2020-08-19

Urlaub or not Urlaub?

Funfact: Ich habe es getan, ich habe vor gut drei Wochen einen Flug nach Mallorca gebucht. Voll auf Risiko. Mit einem halben guten Gewissen. Mit einem halben schlechten Gewissen. Mit Augen zu und durch. Mit Blauäugigkeit. Mit Rationalität. Mit Sorge. Mit Freude. Die Reisezeit, die letzten Septembertage bis in den Oktober hinein über meinen Geburtstag, ein bisschen auch der Tatsache (oder Freiheit, wie man es nimmt) geschuldet, wann ich die günstigsten Flüge buchen konnte.

Im Grunde habe ich nun seit zehn Jahren keinen echten Urlaub mehr gemacht. Also echter Urlaub heißt für mich, die Tagesgestaltung selbst meinen Bedürfnissen anzupassen. Zu sein. Im Moment. Mich stundenlang irgendwo hinzusetzen und die Umgebung zu erleben, zu atmen. Loszulassen. Urlaubsgedanken zu denken und zu verarbeiten. Mich von der Kamera irgendwohin leiten zu lassen, zu sehen, mich zu freuen.

Die Pressereisen, so wundervoll sie waren in den letzten Jahren und so sehr dankbar ich für sie alle auch bin, sind genau das alles nicht. Man ist ein Stück weit immer getrieben und sie sind auch nicht wenig anstrengend.

Ich bin ehrlich urlaubsreif. Und: Ich habe seit einigen Jahren das große Bedürfnis doch einmal noch mal an die Stelle zurückzukehren, wo ich 2007 die Asche meiner Mama verstreut habe. Es ist so viel passiert in all diesen Jahren und seit einiger Zeit habe ich das Gefühl, ich möchte an diesem Ort einmal Zwiesprache halten können. Auch um loslassen zu können. Um auf einiges Erlebten den Deckel legen zu können. Ich hoffe im nächsten Jahre einige Prozess im Negativen abschließen zu können, einen Neubeginn im Positiven starten zu dürfen. Mein emotionales Ich hält es für äußerst wichtig, dort vor Ort an ihrem Grab in der Luft und am Meer, noch einmal sein zu dürfen – um abzuschließen.

Über Facebook haben eine Freundin aus Berlin und ich uns vor einigen Jahren wieder gefunden, sie ist seinerzeit ihren Eltern auf die Insel gefolgt und lebt nun dort seit anderthalb Jahrzehnten. Als in diesem Frühjahr ihre Mama verstarb, haben wir endlich auch wieder das Smartphone ans Ohr gehalten. Und neulich kam sie mit ihrer jüngsten Tochter nach Berlin (die beiden Töchter, die ich von klein auf kenne, sind mittlerweile sehr erwachsen), um einige Behördendinge zu klären und wohnte bei mir. Es ist schon interessant – auch wenn in unser beiden Leben so sehr viel passiert ist mittlerweile – wie Menschen einfach wieder andocken können an der Freundschaft, die da war und bleibt und ist.

Nun denn, wir haben uns verabredet, dass ich sie auf der Insel besuchen darf und nun habe ich den Flug gebucht. Dann kam die Reisewarnung für Spanien – und mit ihr die übliche Internethetze auf Reisende. Das Übliche: Die, die ganz zu Hause geblieben sind, schimpfen auf die, die reisen. Die, die im Inland reisen, schimpfen auf die, die ins Ausland reisen. Und die, die im Auto reisen (weil sie über eines verfügen) schimpfen auf die, die den Zug oder das Flugzeug nehmen.

(Mittlerweile treibt mich eine diebische Freude „Flugzeug” zu schreiben anstatt Flieger. Übrigens.)

Doch so sehr einfach ist das gar nicht.

Ich denke nicht, dass das Reisen auch in der Corona-Zeit an sich schlecht ist. Das Verhalten der Reisenden ist schlecht. Leider. Auf so sehr vielen Ebenen. Aber – so hart das klingt – selbst der Urlauber, der zu Hause bleibt und dafür im Sommer die Strände der Seen oder die Wälder im Übermaß bevölkert, der stellt ein Risiko dar. Für Menschen und Natur. Und in jedem Land dieser Erde. (Die jüngsten Partybilder aus Wuhan beeindrucken mich sehr.)

Ich habe meine Reise sehr lange abgewägt, also bevor die Reisewarnung griff, die natürlich alles noch einmal sehr verändert hatte. (Tatsächlich hatte ich eher erwartet, dass Spanien eine Reisewarnung gegen Deutschland aussprechen würde, die Infektionszahlen in Berlin z. B. sind in den letzten beiden Wochen so ganz ohne nämlich auch nicht.)

