2009-05-01

Tierheim



Ein Tierheim – kein Platz, den ich so richtig gerne besuche. Seit dem in Berlin das Tierheim von Lankwitz sich aufgemacht hatte nach Falkenberg, wo ein deutliches größeres Areal und der Neubau es zum größten und modernsten Tierheim Europas machte, habe ich noch nie dort hingefunden. Hohenschönhausen, Falkenberg, Ahrensfelde – das sind nicht die Bezirke, die der Süd-Berliner, wenn er keinen triftigen Grund dazu hat, mal eben nebenbei aufsucht. Das ist so ähnlich wie mit Spandau. Kurz: aus Sicht einiger Bezirke dieser Stadt liegt das Tierheim a. A. d. W.



Dazu hatten mich damals persönlich Aufnahmen vom neuen Tierasyl abgeschreckt. Die Beton-Landschaft auf Fotos empfand ich wenig ansprechend, trotz der vielgeschworenen Vorzüge: mehr Platz für mehr Tiere (was für ein trauriges Marketingargument für sich), weit auslaufende Flächen für größere und kleinere Nutz- und Huftiere und sonstigen spaßigen Gesellen, die lieber in den sterbenden Streichelzoos der Bezirke kleinen Berliner Gören einen Hauch von Nähe zum Nutztier ermöglichen wollten. Einen größeren Sammelort schaffen zu müssen für des Menschen liebstes Haustier aller Rassen? Manche Notwendigkeiten erklären sich dem Tierfreund nicht immer.

Kurz und gut, das Tierheim existiert an seinem neuen Ort schon seit zehn Jahren und mein einziger Berührungspunkt bisher war ein Anruf dort, als ich wieder ein Kätzchen haben und mich nach den Modalitäten erkundigen wollte. Die Dame damals am Telefon, kurz angebunden bis sehr schnippisch, lud mich auch nicht wirklich ein dort vor Ort nachzugucken. Chance vertan, ich fand mein Glück (sogar mal zwei) in der Zweiten Hand.

Letztes Wochenende dann, aus der spaßigen Laune heraus einer Freundin von uns einen Pudel zum Geburtstag schenken zu wollen (nein, nie wirklich: es war nur ein Scherz ihr gegenüber!) und dem Wunsch der anderen Freundin, die seit langem davon träumt, dass ihr ein Dackel in die Arme laufen könnte, in der Kombination mit einem Auto im Hinterhalt, perfektem Wetter außerhalb, freie Zeit und Muße, haben wir uns mit dem Stadtplan aufgemacht in Richtung „Stadt der Tiere“. Schönes Wetter, sprießende blühende Fliedernatur und das Wissen nicht dort hinzu müssen, weil man z. B. dringend in die Tiernotklinik muss – so ist der Empfang natürlich schon ein ganz anderer. Obwohl mir nicht wohl im Magen und nicht leicht auf der Seele war. Tiere hinter Gitterstäben haben ihre Wirkung auf mich. Und zu wissen, bereits so wohlversorgt an lebendigem Unterhaltungsprogramm zu sein, dass man auch wirklich keinem Wesen eine neue Heimat schenken kann — verdammt, das Herz ist einem immer schwer im Tierheim.



Empfangen wird man tatsächlich von einer Betonwüste. Wenn auch lustige bunte Tiere als Stilelemente an grauem Betongrüßen, die – zumindest bei schönem Wetter – sich verdoppelnde Schatten werfen. Dann nach Durchtreten des Eingangs links lange Flachbauten, rechts lange Flachbauten (lang ist hier im Sinne von richtig lang!) und in der Mitte Betonkreise, Rechtecke und Elipsen getrennt von feuchten Biotopen in Dreieckformen. Das ganze Areal ist eine einzige Fortbildung in Geometrie.



So haben wir uns das Terrain weiter erkämpft. Ein kurzer Abstecher nach links zu den Kätzchen, da lockte von rechts uns Hundegebell Richtung der Kreise. In einem großen Freigelände darf je einer der Hunde sich seinen wohlverdienten Auslauf nehmen, bevor er wieder in die Zellen zurück kommt, die sich manche Hunde zu zweit, auch mal zu dritt (vor allem die kleineren oder die Partner, die sowieso zusammen gehören) teilen und andere Hunde auch alleine untergebracht sind. Dem Besucher offerieren sich die Hunde im Kreis präsentiert in ihren Kabinen. Die sie nach hinten hinaus in kleinere Freigehege verlassen können bei Bedarf und freiem Willen – die verdiente Portion Sonne tanken.



Steinboden natürlich, jeder Hund einen Korb, ansonsten wirkt alles sehr kühl. Und die Hunde wirken natürlich auch. Mal ganz lustig, mal sehr liebevoll, mal recht verstört. Wir sehen wenige „normale“ Rassen, dafür viele Hunde der Sorte, vor denen die Vermieter immer gerne ängstlich als Mitbewohner abwinken. Dabei sind da sehr offensichtlich reizende und freundliche Gesellen runter. Ich glaube, wenn man mal angucken möchte, was der Mensch doch für eine dumme Rasse ist: der möge sich die Sammlung an Staffordshires in den Tierheimen angucken. Da landen sie nämlich, die traurigen Ergebnisse dieser Idioten auf dem Ego-Trip.



Der einzige kleine Rauhaardackel ist schwer verstört und knurrt uns an. Ausgerechnet den kleinen Welpen, den er brav bewacht, wollen ihm gerade Menschen wegnehmen. Usus: klein, jung und süß geht immer als erstes weg. Die Freundin erkundigt sich später nach der Dackeldame und erfährt, dass diese erst vor kurzem abgegeben wurde mit der Aussage der Besitzerin, sie sei mit dem Tier nicht mehr zurecht gekommen. Dies liest man oft in den Karteibriefen zu den Hunden als Abgabegrund, fast genauso oft liest man später von Tierheimmitarbeiterhänden notiert: „Verhalten tritt hier nicht auf.“



Wegwerfgesellschaft, läuft etwas schief oder wird es mal schwierig, nicht funktionabel; dann weg mit dem Zeug. Vertrauen löst die Aussage der Mitarbeiter ein, dass die Dackeldame zunächst nicht vermittelt wird; man möchte erst verstehen, was ihr Sorgen bereitet und das kann noch einig Wochen dauern. Wir trauen uns weiter von Kreis zu Kreis. Gucken in erwartungsvolle Gesichter, entwickeln zu dem einen und anderen Hund besondere Sympathien, jede für sich. Lauter kleine Dramen, auch wenn es hier das deutlich bessere Ende für diese Wesen hat, als es das beispielsweise in Südeuropa hätte. Trotzdem: immer ist da dieser spezielle Hundeangstgeruch. Anders als bei den Katzen, leidet ein Hund offensichtlich unter dem Wegfall seiner Bezugsperson. Es geht ihnen gut hier, glücklich sind sie jedoch nicht.



Wieder draußen lassen wir uns vom Weg treiben, hinten die Koppel entlang, wo uns ein netter Brauner charmant unterhält. Die Pappeln den Weg säumen, Baugerät und Baumaterialen deutliche Signale von Tierheimerweiterungen sprechen. Irgendwo grenzt das Stück Land, wo die lieb gewonnenen Fellwesen ihre letzte Ruhestätte finden können.





Rücklings an der Hundefundstation, die deutlich fröhlicher wirkt als die anderen Hundebehausungen und ihrer Krankenstation, liegt gegenüber die andere lange Flachbautenreihe. Dort befinden sich die Nager, Kleintiere, Vögel und Tierarzt als auch Anmeldung und Kasse – gespendet werden darf (und sollte unbedingt – genau null finanzielle Unterstützung gibt es von der Stadt Berlin!) Davor Wasser mit Goldfischen, ein gestrandeter Hubschrauber.





Das ganze Gelände wirkt – trotz des Betons – idyllisch im Sonnenschein. Fast schön zu nennen. Wir laufen zurück, der kleine Dackel lässt die Freundin nicht in Ruhe und ich gehe dahin, wo die kleinen Tiger leben.

Die haben es wirklich – trotz aller Umstände – schön, der Flachbau, der innen rechts und links Kabinen aufzeigt, kann rechts und links von außen abgegangen werden. Wie bei den Hunden haben auch die Fellträger ihre Freigehege, hier aber alles sehr nett ausgebaut mit echten Baumstämmen, vielen Kratzbäumen, Spielzeug, Kuschelecken und Rückzugsgelegenheiten mit Gardinen vor den Kisten.



Überall vor den Kabinen hängen Hüllen mit den Beschreibungen zu den kleinen Insassen, die sich auch hier alleine aufhalten und auch zu zweit oder zu dritt. Die Karteikarten erzählen von ihren Besonderheiten, notwendige Medikamentationen oder Sorgenfälle, die auch kostenlos abgegeben werden und deren Krankheit lebenslang im Tierheim kostenlos tierärztlich versorgt wird. Oft steht auch hier als Abgabegrund: „war aggressiv“, „Besitzer kam nicht zurecht“ oder „unsauber“. Meistens folgt fast stereotyp das Handgeschriebene dahinter „Auffälligkeit konnte hier nicht festgestellt werden oder „Unsauberkeit tritt hier nicht auf“. Wir sind mittags da und bei den Miezen herrscht wohlverdiente Siesta. Die meisten schlafen, manche sind am spielen, andere offensichtlich sehr scheu versteckt, andere dagegen buhlen so offensichtlich um den Besucher, dass einem das Herz sehr weit und offen wird.



Eine Mitarbeiterin erklärt am Telefon einer potentiellen Interessentin sehr nett und ausführlich das Tierheim-Procedere. Es geht also auch anders, als es mich meine Erfahrung lehrte. Sie rät der Gesprächspartnerin, so sie denn könne, lieber in der Woche am Tage zu kommen, es sei doch leerer als am Wochenende und man könne sich mehr Zeit für sie nehmen.

Der weiße Kater ist so ein Prachstück, lebenslustig, selbstbewusst „Fundtier. Wird immer wieder abgeben, weil zu zutraulich.“ (als Freigänger). Das Glückskätzchen, das sich schon drinnen hinter Glas bei mir einschmeicheln wolte, tut das auch im Freigehege gleich wieder.



