2021-04-22

Rezension: Kommissar Duval „Lange Schatten über der Côte d'Azur”

Mit „Lange Schatten über der Côte D’Azur” ermittelt Kommissar Léon Duval im achten Kriminalroman der deutschen Schriftstellerin Christine Cazon, der in diesen Tagen neu erschienen ist.

Léon Duval findet sich auf dem großen Friedhof „Le Grand Jas” in Cannes wieder. Der vor einigen Tagen aufgefundene Leichnam liegt längst in der Kühlung und Duval nutzt pragmatisch seine Ermittlungen vor Ort, um gleich ein paar bürokratische Änderungen in eigener Familiensache vorzunehmen.

„Allen Getöteten, allen Überlebenden” – lautet die tiefsinnige Widmung im neuen Krimi von Christine Cazon und sie bekommt im Laufe des Buches eine viel tiefere Bedeutung als man bei der ersten Kenntnisnahme sich vorstellen kann. Duval ermittelt mit seinem Team weit zurück in die dunkle Zeit der Wehrmacht, der französischen Résistance und muss sich im Speziellen mit dem Thema der Kollaboration der französischen Polizei mit den Deutschen im Zweiten Weltkrieg auseinandersetzen.

Der getötete junge Mann, im jüdischen Teil des Friedhofs aufgefunden, war selbst Jude, ein vermeintlicher Kunsträuber – und die Tatsache, dass man ihn auf einem Grab findet, in dem nie jemand bestattet wurde, macht Duval das Ermittlungsleben auch nicht leichter. Während die Untersuchungen wie üblich von oben erschwert werden, weil man das Fass Judendeportation durch die eigenen Kollegen im letzten Jahrhundert nicht gerne aufgemacht sieht, entwickelt sich die Geschichte schlussendlich über die Verbindungen zweier Familien und einen Mordfall später in eine ganz neue Richtung.

Währenddessen hilft Duvals Lebenspartnerin Annie ihm mit eigenen Ermittlungen auf die Sprünge und zwingt ihm mehr Beschäftigung mit seiner jüngsten Tochter im Babyalter ab, als ihm lieb ist.

Soviel zum Inhalt. Ich bin dieses Mal nicht ganz begeistert vom Buch, aus Gründen. Mir ist im Buch zu viel Klischee behandelt, immer nur gestriffen, weil man es halt heute thematisieren sollte. Vorzugsweise passiert es in den Dialogen von Duvals Team. Aber einen echten Mehrwert gibt es in den Streitigkeiten nicht zu erlesen, wenn sich Leroc und Villiers zu den Themen Sexismus, Rassismus oder queeres Leben abarbeiten. Zu bemüht, zu wenig inhaltliche Substanz, die das Bemühen rechtfertigt.

Mein zweite Problem mit dem Krimi: Wer bei diesem Krimi erstmals in die Reihe der Duval-Krimis einsteigt, wird nicht verstehen können, worin der besondere Charme des Hauptprotagonisten Kommissar Duval tatsächlich liegt, dass man ihm eine achte Ausgabe widmen wollte. Man erliest sich das Tagwerk eines grummeligen, übermüdeten Mannes, der mit seiner erneuten Vaterschaft nur hadert und dem übel wird, wenn er auch nur einmal die Windel seiner Tochter wechseln soll (Bitte?!). Der Satz im Vorwort „… Freundin Annie hat Probleme, Kind und Beruf unter einen Hut zu bringen” umschreibt ziemlich klar, welche Einstellung hier gelebt wird – und mich seine Figur dieses Mal sehr ablehnen lässt. Seine Lebensgefährtin hätte diese „Probleme” gar nicht, würde er sich wie ein moderner Vater verhalten und mit seiner Freundin den Alltag gleichberechtigt gestalten. Mein gleichberechtigtes Ich will so etwas nicht mehr lesen müssen. (Jedenfalls nicht in einem Werk, dessen Erstauflage 2021 erschienen ist.) Ach, würde sich Duval doch auch etwas entwicklen und neu gestalten können! Das ist alles nicht neu, noch interessant, noch weltbewegend. Was schade ist, weil man z. B. junge Leser mit dieser Figur kaum noch begeistern können wird.

Sehr gelungen sind die vielen Ausflüge und Beschreibungen des riesengroßen Cimetière Le Grand Jas mit seinen vielen Unterabteilungen und immer einen Blick auf das Meer. Ihm einen Besuch abzustatten bei einem nächsten Besuch in Cannes, ist für mich beschlossene Sache! Ach … und überhaupt … dieses Frankreich! Und ja … die Familiengeschichten dieser besonders schrecklichen Zeit haben es in sich und zeigen, wie sehr das Schweigen der Menschen über die damalige Zeit bis ins Heute noch Schaden anrichten können. So viele offene Fragen!

Schlussendlich legt dieser Kriminalroman den Finger in die sehr große Wunde, die heute (noch oder wieder) all zu gerne in vielen Ländern Europas unter den Tisch gekehrt wird. Oft wurde – zumindest in den Anfängen des Krieges – mit den Deutschen gemeinsame Sache gemacht beim Thema Judenverfolgung. Nicht nur in Italien. Auch in Frankreich.

Und überhaupt, so schön mal wieder in Frankreich gewesen zu sein!

„Lange Schatten der Côte d'Azur
Autorin: Christine Cazon
Verlag: Verlag Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-00116-7

Blog der Autorin Christine Cazon

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