2019-05-25

Mit den Vorfahren schimpfen …

Ich bin gerade viel im Gespräch mit meinen Vorfahren post mortem. Da bringt zwar nicht viel im Resultat aber es ist doch schön, wenn man mal darüber gesprochen hat. Finde ich.

Ich war doch neulich beim Blut abnehmen und habe zu dem einen anderen Blutwert, der dabei gemacht wurde und auf eine gewisse genetische Disposition hinweisen sollte. Zwischen „kommen Sie 14 Tage vor dem nächsten Termin ins Labor” lagen gute zwei Monate Zeit in der ich für mich überlegen konnte, ob ich derartige Tests eigentlich für mich gemacht haben wollte.

Was würde mir das Ergebnis wobei eigentlich helfen? Wir erinnern uns ans Angelina Jolie, die dementsprechende Gen-Resultate hinsichtlich einer prozentualen hohen Wahrscheinlichkeit an einem Mammacarzinom oder Eierstock-Carzinom zu erkranken mit recht radikalen Operationen für sich beantwortete.

Das ist nämlich der Punkt; will man das? Wie sehr ist man nach einer solchen Erkenntnis getrieben von der Idee sich den Körper zerschneiden zu lassen und nie mehr die Person zu sein, die man vorher gewesen war? Gut, eine Brust-OP also Entnahme bzw. Aufpolsterung, das mag in den Gefilden wie Los Angeles heutzutage nicht mehr die ganz große Aufregung zu sein. Womöglich hatte Frau Jolie da im Vorfeld schon ihre Erfahrungen gemacht, das weiß man nicht. Aber von hier auf jetzt kastriert zu sein, was die Entnahme der Eierstöcke zwangsläufig bedeutet, das macht was mit einem als Frau – das ist ein massiver Bruch in den Hormonhaushalt. Ob nun mit und ohne Hormongabe; die im Grunde im Alter einer Jolie zwangsläufige Notwendigkeit ist. Das ist schwierig. Das ist keine „Guck, wie klasse ich jetzt aussehe mit meinen neuen Boops”-OP, das geht ans Eingemachte.

Oder will man nicht lieber sein Leben unbehelligt weiter leben und einfach hoffen, dass es am Ende nicht die medizinische Historie der Familie ist, die einem das Licht ausbläst? Früher oder später? Zumal man üblicherweise familiärbedingt von rechts und von links von milden Gaben bedacht wird, das bleibt ja nicht aus. Eltern sind doch keine Zwitterwesen.

Hinsichtlich des Sterbens in meiner Familie habe ich eine denkbar üble Historie. Väterlicherseits starben mein Großvater als ich zehn Jahre alt war, mein Vater als ich neunzehn Jahre alt war an den Folgen ihrer Krebsdiagnose. Der Tod meiner Oma (war ich zwölf) und meines Opas mütterlicherseits fällt genetisch nicht ins Gewicht, da keine Blutverwandschaft besteht. Lediglich vom Darmkrebs der echten Mutter meiner Mum erfuhren wir noch – über ihren leiblichen Vater hatte es nie Informationen gegeben. Meine Mutter hatte auch irgendwann ein höchst kritischen Pap-Abstrich mit darauf folgender Uterus-Entnahme. Also konzentrierte ich mich in meinem Leben darauf, mich so durch den Alltag zu bewegen, dass ich meiner familiären Disposition ein mögliches Schnippchen schlage. Nicht rauchen, selber kochen, möglichst gesund essen, Alkohol in Maßen und im erträglichen Maß Sport. Die Sorge einer Krebsdiagnose begleitet mein Leben relativ lang. Das bleibt wohl nicht aus, wenn Du zu früh Menschen so sterben siehst.