Das größte Risiko birgt natürlich der Flug, wobei ich da auch denke, dass man mit dem Tragen von Masken, die in beide Richtungen wirken, keinem größeren Risiko ausgesetzt ist, als würde ich hier in Berlin die öffentlichen Verkehrsmitteln nutzen oder mit der Deutschen Bahn fahren. Man kann der Begegnung von Menschen im geschlossenen Raum nur bedingt auf Dauer ausweichen. Relevant ist tatsächlich, wie die einzelnen Unternehmen es realisieren, dass die Menschen ihre Masken tragen. Oder Sitzplätze zwischen zwei Personen frei halten. Hier hat die Regierung im Flugverkehr als auch im Bahnverkehr, so deutlich muss man es sagen, versagt. Das hätte man von oben regeln können und müssen. Wenn Fluggesellschaften wieder fliegen wollen, worin liegt das Problem ihnen die freie Zwischenreihe aufzuzwingen? Nun … 

Vor Ort selbst ist mein Risiko angesteckt zu werden, eher gering. Nie war Mallorca so leer wie zu dieser Zeit. Ich fliege auch nicht nach Mallorca, um Party zu machen. Ich werde auch nicht ständig im Restaurant sitzen. Ich möchte baden. Und da weiß ich, dass die Strände zur Zeit wirklich leer sind. Also deutlich leerer als z. B. an der Nord- und Ostsee derzeit. Ich möchte lange Touren am Strand machen können. Ich möchte viel wandern. Mit der Freundin einige Touren machen, ja, aber eben an Orten an denen wir draußen sind. Vielleicht fahren wir Kajak auf dem Meer. Habe ich noch nie gemacht, also auf dem Meer, würde ich wahnsinnig gerne machen.

Hotspot auf Mallorca ist Palma bzw. die Playa de Palma. Da muss ich nicht hin. Natürlich würde ich gerne einmal nach Palma fahren, um die Orte noch einmal zu besuchen an denen meine Mama lebte, so wie ich es damals während des Abschieds tat. Die Veränderungen werden groß sein aber auch da bin ich nur draußen unterwegs. Es gäbe ein Risiko der Busfahrt. Es gäbe ein Risiko, wenn ich die Markthalle besuche. Nun, das werde ich sehen. Ich werde vermutlich kaum mehr Kontakt haben zu Menschen als ich ihn hier in Berlin haben werde.

Also denke ich, dass das Risiko nicht wesentlich höher sein wird als hier in Berlin Mitte, wo die Zahlen seit Wochen leider wieder ansteigen, weil die Menschen Party machen, keine Abstände einhalten und sehr oft leider denken, dass Masken nerven. Und denen kann ich leider im Alltag nur sehr bedingt nicht begegnen. Neulich brüllte ein Typ direkt neben mir an der Ampel seinem Kumpel auf der Straße gegenüber etwas zu, so dass ich voll in seinem Atemausstoß stand. Spätestens beim Einkaufen muss man solche Pappnasen um sich ertragen. Der rücksichtslose Mensch existiert, leider überall.

Ich weiß, dass auf Mallorca selber größtenteils sehr strikt Regeln vorgegeben werden und eingehalten werden müssen. Leider lassen sie auf dem Flughafen zur Zeit Besucher vom spanischen Festland ohne Kontrolle auf die Insel reisen, während Touristen aus dem Ausland hinsichtlich Papiere und Körpertemperatur genau kontrolliert werden. Wenn dann auf dem spanischen Festland sich wieder Hochspots bilden, ist das womöglich für eine Insel zu knapp gehandelt.

Es geht also bei Reisen in Coronazeit vor allem um die eine, die große Regel: Ich muss mich an Regeln halten. Und: Wir müssen uns rücksichtsvoll verhalten. Ich denke, es ist derzeit schwer mit Kindern zu reisen in den üblichen Stoßzeiten. Kinder wollen gemeinsam spielen, Spaß haben, Freundschaften schließen. Das geht nur über Nähe. Ja, da liegt ein großes Risiko für eine Ansteckung.

Und überall liegt ein großes Risiko für eine Ansteckung, wenn zu viele Menschen sich an einem Ort aufhalten. Das aber passiert auch überall in unserem Land, vor der eigenen Haustür. Das hat nicht alleine etwas mit Reisen zu tun. Momentan sind auch hierzulande oft Strände, Naturparks, Berglandschaften unnatürlich voll.

Und ja, selbstverständlich werde ich mich nach der Reise weitestgehend – bis das Testergebnis vorliegt – aus der Öffentlichkeit zurückziehen.

Die Reisewarnung hat nun natürlich Einfluss auf meinen Reisplan. Das Risiko, insbesondere das finanzielle Risiko ist größer geworden. Klar tut es mir weh, wenn ich das Geld für den Flug in die Tonne treten muss. (Für Linienflüge gilt nicht die Charterflugregel bei Reisewarnung.) Ihre möglichen Konsequenzen treffen mich in meiner Situation natürlich ein Stück weit anders. Ich kenne für mich darauf noch keine Antwort. So habe ich meine Entscheidung ob ich nun fliege, vorerst auf in zwei Wochen vertagt.

Es sind diese Zeiten, sie verändern auch die Vorfreude auf etwas. Und wie ich mich auch entscheide, leicht tue ich mir die Entscheidung überhaupt nicht. Aber ich reise möglichst rücksichtsvoll. Das sollten wir alle tun.

