2025-04-06

Deutschland hat eines der „besten Gesundheitssysteme” …

… ist, wenn Menschen sich im Internet hocherfreut darüber auslassen, dass ihnen ihrer neuer Rollstuhl, seit nun 30 Jahren Notwendigkeit, erstmals nun auch nach 30 Jahren direkt zugestanden wurde – ohne vorher in einen Widerspruch gehen zu müssen oder diesen gerichtlich einklagen zu müssen.

Oder wenn Menschen verwzeifelt überlegen, einen Kredit aufzunehmen, um die notwendig individuell anzupassende Gehhilfe selber zu kaufen, weil Menschen mit einem gelähmten Oberbein sich ohne solche auf einem Bein natürlich easy vorwärts bewegen können. Wie es ihnen Krankenkassen befinden.

Manchmal möchte ich diese „Sachbearbeiter” ob ihrer Kompetenz mit dem nassen Lappen zur Vernunft streicheln!

Herrgott nocheinmal! Hört auf Arschlöcher zu sein – vor allem Menschen gegenüber, die wirklich schon genug mit harten Bandagen ihr Leben stemmen müssen. Ihr müsst Geld sparen? Dann hört Homöpathie-Mist zu bewilligen!

2025-04-05

Drei Monate Italien!

Leider, leider nicht für mich.

Aber Daniela, auch als @sraluigi bekannt, erfüllt sich gerade nach arbeitsreichen Jahren gemeinsam mit ihrem Mann und ihren zwei Hunden einen Wunschtraum: Drei Monate mit dem Auto durch Süditalien reisen. Von Bayern nach Sizilien. Sie haben in der Emilia Romagna angefangen und sind nun in Apulien im Gargano angelangt.

Tägliche Statusberichte gibt es im extra hierfür eingerichteten Blog „Drei Monate Italien”.

Also wer dringend das Bedürfnis hat etwas zu verreisen, der kann hier wenigstens wunderbar mitreisen!

Bin ich gespannt, ob sie nicht mit drei Hunden zurückkommen!

2025-04-04

Es ist wieder diese Jahreszeit …

… in der man auch in meinem Alter nix anzuziehen hat.

Diese Zeit fand ich schon als Kind schlimm. Zum Beispiel gab es bei uns die Regel: Bis Ostern werden Strumpfhosen getragen! Und ja, wir hatten in früheren Dekaden schon auch wärmere Tage im März und im April – und danach wieder auch Wintereinbrüche – aber bei 20 Grad noch wollene Strumpfhosen tragen zu müssen, das war für mich sehr quälend. (Dass es für meine Mum oft lediglich ein finanzielles Problem war, weil das Geld, um shoppen zu gehen für das größer gewordene Kind, einfach gerade vor Ostern ähnlich knapp war wie zu Weihnachten, war mir damals natürlich noch nicht klar.)

Ich war schon als Kind der Überzeugung, dass mich Schuhe und Strümpfe in allem behindern und konnte sehr gut meiner Mama über den Hof um die Ecke zuwinken – und zwei Meter weiter mich mindestens meiner Strümpfe entledigen, sobald die Temperaturen es für mich stimmig machten (deutlich früher als es mir meine Mum erlauben wollte.)

Und so auch jetzt. Bei 20 Grad möchte ich nur noch fluffy bekleidet sein. Wären da nicht der frische Morgen und der Abend, die noch nicht so ganz mitspielen. Winterjacken kann ich nicht mehr sehen – aber die Wettervorhersage hebt den warnenden Finger.

Lange Rede: Es gibt so Dinge im Leben, die verlassen einen einfach nicht. Niemals. Sie sind das persönliche Murmeltier und ja, es ist bei mir gerade wieder eingezogen!

2025-04-03

Torre Santa Susanna – Zeppole, Wein und Olivenöl!

