2008-10-15

Ich hab' jetzt mal Sex mit meinem eigenen Pilz!

GMX versucht sich gelegentlich in redaktioneller Feinarbeit. Das gelingt immer wieder besonders humorvoll zum Thema Erotik. Sie schreiben hanebüchen, teilweise so abartig verklemmt zu den Themen rund um‘s Bett, dass ich mich dieses einen Gefühls nicht erwehren kann, sie wollen hier die Gegenfraktion eines Dr. Sommer-Teams für besonders Abartige aufbauen.

Verstehen wir uns nicht falsch, ich rede von GMX! DEM kostenlosen E-Mail-Provider. Herrscher der SPAM-Mailübermittlung. So ziemlich alles was ich über Sex weiß, habe ich aus der GMX-SPAM-Kommunikation gelernt, die mich täglich erfreut. Ich bin also absolut erotikgebildet im Bilde. (Und mit mir ein paar andere Millionen-GMX-Kunden auch.)

Neulich habe ich mich wieder von einer lustigen Überschrift locken lassen. Nun habe ich meine berufliche Laufbahn in einem früheren Leben mittels einer Ausbildung zur Arzthelferin (heute heißt das medizinische Fachangestelle) bei einem Gynäkologen begonnen. Daher weiß ich ziemlich gut, was passiert, wenn man nicht kapiert, dass in jedem feuchten Millieu Bakterien und Pilze eine gesunde Einheit bilden, die man bitteschön bloß nicht durch den Einsatz von feuchten Hygientüchern, Intimlotions und Sagrotan on the run in ihrem gemeinsamen Wirken stören sollte.

Ich kenne sehr wohl den panikgefüllten Blick der weiblichen Putzjunkies, denen unser Doc nach monatelangen erfolglosen Switchbehandlungen (vier Wochen gegen Soor behandelt, vier Wochen gegen Bacteria) erklärte, er könne nun nichts mehr tun. Nur noch sie könnten sich jetzt selber helfen, nämlich indem sie sich ab sofort nicht mehr sechs Mal täglich, sondern nur noch einmal am Tag im intimen Sektor (bzw. am ganzen Körper reinigen, ihren Dermatologen würde das nämlich auch freuen) reinigen und möglich nur mit ph-Wert neutraler Seife und keinem aggressiven Duschschaum. Das war immer ein harter Moment für die Frauen mit dem «ich-rieche-da-unten-also-muss-ich-schrubben»-Syndrom, die nie kapieren wollten, dass sie sich ihre Krankheit zwar nicht einbilden aber selber verursachen mit ihrer «mein-Körper-funktioniert-völlig-richtig-wenn-es-etwas-fließt-und-riecht»-Phobie.

Und mit dem Wissen im Hinterkopf spricht GMX am Wochenende zu mir:


© GMX

Die Überschrift an sich ist Gold wert (wenn das Foto nicht schon Platin verdienen würde, nee was guckt die Frau erotisierend keck über den Tellerand oder: warum wohl wünsche ich mir immer Fotos von gestandenen Männern, wenn's um meinen sexuellen Spaß geht?), die Bildunterschrift aber nötigt zu vielen kleinen lustigen Vorgedanken, wie «Au weia, da hat eine ihre Mohrrübe nicht von der Erde befreit.» Oder «Pfui, wie eklig, wenn sich Frauen vor dem persönlichen Stelldichein unter der Dusche nicht erst die Hände waschen.»

Der danach folgende Text hat das Zeug zum Online Grimme Award, die gelungene Spannung erzeugende Einleitung: «Die Mehrzahl der Frauen verschafft sich selbst sexuelle Höhepunkte. Wer anfällig für Scheidenpilz ist, sollte Gleitmitteln dabei den Vorzug vor Spucke geben. Denn Speichel kann Keime übertragen. Sexspielzeug auch.», lässt schon mittelgroße Panikwelten durch's einsame Schlafzimmer mancher Frau wabern.

Aber das geht weiter, das geübte Schreiben über die häusliche Sexualität, die Weiterleitung von Fachwissen an die Selbstverführerinnen gipfelt in einer Überschrift, die ich 1972 schon in der BRAVO von meinem Bruder zur Kenntnis nehmen durfte: «Selbstbefriedigung ist kein Tabu. (Leider ohne Ausrufezeichen gesetzt.) Nun bitte festhalten, es wird jetzt zahlenschwanger intim: «Selbstbefriedigung ist unter Frauen längst nicht mehr verpönt: Etwa 80 % legen selbst Hand an, um sich sexuelle Lust zu verschaffen. Viele Frauen kommen nämlich durch Masturbieren besser zum Höhepunkt als durch Sex mit einem Partner, hat ein Kondomhersteller in einer Studie herausgefunden.»

