2011-02-04

Gedankenspinnerei

Neulich habe ich irgendwo gelesen, dass wir Deutschen völlig überversichert sind. Und im gleichen Artikel gelesen, dass wir heillos unterversichert sind. Wenn man diesem journalistischen Qualitätsbeitrag Glauben schenken darf, zahlen wir jährlich 54 Milliarden Euro (!) in irgendwelche Schnullidulli-Versicherungen. Irgendwo im Vorbeigehen habe ich mitgenommen, dass es in Deutschland mehr abgeschlossene Lebensversicherungen gäbe, als Einwohner. Aber natürlich wird weiterhin viel pro Versicherung Stimmung gemacht und uns eingeredet, wir seien längst nicht in allen Lebenslagen ausreichend versorgt, was unseren Versicherungsschutz anbelangt.

Beispielsweise wird uns ständig erklärt, wir würden alle immer älter werden und müssten finanzielle Vorsorge, Vorsorge und nochmals Vorsorge betreiben. Weil wir doch alle gesünder leben würden, wir dank besserer gesundheitlicher Vorsorge seltener krank werden. Oder alternativ, dank der Krebs-Früherkennungen, eher eine Heilung möglich ist als früher bzw. man durch neue Behandlungsmethoden zumindest deutlich länger mit einer Krebserkrankung lebt als noch vor 20 Jahren. Wir arbeiten heute weniger risikobereit oder anstrengend. Dem Ganzen anheimgestellt immer wieder der Hinweis, wie wichtig es ist, ausreichend für den langen Lebensabend vorzusorgen.

Das ist, wie ich finde, eine interessante Aussage in der Konklusion, bedenke ich dann die stetigen anderen Hinweise, wie gefährlicher unser Leben zunehmend wird und ich frage mich immer häufiger, was eigentlich, wenn dieses Lebensmodell dann doch nichts anderes ist als eine riesige Lebenslüge? Von der Versicherungslobby initiiert? Big Business, dem natürlich unsere dumpen Politiker mit hoher Begeisterung folgen? Andererseits stehen doch auch diese ganzen anderen negativen Vorzeichen:

• Die Umweltverschmutzung nimmt zu. Auch hierzulande werden wir immer häufiger mit den Konsequenzen einer unausgeglichenen Klimawelt leben müssen. Umweltkatastrophen fordern Todesopfer. Hautkrebs beispielsweise, der ursächlich in Verbindung mit der von uns vorsätzlich zerstörten Ozonschicht einhergeht, hat die höchsten Steigerungsraten, was Krebserkrankungen in Deutschland anbelangt. Er rangiert längst vor Brust- bzw. Prostatakrebserkrankungen. Im Vergleich zu 2005 ist die Hautkrebsrate 2010 um lässige 39% (!) gestiegen. Und: die Patienten werden immer jünger: die Erstdiagnose wird immer häufiger bei Menschen unterhalb ihres 40. Lebensjahres gestellt.

• Derzeit gibt es kaum eine Krebserkrankung, die nicht als in ihrem Auftreten als steigend beziffert wird. Dabei ist übrigens mittlerweile weniger relevant, dass immer ältere Menschen häufiger an Krebs erkranken, sondern die Tatsache, dass immer jüngere Menschen heutzutage immer früher mit der Diagnose Krebs konfrontiert werden. Teilweise in einem Alter, in dem die seitens der Kassen verordneten Vorsorgemodelle noch gar nicht greifen. Vor zehn Jahren sind z. B. noch primär Frauen erst in einem Alter ab 60 Jahren an Brustkrebs erkrankt, heute sind Frauen, die die Diagnose im Lebensalter von 35 Jahren erhalten, nicht einmal mehr eine Ausnahme. Besonders tragisch dabei: die Tumoren werden immer aggressiver.

• Die Deutschen essen immer mehr Schrott. Und zwar auch ohne von geldgeilen Lieferanten der Positivliste übervorteilt zu werden. Wir brauchen keine Dioxin-Skandale, um zu wissen, dass in unseren Lebensmitteln unzählige Zusatzstoffe enthalten sind, die von gesunder Ernährung soweit entfernt sind, wie Sarrazin vom Bosporusurlaub. Viele der Zusatzstoffe stehen im Verdacht krebserregend zu sein. Dennoch dürfen sie, gesetzlich befürwortet, in eingeschränkter Menge unserem Essen beigemischt werden.

• Und selbst, wenn uns der Joghurt keinen Krebs bescheren sollte, werden uns zunehmend Aromastoffe, Süßstoffe ins Essen gemischt, die dafür bekannt ist, dass sie zu Übergewicht führen. Es gibt heute unzählige Esswaren, die beispielsweise durch die Beimengen von Geschmacksverstärkern vom Handel bewusst gewünscht zu Abhängigkeiten führen. Nebenbei sind die meisten Lebensmittel übersalzen oder überzuckert. Die Folgen sind für den Menschen Übergewicht, Bluthochdruck und Diabetes. Krankheiten also, die zu Lasten unseres Herz- und Kreislaufsystems gehen und schlussendlich zum Versagen führen können. Zwar sind hierzulande die letzten Jahre die Todesfälle aufgrund eines Myokardinfarkts gesunken, was mit an der besseren Aufklärung der Menschen als auch an der flächenübergreifend guten medizinischen, in den letzten Jahren verbesserten Versorgung (Notfalldefibrilatoren) liegt. Nur: an genau diesem System wird immer mehr gespart werden. Die Zahlen werden sich Ungunsten der Patienten über kurz oder lang wieder nach oben erholen.

