2014-11-12

Sterben

Ein Streitgespräch in der taz zur Diskussion aktive Sterbehilfe. Eine der Stimmen, Gita Neumann, sagt in dem Gespräch „Bewusste Abschiede sind das Beste, was Sterbenden passieren könne.”

Montag Abend lief auf 3Sat ein stiller, klarer Film unter dem Titel „Intensivstation”. Gezeigt wird Leben und Sterben auf einer Intensivstation in dem vorrangig Ärzte und Personal, wenn fähig, auch die Patienten zu Wort kommen. Ich kann nur empfehlen, auch wenn das Thema nicht attraktiv zu sein scheint, sich diesen Film anzusehen solange er in der Mediathek verfügbar ist. Denn er kann Angst nehmen und Klarheit schaffen. Auch Vertrauen schaffen in Ärzteschaft. Vor allem aber wird durch diesen Film deutlich, wie sehr wichtig es ist, dass man sich im Vorfeld Gedanken über das eigene Sterben macht und diese schriftlich fixiert.

Der Film zeigt behutsam und direkt, was Intensivmedizin bedeutet. Wo sie gut tut und hilft. Wo sie natürliche Grenzen gesetzt bekommt und was passiert, müssen diese Grenzen überschritten werden aufgrund unserer Rechtslage. Nämlich dann, wenn Intensivmedizin verlängertes Leiden im Sterbeprozess bedeutet. Was bedeuten kann, am lebendigen Leib zu verfaulen, weil die Sepsis, ein Organversagen infolge dessen man früher ohne Versorgung binnen weniger Stunden verstorben ist, nun mit Intensivmedizin über Monate hinaus gezögert werden kann. Obwohl das Ende frühzeitig absehbar ist. Ein Leiden, das Ärzte kennen, um das die Ärzte wissen, ihnen aber ohne eine rechtliche Verfügung des Patienten für lange Zeit die Hände gebunden sind, denn es gilt Leben zu erhalten.

Dieser Film gibt indirekt Tipps hinsichtlich der eigenen Patientenverfügung. Gezeigt wird am Ende – neben vielen anderen aus unterschiedlichen – und nicht immer traurigen – berührenden Szenen ein besonderes Gespräch. Geführt von einer Ärztin mit einem Patienten, der den Zuschauer bis zu dem Zeitpunkt tapfer, lustig und liebenswert durch den Film getragen hatte und dessen Ende nun zeitnah bevorsteht. Der für sich in einer Patientenverfügung weitere Rettungsmaßnahmen ausgeschlossen hat. Es geht in diesem gemeinsamen Gespräch darum, wie sich sein Ende voraussichtlich anfühlen wird und was es für Angebote für ihn gibt, damit er sanft gehen kann. Wohlbemerkt: nicht aktiv getötet. Aber so, dass er seinen Herztod nicht bei Bewusstsein erleben muss.

Ich habe dieses Gespräch als so ermutigend empfunden. Denn Klarheit haben zu dürfen über das eigene Sterben, entscheiden zu dürfen bis zu einem bestimmten Punkt, kann, so stelle ich mir das vor, viel Frieden schenken. Mitentscheiden zu dürfen, mündig sein zu dürfen, das kann noch ein großes Glück sein am Ende eines Lebens.

Was auch in diesem Film deutlich wird, wie sehr der Mensch immer an seinem Leben hängt. Der Pfleger, der erzählt, dass die allermeisten Menschen, die vor einer Diagnose noch die Meinung vertreten, bestimmte Therapien nie in Anspruch nehmen zu wollen, beim Eintreten einer lebensbedrohlichen Erkrankung dann doch jede mögliche Behandlung für sich wünschen, die es gibt. Man hängt an diesem einen Leben viel mehr als man manchmal glauben mag.

Diese Beobachtung spricht auch dafür, was alle Statistiken der Länder besagen, wo eine aktive Sterbehilfe gesetzlich möglich ist. Das aktive Sterbehilfe eher selten tatsächlich nachgefragt wird. Dort, wo sie aber gewünscht wird, soll man den Menschen ermöglichen, dieses persönliche Glück am Ende eines Lebens haben zu dürfen: Bewusst Abschied nehmen zu dürfen, wenn man es noch kann. Für sich in Frieden.

(„Intensivstation” ist noch fünf Tage in der Mediathek zu sehen.)

4 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Danke für den Tip zu diesem Film - und Deine Worte zu diesem Thema.
Ich habe erst vor acht Wochen erleben dürfen, wie ein würdevoller Umgang mit einem Sterbenden in einem Krankenhaus aussehen kann. Die Ärzte boten zwar -pflichtgemäß- lebensverlängernde Maßnahmen an, aber respektierten die Entscheidung dagegen. Mein Vater konnte in Ruhe gehen. Mich erfüllt jetzt noch große Dankbarkeit für diesen Abschied.
Liebe Grüße einer jahrelangen aber bisher stummen Leserin
Eva Maria

Kitty Koma hat gesagt…

Danke!

Barbara hat gesagt…

Vielen Dank für den Tipp! Die Klarheit und Ehrlichkeit im Handeln aller Beteiligten, aber auch die in der Erzählstruktur seitens der Filmemacher ist wirklich eindrucksvoll. Ich trink jetzt ein Glas Sekt: auf das Leben!

creezy hat gesagt…

@Eva Maria
Das tut mir sehr leid, dass Du Abschied nehmen musstest von Deinem Vati. Das ist eine besondere Zeit für Dich und Deine Familie, das weiß ich sehr gut!

Aber es hört sich auch gut, dass Dein Vater eine gute Begleitung hatte auf seinem letzten Weg. Ich weiß, dass ein Abschied zu erleben, der friedvoll ist, für die Zurückbleibenden sehr viel hilft im Trauerprozess.

Alles Liebe Dir, Euch!

@Kitty Komma
Gerne!

@Barabara
Trinke ich mit! Auf das Leben! ,-)

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