Nicht einmal eine Viertelstunde Fahrzeit mit dem Auto liegt Torre Santa Susanna von Mesagne entfernt. Der Bürgermeister Michele Sacconmanno und Assessore Lucrezia Morleo empfangen uns an historischer Stelle, nämlich vor der Chiesa di „Crepacore” oder: Chiesa San Pietro delle Torri detta di Crepacore – wer es genau wissen möchte. Sie ist nur eine spannende Sehenswürdigkeit, die die kleine Gemeinde ihren Besucher*innen zu bieten hat.

Kleine Glücklichmacher: Zeppole

Dem Anlass des bevorstehenden Vatertags entsprechend empfängt uns der Sindaco liebenswerter Weise mit Zeppole di San Giuseppe. Ein Zeppole ist (hier im Salento) ein rund zum Kreis – symbolisch zur Rose – aufgespritzter Windbeutel aus Brandteig, mit einer Vanillecreme und gerne mit einer Amarena-Kirsche geschmückt. Es gibt sie im Salento in unterschiedlichen Größen und in ganz Italien auch in völlig unterschiedlichen Formen – zum Glück das ganze Jahr über.

Aber in dieser Region sind sie vor allem das Gebäck des italienischen Vatertags: Fiesta di San Giuseppe. Er findet am 19. März statt und überall in den Städten sieht man jetzt erstaunlich oft Menschen mit Kuchenpaketen herumlaufen. Die Zeppola (plural) – also süße Rosen – anstelle der echte Blumen jetzt mitzubringen, wenn man zu Besuch kommt, es gehört zum sehr guten Ton!
Ich mag sie wirklich sehr und da es sie oft in den Bars auch in kleinen und mundgerechten Größen gibt, gönne ich sie mir gerne zu einem Café. Das fängt schon in der Bar am Bahnhof in Bari an. Einen Zeppole zum Café zu haben – das bedeutet für mich, wieder angekommen zu sein im schönen Apulien.

Ich glaube, es gibt keine Region in Italien, die nicht von sich behauptet, dass bei ihr der Ursprung der Zeppola zu finden wäre. Man weiß es nicht genau. Feststeht, dass sie das erste Mal schriftlich erwähnt worden sind in einem Rezept von Ippolito Cavalcanti, dem Herzog von Buonvicino (1787-1859). Der Mann, da ist sein Adelsname Programm, war Koch und Literat und verfasste eine historisch relevante Abhandlung über die theoretisch-praktische Küche Süditaliens.

Chiesa di „Crepacore”

Frühlingswetter, Kaiserwetter – der Himmel über uns ist strahlend blau von Schäfchenwolken begleitet, die Luft noch kühl, aber die Natur duftet im Sonnenschein und sie ist hier ein großes Stück weiter als im Norden Europas. Es blüht!
Überall grüßen dichte, blau blühende Borretsch-Sträucher auf den Feldern. Die Pfirsichbäume zaubern mit ihren zarten Blüten einen weißen Schleier über die Provinz Brindisi.
Vor uns liegt im satten Gras die Chiesa. Sie hat einen seltenen quadratischen Grundriss und wurde vermutlich im 6. oder 7. Jahrhundert auf den Resten einer kleinen Gemeinde aus der Römerzeit errichtet. Vermutlich auch aus den Steinen derer Trockenmauern.
Die Fassade des Gebäudes ist durch einen halbrunden Bogen des Portals gekennzeichnet, der von zwei groben Säulen getragen wird. Die eher niedrige Kirche ist in drei Schiffe unterteilt, das Hauptschiff wird von zwei nicht sehr hohen Kuppeln bedeckt.
Bezeichnend sind ihre Fresken an den Innenwänden, die von Wissenschaftlern zwei religiösen Kultursträngen zugeordnet werden – und so ein Phänomen trifft man hier im tief katholischen Apulien nicht sehr oft.
Wir finden hier die Fresken der langobardisch-benediktinischen Kunst und der byzantinischen Kunst jeweils an den Wänden der Kirche und der Apsis. Am unteren Rand einer von ihnen wurde erst kürzlich eine Widmungsinschrift in griechischer Sprache entdeckt.
Es ist das Besondere an dieser Kirche, dass in ihr über die Jahrhunderte unterschiedliche Religionen gepflegt wurden. Um die Chiesa herum gibt es einige Nekropole auf ebener Erde zu besichtigen, die auf das 7. Jahrhundert nach Christus datiert sind.
Die Chiesa steht direkt auf der Limitone dei Greci, so nannte man die Grenze, die das lombardische von dem byzantinischen Königreich trennte. Notarielle Dokumente aus dem Jahr 1100 erwähnen die Via ad Lippium als Adresse der Chiesa di Crepacore. Somit liegt sie an einer Abzweigung von der nach Brindisi führenden Via Appia, die bei Oria abzweigte, weiter nach Lecce und von dort über die Via Traiana Calabra nach Otranto führte.
Eine durchaus relevante Verkehrsachse der Halbinsel Salento in jener Zeit, was das zahlreiche Entdecken von archäologischen Funden in dieser Gegend erklärt.