• Die Zahlen der Todesfälle durch Herzinfarkt sind auch deswegen gesunken, weil viele Menschen heute körperbewusster, sportlicher durchs Leben gehen. Aber: die Schere zwischen reichen und denen an bzw. unterhalb der Armutsgrenze lebenden Menschen in Deutschland ist in den letzten Jahren sehr viel größer geworden und diese Entwicklung wird fortschreiten. Es wird immer mehr Menschen geben, die für einen körperlichen Ausgleich, eine gesunde Lebensführung deutlich weniger bis gar kein Geld zur Verfügung haben werden. Sie werden sich zwangsläufig schlechter ernähren müssen. Sie werden – sofern sie Arbeit finden – deutlich mehr arbeiten müssen, als jemals zuvor, um einen Lebensstandard kurz nach der Armutsgrenze finanziert zu bekommen. Sie werden zunehmend verstärkt Sorgen um ihre Existenz haben, negativer Stress und übermäßige Arbeitsbelastung machen nicht gesund, das ist bekannt. Kurz: die Herzinfarktraten werden wieder steigen. Und mit ihnen die Rate der Mortalität.

• Das Thema zunehmende Armut in Deutschland – nicht nur im Alter – zeigt auch jetzt bereits Auswirkungen in der Mortalitätsrate. Wir wissen mittlerweile, dass Armut depressiv macht. Und Depressionen greifen auf Dauer das Herz an. Lebensumstände, die zum Beispiel keine gesunde Ernährung ermöglichen (s. o.), tun ihr übriges. 2009 haben sich in Deutschland 9.000 Menschen das Leben genommen, 100.000 Menschen haben einen Suizidversuch begangen. Es ist bekannt, dass sich ältere Menschen häufiger selbst richten, oft in Abhängigkeit von Krankheiten.

• Das Robert-Koch-Institut hat ermittelt, dass 60-jährige Männer in den höchsten Einkommensschichten eine Lebenserwartung von circa 28 Jahren haben, Männer gleichen Alters aus den unteren Gehaltsschichten indes nur noch eine Lebenserwartung von ungefähr 15 Jahren.

• Über kurz oder lang wird die Regel „Frauen leben länger als Männer“ keinen Bestand mehr haben. Einerseits liegt das in der Logik der Gleichbehandlung, daraus resultiert, das ist bekannt, eine Angleichung der Verhaltensweisen innerhalb der beiden Geschlechter. Mittlerweile rauchen mehr jüngere Frauen als Männer. Sie arbeiten mittlerweile ebenso in ihre Gesundheit gefährdenden Jobs wie früher nur Männer. Der berufliche Stress nimmt für sie stetig zu. Die Mortalitätsrate bei Alkoholkrankheiten, Lungenkrebs, Herz-Kreislauferkrankungen nimmt bei Frauen derzeit zu.

• Frauen sind im besonderen Maß die Leidtragenden der heutigen Regierungspolitik. Sie verarmen nach wie vor eher. Sie sind weiterhin häufiger Alleinerziehende als Männer. Sie arbeiten häufiger in 400-Eurojobs und sind eher gezwungen, sich in Demut zu üben, sei es gesunde Ernährung oder Sorgenfreiheit (finanzieller und sozialer Natur) betreffend. Sie haben deutlich weniger Chancen, mangels Sparmöglichkeiten, jemals in ein den Lebensstatus ausreichend absicherndes Rentenmodell zu gelangen. Sie geraten weiterhin eher in Altersarmut. Sie werden also noch häufiger als Männer über das Erreichen des Rentenalters hinaus zusätzlich arbeiten gehen müssen. Alles Faktoren, die negativen Einfluss auf die Lebensdauer haben. Kurz: die Differenz des längeren Lebensalters wird sich über kurz oder lang zwischen den Geschlechtern immer stärker aufeinander zu bewegen.

• Kurz oder lang wird hierzulande die Gesundheitsversorgung des Einzelnen auf eine Grundversorgung reduziert werden. Ein umfassende Behandlung wird nur mittels Zusatzversicherungen zu gewährleisten sein. Also wird sich auch hier eine Kluft auftun zwischen den Besserverdienenden und denen, die mit einem Existenzminimum langfristig durchs Leben gehen. Kein Aspekt, der für die eine Bevölkerungsgruppe medizinisch immer eine lebenserhaltende Maßnahme vorrätig halten dürfte. ALG II-Empfänger, Leiharbeiter, Mini-Jobber können sich schon heute, bei zum Beispiel einer Krebsbehandlung, eine Reha-Maßnahme nicht leisten bzw. müssen dafür Schulden machen.

