2020-06-26

Carlo Carlà – ein Leben für den Radsport!



Carlo Carlà – ist eine italienische Radsportlegende. Er ist der Erfinder des Leichtbaurahmens (Aerodynamik) von Fahrrädern, hat also ein riesengroßes Stück Radsport revolutioniert!



Der heute hochbetagte Mann schraubt immer noch in seiner kleinen Werkstatt in Monteroni di Lecce, Apulien – und kann unfassbar viele Geschichten rund um den europäischen Radsport erzählen! Ein Geschenk für eine radbegeisterte Person wie mich, das mir im November 2018 gemacht wurde, als wir vor seiner kleinen Werkstatt vorfahren, die in einem alten unscheinbaren Flachbau untergebracht ist.





Novello in Festa – Geschichte, Kultur und Tradition im Gebiet von Arneo” ist der besondere Titel unserer Reise. Arneo wird im Salento auch „Land der Sonne” genannt. Die Region liegt im Südwesten des Salentos in der Nähe von Porto Cesareo. Der Kosename der Region ist Programm, denn selbst im November ist es hier tagsüber noch sehr warm, dennoch haben die ersten Regengüsse des Herbstes die Landschaft in ein unerwartetes Grün gezaubert. Bei guter Wetterlage erlebt man hier einen zweiten Frühling im Jahr im November!

Selbst im Ionischen Meer kann man tagsüber noch sehr gut baden. Ich weiß das, denn ich bin teilweise noch vor Sonnenaufgang hinein gegangen, mit etwas Überwindung am Anfang aber dann ist es wunderschön. Zumal man nun das Meer und die Strände weitestgehend für sich alleine hat. Salentiner würden zu dieser Jahreszeit keinen Fuß mehr hinein setzen. Vielleicht ist diese Zeit die schönste Jahreszeit, um den Salento zu bereisen? Für Radsportler allemal! Es spricht so viel für einen Radsporturlaub in Apulien in dieser Jahreszeit.



Wir nutzen diese Reise, um viele kleine traditionsreiche Handwerksbetriebe im Salento zu besuchen, deren leidenschaftliche Betreiber uns nicht nur fantastische Geschichten zu erzählen haben, es ist ebenso eine Freude für das fotografische Auge in diese alten Gemäuer und Handwerk einzutauchen, wo noch gebaut, geschraubt, gebacken, destilliert wird wie vor vielen – in manchen Fällen fast 100 – Jahren schon produziert wurde. In Italien wird immer noch häufig in die familiären Fußstapfen getreten. Und so haben wir die ganz besondere Freude auch Carlo Carlà kennenlernen zu dürfen.



Auf dem Weg von Arneo in die Provinzhauptstadt bietet sich die Möglichkeit viele kleine interessante Gemeinden kennenzulernen: Veglie, Leverano, Copertino, sind nur einige Beispiele. Über Leverano in Richtung Richtung Lecce liegen nach ca. 60 Kilometern vorgelagert in Lecces Speckgürtel die kleinen Ortschaften Arnesano und Monteroni di Lecce. Hier ist Carlo Carlà zu Hause – und er nimmt sich Zeit für uns.

„Maestro Carlà” wird er liebevoll in ganz Italien genannt, und im Salentiner Dialekt „Mesciu Carlo”. Er ist einer der ganz großen Konstrukteure und hat italienische Radgeschichte mitgeprägt. Bereits als sechsjähriger Junge hat er seinem Vater in dessen Werkstatt beim Schrauben geholfen. Später schreiben seine Rennräder Sportgeschichte.



Carlà ist Ehrenmitglied der FIAB, der Federazione Italiana Ambiente e Bicicletta. Sie setzt sich als Umweltschutzorganisation für die Verbreitung des Fahrrads als ökologisches Verkehrsmittel im Rahmen einer ökologischen Neuqualifizierung der Umwelt in ganz Italien ein. So wurde auf Intervention von der FIAB Gruppe Monteroni ein neuer Radweg gebaut, der im Januar diesen Jahres eingeweiht wurde. Er führt entlang der Provinzstraße Lecce-Monteroni zwischen Ecotekne und der Stadt Lecce. Dabei ist die Werkstatt von Carlà so etwas wie ein Wallfahrtsort für den Radsportler auf dieser Strecke. Nicht selten enden organisierte Radtouren genau hier, und das beschreibt wohl am Besten Carlàs Bedeutung für den Radsport.