Die Datierung der Kirche beruht auf Ermangelung historischer Dokumente, alleine auf ihren Merkmalen. Ihre Kuppeln lassen auf ihre Entstehung im 5./6. Jahrhundert schließen, während die Entstehung ihrer Fresken auf das 8. Jahrhundert bzw. noch später auf 1061–1078 datiert werden.

Kurze Zeit später befinden wir uns inmitten der kleinen Gemeinde Torre Santa Susanna, die knapp 10.000 Einwohner zählt. Es herrscht fröhliches Alltagstreiben
und der hiesige Fleischer liefert die passenden Delikatessen …
für die Osterzeit.
Überall entdeckt man charmante kleine Ecken, die mindestens ein Foto wert sind.
Es ist eine hübsche Stadt, die ihr Möglichstes gibt, um der leider wieder zunehmenden Abwanderung der italienischen Jugend irgendwie entgegen zu wirken.

Frantoi ipogei – die unterirdische Ölmühle

Torre Santa Susanne war zu der Zeit vor der Elektrizität die Hochburg im Olivenanbau und die Anzahl der unterirdischen Ölmühlen riesengroß. Das grüne Gold machte damals jeden reich, der Felder mit Olivenbäumen und dementsprechenden Mühlen im Untergrund besaß.
Eine Besichtigung wert, das ist die erstaunlich große, gut restaurierte unterirdische Ölmühle Frantoi ipogei im Zentrum der Stadt, die als Museum geöffnet wurde. Sie stammt aus der Zeit der Byzantiner.
Für damalige Verhältnisse muss diese Ölmühle – wir erinnern uns, vor der Industrialisierung wurde das Olivenöl vorrangig als Lampenöl produziert, um die europäischen Metropolen zu erleuchten – geradezu modern und wohnlich ausgestattet gewesen sein, enthält sie eine Andachtsstätte und in den Felsen gehauene Sitzgelegenheiten.
Mittlerweile habe ich viele, sehr viele Ölmühlen im Salento besuchen dürfen – nicht jede davon würde ich interessierten Besuchern nahelegen. Diese hier in Torre Santa Susanna empfehle ich auf jeden Fall! Sie ist schön erhalten, liebevoll restauriert und ihre vielen Nebengelasse sind perfekt in Szene gesetzt in ihrer früheren geschichtlichen Kargheit.