Die Oma väterlicherseits hatte zum Ende hin drei Herzinfarkte – allerdings auch in einem Lebensalter als man sein Leben im Schnitt als gelebt betrachtet hatte und man eher kaum an Butter-Verzicht und Sport über 60 – schon gar nicht als echte Kriegszeugen – nach so einer Diagnose nachdenken wollte. Meinen Onkel, den Bruder meines Vaters, hatte eine Herzkrankheit in seiner Lebensmitte beinahe einmal die Kerze viel zu früh ausgeblasen. Eine vorbei kommende Ärztin, die Bock hatte auf lebensrettende Maßnahmen ohne dummes Vorurteil „Oh, der ist in der Kneipe vom Stuhl gefallen – also ist er wohl nur betrunken.”, rettete ihm sein Leben und seither hilft implantierte Technologie seine Herzrhythmusstörungen nötigenfalls auf Trab zu halten.

Lustigerweise hatte ich – auch aufgrund meines Lebenswandels – nie auf dem Plan, dass ich eine besondere Neigung haben könnte, zumindest aufgrund meiner Lebensgestaltung, eine höhere Chance haben zu können auch einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu bekommen.

Der genetische Test hat nun aber etwas anderes geurteilt. Diese Chance ist hochgradig da – und im Grunde kann man auch gar nichts dagegen tun, außer sich angemessen klug zu verhalten. Bei mir ist's im Moment auch etwas wahrscheinlicher, weil andere Werte gerade etwas aus meiner sonstigen Art schlagen. Woran ich aber selber gar nicht so viel mehr ändern kann, weil ich ja eh aus unterschiedlichen Gründen nicht so sehr zur Völlerei neige. Lange Rede: über 50 zu werden als Frau, die in dem Alter übliche Hormonumstellung, lässt gelegentlich vermuten, der eigene Körper entwickelt sich zu einer Mistmade. Ansonsten ist aber generell über 50 zu werden (und vielleicht noch älter) eine verdammt feine Sache für das eigene Leben! So an sich, im Prinzip und im Allgemeinen.

Ich hatte das nicht auf dem Plan. Also als ich sagte, „Okay, ich mache diese Blutuntersuchung mit!” Etwas was man ausdrücklich in der Praxis gegenzeichnen muss – war mir nicht ganz klar, was ein positiver Befund tatsächlich mit mir, meinem Blick auf diese gesundheitlichen Dinge bisher, der Auseinandersetzung mit meiner Gesundheit anstellen würde. Und ich kann nur sagen: es ist durchaus interessant. Aber eigentlich hätte ich es lieber nicht gewusst.

Somit komme ich zum Dialog mit meinen Vorfahren. Ich war ein wenig angesäuert und denke viel darüber nach, was sie mir vererbt haben und was nicht – tatsächlich habe ich das Gefühl – ich schlage eindeutig mehr nach Vaters Linie, sie haben mir mehr von dem Mist vererbt als von den Juwelen.

Lange Rede: dieser heutige mögliche genetische Laborfirlefanz mag durchaus hier und dort sinnvolle Diagnostik ermöglichen – aber überlegt Euch bitte sehr genau vorher, was das wohl mit Euch macht, wenn Euch die Antwort nicht ganz so sehr gefällt. Nochmal zum Beispiel, Angelina Jolie: Klar, kann man sich bei einer genetisch Disposition zum Karzinom die Brüste abnehmen und die Eierstöcke entfernen lassen. Aber würde jemand „ja!” sagen zur prophylaktischen Magen-/Darmresektion – aufgrund einer genetischen Disposition zum Magen- oder Darmkrebs? Dieses Wissen macht etwas mit einem, darüber sollte man sich im Klaren sein. Regelmäßig zur Vorsorge gehen, kann man schließlich auch ohne Gentest.

Man kann ja eh nichts machen. Wir werden alle sterben, die einen früher, die anderen später, die einen so, die anderen so.

