2008-11-01

Der Beginn meiner Mörsersammlung

Neulich im fünfstöckigen Land der Kommerzwelt. Schleiche ich wie immer durch die Küchenabteilung. Küchenabteilungen mag ich … sehr. In Küchenabteilungen gibt es wundervolle Dinge, die ich nicht habe, die ich nicht brauche, die ich trotzdem gerne hätte also im Grunde dringend brauche. Küchenabteilungen sind wie Taschenabteilungen. Sie sind dazu gemacht worden, um direkt ins feminine Gen der typisch weiblichen Unlogik zu pieken. (Kurzes Stichwort für alle gerade suffisant grinsenden Männer: A U T O! Sehr schön, ich sehe, Ihr habt's begriffen. Dann könnt Ihr ja jetzt wieder auf kleinlaut switchen.)

Also neulich im fünfstöckigen Land der Kommerzwelt. Ich schleiche immer noch durch die Küchenabteilung. Was sehen meine großen staunenden Augen? Einen Mörser. Aus Granit. Mit Stößel. Von sehr sehr sehr teuer auf sehr sehr sehr günstig reduziert. Und … nämlich, das war überhaupt die Crux: ganz alleine stand er da. Inmitten der sehr sehr sehr teuren Mörser auch aus Granit aber nicht auf sehr sehr sehr günstig reduziert. Nun ist das ja so: einen Mörser brauche ich eigentlich nicht. Vor sehr langer Zeit erwarb ich einen gemeinsam mit meiner unschlagbaren Hausmacht (ein Teigroller aus Marmor), mit der man jeden totgeschlagen bekommt im Nullkommanix, vorausgesetzt man bekommt das Ding überhaupt soweit über den Kopf gehoben und vorher noch zum Einbrecher an die Tür getragen. Also ich habe einen netten marmorösen Mörser, seit langer langer Zeit schon. Lange bevor T. Mälzer-Fans erfahren haben, dass es so etwas überhaupt gibt und praktisch sein könnte.

Im Grunde ist mein Mörser schon älter als meine Küchenerfahrungen es sind. Mich würde nicht wundern, wenn wir ein Baujahr haben.

Aber zurück zum armen reduzierten einsamen Mörser im fünfstöckigen Land der Konsumwelt: Nun stand der also da.



Direkt vor mir. Schön. Groß. Granitiös. Bildschön. Und. Reduziert. Um die Hälfte. Was ihn in logischer Konsequenz günstiger machte. Deutlich günstiger. Und er stand alleine dort. Also er so reduziert, neben den anderen nicht reduzierten. Da habe ich mich gefragt, wie muss sich so ein Mörser fühlen, wenn er als einziger so «billig» angeboten wird? (Schätzungsweise wie Bushido inmitten der sechs Bodyguards von Sido.) Und ich kam nicht umhin zu vermuten, dass das kein schönes Gefühl sein konnte. Also habe ich ihn gegriffen … und bin erst mal unter seinem Gewicht in die Knie gegangen. Das habe ich ihm aber verziehen, weil ich zu dem Zeitpunkt schon ein bisschen sehr verliebt war. Ich drückte ihn an mich und ignorierte dabei, dass er meine schwarze Jacke etwas zustaubte. Die Aufregung, nein, die Freude über die ihn beschleichende Gewissheit von nun an nie wieder sich so vor den anderen nicht herabgesetzten Mörsern schämen zu müssen, ließen ihn wohl etwas Granitstaub absondern. Das war mir egal. Denn ich war ja bereits verliebt. Im Grunde hätte er in dem Moment mir auch aus der Hand und auf den Fuß fallen, mir den Mittelknochen zerschmettern können, wie Männer das auch immer tun dürfen, wenn man in sie verliebt ist. Natürlich sagte ich zu diesem Zeitpunkt noch zu mir, ganz Einkaufsprofi, falls mir einfallen würde, dass ich doch gar keinen Mörser brauche, könnte ich ihn ja auch an jemanden Liebes zu Weihnachten schenken. Verschicken fiel dabei flach, weil das Porto wahrscheinlich bei seinem Gewicht das Sechsfache seines Verkaufspreises gekostet hätte. Also ich war zu diesem Zeitpunkt wirklich felsenfest überzeugt, ich hätte mich schon felsenfest davon überzeugt, diesen Mörser zu retten und einem großartigen kochenden Menschen zu Weihnachten zu kaufen.

Wirklich. (Ein weiteres «wirklich» kneife ich mir an dieser Stelle. Glaubt mir sowieso kein Leser, der mich kennt.)