(Liebe Verantwortliche in Torre Santa Susanna! Es ist so schwierig an die die Öffnungszeiten Ihrer Sehenswürdigkeiten zu kommen, um sie zu kommunizieren! Warum gibt es für die Chiese di Crepacore als auch Frantoi ipogei keine Webpräsenz – nicht einmal in dem lapidaren Googleeintrag mit wenigestens einer Telefonnummer, um Öffnungszeiten zu erfragen? So motiviert man leider nicht Touristen in Ihre Stadt und den Sehenswürdigkeiten zu kommen! Im Jahr 2025 ist etwas Online-Kommunikation ein must have!)
Immer wieder bin ich fasziniert davon, dass die arbeitenden Menschen in diesen Höhlen bis zu sieben Monate im Jahr durchgängig gelebt haben – zusammen mit den Maultieren – ohne auch nur einmal an das Tageslicht zu kommen. All das, damit die Öle möglichst rein blieben und auch die Temperatur konstant bei bis zu 18. Grad gehalten werden konnte.
Wer auf den Spuren des Olio extra vergine in Apulien wandelt, ist schon deswegen perfekt in Torre Santa Susanna aufgehoben, weil hier vor kurzem erst im ehrwürdigen ehemaligen Rathaus der Stadt ein großes Olivenöl-Museum Molo Oil Museum an der Piazza Umberto 1 in zentraler Lage eröffnet wurde. Alleine, wir durften es nicht besichtigen. Unsere Wege führten auch hier wieder zu einer Chiesa, und zu noch einer und …
Auch wenn ich die Chiesa Madre di San Nicola mit ihrer kunstvollen Glas-Rosette, und die Santuario di Santa Maria di Galaso, deren Kirchenschiff mit dem Altar sich eine Ebene tiefer senkt mit ihrem Barock-Altar aus purem Blattgold und dem jüngst entdeckten Fresko einer byzantinischen Madonna im Seitenschiff durchaus faszinierend fand, letztere architektonisch.

Für mich war es sehr schade, denn ich wäre wirklich gerne in dem Museum auf die ölige Entdeckungsreise gegangen. Muss ich wohl wiederkommen!

Cantine e Vinoteca La Pruina Vini

Maria Pia d’apolito, die uns charmant in englischer Sprache bei unseren Stadtrundgang in Torre Santa Susanna begleitete, entpuppte sich wenig später als unsere ganz reizende Gastgeberin. In der kleinen Weinhandlung La Pruina Vini in der Via Attilo Calabrese 51, die sie zusammen mit ihrem Ehemann, Giovanni Sandro Moretto führt,
verkauft die Familie die eigenen Weine.

Patron Pietro D’Apolito gemeinsam mit seiner Ehefrau Marianna Lanzilotti hatte 1980 den Einstieg in den Weinanbau gewagt. Also genau zu der Zeit, als sich ganz Apulien als Weinproduzent neu erfunden hatte. In den 70iger Jahren hatte sich diese Weinregion darauf besonnen, nicht mehr nur Zulieferer für Winzer*innen im Norden Italiens zu sein, also die Weine lediglich zu keltern. Damals entdeckte man endlich die eigenen Werte und es wurde in Apulien begonnen, die gekelterten Weine selber auszubauen und eigenständig zu vertreiben. Heute besitzt die Familie 20 Hektar auf denen sie ihre Reben kultiviert.

Es sind schwierige Böden, die rote Erde, reich an Eisenoxiden, Kalkstein und Fossilien, macht es auch den 40–50 Jahre alten Reben nicht leicht zu wurzeln. Die Familie baut nach dem antiken apulischen System Alberello an. Es ist ein Erziehungssystem, das zu einer sehr geringen Traubenproduktion pro Hektar führt, aber von großer geschmacklicher Konzentration in den Trauben. Die Rebe darf frei nach oben auf eine Höhe bis maximal 1,5 Meter wachsen, ohne Zwänge oder Bindungen, ihre Blätter bilden eine Art Schirm, der die Früchte vor direktem Kontakt mit der Sonne schützt. Wer so historisch verwurzelt anbaut, baut selbstverständlich nach biologischen Maßstäben und in reiner Handarbeit an!

