2015-06-14

Warteschlangenasozialität

Gestern, ein hochsommerlicher Samstag mit Aussicht auf Temperaturen nahe der 30 Grad Grenze, gönnte ich mir zum Wochenende die guten Erdbeeren vom Erdbeerhäuschen. So ein Häuschen steht in Fußbweite meiner Dockingstation, ich lebe hier, ich kann es nicht oft genug betonen, in einer Komfortzone. Diese Erdbeerverkaufquelle ist generell gut frequentiert, länger als bis 15 Uhr hat sie ihre Klappfenster selten geöffnet, dann ist die Tagesration ausverkauft. Schon als ich gestern gegen halb elf Uhr los fuhr, um einige Besorgungen zu machen, sah ich vor dem Häuschen eine kleine Warteschlange. Also alles wie immer.

Nicht ganze zwei Stunden später kehrte ich zurück und stellte mich in die kleine Schlange an. Kleine Schlange heißt knappe sechs Leute vor mir. Das ist also nichts. Diese Menge Mensch ist normalerweise in vier Minuten abgearbeitet, hoch geschätzt. Die Frau, deren Alter ich auf Ende 50, Anfang 60 schätzte, hatte ob der Wärme – und vermutlich Verkaufstätigkeit seit dem Morgen ohne Pause – einen hochroten Kopf. Sie wirkte so, als hätte sie ihre persönliche erste Grenze des Tages ob der Wetterumstände bereits erreicht. Und – wer könnte ihr das verdenken?

Als ich mich in die Schlange stellte, ging es zunächst nicht weiter mit dieser. Aus einem ganz einfachen Grund. Die Verkäuferin im Häuschen musste das betreiben, was man im Ladenbetrieb als Regalpflege bezeichnet, hier: die leeren grünen Umverpackungen zusammen räumen und weg stapeln. Der Platz in diesen Häuschen ist begrenzt. Und sie musste dementsprechend neue Umverpackungen mit Erdbeerkörbchen in der Auslage aufbauen. Das dauerte halt seinen Moment und – zumindest mir – war die Notwendigkeit dieser Pause bewusst, die mitnichten und für alle sichtbar keinesfalls bedeutete, die Frau würde eine Pause machen.

Das sah das Arschloch-Paar, das vor mir stand ganz anders. Vorneweg der Arschloch-Mann, frisch geduscht in kurzen Hosen, der im späteren Verlauf bei seinen zynischen Bemerkungen seine Frau und das noch vor ihnen stehende Paar mit einlullte und offensichtlich auch deren Zynismus erweckte. Man war sich also in vergleichsweise hochwertiger Klamotte – und offensichtlich ohne der Notwendigkeit im gleichen Alter wie diese Frau (also kurz vor oder knapp nach Renteneintritt) an einem Samstag in brütender Hitze arbeiten zu müssen – darin einig sich genötigt zu sehen, sich bissig, asozial, hetzend, ätzend und schlussendlich sexistisch über diese hart arbeitende Frau zu ereifern. Weil man fünf Minuten bei schönstem Wetter an einem wundervollen Tag in einer kurzen Schlange stehen musste.

Ich habe natürlich keine Ahnung, wie lange dieser Mann unter gleichen Arbeitsbedingungen in diesem Häuschen ausgehalten hätte. Vermutlich keine halbe Stunde. Und selbst danach hätte er wahrscheinlich noch drei Tage lang erzählt, war er doch für ein toller Hecht sei und was das für ein einfacher Job sei und im Grunde es eine Frechheit sei, dass „solche” Leute nun auch noch ganze 8,50 Euro die Stunde erhalten. Dies ist natürlich nur eine Unterstellung; aber die Bewahrheitung, so lehrt mich meine Erfahrung mit solchen Menschen, eine Routine.

Lange Rede, kurzer Sinn. Es war gestern ein wunderschöner sonniger Tag, die Luft roch sommerlich, die Menschen hatten gute Laune, es gab überhaupt keinen Grund sich beim Kauf eines Kilos Erdbeeren über irgendetwas aufzuregen. Bis dieser Depp sein unqualifiziertes Maul aufmachte.

Und: es sind immer Männer, die, wenn sie mal ihrem Gefühl nach eine Sekunde zu lange irgendwo anstehen müssen, der Meinung sind das teilweise sehr unflätig kommentieren zu müssen und damit allen Umstehenden ungefragt die Luft verpesten - und dann gerne ausfallend und oft sexistisch sich den – meist Kassiererinnen – verbal annähern wollen.

Lasst es bitte sein! Es nervt!

Ich habe es schon zu oft mit anhören müssen. Ich verstehe auch den Sinn nicht. Sollte dieser Sinn sein, dass ich etwa einen wie ein Kleinkind hinter mir nölenden erwachsenen Mann vorlasse? Dann vergesst es. Schon aus Prinzip nicht. Und für den Rest gilt: Ihr verpestet bloß die Luft. Eure Probleme interessieren mich nicht. Sie sind auch gar keine, man nennt das ganz simpel: Alltag. Und niemand ist ein Held, der den Alltag an einem Erdbeerhäuschen oder Supermarktkasse nicht aushalten kann. Es macht Euch nicht attraktiv, es macht Euch nicht sexy. Das Einzige, was man empfindet, ist Ekel.

4 Kommentare:

Bhuti hat gesagt…

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fotoralf hat gesagt…

Das scheint ein universelles Problem zu sein. Letzten Freitag in Aachen ließ sich einer dieser Silberrücken darüber aus, mehr vom teuren Spargel könne er sich als armer Rentner nicht leisten.

Die Verkäuferin, die dort ebenfalls in der sengenden Sonne stand und das Rentenalter schon länger überschritten hat, hat sich in bewundernswerter Weise zurückgehalten.

Ich glaube, wir waren beide einfach nur froh, als das Arschloch endlich in seinen Jaguar gestiegen und abgehauen ist.

raupenblau hat gesagt…

Hier bei mir in schöner Regelmäßigkeit: Post-Filiale kurz vor Schließung. Ja, die Öffnungszeiten sind be******en und deswegen kommen alle auf den letzten Drücker (ich ja auch), aber dafür können die Leute hinterm Schalter nichts.

Und wirklich jedes Mal pöbelt lauthals einer*eine rum. Meistens Männer, manchmal auch Frauen (minus dem Sexismus). Als ob das alles eine Überraschung wäre und als ob man sich nicht einfach was zum Lesen mitnehmen könnte - stattdessen lieber zwanzig Menschen die Ohren vollplärren. Gute Kinderstube ist für mich was anderes.

Vielmehr, als den Leuten am Schalter nett einen schönen Feierabend und Durchhaltevermögen zu wünschen, kann man leider nicht machen.

Alessa hat gesagt…

Genau so sieht's aus.

Im Supermarkt, den ich aktuell für den Wochenendeinkauf bevorzuge, zieht man seit einigen Monaten wieder Nummern an der Wurst- und Käsetheke - und plötzlich ist das Rumnölen und sich-mal-eben-schnell-Vordrängeln-weil-man-die-anderen-x-Kunden-vor-einem-nicht-bemerkt-hat fast verschwunden.
Man zieht seine Nummer, flaniert entspannt an der Auslage entlang und schaut sich ggf. die Angebote an und wenn die Differenz zwischen aktuell aufgerufener und selbst gezogener Zahl recht groß ist, sind auch die TK-Waren und Milchprodukte in unmittelbarer Nähe, so dass man noch eben zwischendurch dort was holen kann.
Prima Sache. :-)

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