiner Genossenschaft wird zum Glück super kommuniziert, erlebe das grade als sehr angenehm nach fünf Jahren als Mieterin in einem Haus, das vor allem von Wohnungseigentümer_innen bewohnt wurde.

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