2015-12-01

Simply enttäuscht von „Geschickt eingefädelt”

Nun ist die fünfte Folge „Geschickt eingefädelt”, der deutschen Variante des britischen – dort sehr erfolgreichen Formats - „The Great British Seweing Bee” gelaufen und ich bin's eben: enttäuscht.

VOX hat es vorgezogen sich in allen Änderungen konträr zum Original falsch zu entscheiden. Das fängt damit an, dass die Person, die sicherlich vom Handwerk und Kreativität mehr versteht, gleichzeitig den Moderator und Betreuer der Kandidaten geben muss. Eine Aufgabe, der Guido Maria Kretschmer leider nicht gerecht wird. Beziehungsweise er sie leider in einer Art und Weise bedient, wie sie sicherlich in seinem sonstigen Hausformat „Shopping Queen” beim gleichen Sender nachgefragt war und ihn auch für das TV empfahl. Hier aber wäre weniger der Clown, dafür der in der Materie steckende Fachmann die angenehmere Begleitung gewesen.

Denn bei „Geschickt eingefädelt” geht es nicht darum anzumerken, dass die eine Kandidaten sich wie eine Marktfrau kleiden würde oder er sich nicht ausmalen möge, wenn Kandidatin X (größere Konfektionsgröße) vom Tisch fallen würde auf Kandidaten Y (kleinere Konfektionsgröße). (Es stand nie zur Debatte, dass Kandidatin X von irgendeinem Tisch in diesem Format fallen würde.) Guido Maria Kretscher hat allzu offensichtlich ein Problem mit Frauen, die nicht in seine übliche Kollektion passen würden und deswegen meint er, sei es legitim, sich an dieser einen Kandidatin abzuarbeiten. Dabei hilft ihm die Redaktion im Schnittraum allzu übereifrig. Wenn eine Aufgabe „Schlankmacherkleid” lautet – und der erste Schnitt nach Nennung des Wortes auf das Gesicht der einzigen Kandidatin fällt, die größer als Konfektionsgröße 42 trägt, ist das fantasielos, geschmacklos und im Grunde bloß dumm. Es berührt mich allenfalls peinlich. Unterhaltend ist es nicht.

Das – vorneweg – hat bei mir im übrigen die allergrößte Störung ausgelöst. Denn es ist der ganz besondere Flair von „The Great British Sewing Bee”, dass die Teilnehmer und Teilnehmerinnen mit ihrem Talent mit großem Respekt präsentiert und dabei nie vorgeführt werden. Alleine wie dort in der zweiten Staffel eine Teilnehmerin mit Hör- und Sprachbehinderung mit völliger Selbstverständlichkeit in dem Format ihren Platz findet – und später zum Weihnachtsspecial erneut eingeladen wird, zeigt die humane Souveränität des Formates. Das genau macht – vom inhaltlichen Thema Nähen abgesehen – diesen besonderen Reiz aus beim Zusehen. Teilnehmer einer Show im Wettbewerb dürfen sein ohne vorgeführt zu werden. Sie dürfen kreativ sein, ihre Arbeit demonstrieren, Sorgen und Ängste in einem Wettkampf zeigen, ohne dass in der Regie das Material so zusammen geführt wird, dass sie hinterher blöd da stehen. VOX hat es einfach gar nicht verstanden!

Jetzt möchte ich sehen, wie VOX an gleicher Stelle eine Person mit Behinderung überreden wollte bei diesem Format mitzumachen, nachdem man schon keine Chance ausgelassen hatte, die einzige Teilnehmerin mit Übergröße in jeder Folge vorzuführen. Ist das eine Empfehlung? Für was?

Die Sicherheit, dass sich die Teilnehmer wohl fühlen können, alleine auf ihr Talent und Können hin bewertet und präsentiert werden, das macht die hohe Kunst von „The Great British Sewing Bee” aus. Vox hat sich leider nicht sehr viel Mühe gegeben, dieses Niveau der Vorlage auch nur annähernd zu erreichen.

Gesucht wird der „talentierteste Hobbynäher Deutschlands”, weswegen VOX zwei (reizende und sicher talentierte) Teilnehmer ins Rennen zu schicken, die bereits auf Steuernummer nähen, somit also professionell nähen. Mir ist herzlich egal, wie VOX hier im Format eine ordentliche Männerquote hinbekommt. Aber bitte doch nicht in dem man mich Zuschauererin für so blöd hält!