Sehr viele Gedanken über mein Risiko und das der anderen, wenn man in dieser Zeit verreist, mache ich mir. Klar, man muss es nicht tun, kann auch am eigenen Ort verbleiben. Aber sind nun wirklich die Menschen, die z. B. es sich aus finanziellen Gründen leisten können mit dem eigenen Auto zu reisen, sich einen Campingbus zu mieten oder auf Boote umsteigen können, die besseren Touristen in dieser Zeit als die, die sich zu Anreisen in die Verkehrsmittel der Allgemeinheit begeben (müssen)? Mir wird in der Schelte auf Reisende zur Zeit ein bisschen zu sehr Schubladendenke betrieben. So einfach ist das alles doch nicht.

Ich wünsche mir auch, dass die Tourismusbranche nicht völlig kaputt geht an dieser Zeit. Da existiert gerade so sehr viel Leid.

5 Kommentare:

clarissa hat gesagt…

Puh, ohne den Absatz zum Thema Kinder wäre ich fast voll mitgegangen bei deinem Text. Aber ich habe ein Kind und es langsam wirklich satt, dass dieses Kind nur noch als Ansteckungsrisiko gesehen wird. Ja klar, Kinder können sich nicht so gut an all die Regeln halten. Aber sie sind auch Teil der Gesellschaft und sie haben genauso viel und genauso wenig das Recht dazu, zu reisen, wie kinderlose Erwachsene. Ich glaube, Menschen ohne Kindern ist überhaupt nicht bewusst, was diese Zeit gerade für Eltern und Kinder bedeutet: Was für eine enorme Zusatzbelastung, was für eine Stigmatisierung, was für ein ständiges Rechtfertigen und Abwägen. Ich will jetzt gar nicht ins Detail gehen. Ich habe nicht vor, mich und mein Kind zu Stoßzeiten in einen ICE zu quetschen. Aber wenn ich es tun würde, hätten wir beide genauso das Recht dazu, wie alle anderen in diesem Zug. Die ja vielleicht auch zu einer anderen Zeit fahren könnten und es aus diesen oder jenen Gründen nicht tun.

creezy hat gesagt…

@clarissa
Hm, ließ doch bitte noch einmal was ich geschrieben habe:

„Ich denke, es ist derzeit schwer mit Kindern zu reisen in den üblichen Stoßzeiten. Kinder wollen gemeinsam spielen, Spaß haben, Freundschaften schließen. Das geht nur über Nähe. Ja, da liegt ein großes Risiko für eine Ansteckung.”

Weder steht dort, dass Kinder die bösen Anstecker sind. Noch steht da, Kinder hätten kein Recht auf Urlaub und Ferien. Dort steht alleine, dass es im Kontext zu dem (was darüber steht) es schwer ist mit Kindern zu reisen in dieser Zeit. Darin liegt mitnichten ein Affront gegen Kinder, aber es ist einfach schwer derzeit mit Kindern zu reisen. Gibst Du ja selber zu, dass Du Dein Kind vor einer Ansteckung im Zug beschützen möchtest.

Man will seine Kinder schützen, kann man sie wirklich – vor allem kleine Kinder – immer dazu bringen, die Verhaltensregeln einzuhalten, die Erwachsene einhalten könn(t)en, (wenn sie es denn wollten)? Ist das schwer? Ist es eine riesengroße Zusatzbelastung für Eltern? Warum also wirfst Du mir jetzt vor, dass ich anmerke, das es schwer ist mit Kindern zur Zeit zu verreisen? Ich weiß das, ich bekomme z. B. mit, wie schwer es meiner Cousine in diesem Jahr gefallen ist für die Kinder eine gute Urlaubsmöglichkeit zu finden – eines der Kinder ist risikobehaftet.

Kinder suchen unbewusst im Spiel die Nähe zu anderen. Und damit wird das Ansteckungsrisiko einfach größer. Das darf man rein rational sehen, ohne eine Wertung GEGEN Kinder darin zu sehen. Sie haben ein großes Risiko sich zu infizieren. Anders ausgedrückt: Natürlich ist das Risiko zu reisen für z. B. allein reisende Menschen ein deutlich niedrigeres, als wenn mehrere Menschen gemeinsam reisen, weil diese u. U. mehr Kontakte generieren.

Versuche doch bitte meinen Absatz so zu verstehen, wie er dort steht. Nicht jeder Mensch schießt in dieser Zeit unreflektiert gegen Kinder. Das liegt mir wahrlich fern.

Ruthy hat gesagt…

Dann les ich bei Dir tatsächlich schon sooo lange? Zugegeben, anfangs nicht immer regelmäßig. Aber seit ein paar Jahren hab ich Dich im Feedreader ...

Falls Du fliegst, wünsch ich Dir einen wunderschönen Urlaub - Du hast ihn ganz sehr verdient.

LG, Ruthy

creezy hat gesagt…

@Ruthy
Oh vielen Dank für das kontinuierliche dabei Bleiben! Vor allem über eine so sehr lange Zeit. <3

Ich danke Dir, es bleibt spannend mit dem Urlaub. Ich hoffe wirklich nur sehr, dass die Leute, die sich jetzt noch infizieren halbwegs gut durch den Infekt kommen.

cheetah media hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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