Nicht einmal eine Viertelstunde Fahrzeit mit dem Auto liegt Torre Santa Susanna von Mesagne entfernt. Der Bürgermeister Michele Sacconmanno und Assessore Lucrezia Morleo empfangen uns an historischer Stelle, nämlich vor der Chiesa di „Crepacore” oder: Chiesa San Pietro delle Torri detta di Crepacore – wer es genau wissen möchte. Sie ist nur eine spannende Sehenswürdigkeit, die die kleine Gemeinde ihren Besucher*innen zu bieten hat.
Kleine Glücklichmacher: Zeppole
Dem Anlass des bevorstehenden Vatertags entsprechend empfängt uns der Sindaco liebenswerter Weise mit Zeppole di San Giuseppe. Ein Zeppole ist (hier im Salento) ein rund zum Kreis – symbolisch zur Rose – aufgespritzter Windbeutel aus Brandteig, mit einer Vanillecreme und gerne mit einer Amarena-Kirsche geschmückt. Es gibt sie im Salento in unterschiedlichen Größen und in ganz Italien auch in völlig unterschiedlichen Formen – zum Glück das ganze Jahr über.
Aber in dieser Region sind sie vor allem das Gebäck des italienischen Vatertags: Fiesta di San Giuseppe. Er findet am 19. März statt und überall in den Städten sieht man jetzt erstaunlich oft Menschen mit Kuchenpaketen herumlaufen. Die Zeppola (plural) – also süße Rosen – anstelle der echte Blumen jetzt mitzubringen, wenn man zu Besuch kommt, es gehört zum sehr guten Ton!
Ich mag sie wirklich sehr und da es sie oft in den Bars auch in kleinen und mundgerechten Größen gibt, gönne ich sie mir gerne zu einem Café. Das fängt schon in der Bar am Bahnhof in Bari an. Einen Zeppole zum Café zu haben – das bedeutet für mich, wieder angekommen zu sein im schönen Apulien.
Ich glaube, es gibt keine Region in Italien, die nicht von sich behauptet, dass bei ihr der Ursprung der Zeppola zu finden wäre. Man weiß es nicht genau. Feststeht, dass sie das erste Mal schriftlich erwähnt worden sind in einem Rezept von Ippolito Cavalcanti, dem Herzog von Buonvicino (1787-1859). Der Mann, da ist sein Adelsname Programm, war Koch und Literat und verfasste eine historisch relevante Abhandlung über die theoretisch-praktische Küche Süditaliens.
Chiesa di „Crepacore”
Frühlingswetter, Kaiserwetter – der Himmel über uns ist strahlend blau von Schäfchenwolken begleitet, die Luft noch kühl, aber die Natur duftet im Sonnenschein und sie ist hier ein großes Stück weiter als im Norden Europas. Es blüht!
Überall grüßen dichte, blau blühende Borretsch-Sträucher auf den Feldern. Die Pfirsichbäume zaubern mit ihren zarten Blüten einen weißen Schleier über die Provinz Brindisi.
Vor uns liegt im satten Gras die Chiesa. Sie hat einen seltenen quadratischen Grundriss und wurde vermutlich im 6. oder 7. Jahrhundert auf den Resten einer kleinen Gemeinde aus der Römerzeit errichtet. Vermutlich auch aus den Steinen derer Trockenmauern.
Die Fassade des Gebäudes ist durch einen halbrunden Bogen des Portals gekennzeichnet, der von zwei groben Säulen getragen wird. Die eher niedrige Kirche ist in drei Schiffe unterteilt, das Hauptschiff wird von zwei nicht sehr hohen Kuppeln bedeckt.
Bezeichnend sind ihre Fresken an den Innenwänden, die von Wissenschaftlern zwei religiösen Kultursträngen zugeordnet werden – und so ein Phänomen trifft man hier im tief katholischen Apulien nicht sehr oft.
Wir finden hier die Fresken der langobardisch-benediktinischen Kunst und der byzantinischen Kunst jeweils an den Wänden der Kirche und der Apsis. Am unteren Rand einer von ihnen wurde erst kürzlich eine Widmungsinschrift in griechischer Sprache entdeckt.
Es ist das Besondere an dieser Kirche, dass in ihr über die Jahrhunderte unterschiedliche Religionen gepflegt wurden. Um die Chiesa herum gibt es einige Nekropole auf ebener Erde zu besichtigen, die auf das 7. Jahrhundert nach Christus datiert sind.