• Im Zuge der Einsparungen im Gesundheitssystem nehmen die katastrophalen Zustände in der Hygiene in den Krankenhäuser weiterhin zu. Wir generieren hier unsere stetig steigende Sterberate selbst. Weiterhin gilt die Nachsorge nach Krankenhausaufenthalten und teilweise schwersten Operationen hierzulande mittlerweile als ebenso katastrophal. Man hat die Krankenhausaufenthalte aus Kostengründen der Patienten auf ein Minimum zusammen gestrichen, hat es aber gleichzeitig unterlassen, eine ausreichende Versorgung der Patienten zu Haus zu gewährleisten. Es gibt in Deutschland kein ernstzunehmendes Sterberegister. Menschen nach einer OP sterben zu Hause üblicherweise an einem Kreislaufversagen. Selten gibt es eine Diagnose post mortem, die da heißt Exitus infolge von mangelhafter OP-Nachsorge.

• Die Privatisierung von öffentlichem Eigentum wird zunehmend für vermehrte Katastrophen (beispielsweise im Nahverkehr) auch mit höheren Todeszahlen führen. Wir erinnern uns, die derzeitige Regierung bastelt an einem Konzept die Lagerung von radioaktivem Müll in Deutschland zu privatisieren. Wir werden in den kommenden 20-30 Jahren noch ein paar mehr oder weniger lustige Vorkommnisse hier in Deutschland erleben, die einem großen Teil der Bevölkerung sehr wahrscheinlich den Tod bringen dürfte. Beispiel: die Schachtanlage Asse.

• Alleine im letzten Jahr sind weltweit 300.000 Menschen aufgrund von Naturkatastrophen ums Leben gekommen (weswegen die Ergebnisse vom Klimagipfel im Vergleich zum monetären Aufwand der Terrorbekämpfung so unglaublich lächerlich sind). Tendenz weiterhin steigend. Klima herrscht auch in Deutschland und auch wir werden über kurz oder lang in ganz anderen Dimensionen von den Auswirkungen der Klimaveränderungen Schaden nehmen.

Wisst Ihr was? Ich höre jetzt einfach mal auf. Wenn ich die ganzen Cons so für mich addiere, glaube ich nicht an eine höhere Lebenserwartung der Deutschen im großen Stil. Zumindest nicht in dem Rahmen, wie sie mir deutsche Politiker und Versicherungsunternehmen weiss machen möchten.

3 Kommentare:

Spontiv hat gesagt…

Meine Altersvorsorge ist ganz einfach: gesetzl. Rente (ich rechne mit 50%), betriebliche Altersvorsorge, nen Fuffi monatlich in eine Rentenversicherung. Punkt. Achja, und das Haus. Wenn das zusammen nicht reicht hab ich Pech gehabt. Ich muss im Alter nicht mehr Geld haben als jetzt.

Man kann trefflich darüber streiten ob und welche Versicherung man braucht. Eine Berufsunfähigkeitsversicherung rechnet sich nur für jemanden der jung darein geht und absolut gesund ist - und bleibt. Mich würden die Beiträge ruinieren. Genauso wie alle anderen Versicherungen mit Gesundheitsbezug. Mal unabhängig davon würde keine der "gesunden" Versicherungen mir derzeit das Leben erleichtern!

Rechtsschutz ist ein ähnliches Thema. Ohne dat Dingen hätte ich keine funktionierende Heizung. Eine Versicherung gegen Elementärschäden gebietet das Hochwasser von 2002 und der Deich 100 Meter weiter. Eine Gebäudehaftplicht schreibt der Gesetzgeber vor.

Haftpflichtversicherungen mit Haftungssummen ab 5 Mille aufwärts sind auch so ein Thema. Was war denn der höchste Schaden den eine HV jemals zahlen musste? Weiss das einer? Eben?

Es trifft einen doch eh das Risiko gegen das man sich nicht versichert hat. Eine Versicherung nimmt einem das Denken auch nicht ab. Schliesslich muss man ständig das ganze Kleingedruckte und die darin versteckten Ausschlussklauseln im Kopp haben...

aquiigoespott hat gesagt…

Die Krux ist ja, dass bei den Riesterversicherungen eine jährlich anfallende Verwaltungskostenpauschale von 10% ein indirekte Subvention der Finanzindustrie ist und für den Versicherten ja nur die Brotkrumen bleiben. Die private Altersversorgung ist ja auch so eine Lüge, das geht ja nur bis zum Bezug von ALGII gut. Alles Kapitalbildende sollte einer genauen Prüfung unterzogen werden.

Haftpflichtversicherung macht Sinn.

Was mich an diesen ganzen Beiträgen stört, es sind meistens nur lancierte Verkaufsargumente der Versicherung- Finanzwirtschaft, damit das "dumme" Volk mal wieder ein paar Scheinchen locker macht.

spontiv hat gesagt…

@aquiigoespott
das dumme volk könnte ja mal dazulernen... tut es aber nicht.

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