2009-03-19

Analog

Die Bank ohne Lehne steht in der neuen Neuköllner Einkaufshölle, der man nicht wie in allen anderen neuen Einkaufscentern dieser Stadt diese hübschen Massagesessel spendiert hat. Er sitzt da. Auf der Bank. Hinter seinem Rücken der Discounter dessen Name verblüffende Ähnlichkeit mit dem positiven Vorzeichen hat. Rechts von ihm hält «Deutschlands beliebtester Drogeriefachhandel» seine Pforten geöffnet. Direkt gegenüber werden Pornoschaufeln den Damen an die Hand geklebt. Seine Haare sind in der Mitte gescheitelt und wachsen in diesem undefinierbaren Mix von dunkel zu grau, nichts Halbes und nichts Ganzes. Er isst. Kartoffelsalat. Mit den Händen. Dabei stiert er in die Runde. Und stiert. Isst. Stiert.

Dann und wann in einem ungefähren Abstand von 120 Sekunden tönt seine tiefe, schnarrende und sonore Stimme durch die gesamte Halle mit einer Kraft, die zwei Stockwerke lässig beschallt mit dem immer gleichen Wortlaut:

«Du hast den Farbfilm vergessen!»

2009-03-17

Same Genöhle as every year …

Die Notwendigkeit besteht darin eine Übergangsjacke zu kaufen. Mir schwebte ein Trenchcoat vor. Allerdings einer der zurück genommenen Sorte. Glatt, klar geschnitten und ohne Gürtel – wie ein Blazer – ohne viel Firlefanz. Gürtel sind eh so Accessoires … Leider sind weltweit alle Designer der Meinung gewesen, gerade geschnittene Trenchcoats ohne Gürtel seien dieses Jahr nicht das, was ihnen für mich so vorschwebte. Sie sähen mich gerne in Trenchcoatjacken mit überfiesengroßen Knöpfen, gerne um die Abartigkeit neu zu dimensionieren mit stoffüberzogenen Knöpfen. Auch stellen sie sich vor, kleine in Falten genähte Abnäher oberhalb der Arme, die dezent hässliche Puffärmel andeuten, seien genau das, was die Trenchcoatträgerin von heute möchte. Oder auch der Hängerchen-Style wäre etwas für die Frau über 40 ohne Schwangerschaftsbauch. Es gibt sie übrigens, die Trenchcoats, so wie ich einen gerne hätte. Leider erst ab Größe 42 in der Herrenabteilung.

Daneben musste ich gestern lernen, dass mich der Kleiderhandel dieses Jahr tatsächlich gerne in übergroßen blumigen Designs, mit viel Puffärmel, vor allem aber Rüschen, Rüschen, Rüschen sehen möchte. Der Handel glaubt auch, Flieder sei die Farbe des Frühlings und diese sei für mich wie gemacht. Ich indes fürchte, da ist mein persönlicher Farbberater in mir völlig anderer Meinung und daher muss ich dem Handel sagen, ich lasse da wohl notgedrungen eine Runde aus. Was nicht geht, geht gar nicht!

Hattet Ihr (heute sind orthopädische Schuhe ja zum Glück doch ein klein wenig hübscher geworden) früher in Eurer Schule auch einen Jungen oder Mädchen, die sich aufgrund eines verkürzten Beines mit Fehlstellung mit diesem – im Straßenjargon «Klumpschuh» genannt – speziellem Schuhwerk, meist in Ka…braun gehalten, durch die Jugend quälen mussten? Gestern beim schwedischen Kleiderwoolworth gelernt: diese Schuhmode ist 2009 «le dernier crie!»



Nun, wenn‘s schön macht …

2009-03-16

Der Sender Vox

hält es offensichtlich für super witzig in seinem neuen Sendeformat «Top Cut» die Szene, wenn der Friseur (dort Hairstylist) Steve, ein Schwarzer, in einem dieser Wettkämpfe (dort Challenge genannt, weil es in der deutschen Sprache das Wort Wettkampf nicht gibt) «blind» – also mit verbundenen Augen – einem Modell die Haare schneiden muss mit einem Song von Stevie Wonder zu untermalen.

Die dachten dabei sicher, das sei der Brüller überhaupt. Andere denken sich sicher, das war taktlos gleichberechtigt Blinden und Schwarzen gegenüber. Man muss weder schwarz, noch blind, noch sehbehindert, noch ein schwarzer blinder Musiker sein, um das ziemlich scheiße zu finden. Ich suche den Witz dahinter jedenfalls heute noch.

2009-03-15

Weichspüler und Erfolghandicaps

Der eine Teil meines Arbeitsalltags besteht nun aus Sitzungen. Dazu geht man in einen Raum in dem meist ein großer runder Tisch steht oder mehrere Tisch längs in Reihe aufgereiht von einer oberen Reihe Tische, diese dann von quer stehenden Tischen unterbrochen, um in einer anderen Reihe wieder zurückgeführt zu werden, an deren Ende wieder ein paar quertanzende Tische so etwas wie eine U-Form simulieren. An diese Tische setzt man sich, zumeist gemeinsam in den jeweiligen Gruppen in denen man an diesen Sitzungen teilnimmt.