Die Chiesa steht direkt auf der Limitone dei Greci, so nannte man die Grenze, die das lombardische von dem byzantinischen Königreich trennte. Notarielle Dokumente aus dem Jahr 1100 erwähnen die Via ad Lippium als Adresse der Chiesa di Crepacore. Somit liegt sie an einer Abzweigung von der nach Brindisi führenden Via Appia, die bei Oria abzweigte, weiter nach Lecce und von dort über die Via Traiana Calabra nach Otranto führte.
Eine durchaus relevante Verkehrsachse der Halbinsel Salento in jener Zeit, was das zahlreiche Entdecken von archäologischen Funden in dieser Gegend erklärt.
Die Datierung der Kirche beruht auf Ermangelung historischer Dokumente, alleine auf ihren Merkmalen. Ihre Kuppeln lassen auf ihre Entstehung im 5./6. Jahrhundert schließen, während die Entstehung ihrer Fresken auf das 8. Jahrhundert bzw. noch später auf 1061–1078 datiert werden.
Kurze Zeit später befinden wir uns inmitten der kleinen Gemeinde Torre Santa Susanna, die knapp 10.000 Einwohner zählt. Es herrscht fröhliches Alltagstreiben
und der hiesige Fleischer liefert die passenden Delikatessen …
für die Osterzeit.
Überall entdeckt man charmante kleine Ecken, die mindestens ein Foto wert sind.
Es ist eine hübsche Stadt, die ihr Möglichstes gibt, um der leider wieder zunehmenden Abwanderung der italienischen Jugend irgendwie entgegen zu wirken.
Frantoi ipogei – die unterirdische Ölmühle
Torre Santa Susanne war zu der Zeit vor der Elektrizität die Hochburg im Olivenanbau und die Anzahl der unterirdischen Ölmühlen riesengroß. Das grüne Gold machte damals jeden reich, der Felder mit Olivenbäumen und dementsprechenden Mühlen im Untergrund besaß.
Eine Besichtigung wert, das ist die erstaunlich große, gut restaurierte unterirdische Ölmühle Frantoi ipogei im Zentrum der Stadt, die als Museum geöffnet wurde. Sie stammt aus der Zeit der Byzantiner.
Für damalige Verhältnisse muss diese Ölmühle – wir erinnern uns, vor der Industrialisierung wurde das Olivenöl vorrangig als Lampenöl produziert, um die europäischen Metropolen zu erleuchten – geradezu modern und wohnlich ausgestattet gewesen sein, enthält sie eine Andachtsstätte und in den Felsen gehauene Sitzgelegenheiten.
Mittlerweile habe ich viele, sehr viele Ölmühlen im Salento besuchen dürfen – nicht jede davon würde ich interessierten Besuchern nahelegen. Diese hier in Torre Santa Susanna empfehle ich auf jeden Fall! Sie ist schön erhalten, liebevoll restauriert und ihre vielen Nebengelasse sind perfekt in Szene gesetzt in ihrer früheren geschichtlichen Kargheit.
(Liebe Verantwortliche in Torre Santa Susanna! Es ist so schwierig an die die Öffnungszeiten Ihrer Sehenswürdigkeiten zu kommen, um sie zu kommunizieren! Warum gibt es für die Chiese di Crepacore als auch Frantoi ipogei keine Webpräsenz – nicht einmal in dem lapidaren Googleeintrag mit wenigestens einer Telefonnummer, um Öffnungszeiten zu erfragen? So motiviert man leider nicht Touristen in Ihre Stadt und den Sehenswürdigkeiten zu kommen! Im Jahr 2025 ist etwas Online-Kommunikation ein must have!)
Immer wieder bin ich fasziniert davon, dass die arbeitenden Menschen in diesen Höhlen bis zu sieben Monate im Jahr durchgängig gelebt haben – zusammen mit den Maultieren – ohne auch nur einmal an das Tageslicht zu kommen. All das, damit die Öle möglichst rein blieben und auch die Temperatur konstant bei bis zu 18. Grad gehalten werden konnte.
Wer auf den Spuren des Olio extra vergine in Apulien wandelt, ist schon deswegen perfekt in Torre Santa Susanna aufgehoben, weil hier vor kurzem erst im ehrwürdigen ehemaligen Rathaus der Stadt ein großes Olivenöl-Museum Molo Oil Museum an der Piazza Umberto 1 in zentraler Lage eröffnet wurde. Alleine, wir durften es nicht besichtigen. Unsere Wege führten auch hier wieder zu einer Chiesa, und zu noch einer und …
Auch wenn ich die Chiesa Madre di San Nicola mit ihrer kunstvollen Glas-Rosette, und die Santuario di Santa Maria di Galaso, deren Kirchenschiff mit dem Altar sich eine Ebene tiefer senkt mit ihrem Barock-Altar aus purem Blattgold und dem jüngst entdeckten Fresko einer byzantinischen Madonna im Seitenschiff durchaus faszinierend fand, letztere architektonisch.