Nur: das Bewusstsein zu diesem Wissen ändert sich bei mir gerade. Mit 20, 30, 40 wusste ich zwar auch, dass ich sterben würde – aber irgendwann einmal und irgendwie … vielleicht doch nicht? Diese Naivität macht zunehmend Platz einem fachlichen KnowHow hinsichtlich der Tatsache, dass es wirklich gar keinen Notausgang geben wird. Es wird passieren. Auch mir. Das verändert sehr viel in mir.

Es ist wie ein fauler Apfel, der muss nun gegessen werden – in ganzen Stücken. Der größte Teil von ihm schmeckt herrlich reif und aromatisch aber am Ende ist das diese braune Stelle und nee, die schmeckt einfach nicht. Da ist der Wurm drinnen! Das Dumme ist nur, ich weiß jetzt, dass die braune Stelle an zwei Stellen im Apfel auftreten könnte.

Das macht zwar klüger – auch nicht entspannter.

2019-05-24

Lieber Shiinas Diätassistent!

Shiina (hier aufgenommen von ihrer alltertollsten Urlaubsbetreuung @maske_katja) und ich sagen mit herzlicher Freude DANKESCHÖN für den Taillen-Support! Und schicken von Herzen viel Sonne!

2019-05-21

Schneckiges …



Mein Verhältnis zur Schnecken ist ambivalent. Ich finde die ganz spannend, ekele mich nicht vor ihnen und kann sie sogar essen. Neulich in der Sendung rbb Gartenzeit gab es kurzen informativen Film zur Weinbergschnecke, die ein natürlicher Feind der Nackschnecke sind – also schneckige Kannibalen quasi – und sich sehr lange lieben, wenn sie sich lieben. Und das zudem am hellichten Tag im Freien tun dürfen. Da möchte man fast zur Schnecke umschulen, nicht wahr?

In der gleichen Sendung wird der kleine Garten von Carolin Ewert vorgestellt mit ihrem schönen Gartenblog hauptstadtgarten.de. Die hat passend zur Urlaubsjahreszeit einen guten DIY-Tipp, um Pflanzen ausreichend zu bewässern – sehr einfach mit unlasierten Tontöpfen.

Im Foto oben übrigens mangels Schnecken-Foto ein Wurz-Foto, also Wurz von Nelkenwurz. Ich bin dieses Jahr sehr glücklich über diesen Namen und die drei Nelkenwurze, Nelkenwürze, Nelkenwurzisse … die ich unten im kleinen Vorgarten bzw. oben auf dem Balkon habe.

2019-05-20

Komischer Tag …

Früh Termin bei der Schmerztherapeutin, die letzten Befunde aus der rheumatologischen Praxis vorgelegt und die Heilmittelverordnungen vom letzten Mal neu ausgestellt bekommen, weil bereits abgelaufen. Aber als ich in der Physiotherapiepraxis stand und die für die diversen Behandlungen über 90 Euro an Beteiligungen haben wollten, bin ich leicht zurück geschreckt und habe die Befreiung vorher beantragt. Das zieht sich nun dank der Kasse …

Gehofft, ich könnte dort noch einmal Blutwerte bestimmen lassen für die Sondersprechstunde in der Charité Anfang Juni, wollte die Ärztin aber nicht machen, weil das Budget schädigend. Nüchtern morgens nach Zehlendorf fahren ist auch nicht so meins. Und die Hausärztin muss ich da auch nicht fragen, weiß ich. Die Rheumatologin war letztes Mal leicht angezickt, weil ich mir erlaubt hatte zur Schmerztherapeutin zu gehen.

Es ist nicht so, als wären diese ganzen Arztgänge nicht eh schon extrem nervig bis anstrengend. Aber was ich dieses Jahr so an ärztlichem Ego-Gedöns erlebe: ey, Leute! Könnt Ihr bitte erwachsen werden und Euch auf Eure Aufgabe und Verantwortung besinnen?

Wie auch immer. Ich war kurz einkaufen, habe etwas gefrühstückt. Schüttelfrost bekommen. Mich ins Bett gelegt. Stundenlang tief geschlafen. Von Schmerzen geweckt. Und jetzt geht's wieder.

Hühnersuppe und Gewitter.

2019-05-19

Eurovision Song Contest 2019

Den Eurovision Song Contest zu gucken, das hat seit Twitter neue Qualität. Seit ein paar Regeländerungen auch neuen Wind in den Wettbewerb gebracht hatten, macht er sogar Spaß. Die Songs sind beliebiger geworden, Titts ’n Ass sind eingezogen, die männlichen Kollegen dazu beliebig austauschbar dank ihrer Dreitagesbärte. Aber: wer nicht wirklich Stimme hat, braucht dort nicht mehr anzutreten. Singen können im Vergleich zu früher dort wirklich alle, dünne Stimmen haben keine Chance. Musste Madonna dieses Jahr dann wohl auch lernen.

Nachdem gestern alle Songs gesungen waren, die multimediale Begleitung langsam wieder von ihrem LSD-Tripp runter kam, die Moderatorinnen brav ihre Klamotten gewechselt hatten, alle Fahnen übertrieben fröhlich in die Kamera geschwenkt wurden, die kleinen Frustis aus Island ihren minimalen Skandal produziert hatten, blieb ich wirklich ratlos zurück. Ich hätte nicht sagen können, wer das Rennen macht. So sehr beliebig gleich gut, gleich langweilig viele Songs waren, so breit aufgestellt waren auch die Acts, die es durchaus verdient hätten als Sieger gekürt zu werden.

Die neuen Punktevergaberegeln von „professioneller” Jury zu den Anrufern aus dem breiten Volk, war vergleichsweise spannend. Was für mich nicht gleichbedeutend ist, finde ich gut. Aber interessant zu sehen, wie sehr unterschiedlich die Meinungen dann doch sind – und wie sehr diese Stimmen der Masse eine vermeintlich sichere Nummer am Ende dann doch noch einmal umkehren können. Die professionelle Jurys auf alle Fälle sollten langsam mal in sich gehen, Spielchen wie sie Zypern und Griechenland immer wieder spielen (und einige Ostblockländer übrigens auch), nämlich sich untereinander die 12 Punkte zuzuschustern, denen möchte man nur noch zurufen: „Ey, get an european life!” Selten war deutlicher, wem es offenbar an offener europäischer Entwicklung mangelt.

Ich hatte meine Favoriten. Mahmood mit Soldi war für mich lange gesetzt – einfach weil ich den Song aufgrund der Italienreisen schon deutlich früher (und öfter) gehört hatte – ich finde ihn sehr gut arrangiert, perfekt gesungen – und inhaltlich wichtig. (Sohn rechnet mit seinem Vater ab, der die Familie früh verlassen hatte und der nie wirklich Interesse an seinem Sohn gezeigt hatte, allenfalls an der Knete die er verdient.)

Kobi Marimi, der für Israel „Home” sang, fand ich sehr gut in der Einblendung im Vorentscheid. Ein echter ESC-Song, wie er aber seltener nachgefragt wird heute. Gute Stimme, gute Show. Und diese Wimpern! Ich denke, er hat’s leider geschmissen mit seiner „Ich muss immer, nachdem ich den Song gesungen habe, weinen, weil das Lied so schön ist.” Die Emotion nimmt man dann doch niemandem mehr ab, wenn er das Lied zum 30. Mal gesungen hatte – und leider war er dann im Finale ein viel zu schlechter Schauspieler. Schade. Mir scheint, das hat man ihm sehr übel genommen. Trotzdem: hübscher Mann, schöne Wimpern, perfekte Zähne, tolle Stimme, schnulziges Lied. Eigentlich eine sichere Nummer. Aber … seine Zielgruppe guckt heute nicht mehr den ESC und ruft auch nicht mehr an. Erwähnte ich schon die Wimpern?

Norwegen und Schweden und Aserbeidschan waren für mich alle drei gleich auf. Gute Tanznummern. Songs, die man nur einmal gehört haben musste, um sie wieder zu erkennen. Den Schweden fand ich einen Tick besser. Sehr ESCesque.

Island. Electronic Body Music ist mir seit jeher die nähere Musik als Pop und Schlager. Insofern fand ich die lustig und war von der Musik nicht überrascht, wie vermutlich einige andere. Aber für die „Wir sind eine total böse Band”-Nummer bin ich dann doch zu alt, die Performance war echt lau. Aber ich habe natürlich den Berliner/Metropol/Sage Club/Berghain-Vorteil und kann das halt nur noch niedlich finden. Befremdlich finde ich immer noch, wenn mir Leute allzu direkt auf die Nase binden, wohin ihre sexuelle Präferenzen gehen. Ich möchte vorher erst mal fragen dürfen. Sehr oft finde ich nämlich Leute gar nicht so interessant als das ich mir überhaupt Gedanken darüber machen möchte, wie, warum und mit wem sie ficken. Und gruselige Kontaktlinsen-Effekte? Sind so etwas von schon seit Jahren durch. Bitte! Danke! Tsja, da war die Zeit gesamteuropäisch nicht reif für diese Lordi-Nachfolgenummer.

Ich hätte sehr viele Nummern zum Sieger gekürt. Aber ganz sicher nicht den Niederländer. Freut mich trotzdem für ihn und sein Land, wird nächstes Jahr sicher wieder sehr schön werden. Leider wird das musikalische Europa ihn in vier Wochen schon wieder vergessen haben.

Die ganze Show selbst, mit den Tanzeinspielern, den lustigen Rückschnitten aus den vergangenen ESC-Jahren, die Partystimmung – ich finde, Israel hatte das sehr gut und liebevoll gemacht, hier und da richtig schöne emotionale Bonbons verteilt, eine absolut runde Nummer – auch mit den Pausenacts. Bis auf: Madonna. Und: Die multimediale Begleitung sollte die Künstler begleiten, sie nicht nicht übertönen noch übertrumpfen. Weniger ist dann doch mehr. Wir sind doch immer noch beim ESC und nicht bei der Transmediale oder?!

Seit der Ankündigung, dass Madonna beim ESC auftreten würde, um ihre neue Platte zu promoten, fand ich es blöd. Ich finde es völlig in Ordnung, wenn der/die/das Vorjahresieger*in*nnen dort in der Pause ihre neue Platte promoten, schlussendlich haben sie den ESC das Jahr zuvor in ihr Land geholt. Aber einen Superstar, der generell schon alles überstrahlt mit dem Erfolg, der ihr bekannten Diva-Attitüde auf die Bühne holen – ganz falsches Podium. Das ist allen anderen Teilnehmern gegenüber so sehr ungerecht! Und ich – entschuldigt bitte, wenn ich das so deutlich sage – kotze im Strahl, wenn sich eine Person mit einer Augenklappe schmückt, die zwei völlig funktionstüchtige Augäpfel ihr eigen nennt (und dann noch ein Sichtloch in der Augenklappe hat, weil ihr der Mut mit der Auseinandersetzung fehlt, sich zeitweilig wirklich mit der Sehbehinderung eines Einäugigen auseinander zu setzen.) Was für ein verdammter Mist. Was hat die Alte eigentlich da geritten?

Ich wusste schon immer, dass Madonna ein dünnes Stimmchen hat – was sie in meinen Augen aber immer gut über ihr Tanztalent und sonstiges künstlerisches Gedöns um ihre Person gut zu kompensieren wusste. Nun hat sie nicht mal mehr nur ein dünnes Stimmchen, sie kann auch nicht mehr den Ton halten. Das hat sie wohl mit mir gemeinsam. Nur: ich gehe nicht auf die Bühne vor ein Millionenpublikum und singe dort live, weil ich das weiß. Madonna weiß das nicht – und hat sich somit gestern selbst prima demontiert. Leider werden deswegen jetzt einige Leute vermutlich verklagt werden oder sonst welche Jobs verlieren. Wenn der zweite Song von ihr interpretiert, von ihrem neuen Album, einer der besseren Songs gewesen sein soll: okay, Madonnas Zeit ist vorbei. Wissen wir nun. Ich mag mir auch keine glatt gespritzten künstlichen Gesichter älter werdender Menschen angucken. Bei allem Respekt vor ihr, ihrem künstlerischen Schaffen über all die Jahre und die Arbeit, die sie ganz sicher hinein gesteckt hatte – alleine im Tanzstudio. Ein Altern in Würde würde ihr so viel besser zu Gesicht stehen.