Wer zuerst im Sitzungsraum ist, hat es gut: er sucht sich die besten Plätze aus. Die sind meist dort, wo die besten Keksteller stehen, man eine bessere Sicht nach draußen (wichtig bei sehr langweiligen Sitzungen) hat – oder man am angenehmsten an Strom für die tragbaren Zweithirne gelangt. Für den Fall, dass der Akku des Zweithirns nach seiner besonderen Sorte Traubenzucker, Wechselstrom, verlangt. Wer zuerst im Sitzungsraum ist, hat es noch mal aus einem anderen Grund gut. Es gehört nämlich zum guten Ton, dass sich alle Sitzungsteilnehmender – egal wie sehr sie die andere Einstellung der Anderen zum Thema zum Kotzen (na, seien wir doch mal ehrlich!) finden – einmal frisch, fröhlich und frei per Handschlag begrüßen. Was das Mindeste ist, was man tun sollte. (Übrigens vergessen sehr viele dieser höchstdegradierten, studierten, ambitionierten Menschen, dass man, wenn man «Guten Tag!» sagt, sich auch in der ähnlichen Weise «Auf Wiedersehen!» zu sagen hat.) Gut hat es, wer zuerst in dem Raum ist und seinen Sitzplatz bereits eingenommen hat, denn dann müssen die später eintreffenden Gesprächsteilnehmer sich aufmachen und einmal die Runde herum in dem Raum machen, um die bereits Anwesenden persönlich zu begrüßen. In unserem Fall soll das schon Part zum Einstieg in die Gesprächsführung sein, denn die, die begrüßt werden, gelten als die Souveränen. Nun, ich schätze solch einen Habitus nicht, halte es auch für einen klugen Erwachsenen für nicht mehr würdig. Aber solche Spiele werden dort gespielt und ich spiele sie notgedrungen mit – man könnte die Crew dort eh nicht umerziehen (und es ist auch nicht meine Aufgabe.) Zumal natürlich nie einer von ihnen zugeben würde, dass dort mit solchen Kindergartenspielchen politisiert wird. Nur eines sieht man daran deutlich: es geht immer ums Ego!

Bei ca. 20 Teilnehmern in den Sitzungen – und wir reden hier wirklich von studierten, gestandenen Menschen jenseits des 40. Lebensjahres – könnt Ihr davon ausgehen, dass mir 70% dieser Leute einen oft noch feuchten Waschlappen in die Hand legen anstelle eines kräftigen Händedruckes und 50% der Leute sich fürchterlich vor dem Blick in die Seele meinereine fürchten müssen, denn sie können mir nicht in die Augen sehen dabei. Was zuweilen sehr grotesk wirkt.

Und ich soll diese Herrschaften dann den Rest des Tages ernst nehmen in ihrem Kampf um die Sache. Dabei bin ich nur regelmäßig erstaunt, wie sehr sich wirklich kluge kompetente Menschen innerhalb ihres Berufslebens durch so sehr kleine, in der Wirkung aber recht fatale Fehler selbst degradieren.

Man muss nicht immer einen guten Tag haben, man kann auch mal mit Angst und Sorge in eine Sitzung oder in ein Gespräch gehen, man muss auch nicht über ein großes Selbstbewusstsein verfügen. Mein Tipp: dann aber wenigstens für einen kurzen Moment Theater spielen und so tun. Einmal knackig die Hand drücken und kurz den Augenkontakt suchen. Die allerwenigsten Menschen können mit ihren Augen töten.

Wer sich selbst nicht sicher ist, wie er nach außen wirkt im Moment der Begrüßung, einfach mal Freunde fragen und den Vorgang einer kurzen selbstbestimmten und selbstbewussten Begrüßung an ihnen üben. Wenig Aufwand, bringt aber wirklich viele Punkte. Ach ja und noch eines: wenn man sich in einer solchen Situation – also der Begrüßung mehrerer Personen kurz hintereinander – begrüßt: Konzentration auf die eine Person, vor der man gerade steht und der man gerade die Hand reicht. Jemandem die Hand zu reichen und sich währenddessen noch mit der vorgangenenen Person zu unterhalten oder schon mit der nächsten - dann kann man's gleich lassen. Die Begrüßung ist dann nämlich ausschließlich für'n Ar…!

2009-03-14

Die allergrandioseste

Minimenschen-Ankündigung diese Woche vom stilhäschen, bald stillhäschen. (Unbedingt auf den Soundtrack-Link klicken.)

Bloggerverständigung

Markus von Text und Blog weilt in Russland und trifft haufenweise russische Blogger. Kleine Überraschung: er bloggt darüber! Und hier bloggen alle anderen teilnehmenden Blogger in russisch und deutsch.

2009-03-13

Ich blende das aus.

Weil ich es unfassbar finde und meine Zeit brauche, bis ich so einen Vorfall in seiner Schrecklichkeit an mich heran lassen kann. Weil ich überhaupt nicht sehen möchte, wie die Kamera auf junge Menschen hält, nachdem sie wahrscheinlich das Schlimmste erlebt haben, was ihnen in ihrem jungen, meist noch unbedarft verlaufenem Leben passiert ist und sie unter Schock stehend nicht einmal sagen können: «Filmt mich nicht!». Weil einer von ihnen offensichtlich sein junges Leben nicht unbedarft leben durfte und fürchterlich einsam gewesen sein muss, denn kein Mensch, der unglücklich ist und sich verstanden fühlt, nimmt eine Waffe und drückt wahlos ab. Weil aus reiner Mediengeilheit vorverurteilt wird. Weil dieser junge Mensch vielleicht kaum Computerspiele gespielt hatte, möglicherweise nur zuviel deutsches Fernsehen geguckt haben mag? Weil die Online-Präsenz einer großen deutschen Tageszeitung meint, uns Trauer vorzugaukeln indem sie den Background auf schwarz setzt. Es aber nicht mal schafft soviel Rückgrat zu haben für zwei Tage ihren Kunden zu sagen, «wir schalten aus gegebenem Anlass keine Werbung!» und dann Geld scheffelt aus einer Tragödie ohne Ende.

Weil ein junger Mensch aus unserer Gesellschaft für sich und andere so einen Weg wählen musste.

Treffer, versenkt: