2016-12-17

Quadratur des Kreises

Der Vater meiner Freundin liegt nach einem Lungenkollaps auf der Intensivstation. Sie und ihr Ehemann (bekannt auch als beste Freunde der Welt) waren beim Zusammenbruch nicht in Berlin, u.a. weil sein Onkel letzte Woche verstorben ist (erwähnten wir eigentlich schon wie sehr scheiße (pardon my french) 2016 ist?) Da ihre Mutter psychisch schwer krank ist, bin ich die letzten Tage zusammen mit dem Enkel eingesprungen. Der Enkel macht das toll, Mitte 20 aber es ist seine erste Erfahrung mit dem Gehen lassen müssen auf diesem speziellen Gebiet.

Das Ganze lehrt einem selbst natürlich wieder einmal sehr viel. Es lenkt den Blick auf die vielen sehr großartigen Menschen, die in der Pflege, hier Intensivpflege arbeiten. So hart arbeiten, professionell. Immer freundlich, ruhig und sachlich. Grenzgänger im optimistisch sein, täglich. Alles Irre. Im positiven Sinne.

Dann … die Mutter lebt in Köpenick, er ist in Charlottenburg im Klinikum untergebracht. Für nicht ortskundige: 30 Kilometer Entfernung, eine Autofahrt mit dem Auto/Taxi à 30 Minuten morgens um drei Uhr, 50 Minuten in normalem Verkehr – sind wir die letzten Tage sehr viel Taxi gefahren (für meine Verhältnisse), alleine diese wirklich ganz netten und interessanten Erfahrungen – darüber könnte man das Blog tageweise füllen.

Der Patient indes war nicht wirklich gut zu anderen, vor allem sich selbst in seinem Leben. Es ist schwierig. Schlussendlich, wenn so jemand gehen muss, weint man trotzdem. Und wenn man eigentlich um den Vater meint, der nun auch mit diesem hier gehen muss, weil man versteht, dass man nie den Vater haben wird, den man sich sein Leben lang so sehr wünschte. Zu sich selbst war er nicht gut, weil er irgendwann beschlossen hatte auf dem Sofa zu leben, zu fressen (pardon, aber ja, das ist der korrekte Ausdruck) und sich seiner durch seine Fettsucht erworbenen Diagnosen (Gicht, Diabetes, chronische Dyspnoe, die üblichen Knochen-/Muskulaturausfälle) selbst zu feiern – dabei einige Menschen mit ins Verderben zu reiten. Wir reden hier von einer langjährigen sehr früh begonnenen Rolator-Karriere, E-Mobil-Rollstuhl, die gleichen körperlichen Erscheinungen einer COPD mit allen technischen Geräten (die COPD wurde nie bestätigt; der Mann ist einfach zu dick zum atmen) bis hin zum Arschreiniger. Der Arschreiniger, von mir in einem Zustand der Fassungslosigkeit getauft, wird in Fachkreisen After-Reiniger genannt. Und ja, es gibt Amazon-Rezensionen auch zu diesem Produkt.

Der Arsch-Reiniger hat mich gestern beim Reinigungsprozess der leicht vergammelten Wohnung gemeinsam mit dem Enkel (dass die Wohnzustände eskalieren, ist eine Woche vorher auf die Füße gefallen und Änderungen sind bereits eingeleitet) schwer, nachhaltig, allumfassend beeindruckt. Menschen mit körperlichen Problemen, die sie in ihren körperlichen Bewegungen des Alltags einschränken, brauchen so etwas. Ein sinnvolles für den Betroffenen medizinisches Hilfsmittel, das ihm eine Unabhängigkeit in einem sehr intimen Lebensbereich garantiert. Ich frage mich die ganze Zeit, was geschieht in einem Menschen, wenn er aufgrund seiner Körperfülle gezwungen ist auf solche Apparaturen zurückzugreifen? Wenn man nicht einmal mehr dann aufwachen möchte, begreifen kann, dass da etwas ganz gewaltig schief läuft – für sich selbst? (Nicht, dass ich ernsthaft glaube, dass ein Mensch, dem seine Fettsucht die Atemluft abschnürt, sich noch von einem Arsch-Reiniger beeindrucken und umstimmen lassen würde.)

Es macht so … traurig.

Der Mann wird sterben. Selbst, wenn er das hier jetzt doch noch überleben würde, was ich ihm aus rein menschlichen Gründen nicht wünsche, weil das nicht gut sein wird – zumal klar ist, der wird sein Leben nicht komplett ändern können, was die einzige Konsequenz aus dieser Sache nun wäre. Er müsste an sich sehr hart arbeiten, das wird er nicht tun und er hat vorgesorgt, dass sein Körper das auch gar nicht mehr kann.

Alles in allem sieht es so aus:

Der Mann konnte vom Notarzt nicht vor Ort mit Luft versorgt werden (weil er eben eh schlecht atmet und die medizinische Luftzufuhr in einem solchen Fall bereits sein Normalzustand ist), weil er zu dick ist.
Der Mann konnte vor Ort nicht reanimiert werden, weil er zu dick ist. Das muss man sich vorstellen, dass die händisch ausgeführte Herzmassage das Herz durch die Fettschicht nicht erreichen konnte. Übrigens hat auch ein Defibrilator da irgendwann … nun, Grenzen.
Der Mann konnte nicht auf der Trage, musste in einem Tuch transportiert werden, weil er zu dick ist.
Gestern musste ihm ein weiterer Zugang gelegt werden, weil die vorhandenen rund um die Uhr belegt sind, da war ein Intensivmediziner mit der Schwester in zwei Anläufen fast 45 Minuten alleine damit beschäftigt bei dem Mann eine Blutbahn zu erahnen und zu treffen, was praktisch nur noch auf Verdacht möglich ist, weil er zu dick ist.

Der Mann ist krank, weil er zu dick ist und nun konnte er nicht rechtzeitig medizinisch versorgt werden – obwohl die Hilfe und alle medizinischen Geräte schnell vor Ort waren – und auch jetzt ist es sehr schwer die einfachsten medizinischen Schritte an ihm vorzunehmen – weil er zu dick ist. Und das nenne ich die Quadratur des Kreises.

Man kann es sich bewusst machen. Und vielleicht allerspätestens beim After-Reiniger aufwachen.

1 Kommentare:

Claudia Braunstein hat gesagt…

Mir läuft gerade ein ziemlicher Schauer über den Rücken. Ja, das macht sehr nachdenklich. Liebe Grüße aus Salzburg, Claudia

Kommentar veröffentlichen

Fröhlich sein, freundlich bleiben und bitte immer gesund wieder kommen!