2026-01-25

Crottole – Stadt des Honigs

Sich treiben lassen auf Reisen und widrige Umstände annehmen, sie sein lassen, das kann wirklich schöne Momente schenken.

Einen solchen Moment erlebten wir im Herbst letzten Jahres in der Basilikata. Und das kam so: Uns begleiteten eine kurze Zeit der Reise ein langjähriger Freund von Pino mit seiner Tochter. Beide waren auf dem Weg an die Küste des Tyrrhenischen Meeres, wo sie ihre Wurzeln haben. Die Tochter war zuvor noch nie in Matera und Pino wollte ihr die Stadt zeigen. Ich kann sowieso nicht oft genug in Matera sein und bin selbst über den kürzesten Ausflug in diese Stadt (in der ich immer öfter das Gefühl habe, dann zu Hause zu sein) sehr froh.

Also besuchten wir Matera. Dummerweise zwangen uns im Umfeld der Stadt uns nicht bekannte Bauarbeiten in Staus, die wiederum unsere Zeitplanung – Mittagessen mit einem Freund Pinos – ziemlich zerschossen hatten. Wir hatten uns verfranzt, das half dem Termin auch nicht auf die Sprünge (und nein, nicht immer ist Elektronik dabei eine Hilfe).
Irgendwann also vertagten wir das Treffen mit dem Freund und reisten durch die Gegend. Mit dem Wissen, wir sollten in baldiger Zukunft irgendwo eine Gelegenheit zum Essen finden – der Süden Italiens ist, ich erwähnte es mehrfach schon, zeitlich strikt geregelt, was das Pranzo anbelangt.
So fuhren wir durch die schöne Landschaft mit ihren Hügeln und landwirtschaftlichen Flächen (die Basilikata auch gerne als Garten Italiens bekannt), teilweise schon abgeerntet, teilweise schon wieder neu bestellt. Was sollte uns passieren?
Der Himmel war blau und mit hübschen Schäfchenwolken bestückt, wir hatten Urlaub und irgendwo im Hintergrund, 30 Autominuten (falls kein Stau stört) von Matera entfernt, erblickten wir einen der typischen Orte in der Basilikata. Gebaut rund um eine Anhöhe, auf deren Spitze ein Castello ruht.
Crottole. Wer alt genug ist, erinnert sich an die schweren Erdbeben in den Abendstunden des 23. November 1980 in ganz Süditalien, denen über 3 000 Menschen zum Opfer fielen und über 400 000 Menschen ihrer Wohnungen und Häuser beraubt wurden. Crottole hatte, wie viele Dörfer in dieser Region, schweren Schaden nehmen müssen.

Viele Menschen dieser Region sind daraufhin weggezogen, die wenigsten wollten hier mehr wirklich neu bauen. Dennoch sieht man der Stadt an, dass ihre Bewohner immer noch an sie glauben. Tatsächlich findet man die Spuren der grausamen Naturgewalt heute noch in dem Ort – und wenn es stützende Gerüste sind, die mittlerweile vor sich hinrosten.
Knapp 2000 Einwohner zählt Crottole heute – in der Sternstunde dieser Stadt, so um 1010 n. Chr., waren es über 13 000 Einwohner. Damals hieß sie auch noch Cryptulae, kleine Grotten. Der Tatsache gehorchend, dass heute noch unter der Stadt viele prähistorische Grotten zu finden sind. Das über allem thronende Castello Feudale entstammt dem 9. Jahrhundert n. Chr. – als diese Gegend vom Fürstentum Salerno regiert wurde. Auch das Castello zeigt heute noch die Wunden des Erdbebens.

