2026-02-02

Stumpft die eigene Empathie ab?

Die Kulturzeitsendung auf 3sat vom vergangenen Freitag, wieder einmal für mich mit dem passenden Thema zur richtigen Zeit. Hauptthema der Sendung war die Vorstellung und Besprechung des Filmes „Quit vi encore” von Genevois Nicholas Wadimoff, in dem er neun geflüchtete Menschen aus Gaza zu Wort kommen lässt. Über ihr Leben vor den grauenvollen Angriffen Israels, ihre Flucht, das jetzige Leben, ihre Emotionen, ihr Trauma.

Danach das Gespräch mit der Medienwissenschaftlerin Marion G. Müller, die im Kontext mit Kriegsfotografien die Wirkung auf unser Empathieverhalten erforscht. Die herausstechende Frage: Stumpft unsere Empathie ab? treibt mich selber seit einiger Zeit um.

Ich versage mir seit einiger Zeit diese Bilder des Grauens, wann immer ich es verhindern kann. Als die Russen die Ukraine in diesem sinnlosen Krieg angegriffen haben, saß ich in Italien und wollte Covid-Ruhe und sah dann die Bilder im italienischen Fernsehen. Als die Hamas dieses fürchterliche Attentat Jahre später ausführte, saß ich in Italien – und zappte sofort weiter, mit Kenntnis um das, was dort geschehen war, dass ich diese Bilder nicht auch noch sehen musste. (Grauenvolle Gewalt durch Männer ist Frauen weniger fremd, als manche Menschen vielleicht denken.)

Gaza, Ukraine, Iran, jetzt auch die USA – ich sortiere mittlerweile streng. Naturkatastrophen in Ländern, denen es eh nicht gut geht und man weiß, man kann ihnen nicht genug helfen. Ich versuche, sie seit einiger Zeit auszublenden. Nicht, weil es mich nicht interessiert. Weil ich es nicht mehr ertrage.

Es gibt kein Verstehen für mich. Ich sehe solche Bilder viel zu viele Jahre immer und immer wieder, und was ich erkennen muss: Menschen sind fürchterlich grausam aus den niedrigsten Gründen. Sie fügen anderen Menschen Grausamkeiten zu, die ich in meinem seligen Deutschland nicht ertragen kann. Sie formuliert bekommen, tut im Hören weh. Ihnen ansichtig zu werden, brennt sich in meine Seele und verursacht diesen verständnislosen Schmerz, der dort seit Jahrzehnten sitzt und nie aufhören wird, weil es irgendwo auf diesem Planeten fürchterlich schlechte Menschen gibt.

Und ja, ich habe meine ureigenen Sorgen, existentielle Sorgen. Und es hilft mir auch nicht immer, zu wissen, es geht anderen sehr viel schlechter als mir. Ich weiß das, es nagt kontinuierlich.

Auch diese Form von Selbstschutz nagt kontinuierlich. Sie ist so sinnvoll, verursacht aber auch ständige Schuldgefühle. Ich muss diese Bilder nicht leben, zum Glück – sollte ich sie dann nicht wenigstens aushalten müssen? Ich kann diesen Menschen nicht wirklich helfen, höchstens im Allerkleinsten –sollte ich ihnen dann nicht wenigstens die Würde des Sehens zukommen lassen?

Und je weniger ich sehe, desto mehr werden dieses Schuldgefühl und das Mitgefühl. Nein, ich glaube, wer fähig ist, Empathie zu erleben, wird diese nicht von einem Zuviel an visuellem Grauen verlieren. Aber erleben, dass Empathie müde wird, dünn, Zeuge sein, wie sie einen dünnen Schutzfilm über sich zieht wie ein kleines Kind nachts im Bett, das sich unter die Bettdecke verkriecht, weil das Monster unter dem Bett sitzt.

Und manchmal wünsche ich mir das Monster unter dem Bett alternativlos zurück.

0 comments:

Kommentar veröffentlichen

Fröhlich sein, freundlich bleiben und bitte immer gesund wieder kommen!