Für mich war es sehr schade, denn ich wäre wirklich gerne in dem Museum auf die ölige Entdeckungsreise gegangen. Muss ich wohl wiederkommen!
Cantine e Vinoteca La Pruina Vini
Maria Pia d’apolito, die uns charmant in englischer Sprache bei unseren Stadtrundgang in Torre Santa Susanna begleitete, entpuppte sich wenig später als unsere ganz reizende Gastgeberin. In der kleinen Weinhandlung La Pruina Vini in der Via Attilo Calabrese 51, die sie zusammen mit ihrem Ehemann, Giovanni Sandro Moretto führt,
verkauft die Familie die eigenen Weine.
Patron Pietro D’Apolito gemeinsam mit seiner Ehefrau Marianna Lanzilotti hatte 1980 den Einstieg in den Weinanbau gewagt. Also genau zu der Zeit, als sich ganz Apulien als Weinproduzent neu erfunden hatte. In den 70iger Jahren hatte sich diese Weinregion darauf besonnen, nicht mehr nur Zulieferer für Winzer*innen im Norden Italiens zu sein, also die Weine lediglich zu keltern. Damals entdeckte man endlich die eigenen Werte und es wurde in Apulien begonnen, die gekelterten Weine selber auszubauen und eigenständig zu vertreiben. Heute besitzt die Familie 20 Hektar auf denen sie ihre Reben kultiviert.
Es sind schwierige Böden, die rote Erde, reich an Eisenoxiden, Kalkstein und Fossilien, macht es auch den 40–50 Jahre alten Reben nicht leicht zu wurzeln. Die Familie baut nach dem antiken apulischen System Alberello an. Es ist ein Erziehungssystem, das zu einer sehr geringen Traubenproduktion pro Hektar führt, aber von großer geschmacklicher Konzentration in den Trauben. Die Rebe darf frei nach oben auf eine Höhe bis maximal 1,5 Meter wachsen, ohne Zwänge oder Bindungen, ihre Blätter bilden eine Art Schirm, der die Früchte vor direktem Kontakt mit der Sonne schützt. Wer so historisch verwurzelt anbaut, baut selbstverständlich nach biologischen Maßstäben und in reiner Handarbeit an!
Sie verkaufen als Familienunternehmen ihre prämierten und international anerkannten Weine. Alle Kinder sind gemeinsam mit den Ehepartnern in das Geschäft eingestiegen und auch die Enkel zeigen schon Interesse am familiären Geschäft – wenngleich wohl noch eher nur im reichhaltigen Probieren der saftigen Trauben.
Herrliche Weine produzieren sie! Zum Beispiel den Negroamaro Non T’Aspetti die rote autochthone Traube Negroamamro, als weißen Wein trocken ausgebaut – von Luca Moroni mit 99 Punkten prämiert. Hellgelb im Glas, spritzig mit ausgewogener Mineralität schmeckte er nach roten Beeren und einem bunten Cocktail exotischer Früchte. Tolle Erfahrung!
Auch der La Pruina Fossilente Puglia IGP Bianco Frizzante ist ein als Sparkling ausgebauter spritziger, weißer Negroamaro, den es natürlich auch als Rosé gibt. (Ich liebe die Rosé aus Negroamaro, weil sie charaktervoll sind und meist trocken daher kommen.) Der Fossilinete Puglia IGP ist ein sehr trockener Sparkling mit immerhin 12,50%. Was für eine satte Farbe! Im Stahltank ausgebaut bringt er ganz viel Frucht aber dann doch diese ernsthafte Trockenheit eines Negroamaros ins Glas. Bonfortionöses Sommergetränk!
Auch köstliche Olivenöle gehören zur familiären Leidenschaft. Alles durften wir bei einem Aperitivo kosten – mit den soften aromatischen Olivenbrötchen aus Sauerteig und feinen Nodini (kleine zu Knoten gebundene Mozarella). Die waren, wie man so schön sagt: To die for!
In den Regalen findet man viele eingemachte Köstlichkeiten aus dem Salento – ein Eldorado für Feinschmecker. Es war ein fröhliches und köstliches Zusammensein auf engstem Raum.
Seht ihr diesen hübschen kleinen weißen Elefanten im apulischen Pumo-Stil (apulische Glücksbringer aus Keramik) dort im Regal stehen? Er ist nach Berlin umgezogen und hat sich gut in meiner Elefantenherde eingelebt. (Was das Mitbringen solcher Souvenirs zum Hinstellen aus anderen Ländern betrifft: Ja, ich bin SO SEHR meine Oma Mau!)