Die eine und andere kleine Wuchtbrumme ist dabei, prächtige schwarzweiße, niedliche Tiger, hübsche Rassewesen, dieser sehr niedliche stolze noch ganz junge schwarzweiße Fratz, wenn ich könnte …



Mein Fazit des Besuches, den Tieren geht unter den traurigen Umständen wirklich sehr gut dort und das sah damals in Lankwitz doch ganz anders aus. Man verlässt das Tierheim nicht mit einem völlig traurigen Herzen. Was ich persönlich sehr wundervoll finde, man kann sich dort wirklich ganz unbehelligt sehr lange mit den einzelnen Tieren befassen, sie beobachten und sich so in aller Ruhe mit viel Zeit für einen der kleinen Freudenbringer entscheiden – ein beeindruckendes positives Konzept, das einem auch durch die spezielle Architektur geschenkt wird.



Und genau die Architektur hat mich eben auch beeindruckt, im positiven Sinne – trotz meiner Vorbehalte. Man kann dort auch nur spazieren gehen. Dieses Tierheim ist einen Ausflug wert, diese Anlage ist baulich eine besondere und man kann mit ihr warm werden, muss es aber nicht. Die Freundin erklärt bei dem Anblick gefühlte Nähe zu den schrecklichen Lagern der Deutschen Vergangenheit und gibt diesen Eindruck nicht mehr her.

Vor allem aber sind dort ganz wundervolle Tiere, die es verdient haben, zu jemandem nach Hause geholt zu werden – auch wenn sie vielleicht nicht mehr ganz klein, ganz gesund, schon etwas älter oder auch etwas gestört sind. Gerade Katzen – ich habe einfach deutlich weniger Hunderfahrung – entwickeln sich immer weiter. Neulich erst erzählte mir unsere Tierärztin von einer zwölf Jahre alten Katze, verstört und schreckhaft, die in dem Moment als eine zweite Katze einzog, endlich aufblühte, sich entspannte und unbekümmerte zehn Jahre Lebensalter drauf legte (und immer noch lebt). Also wer kann, es sich leisten kann und es sich zutraut: die Tiere dort brauchen ein Zuhause. Das Tierheim dringend wieder Platz, die nächste Urlaubsaussetzwelle kommt bestimmt. Und es benötigt Geld. Und es braucht Menschen, die sich ehrenamtlich bereit erklären, mit den Hunden wenigstens spazieren zu gehen.

6 Kommentare:

creezy hat gesagt…

1. Katzenfoto: ist er nicht niedlich? Der Nasenschläfer? ,-)

Mellcolm hat gesagt…

Das ist eine sehr schöne Geschichte und ich hoffe, dass sie ein paar Menschen die "Angst" vorm Tierheim nimmt. Niemand will da gerne hin, weil man das Elend, was man dort vermutet, nicht sehen will. Ich bin katzenmäßig ausreichend versorgt und Berlin ist nicht gerade mein "Hood", aber ich drücke den Tieren dort die Daumen, dass sie bald ein neues Zuhause finden.

Anonym hat gesagt…

Das ist eine wunderbare Geschichte mit ganz tollen Fotos. Gefällt mir wirklich gut. Mir ging es vor fünf Jahren ähnlich, als ich das erste mal dort war - beim Tierarzt mit unserem Katzenbaby, das aus dem zweiten Stock gefallen war, sich dann aber erstaunlicherweise doch nichts getan hatte. Ehrlich gesagt, das undeprimierendste Tierheim das ich kenne.

V[ee] hat gesagt…

Wunderbar geschrieben, Frau Creezy! Habe mich oft gefragt, wie es dort jetzt wohl ausschauen mag, würde aber ohne Not dort nicht hingehen. Blutendes Herz und so... Der Bericht hat mein Interesse nun vollends befriedigt und ich bin einigermaßen beruhigt. Aus allen Zeilen liest man außerdem die Liebe zu Tieren heraus, die ich mit Ihnen teile, Madame. (Miss Daisy ist übrigens wieder in guten Händen - meine Tochter ist umgezogen in eine größere Wohnung und - na klar! - hat sie mitgenommen. Es geht beiden prächtig! Und wir sind alle glücklich.)

Also - schönen Dank für den tollen Artikel!

Happy Weekend x

haekelschwein hat gesagt…

Das Tierheim Berlin kenne ich eigentlich nur aus dem Kino als SciFi-Filmkulisse (Æon Flux).

wir pseudonyme hat gesagt…

danke daß sie sich so viel zeit genommen haben und diesen artikel so ausführlich geschrieben haben. so muß bloggen sein, schön detailverliebt.

das paßt zu dem großen ganzen bei http://worldanimal.net bzw. auch http://sensiblochamaeleon.wordpress.com/wir-tiere-und-wir-menschen/

(unsicher ob ich die links mit oder ohne a href reinschreiben muß weil das je nach blogcommentsystem unterschiedlich ist schreib ichse jetz mal ohne)

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