Da haben wir's: 80 % aller Frauen legen selbst Hand an und plötzlich schleicht ein Kondomhersteller ins Schlafzimmer. Ungefähr der letzte Beischläfer, an den man beim Spaß mit sich selbst als Frau denken möchte. Dem aber müssen 80 % aller Frauen (80 % von welchen Frauen eigentlich? Aller Frauen weltweit? Von allen Frauen, die Sex & City geguckt haben? Die Kartoffeln schälen können?) die's so treiben, dass Kondome zwangsläufig im Nachttischlein dem Ablauf ihres Haltbarkeitsdatums entgegen dämmern, verständlicherweise die Tränen in die Augen treiben. 80 % aller Frauen können evil für's Geschäft sein. Laut und deutlich geschrieben: 80 % aller Frauen mit Hand zur Do-it-yourself-Methode sind der verdammte Tod für Billy Boy.

Nun mag man zu Recht fragen, wie saver als save kann Sex mit sich selbst denn noch sein? Manche mögen sogar behaupten, sie machen es sich selbst, weil sie gerade dann endlich auf gummierten Lümmeltütengeschmack verzichten können. Aber der Kondomhersteller, der ebenfalls Gleitgel vertreibt, erklärt nunmehr der unzüchtigen Frau ohne Tabu, sie könne ja eine Pilzinfektion im Mund haben (und der Gynäkologe muss schon verdammt sexy sein, bevor ihn eine Frau noch anrufen will, um sich das Vorhandensein von Pilzen im Mund diganostizieren zu lassen, kurz bevor sie kommt) und könne sich sehr wohl beim Kontakt der Genitalien mit ihrer eigenen Spucke im Vaginalbereich infizieren. Und auf dem technischen Spielzeug könnte es ebenfalls vor Bakterien und Keimen nur so wimmeln. Ja, Sex mit sich selbst ist zwar kein Tabu mehr, aber irgendwie doch schmutzig. Und daher solle man besser (es ist übrigens noch der offizielle gmx-Text über den ich mich hier auslasse, nicht die Pressemitteilung) bevor man sich mit seiner eigenen Spucke feucht richtet amüsiert, dem Gleitgel des Herstellers vertrauen. Perspektive die Spielutensilien vor dem Gebrauch noch mal ordentlich heiß schrubben. Am Besten aber eigentlich sich auch hier mit einem Verhüterli schön vor sich selbst schützen. Im Grunde sagen die: «Wenn Ihr mit HIV infiziert seid, nutzt ein Kondom beim Masturbieren, damit Ihr Euch nicht eventuell selbst mit Eurer HIV-Infektion ansteckt.» Ich denke so überspitzt formuliert, kann jede(r) die sinnvolle Aussage des GMX-Artikels übersetzen.

Ach, lest den Text am besten selbst. Er bereitet so viele lustige Momente. Und damit man für den ganzen Schwachsinn, den man gerade gelesen hat, auch nicht weiter Ursachenforschung betreiben musste, ist GMX tatsächlich so nett die Quelle für den Geschäftssinn bei der einen Sache, die wir Frauen (also Kommunikatonsterrorbienen) tatsächlich zur Abwechslung ernsthaft nur mit uns selbst ausmachen möchten, zu nennen:


© GMX

Durex. Natürlich! Und die liebe Frau Dr. Anja Oppelt ist Lifeline-(Hört! Hört!)Expertin (Lifeline ist eine Online-Plattform der bsmo GmbH und die basteln wahnsinnig «informative» Infotainment-Homepages mit total lustigen elektronischen Grußkarten für die passenden Produkte der Pharmaindustrie). Eigentlich ist Frau Dr. Anja Oppelt also Verkäuferin von KadeFungin, das ist ein Antimyotika, ein Produkt zur Bekämpfung von Vaginalpilzerkrankung. Derselbe Hersteller, Dr. Kade Pharmazeutische Fabrik GmbH, hat übrigens auch Intimwaschlotions im Programm. Auf deren Seite weinen Frauen übrigens, wenn sie auf tolle e-Cards klicken.



Wieviel GMX für diesen wohlfeilen redaktionellen Ausflug ins Masturbationsland wohl kassiert hat? Treffende Überschrift aus den Kommentaren bei GMX zu diesem Text:

© GMX

16 Kommentare:

duftbaeumchen hat gesagt…

Gilt das auch für Männer?
Muss ich nun auch ein Kondom überziehen, wenn ich mich selbst oral befriedige?

creezy hat gesagt…

@duftbaeumchen
Wenn ich einem soviel Gelenkigkeit zutrauen wollte, dann Dir! Und natürlich gilt das auch für Männer. Denn es gilt ja die Kondomindustrie zu supporten. Gut, das mit dem Gleitgel ist dann oral etwas eklig, aber dafür gibt es bestimmt wieder etwas Feines vom benachbarten Sodbrennen-Erzeuger. ,-)

Tilla Pe hat gesagt…

Die arme Kondomindustrie. Echt jetzt. Was können wir denn da machen? Ich trinke kein Bier - also spende ich nicht für den Regenwald. Ergo - hier wäre noch Spendenkapazität - wie wäre es mit Gummibäumen?