Jeder Act hatte besser gesungen als Madonna. Alle live. Viel besser. Selbst Verda Serduchka (man erinnert sich: die silber glitzernde Diskokugel, Zweitplatzierte von 2007 mit ihrem „Dancing Lasha Tumbei”), die sich in der Pause mit einigen Gewinnern der Vorjahre und deren Songs eine großartige Battle lieferte, zeigte dabei, dass sie tatsächlich singen kann. Und: um Längen besser singen kann als Madonna. Viel besser. Die Battle mündete in einem grandiosen „Hallelula”-Finale unter anderem mit Conchita, das wohl gar kein Herz unberührt ließ. Wow!

Auch sehr wow: der französische Sänger Bilal Hassani und die Perfomance mit der wundervollen Ballett-Tänzerin. Was für ein Zeichen! Wie sehr traurig, dass dieser Sänger im Jahr 2019 in seinem eigenen Land nieder gemacht wird, weil er offen mit seiner Homosexualität umgeht. Mensch, hört auf so armselig zu sein. Dass ist nicht das Europa, so wie es mit seiner Entwicklung in die neue Moderne steht.

Nun zu uns: Ich hatte schon sehr fassungslos den Vorentscheid zur Kenntnis genommen. Ich fand da gar keinen Song oder Interpreten so richtig doll, also wählbar. Dass dann aber auch noch der schlechteste Song gewählt wurde, da hätte man fast schon wieder den üblich paranoiden technischen russischen Eingriff zur Verantwortung ziehen wollen. Aber bleiben wir bei der Eigenverantwortung: Wenn Deutschland meint, so ein schlechtes Lied von so belangloser Interpretation ins Rennen zu schicken, dann bekommt man halt keinen Punkt – von einem durchaus musikverständigen Publikum. Zwei junge austauschbare Frauen, die sich eng bekleidet auf der Bühne einen Großteil des Songs gegenseitig in die Visagen brüllen?

Eines muss man diesen Schwestern lassen: sie haben im Finale um Längen besser gesungen als die vielen Male zuvor, die ich sie hören musste und sie immer erschreckend dünn klangen. Aber … für meine Begriffe waren die 26 Punkte der professionellen Jury so sehr liebevolle Zuwendungen, die wir gar nicht verdient hatten mit unserem Beitrag. Ich hätte auf höchstens drei Punkte getippt. Freundschaftspunkte von Österreich, die dieses Mal aber tatsächlich uns so bewerteten, wie verdient war: mit keinem Punkt. So wie der Rest Europas.

Und das ist kein Politikum. Das hat nichts damit zu tun, dass Europa Deutschland vermeintlich nicht leiden könnte. Denn dann hätten wir im letzten Jahr nicht so weit vorne landen können. Das hat damit zu tun, dass wir die Entwicklung des ESC – lustigerweise von Menschen wie Stefan Raab aus Deutschland heraus mit initiiert – komplett verschlafen haben. Und die Konkurrenz aller anderen Ländern mittlerweile sehr groß ist. Und es eben so gar nicht verschlafen hat.

Und dann diesem Castact eine Typo „S!sters” zu geben, die in keinem Hashtag funktioniert. Nee ne? Ich meine: NEE NE???!!!

Zweitklassig oder drittklassige Songs und Interpretationen können dort nicht mal mehr einen Trostpreis gewinnen. Eat it! Die Hausaufgabe macht man typischerweise vor dem Vorentscheid in der Auswahl. Die war dieses Jahr komplett übel. Die Verantwortlichen sollte man hinterfragen. Das gestrige Ergebnis ist gerecht und richtig.

Und: Madonna kann nicht singen. Und für ihre selten dämliche Augenklappen-Attitüde, hoffe ich, zeigen ihre Fans ihr ordentlich den Stinkefinger! Ich hätte es schöner gefunden mir wäre ihre Blamage erspart geblieben. Das war es nicht wert. „Halleluja” war groß genug für eine Finale-Pause.

Danke Isral und Tel Aviv. Es war ein großes Vergnügen. Auch mit Euch, liebe Twitter-Timeline! <3

2019-05-15

Großes Arbeitgebergejammere

So niedlich, wie sich die Arbeitgeber nun über das Urteil vom Europäischen Gerichtshof zur Arbeitserfassung erzürnen.

Diese Erfassungsmethoden existieren bereits – auch mobil für HomeOffice-Arbeiter. Sie ist in fast jedem Callcenter, auch hierzulande, im Einsatz. Denn wenn der Arbeitgeber seine Arbeitnehmer kontrollieren und knechten will, dann verlangt er sehr wohl von diesem auf dem Telefon die Tasten für Pause oder Toilettengang, Arbeitsgespräch oder Bildschirmpause bzw. sonstige Rechnerabwesenheit zu drücken. Da findet er das dann gut. Und wehe, jemand braucht über diese Instrumentarien ermittelt für seine Toilettengänge länger als der zugerechnete Durchschnitt, dann gibt es gleich das Gespräch mit dem Teamleiter.

Aber wenn die gleichen Instrumente eingesetzt werden sollen, um des Arbeitgebers Arbeitsbedingungen bzw. an die Arbeitszeit angemessene Gehaltszahlungen zu kontrollieren, dann weinen sie wieder.

Klar.

2019-05-04

Touristischestourette

Hatte mir heute eine touristische Herrengruppe am Rogacki-Hochtisch eingeladen. Aufgehalst. Naja, also ich habe „ja” gesagt, als sie fragten, ob der Rest vom Tisch noch frei wäre. Da wusste ich aber auch noch nicht, dass die viel mehr als nur drei waren.

Dann zog der erste von ihnen ab – und organisierte, wie sich später herausstellte, die erste Flasche Champagner, ein zweiter brachte das Tablett mit Gläsern.

Ich wurde gefragt, ob ich mich denn dort auskennen würde (wer Rogacki nicht kennt: es ist der übersichtlichste Indoorspielplatz für Essensgläubige, den es in Berlin wohl geben mag) und erklärte auf die Frage, wo sie die Austern bekommen würden, wo sie die Austern bekämen.

Der nächste Herr fragte mich dann, ob man dort auch Weißwürste bekäme. Das war mir dann doch zu bunt und ich erklärte ihm, die würde hier bei uns in Berlin Blut- und Leberwurst heißen. Und verwies ihn an meine heiß geliebte Kantinenschlange von Rogacki. Ich meine, ich liebe es wirklich dort mir ein halbes Fischfilet und Heringssalat zu leisten. Der Herr indes guckte als wäre ihm das zu profan. Der nächste fragte mich, ob denn Blut- und Leberwurst auch aus Kalbfleisch wären.

Okay, meinen Humor nicht verstehen können, geschenkt.

Aber zu Rogacki zu gehen, um da nicht in der Kantinenschlage anzustehen und deren wundervolles Fischfilet und den weltbesten Heringssalat zu essen, sondern einen auf Charlottenburger Russen zu machen mit Stößchen und Austerngedöns?

Dafür geht an doch die Galleries Lafayette oder? Echt, diese Touristen sind auch nicht mehr das, was sie mal waren!

Luschen!