2020-05-22

Die schöne Kunst Haltung zu bewahren …

Haltung bewahren heißt für mich auch diskutieren und im Gespräch bleiben.

Hierzulande gibt es regelmäßig die Ratschläge z. B. nicht mit Nazis zu diskutieren. Nun steht mir nicht zu anderen Menschen zu sagen, was sie zu tun oder zu lassen haben (in den allermeisten Fällen.) Für mich lehne ich diese Boykott-Forderung eher ab. Denn: Nur mit verbaler Gegenwehr kann man einem Gegenüber signalisieren, dass das was sie denken, womöglich gar nicht die eine prima Lösung ihrer gesellschaftlichen Probleme sind.

Ja, die Chancen so jemanden zum Umdenken zu bewegen, sind sicherlich nicht exorbitant hoch. Weiß ich. Aber wenn ich von zehn Andersdenkenden wenigstens eine/n bewegen kann über meine Argumente nachzudenken (und nachdenken bewirkt immer etwas in einer Person, ich als Optimistin glaube fest daran, dass es auch etwas Gutes bewirkt), dann ist jeder Einwurf hier sinnvoll.

Übrigens: Die Leute, die aus der rechten Szene ausgestiegen sind – und das sind dann doch auch nicht so ganz wenige in diesem Land – taten das selten, weil sich plötzlich zwei Wolken der Humanität und Weisheit über sie ergossen haben, sondern, weil sie Menschen in ihrem Umfeld hatten bzw. diesen irgendwann begegnet sind, die gute Gegenargumente hatten – und diese in einem gemeinsamen Gespräch dem Nazi vorgebracht haben.

Darüber darf ein jeder nachdenken und seinen persönlichen Schluss daraus ziehen. Womöglich hilft miteinander reden doch?

Ich diskutiere also mit Menschen mit rassistischem Gedanken. Und wer mir diese seine Meinung auf die Stulle servieren möchte, dem pariere ich in dem ich mein lecker Brötchen mit Gutemenschenwurst anreiche. Manchmal, wenn ich gerade nicht Bock habe allzu tief einzusteigen, sage ich einfach: „Nein, stimmt nicht.”

„Nein, stimmt nicht.”, ist der Hammer in der Argumentation. Die Kommunikationprofis halten einem natürlich lange Vorträge, weil doch „Nein!” ein böses Wort in der Entgegnung ist, ein Totschlagargument, das Menschen böse brüskiert. Ich denke, Menschen, die Sympathien zu Rassismus, Hitler & Co. pflegen, die kann man ruhig brüskieren. Ich möchte gar mit denen denen in *lieb guck* freundschaftliche Interaktion treten. Ich will denen einfach nur zur Kenntnis geben, dass ich der Meinung bin, dass sie sowas von auf'm Holzweg im Winter sind. (Ist diese nicht ganz so sichtbare Metapher für braunes Denktum nicht bonfortionös?) Und das ist ein „Nein, stimmt nicht.” super!

Wenn man dann dem Gegenüber fest dabei in die Augen guckt, freundlich, bestimmt. Dann rattert es in deren Gehirnen. Keine Ahnung in welche Richtung ihre Gedanken abdriften, ob sie sich meinen „Nein!” interessiert stellen möchten, wir Argumente austauschen, da sollte man natürlich gesunde Gegenargumente haben. Oder ob sie einen in die Schublade packen, weil ihr feiges Ich sich dem „Ich bin nicht Deiner Meinung” intellektuell nicht stellen können oder wollen.

Das ist mir beinahe die Lieblingsmöglichkeit, denn sie gehen unbefriedigt aus dem Gespräch. Sie haben nicht bekommen, was sie wollten mit ihren Aussagen: Zustimmung. Keine Zustimmung zu erhalten, das ist wie Liebesentzug. Und wir kennen das in der menschlichen Soziologie – für viele Menschen ist gerade der Mensch, der ihnen keine Liebe schenkt, der viel interessantere Mensch als der, der sie ihnen nachträgt. So ein oft gelebtes Schema, ich habe keine Ahnung warum.

Schenkt also keine Zustimmung (Liebe), das schafft ganz schön viel Aufmerksamkeit. Ich habe hier einen Nachbarn, der ist ein netter Typ, aber braun in seiner Gesinnung wie der legendäre Muckefuck. Man trifft ihn oft, er ist Hundebesitzer. Er versucht es immer wieder bei mir und anderen. Immer wieder kommt er an und immer wieder beinhaltet sein dritter oder vierter Satz eine Spitze gegen Türken, Zuwanderer, Ausländer, Flüchtlinge, Menschen mit Hautfarben, die seiner nicht ähneln. Er kann einem so leid tun. So viel Groll gegen so viel unbekanntes Schönes. Und jedes Mal entgegne ich ihm: „Nein, das ist nicht richtig.” Oder: „Nee, stimmt nicht. Stimmt einfach nicht.”

Er hängt an der Angel. An meiner. Er bekommt von mir seine heiß ersehnte Bestätigung nicht. Das wird ihn ganz schön nerven, mit anderen Worten: beschäftigen. Und wenn sich solche Leute damit beschäftigen müssen, dass ihr Gedankengut von anderen abgelehnt wird, dann müssen sie darüber nachdenken, warum das so ist. Das ist die halbe Miete für den Weg vom Nachdenken zum Umdenken. Mühsam. Will man auch nicht immer. Aber ich gebe dem kein Stück ab von meiner Insel an seinen Rassismus.

Es geht nämlich gar nicht um kapitalistische Masse, hinsichtlich des „es lohnt nicht mit denen zu reden.” Wenn ich eine Person in zehn Jahren zum Umdenken dadurch bewegen kann, dann war es jedes Mal auch bei denen wert, die das nicht tun können.

Und umgekehrt: Ich wertschätze es sehr, wenn Menschen mich ernst nehmen und mir Entgegnung entgegen bringen, wenn sie der Meinung sind, ich tue oder sage etwas, das man so vielleicht nicht tun oder sagen sollte. Wertschätzung, immerhin traut mir jemand zu, ich könnte umdenken. Das funktioniert natürlich nicht immer, kann es nicht, ist auch gar nicht immer sinnvoll (aus meiner beschränkten Sicht) aber gelegentlich ist es sehr wohl ein guter Einwurf – und ja, beim nächsten Mal kann ich, wenn ich das verstanden habe, die Dinge besser gestalten. Für mich. Für Andere.

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