Als wir in Crottole auf der Via Nazionale hineinfuhren, grüßte uns stolz das Schild „Stadt des Honigs”. Das sind Neuigkeiten, auf die Menschen wie Pino, Sibi und ich (und auch unsere Begleiter) natürlich sofort hereinfallen. Ach, Honig! Durch die Straße rasende Traktoren, signalisierten deutlich welche Tageszeit geschlagen hatte!
Wir liefen ein paar erste Meter durch die Stadt, rechter Hand eine kleine Salumeria mit prachtvollem Gemüse in der Auslage, linker Hand eine Bar, Bar Trattoria Quaranta, die nicht wirklich den Eindruck eines Restaurants auf mich machte.
Aber das ist auch der Charme Italiens: Wenn man denkt, da geht man vielleicht besser nicht hinein, das sieht nicht sooo gemütlich aus – ruhig hinein mit euch! Meist passiert die Magie in irgendeinem Hinterzimmer und die Küche schmeckt göttlich!
Nun, Pino kennt natürlich die regionalen Gepflogenheiten seiner Heimatprovinz, also traten wir ein, fragten nach einem Mittagessen und wurden zu dem Zeitpunkt noch als erste Gäste in einen fantastisch, leicht skurril dekorierten Hinterraum geführt.
Der sich übrigens kurze Zeit später sehr füllen sollte – ein simples Zeichen dafür, dass wir hier mehr als richtig waren.
Mit einem irrsinnigen Tempo servierte man uns erst den Wein (zum Wasser) und dann die deftigen Antipasti mit Schinken, Speck, …
… feinstem Käse und Nodini, …
… Oliven und eingelegtem Gemüse.
Später Pastagerichte mit duftender Sugo …
die Orecchietti mit aromatischen Cruschi! Die übrigens in einem weiteren Hinterzimmer vor sich hin trockneten.
Beste einfache Küche mit den fantastischen Produketen der Heimat namens Lucania.
Während ich von der hochbetagten, sehr gepflegten Patronin ins Herz geschlossen wurde, von deren Erzählungen ich nicht so viel verstand, sie aber außerordentlich genoss – und das ist halt der Unterschied zu unseren deutschen einfachen Gaststätten, wo selten mehr Austausch stattfindet neben der Bestellung. Im italienischen Gegenentwurf freut man sich immer über neue Gesichter und will deren Geschichte erfahren.
Pino, der trotz seines Alters sich immer noch die Neugierde eines kleinen Kindes bewahren konnte, fragte natürlich auch nach dem Honig, den die Stadt zu ihrem besonderen Namen verholfen hatte. Ich liebe diesen Stolz der Italiener, den ich in Deutschland sehr vermisse: Da schafft jemand ein gutes Produkt, das vielleicht sogar prämiert wird, und die ganze Gemeinschaft derer Heimat ist stolz wie Bolle!
Kurz nachdem wir das Essen beendet hatten, betrat ein hübscher junger Mann die Szenerie, mit vier Honiggläsern im Beutel – und erzählte uns seine Geschichte und stellte uns seinen Honig vor. Und was für Sorten! Korianderhonig (Coriandolo) Süßkleehonig (Sulla), Trifoglio (Klee) und Millefiori (Tausend Blumen) – insgesamt elf Sorten – bekannt unter dem Namen L’Oro Dei CampiDas Gold der Felder!
Rocco Filomeno (links im Foto, rechts Pino) ist in Grottole aufgewachsen und fand schon als Kind Bienen spannend. Imker ist er erst nach seiner Ausbildung zum Friseur geworden. Seine Leidenschaft für die schöne Landschaft Lukaniens, die absolut nachvollziehbar ist, hat ihn zu einem mittlerweile im Land sehr anerkannten Imker werden lassen. Diese Liebe ist aus der seiner Familie zu ihm entstanden, denn sie war es, die ihm das erste Buch über Imkerei zusammen mit seinem ersten Bienenstock geschenkt hatten. Daraus sind binnen zwölf Jahren 150 Bienenstöcke geworden und er ist der Vater von über 90 000 Bienen, mit denen er je nach Jahres- und Blütezeit durch die Region zieht – ein Bienennomade. Und wird mit seinem Honig hochgeschätzt, von dem sein Millefiori 2020 als bester Honig dieser Bezeichnung in der Basilikata prämiert wurde, 2022 wurde sein Kastanienhonig mit dem Tre Grocce D’Oro (Grande Mieli D’Italia) sogar als bester Honig Italiens prämiert. Kein Wunder, dass alle seine Honige von 2025 – zumindest in seinem Onlineshop – ausverkauft sind. Und dass sich Crottole ihm zu Ehren nun Stadt des Honigs nennt.

Daran sind aber auch wir ein bisschen schuld, denn, obwohl er so liebenswürdig war, mir die mitgebrachten Honige zu schenken (und ich bin sehr dankbar dafür, sie sind wirklich köstlich!), haben wir alle noch vor Ort bei ihm ordentlich eingekauft. Für uns selbst, Pino und Sibi für die Trattoria. Aber … merkt euch den Namen L’Oro Dei Campi und die Webadresse für die nächste Honigsaison, schreibt ihm eine Mail, es lohnt sich wirklich!

Wir haben also Crottole zufällig gefunden, haben diesen Ort sehr satt, reich beschenkt und im Honigglück verlassen – und möchten unbedingt wiederkommen. Auch das ist die besondere Schönheit Italiens.

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