2015-03-05

Strudeliges



Apfelstrudel mit Vanillesauce. Das ist ein Stück Glückseligkeit aus meiner Kindheit. Wenn mich meine Mom fragte, ob wir (meist) Sonntags uns nicht einen Apfelstrudel in den Ofen schieben sollten, habe ich immer „ja!” gesagt. Das war so ein Highlight! Meine Mutter hatte meist Blätterteig in der Gefriertruhe oder eben tiefgefrorenen Apfelstrudel für einen schnellen Sonntag-Nachmittagskuchen. Meine Erinnerung daran sind gemütliche Kaffeenachmittage auf dem Sofa mit einem schönen eingedeckten Tisch und einem leckeren Stück warmen Apfelstrudel auf dem Teller – mit Vanillesauce.

Ich bin auch die, die bei Ikea nicht einkehren kann, ohne nicht oben im Restaurant auf deren dortiges Apfelstrudel mit Vanillesauce-Angebot zurück zu greifen, obwohl ich den Strudel dort geschmacklich grenzwertig künstlich finde. Aber in meiner Natur ist nun mal ein „Nein!” zum Strudel nicht vorgesehen.

Selbst habe ich noch nie Strudel gemacht. Respektvoll habe ich mir das immer angeguckt, wenn im Fernsehen so ein Strudel ausgezogen wird. Auch wenn mich diese gefüllte Haptik durch den Bildschirm immer sehr anmachte, hatte ich das Gefühl für diese filigrane Tätigkeit motorisch nicht wirklich geeignet zu sein. Strudel lief bei mir unter „lass das mal besser den Profi mache.”

Interessanterweise habe ich die fantastische (oder auch fanatische) Angewohnheit, wenn es mir nicht besonders gut geht, mit dem letzten Aufflackern restlicher Energien backen zu wollen. Muss irgendeine therapeutische Rettungsleine sein, die da in mir wohnt Ich werde mich nicht beklagen, es gibt wahrlich unangenehmere Übersprungshandlungen.

Also habe ich mir Sonntag mutig ein Rezept aus dem Internet gesucht. Und Tutorials auf YouTube angesehen. Dann habe ich mir mit Kaffee Mut angetrunken und interessanterweise habe ich mich für das vermutlich einzige Strudel-Rezept im Internet entschieden, in dem ein Ei für den Teig verwendet wird. Die Füllung habe ich gänzlich nach Intuition zubereitet. Jahrelanges Apfelstrudelessen ließ mich da sehr sicher sein.

Dieser Apfelstrudel war … okay. Also für einen ersten Apfelstrudel fand ich ihn relativ gut gelungen, der Teig selbst war tatsächlich nur an einer Stelle gerissen. Aber ich fand das Ausziehen kaum möglich und habe daher eher gerollt als elegant über den Handrücken den Teig auf dünne Weite gezogen. Nach dem Backen vermisste ich diese Blätterigkeit vom Teig. Die Füllung war perfekt, na gut, sie wäre aus Sicht anderer Esser vermutlich nicht asureichend süß gewesen. Aber karamellisierte Butterbrösel mit Walnüssen, Apfel (zu mehlig), Mandeln und in Rum eingelegte Rosinen – alles mit Zimt und Zitrone abgeschmeckt – waren genau richtig.

Wie sich aber später heraustellte, als ich vermeintlichen Fehlern versuchte auf den Grund zu gehen, hatte ich wohl die Füllung falsch eingerollt (über die ganze Teiglänge verteilt anstatt nur im vordern Drittel) – und wie schon angedeutet, befand sich in allen anderen Rezepten plötzlich gar kein Ei in der Auflistung und deutlich weniger Öl (ein Esslöffel), deutlich weniger Essig (Tropfen).

Gestern (wieder Kompensationsmethodik, dieses Mal akut) kaufte ich neue Äpfel und machte mich erneut an das Werk. Ich knetete

150 g durchgesiebtes Mehl
1 EL Sonnenblumenöl
1 Prise Salz, 1 Prise Zucker
75 ml warmes Wasser

zu einem geschmeidigen Teig und stand dann sehr lässig zehn Minuten in der Küche und walkte den in eine Hand passenden Teig mit der rechten Hand bis bei Knete die Blasen platzten, was, finde ich, ein fast als sexy zu bezeichnendes Gefühl ist. Wenn man physisch begreift, was die Rezeptgeber einem zu sagen versuchen bei der Teigbehandlung, und es sich plötzlich anfühlt, wie es sich wohl anfühlen sollte – Ihr versteht das?