Der Dame an der Kasse deutete ich an, sie müsse das Stück Stein bitte gut verpacken, er würde auf dem Fahrrad nach Hause transportiert werden. Auch so etwas, was nicht jeder Mensch begreifen kann. Ich erntete viel Mitleid in ihren Blicken. Das war nett. (Sagen wir es mal so, das Ding ist so schwer, dass ich überlegt hatte ihn zu kaufen, dort zu lassen über Nacht und am nächsten Tag ohne Rad einzusammeln. Was aber auch nicht wirklich erstrebenswert schien.) Sie tat das. Also ihn gut einpacken. Auf unserem Heimweg, den wir teilweise das Rad schiebend und später schlingernd fahrend zurücklegten, überlegte ich tatkräftig, wem ich dieses wunderschöne herabgesetzte Stück Granit mit Mörserfunktion wohl schenken könnte. Zu Weihnachten. Zum Glück begegneten wir unterwegs vielen Menschen, Hunden, Ampeln, Autos, leere Flughafenlandebahnen und sonstigen Dingen, wie leere Flughafenbahnen, Autos, Ampeln, Hunde und vielen Menschen, die mich vom Denken problemlos aber sehr erfolreich abgehalten haben.

Als ich dann zu Hause ankam, war mir niemand eingefallen, dem ich diesen Mörser zu Weihnachten hätte schenken können. Was mir sehr leid tat, denn bestimmt fällt mir eine Minute nach Mitternacht am Heiligen Abend jemand ein, dem ich diesen wundervollen Mörser hätte schenken können und der mich dafür immer für den Rest seines Leben während einer seiner vielen Umzüge gehasst hätte. Daher packte ich den Mörser aus, schnitt die Banderole ab und hieß ihn herzlich zu Hause und in meinem Herzen willkommen. Ich wusch ihm liebevoll den Staubschweiß von der Oberfläche und stellte ihn an seinen neuen Platz auf das Fensterbrett. Ich zeigte ihm einige Kardamom-Kapseln und wir waren uns einig, wir würden uns lieben bis ans Ende unserer Tage.



Und sollte ich mal umziehen, sage ich einfach keinem in welchem Karton er eingepackt liegt. Im übrigen bin ich Trendsetterin: der Trend geht nämlich ab sofort zum Zeitmörser. Ich sage es jetzt nicht gerne: aber ich fürchte, niemand muss dieses Jahr erwarten von mir einen Mörser zu Weihnachten geschenkt zu bekommen.

Vorausgesetzt natürlich, die Wohnung – genauer die Küche – sackt nicht plötzlich ab.

7 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

laaaaaaaaaaaangweilig! *g* schon die alten roemer hatten moerser ...

Mortarius

Liisa hat gesagt…

Köstlich! Möge Euch beiden ein langes gemeinsames Leben beschieden sein! :)

Foxxi hat gesagt…

*LOL*
Beim Lesen dachte ich "ach schau', der gleiche Mörser", aber richtig lustig ist das mit dem Kardamom, denn ...!
Das hier war der Kaufgrund.
Ich finde ER ist ein prädestinierter Kardamommörser!

kaltmamsell hat gesagt…

Der Mensch BRAUCHT Mörser. Was soll er sonst tun, wenn er Nelkenpulver braucht, aber das Küchenregal nur ganz Gewürznelken hergibt? Wie soll er ein anständiges englisches Curry herstellen? Wie eine Aioli mantschen?
Mein Zweitmörser ist ein ganz kleiner, den mir die Apotheke ums Eck mal als Werbegeschenk überreichte; darin zerreibe ich unter anderem Safranfäden.

duftbaeumchen hat gesagt…

Die Bombe tickt.
Wenn ich das so lese, dann habe ich richtig Angst, heute nach Hause zu gehen. Dort steht nämlich auch so ein Teil herum.

Uralt. Unbeachtet. Unbenutzt.

Wenn der Marmortopf seines einsamen Lebens überdrüssig wird und selbigem ein Ende bereiten will, muss er sich nur vom Küchenschrank herabstürzen.
Ich sollte zukünftig einen Helm beim Kochen aufsetzen.

shadow hat gesagt…

Du hast mich zum schmunzeln und lachen gebracht.
Danke.

Anonym hat gesagt…

...und was iss jetztmit der "Sammlung" ??

Kommentar veröffentlichen

Fröhlich sein, freundlich bleiben und bitte immer gesund wieder kommen!