Dann, das muss man auch sagen, wird erstaunlich schlecht genäht! Wer sich so einem Wettbewerb stellt, sollte in der Lage sein auf Nähaufgaben erfüllen zu können und wenigstens normale Nähte sehr sauber nähen. Ich verlange nicht, dass jemand aus dem Eff Eff Schnitte entwickeln kann – aber ein Reißverschluss sollte sitzen bzw. ordentliche Nähte an den Nähmaschinen genäht, sollten nun wirklich keine Herausforderung für die Teilnehmer sein bzw. ein Grund sein dürfen, das jemand gehen muss. Und ich bin sehr sicher, dass alle Kandidaten das Original kannten und in etwa eine Ahnung haben sollten, wie sie handwerklich sauber nähen können sollten, um bestehen zu können in diesem Wettbewerb. Das spricht leider dafür, dass vom Sender unter ganz merkwürdigen Maßstäben bzw. mit vom Formatthema losgelösten Zielvorstellungen gecastet wurde.

Interessant hierbei wie die Stimmen zum Format, die man in den sozialen Netzwerken zur Kenntnis nimmt, sich besonders gerne an der einzigen Jurorin abarbeiten, die dem Format den einen Hauch von fachlicher Kompetenz und somit dem am Thema Nähen interessierten Zuschauer etwas Mehrwert über das Zusehen hinaus vermittelt. Inge Szoltysik-Sparrer ist Schneidermeisterin und die Bundesvorsitzende des Maßschneiderhandwerks. Da hat man wirklich DIE Fachkompetenz im Land eingekauft und sie hätte dem Format – hätte man sich hier an das Original gehalten, das in den Folgen immer Ausflüge in die Nähtechnik, ins Stoffwesen oder in die Näh-Historie offerierte – so viel mehr geben können als die gesund kritische Jurorin. Also uns das hätte geben können, weswegen wir nähbegeisterte Menschen dieses Format auch gucken wollen: lernen beim Zusehen. Das durfte aber nicht sein. Warum? Weiß der Himmel! Das Original kann das, das kann auch mehr Aufgaben. Es kann überhaupt überall mehr.

Die zweite Jurorin, Anke Müller, mit irgendeiner DaWanda-Qualifikation, kleidet sich wenigstens bunt. Sonst auch bliebe sie äußerlich so wie sie inhaltlich bewertet: blass. Ihre Kommentare beschränken sich auf „toll”, „super”, „schöner Stoff”. Konversation auf Stoffmarkt-Niveau. „Total” kann sie oft sagen.

Und zum Schluss bleibt anzumerken, wie ganz bitter es ist ansehen zu müssen, wie der Handel – hier die Sponsoren der Sendung – so gar nichts aus ihrem Sponsoring für sich herausschlagen. Das ist wirklich unfassbar! Während der Stoffsponsor wenigstens noch vor dem Start der Sendung im Blog die Kandidaten vorstellte, interviewte und wenigstens etwas emotional für sich am Rad drehte, hat der Nähmaschinenproduzent Pfaff das Studio komplett mit der Technik ausgetauscht.

Aber sonst? Still ruht der Online-Marketing-See bei Pfaff. Fragen nach den Nähmaschinen werden in den jeweiligen Facebook-Gruppen nicht und schon mal gar nicht in Echtzeit beantwortet. Sorry, wenn ich als Unternehmen so ein Format unterstütze, stelle ich einen Mitarbeiter doch für die Nachtschicht in den sozialen Kanälen ab. Wenn dann von Paff (nach Hinweisen) Fragen nach Modellen beantwortet werden, dann nicht etwa direkt die Fragen in den Gruppen sondern weit entfernt und nur auf der eigenen Facebook-Seite, die einmal in der Woche mit Posts gefüllt wird. Dann aber auch gleich drei direkt hintereinander. Komplett losgelöst von der Sendung. Wenn es hoch kommt von immerhin sechs Figuren geliket, zwei Mal geteilt. Auf Twitter (wo sicherlich bei Ausstrahlung zum Format am meisten diskutiert wird) existiert Pfaff zwar mit einem Pfaff Deutschland-Account, der aber schweigt seit 2010. Dann gibt es noch einen internationalen Account, der brav und still vor sich hin twittert. Interaktion in den Sozialen Netzwerken mit Followern oder Freunden (aka potentiellen Käufern)? Die geht allerhöchstens soweit, dass kritische Kommentare auf Facebook gelöscht werden. Also solche, auf die andere Firmen kompetent mit einem „Danke für das konstruktive Feedback!” reagieren würden.