Jekylla hat gesagt…

Die 80% waren NICHT befragte Mitarbeiterinnen aus dem Hause des Kondomherstellers.
Von den befragten Mitarbeiterinnen benutzen 100% auch bei der Selbstbefriedigung ein Kondom.
Save your job and tell the truth.

creezy hat gesagt…

@Tilla Pe
Hm, der Vorschlag an sich ehrt Dich. Aber wie kommen wir jetzt wieder von Gummibaum zu Sex-Appeal zur Lust auf uns selber? Frage ich mich, die den Gummibaum für die unerotischste Pflanze überhaupt hält, noch vor dem Kaktus. ,-)

@Jekylla
Du meinst der Kondomhersteller ist in die Kantine gegangen und hat die eine Kassiererin und die Salatputzfrau befragt? Denn die tragen auch Gummihandschuhe bei der Arbeit. Ja, das ergibt Sinn. Danke Dir!

stilhäschen hat gesagt…

Gnihihi, "monatlich tolle Preise gewinnen" - wo zieht sowas, wenn nicht bei Frauen?!

(Danke für die Recherche. Man kommt sich schon vor wie unter Verfolgungswahn, wenn man Aktionen der Pharmaindustrie kritisch gegenübersteht - Beispiel: die allerorten beworbene Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs bei jungen Mädchen. Riesige Zielgruppe, was kümmert es da, daß die Impfung bei weitem nicht gegen alle möglichen Erreger zieht? Aber man kann den Leuten so schön Angst machen, gegen die sie dann was tun müssen! Oder die genau so beworbene "Zeckenschutz-Impfung", die lediglich bei FSME wirkt. Borreliose ist viel häufiger! Ich könnt' mich aufregen!)

bastian hat gesagt…

Gummihandschuhe, gute Idee. Sterile Gummihandschuhe sind bestimmt eine tolle Sache für Eigen- und Fremdverkehr...

Claudia hat gesagt…

Schön recherchiert!

@Bastian: Die Gummi-Fraktion fährt da schon länger drauf ab ;-)

Lucano hat gesagt…

Muss man nicht auch beim Surfen ein Kondom benutzen, bei den vielen Viren im Netz ?

creezy hat gesagt…

@stilhäschen
Vor allem ist in den eiförmigen Schädeln irgendwelcher Online-Marketing-Helden sehr fest manifestiert, dass Frauen elektronische Grußkarten mit Werbemeldungen verschicken. Ständig. Andauernd. Weswegen sie wohl nicht mehr zum Masturbieren kommen, könnte ich mir vorstellen.

Oh ja, deswegen hat ja auch jedes zweite Kind, dass zappelt ADHS. Ritalin will schließlich unter die Leute gebracht sein.

@bastian
ja, vor allem beim Eigenverkehr. Die Furcht vor sich selbst macht sexy … ,-)

@Claudia
merci

@Lucano
Nur, wenn Du's Dir nicht mit 'nem Apple machst. ,-)

Mademoiselle Différentielle hat gesagt…

Merci, Frau Creezy, Merci!
Die Sexartikel bei genanntem Mail-Dienstleister (wobei, eigentlich alle "Artikel" auf der Seite) sind mein persönlich Amüsement oder Graus- je nach Tagesform. Schön, dass ich nicht die einzige bin, welche des Öftern kopfschüttelnd vor dem Computer sitzt.

[Waaaah, Gummihandschuhe! Kann bitte jemand mal die Bilder aus meinem Kopf holen? ]

Tilla Pe hat gesagt…

Hast auch wieder Recht. Okay - zurück zum Sex! ;)

By the way - könntest Du den Strumphosen rechts oben mal ein M gönnen? Ich denke immer, Du bist aus einer Gegend im Norden, wenn ich das lese....

kid37 hat gesagt…

Germs are everywhere! Nach Gebrauch sollte man die Gummihandschuhe unbedingt im ebenfalls gerne beworbenen antibakteriellen Müllbeutel entsorgen.

creezy hat gesagt…

@Mademoisell Différentielle
Sie auch? Diese Schreibereien sind manchmal aber auch zu schön … wenn man sie nicht glauben muss.

Und gerne hole ich Ihnen die Gummihandschuhbilder aus dem Kopf, darf es dafür etwas Friesennerz sein? ,-)

@Tilla Pe
Ach, jetzt weiß ich warum Du hier mitliest: wegen dem Ansagetext mit Nylons. Merci, hab's korrigiert.

@kid37
der vorher noch zur Sicherheit mit Sagrotan gespült wurde … ah, Sie haben das Business also verstanden! ,-)

timanfaya hat gesagt…

seit veröffentlichung dieses nobelpreisverdächtigen medizinischen ratgebers haben wahrscheinlich schon 5% der 80% mit sagrotan gegurgelt ...

demnächst für fußfetischisten: fusol, das antibakterielle mundwasser gegen fußpilz am zahnfleisch

creezy hat gesagt…

@timanfaya
DAS ist doch die Idee überhaupt für GMX: Gleich den zweiten Artikel nachreichen über die Pilzgefahren für den Mund bei Fußfetischismus, womit wir bei den Gummihandschuhen für die Füße wären.

Ich bin sehr stolz auf meine kreativen Leser! ,-)

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