Carlo Carlà treffen wir in einer traurigen Lebensphase, denn seine Frau ist erst kurz zuvor verstorben. So beginnt unser Besuch unerwartet emotional als ihm der uns begleitende Bürgermeister das Beileid ausspricht – Carlá zieht sich für einen kurzen Moment in die hinteren Räume seiner Werkstatt zurück, muss sich sichtlich sammeln. Man spürt das tiefe Leid dieses Mannes, die 80 hat er lange überschritten – 2020 wird er 90 Jahre alt. Einen kurzen Moment später kommt er zurück zu uns aus seiner Trauer. Wir bieten ihm eine willkommene Abwechslung, unser Besuch, unsere Begeisterung lenken wohl gut ab. Er gibt zu, dass ihn seine Werkstatt in dieser schweren Zeit hilft den Schmerz zu heilen.

Trotz seines hohen Alters ist der Mann mental wach wie ein 18-jähriger. Er ist Erfinder, Schrauber, Mechaniker aus Leidenschaft. Autokarosserien hatte er früher entworfen bis er beim Fahrrad hängen geblieben ist. Er hat dem Radsport den Leichtmetalbaurahmen geschenkt. Erfindet heute immer noch, baut z. B. Uhrenskulpturen – natürlich aus Radteilen. Das alles übrigens als Autodidakt. Er gibt zu, er wäre heute noch viel produktiver – aber seine von der Arthrose gezeichneten Hände machen ihm das Arbeiten mittlerweile schwer.





Über die Jahrzehnte hat er alle (nicht nur) italienienschen Radsportlegenden – Masi, Pogliaghi, Colnago, De Rosa – persönlich getroffen. Viele von ihnen haben sich am Ende ihrer Profisportlaufbahn der Radindustrie zugewandt, haben selbst Fahrräder unter ihrem Namen vertrieben – für sie alle hatte Carlo Carlà Rennräder entwickelt, sie haben sie von seinem Fachwissen profitiert. Nicht jedes Unternehmen hatte später die Größe dies auch zuzugeben, wollte Carlàs Erfindungen als eigene verkaufen.





Davon erzählt seine wundervolle Werkstatt.



Überall lauern in den Ecken kleine Reliquien des italienischen Radsports. Radrahmen hängen in der Luft, Werkzeug wartet auf seinen Einsatz, handgeschriebene Entwicklungsskizzen hängen an den Wänden. Eine faszinierende Kombination aus Ordnung und Chaos beherrscht von der Geschichte.





Es ist ein Raum voller Geschichte, Leidenschaft und der ganz besonderen Intelligenz dieses stillen und bescheidenen Mannes. Sein professioneller Rat ist heute noch im Radsport gefragt. Wir stehen hier mit einem der ganz ganz Großen seines Sports!






Was für ein Lebenswerk! Das sich nur wenige Straßen weiter erstaunlich modern präsentiert. Denn hier hat Mesciu Carlo noch sein Ladengeschäft, wo er bzw. seine Nachkommen heute noch die wundervollen handgeschmiedeten Carlà-Fahrräder verkaufen – und den Kunden ein kleines Museum integriert im Laden bieten.





Teilweise noch mit der guten alten Technik, die nie aus der Mode kommt beim Rad. Ungummierte Bremszüge, Stahlschutzbleche … wunderschöne ästhetische Radgeschichte. Aber auch die guten Singlespeed-Räder haben hier längst Einzug gefunden. Carlo Carlà Bici Monteroni spielt immer noch mit auf dem Fahrradmarkt.



Und alles wird hier passend von einem Fiat 500 im Laden bewacht.



Man könnte sich hier kreuz und quer kaufen, das sind hier nicht nur Fahrräder, hier wird Fahrradkunst vertrieben.

Die Legende Carlo Carlà lebt – meine Freude ist groß, ihr begegnet zu sein!


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