Pfaff, das muss man sich erst einmal vorstellen, hat es als Hauptsponsor des Formates sogar hinbekommen, dass eine von den zwei bloggenden Kandidatinnen, die nun sogar im Finale steht, als Kooperationspartner mit dem Nähmaschinenproduzenten Bernina in ihrem Blog arbeitet. DAS muss man erst einmal schaffen! (Sorry, ich habe Omas Pfaff hier stehen. Mir tut soviel Inkompetenz in den neuen Medien dieses Unternehmens wirklich im Herzen weh!)

Beschließt aber schlussendlich die Quadratur des Kreises von „Geschickt eingefädelt – Wer näht am besten?” in der Gänze. Ich bin froh, dass ich mir die dritte Staffel des Originals der BBC noch aufgehoben habe. Ich werde sie mir jetzt in den Weihnachtstagen gönnen, die deutsche Variante werde ich dabei schnellst möglich vergessen. Sie hat sich das verdient! Einschließlich ihrer drölfmillionsten „Upcycling”-Aufgabe. Da wurde ein Hype so etwas von tot genäht.

Wie gesagt, ich bin enttäuscht.

12 Kommentare:

Karina Sommer hat gesagt…

Super geschrieben und mir voll aus dem Herzen gesprochen. Die Sendung ist wirklich unter aller Kanone, ich kann mir (gemessen an der Facebook-Seite und den Wortmeldungen) auch schon denken, wer gewinnt. Was die Sozialen Netzwerke angeht...auch auf der FB-Seite der Sendung wird gern gelöscht. Bin mal gespannt, wie lange der Link zu diesem Beitrag existiert. Ich hatte einen Link zu rp-online eingestellt, mit einer tollen Kritik zur Sendung, der war nach 3 Stunden verschwunden....statt mal zu sowas Stellung zu nehmen, hüllt man sich lieber in Schweigen.

Liebe Grüße
Karina

Patricia hat gesagt…

Sehr, sehr gut und wahr geschrieben!

+TüDElüT!? hat gesagt…

Zu allen Punkten ein großes Ja!
Du sprichst mir aus der Seele!
So ein Schrott muss man nicht schauen!

Karina Sommer hat gesagt…

PS: Der Link ist gelöscht auf der Facebookseite....

creezy hat gesagt…

@Karina Sommer
Danke Dir! Die können in den eigenen Facebook-Gruppen natürlich tun und lassen, was sie wollen. Wenn die Direktive lautet „Fremdlinks löschen”, ist das sicherlich aus der Erfahrung heraus für die Online-Redaktion das probate Mittel. Wenn auch schade.

Was ich grenzwertig finde, wenn dort Kommentare rausfliegen, die angemessen aber kritisch z. B. das Fatshaming in der Sendung ansprechen. Sie nicht zu kommentieren, geschenkt. Sie zu löschen: ultraschwach. Wer produziert muss Kritik aushalten können.

@Patricia
Dankeschön!

@+TüDElüTi?
Dir auch dankeschön! Oberschrott war es ja nicht, es gibt schlimmere Formate.

Ich glaube, VOX hat gar nicht bedacht, wie viele Menschen hierzulande das Original kennen und lieben – und vor allem, warum wir es lieben! Eben nicht nur, weil „genäht” wurde. Sondern weil mit Qualität genäht wurde, mit Qualität mit den Kandidaten umgegangen wurde und in der Näharbeit an sich dem Zuschauer Qualität vermittelt worden ist.

Da reicht es eben nicht einen Guido Maria Kretschmer vor die Kamera zu stellen.