Dann legte ich den Teig mit Öl eingestreichelt auf Folie unter eine mit heißem Wasser ausgespülten Schüssel und ließ ihn dieses Mal auch deutlich länger rasten. Ich verlängerte die zehn Minuten Zeitangabe vom ersten Rezept auf ca. 50 Minuten, wie mir von den echten Österreichern in meinen Timelines empfohlen. Die Schüssel wärmte ich dabei immer wieder mit heißem Wasser auf. Und im Ergebnis hatte ich einen wundervollen flexiblen Teig, den ich noch nicht allzu geübt aber schon deutlich eleganter vergleichsweise hauchdünn ausgerollt und gezogen bekam.

Der Teig bekam vor der Füllung innen und nach dem Rollen außen seinen butterigen Anstrich – und ließ seine Füllung durchscheinen:



Die Füllung ergänzte ich dieses Mal durch ein paar Kirschen und Weintrauben aus dem Rumtopf, ließ dafür die Rosinen weg. Nach ca. 40 Minuten Backzeit bei 170 Grad Ober-/Unterhitze hatte ich einen feinen Strudel, der mir schon deutlich besser gefiel als der erste. Wenn gleich ich immer noch dieses Blätterige vermissen, das ich vom Industrie-Strudel her kenne. Den nächsten werde ich dann mal mit doppelt griffigen Mehl angehen, wir nähern uns.

Für die lieben Östereicher, die mir allen Ernstes erzählen wollten, so ein Apfelstrudel gehöre ohne Vanillesauce oder Eis serviert – nur mit Puderzucker bestreut – habe ich selbstverständlich ein Foto geschossen ohne diese entzückenden Notwendigkeiten:




Allerdings muss ich doch den Kopf schütteln angesichts solcher Sparsamkeit am Dessert! Die einzige wahre deutsche Variante wurde aber schlussendlich so serviert und verspeist:

5 Kommentare:

Sabine hat gesagt…

Das nicht vorgesehene Nein zum Strudel ist sehr großartig! Danke dafür :-D
Grüße von der zwitscherbee

Anonym hat gesagt…

die herstllung von strudelteig eignet sich hervorragend zu aggressionsabbau und armmuskulatur-training! den teig, sobald er nicht mehzr klebt, 10 bis 15 Minuten lang auf die arbeitsfläche knallen. richtig schön hochheben und dann auf die fläche schleudern, mit ganzer kraft. und alles grantige rauspusten! dann wird der teig wunderbar zart und seidig und lässt sich hauchdünn ziehen. und den teil des teiges, der nicht mit der fülle belegt ist, vor dem einrollen mit zerlassener butter bestreichen. dann wird er schön blättrig. und in die fülle gehören in butter goldgelb geröstete brösel (und eventuell geriebene nüsse, wer mag)... dafür gebe ich keinen zucker in den teig (die prise salz buss). und meine strudelteig-Erfahrung: je nach klebergehalt des mehls ist etwas mehr oder weniger lauwarmes wasser notwendig. aber das spürt man beim kneten. wenn der teig zu bröselig wird, Hände anfeuchten und die feuchtigkeit einkneten. und wenn man die dicken abschnitte wieder zusammenknetet, gut durchschlägt, wieder rasten ässt, dann kann man ds auszieh-spiel von vorne spielen. weil strudel lässt sich auch mit Spinat (und Schafskäse oder lachs) oder mit kraut oder schinken oder Trauben oder topfen oder sonst allem möglichen füllen.

guten Appetit

caterina

Anonym hat gesagt…

Die echten Österreicher müssen klugscheißenderweise auch noch anmerken, dass das nicht Puderzucker heißt in Österreich sondern Staubzucker (zumindest in den Teilen Österreichs in denen ich mich bewege ;) ) Und ich hab jetzt voll Lust auf Apfelstrudel! (Hab mich da als echte Österreicherin auch noch nicht oft drüber getraut, mein Respekt also!) Alles Liebe aus Wien! Anna

Anikó hat gesagt…

Strudel! Kenn und vergöttere ich von der ungarischen Seite her! Aber muss gestehen, dass mir andere Füllungen besser schmecken: Mohn-Sauerkirsch oder Quark-Dill (jahaa! Dill!) oder Weißkohl. Sooo super! Ich sollte auch mal üben :-)

pipabloggt hat gesagt…

kleiner tip:
semmelbrösel mit butter rösten und unter auf den struidelteig streuen, und dann die apferln drauf :-)

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