Babs hat gesagt…

Du sprichst einige sehr interessante Punkte an, die ich so gar noch nicht bedacht hatte.
Danke dafür. Ich find's grad so unglaublich schön, wie die Nähcommunity einfach ihre Stimme erhebt.
Ein Hoch auf das Internet! Ich komme mit der Bundesvorsitzenden nicht so richtig klar, ich frag mich aber auch, ob ich sie anders wahrnehmen würde, wäre der insgesamte Umgangston nicht so respektlos (gewesen).

Muriel.Nahtzugabe5cm hat gesagt…

Sehr gut geschrieben. Vielen Dank.
Komme zu einem ganz ähnlichen Fazit.
Lieber Gruß,
Muriel

creezy hat gesagt…

@Babs
Ich danke Dir auch! Ja, man merkt doch das Gefälle zwischen dem VOX-Zuschauer und Guido-Fan, die das Format gucken und den Leuten, die das Format dem Original und dem Hobby wegen gucken. Ich fürchte, VOX hat das nicht auf dem Plan. Also wie groß (und aktiv) die zweite Gruppe hierzulande ist.

Zur Bundesvorsitzenden: Inge ist, fürchte ich, auch bloß Opfer der Inszenierung also Dramaturgie (wie Meike) geworden. Guido darf ja nicht das echte Asshole sein, also musste das Inge hergeben. Dafür macht sie das eigentlich gut und fair. Ich habe in allen Kandidaten-Interviews gelesen, dass die Leute nur sehr begeistert und fast liebevoll von ihr gesprochen haben. Sie muss auch viel mit den Leuten gearbeitet haben, das merkte man gestern bei der „Rechts-Links-Naht”. Da ist offensichtlich im Vorfeld geübt worden und nur wir Zuschauer sind davon leider ausgeschlossen gewesen. Ich habe immer das Gefühl gehabt bei Inges Kritik, hätten wir alles zu sehen bekommen (was natürlich nicht geht), hätte man Inges Kommentare vermutlich ganz anders aufgenommen.

@Muriel.Nahtzugabe5cm
Ich danke Dir, ich hab Dein Post mit Freude gelesen! ;-)

PinkPanthress hat gesagt…

Ich schaue da nicht oft rein, aber was ich bis jetzt mitbekommen habe ist nicht so toll...
Super blog Eintrag, es gibt teilweise echt meine Gedanken wieder... ich bin enttäuscht von der deutschen Version.

Tom Conrad hat gesagt…

Hallo Creezy,
Ich kenne das Original des Formats nicht - trotzdem habe ich mir die deutsche Ausgabe anders vorgestellt. Ich dachte, es würde mehr gezeigt, Technik, Stoffkunde, und wie einfach das tolle Hobby sein kann. Ich dachte die Sendung würde Anreize schaffen, um mehr Menschen zum Nähen zu bewegen, die sich bisher vielleicht bis jetzt nicht an das Thema heran getraut haben. Davon hätte doch die ganze Branche profitiert. Das was jedoch hier Dienstags Abends gezeigt wird, würde besser ins Nachmittags Programm passen.

Gruss
Tom

Jenny Lehnert hat gesagt…

Hallo.
Danke für diese tolle konstruktive Kritik. Es spricht mir aus dem Herzen und aus der Seele was du schreibst.
Leider kenne ich das Original nicht, aber das werde ich jetzt ändern.

Nach der ersten Folge war die deutsche Variante für mich nur zum wegschalten. Ich habe keine zehn Minuten am Stück ausgehalten.
Ich finde das Lästern von GMK total daneben, so habe ich das empfunden. Ich hätte mir mehr Stoffauswahl, und mehr Themenvarianten gewünscht.
Inge fand ich übrigens super!

Liebe grüße

Jenny

blaupause7 hat gesagt…

ich glaube, die zweite staffel wird nicht besser. mittlerweile versucht man dort, mit nackter haut zu punkten, in dem fall ging es darum, für männliche modelle hemden zu schneidern und den schnitt auf das individuelle maß abzuändern.

und was muss ich bein vermessen feststellen? die maße werden am nackten oberkörper des jeweiligen modells genommen, das im ungünstigsten fall auch noch völlig schief und krumm oder angespannt dasteht.

dass die ergebnisse dann zu wünschen übrig lassen, wundert mich da nicht mehr.

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