Sie verkaufen als Familienunternehmen ihre prämierten und international anerkannten Weine. Alle Kinder sind gemeinsam mit den Ehepartnern in das Geschäft eingestiegen und auch die Enkel zeigen schon Interesse am familiären Geschäft – wenngleich wohl noch eher nur im reichhaltigen Probieren der saftigen Trauben.
Herrliche Weine produzieren sie! Zum Beispiel den Negroamaro Non T’Aspetti die rote autochthone Traube Negroamamro, als weißen Wein trocken ausgebaut – von Luca Moroni mit 99 Punkten prämiert. Hellgelb im Glas, spritzig mit ausgewogener Mineralität schmeckte er nach roten Beeren und einem bunten Cocktail exotischer Früchte. Tolle Erfahrung!
Auch der La Pruina Fossilente Puglia IGP Bianco Frizzante ist ein als Sparkling ausgebauter spritziger, weißer Negroamaro, den es natürlich auch als Rosé gibt. (Ich liebe die Rosé aus Negroamaro, weil sie charaktervoll sind und meist trocken daher kommen.) Der Fossilinete Puglia IGP ist ein sehr trockener Sparkling mit immerhin 12,50%. Was für eine satte Farbe! Im Stahltank ausgebaut bringt er ganz viel Frucht aber dann doch diese ernsthafte Trockenheit eines Negroamaros ins Glas. Bonfortionöses Sommergetränk! Auch köstliche Olivenöle gehören zur familiären Leidenschaft. Alles durften wir bei einem Aperitivo kosten – mit den soften aromatischen Olivenbrötchen aus Sauerteig und feinen Nodini (kleine zu Knoten gebundene Mozarella). Die waren, wie man so schön sagt: To die for!
In den Regalen findet man viele eingemachte Köstlichkeiten aus dem Salento – ein Eldorado für Feinschmecker. Es war ein fröhliches und köstliches Zusammensein auf engstem Raum.
Seht ihr diesen hübschen kleinen weißen Elefanten im apulischen Pumo-Stil (apulische Glücksbringer aus Keramik) dort im Regal stehen? Er ist nach Berlin umgezogen und hat sich gut in meiner Elefantenherde eingelebt. (Was das Mitbringen solcher Souvenirs zum Hinstellen aus anderen Ländern betrifft: Ja, ich bin SO SEHR meine Oma Mau!)

2025-03-28

Confetto Riccio – der süße Schatz von Francavilla Fontana

Süß wurden wir in Francavilla Fontana empfangen – im wahrsten Sinne des Wortes. Im Innenhof des Castello Imperiali begrüßte uns Bürgermeister Antonello Denuzzo mit freundlichen Francavillesi. Eine Stunde liegt diese Stadt von Lecce mit dem Auto entfernt in der Provinz Brindisi im Dreieck Mesagne, Oria und Grottaglie. Wer Keramik liebt, kann in all diesen schönen Orten sehr leicht einem Kaufrausch verfallen.


Konfekt mit Locken

Den süßen Empfang aber bereitete vor allem Nicola Tardio, der sich der historischen Familientradition, frische Mandeln zu verzuckern, verschrieben hat, dem Confetto Riccio D.O.P. Wie schon sein Vater und seine Urgroßväter. In vier Generationen verzaubert die Familie die in der Provinz Brindisis geschätzten Mandeln zu köstlichem Konfekt.

Mandorla a Mazzetta und Tondina, letztere wird auch „Cinque Cinque” genannt, denn ihre Früchte reifen an den Ästen immer in Fünfergruppen. Beiden Mandel-Sorten ist gemein, dass sie geschält raue Oberflächen haben – so kann der Zucker besonders gut haften und sie zart ummanteln. Nicola tourt mit seiner heißen Installation Jahr für Jahr durch die Kindergärten und Schulen, um bei den Kindern ein Gespür für die besonderen Traditionen des Salento zu wecken.
Dieses Geschenk bereitete er uns also auch – und zudem verwöhnte er uns mit seinen süßen Köstlichkeiten. Menulli rizzi werden sie im Dialekt bezeichnet (lockiges Konfekt), langsam gebrannte Mandeln, die stetig mit sehr wenig Glucosesirup aus der Kelle beträufelt werden. Dabei werden die Mandeln in einer großen Kupferschale andauernd in Wellenbewegungen über glimmende Holzkohle geschwenkt.



Der Zucker schmiegt sich gleichmäßig um die Mandeln, umhüllt sie und versiegelt so ihre knusprige Frische. Hinterher sehen die Mandeln aus wie kleine weiße Ostereier. Es ist ein komplett anderer Vorgang, als wir das Karamellisieren von Mandeln auf unseren Weihnachtsmärkten kennen. Immer und immer wieder werden die Mandeln geschwenkt und beträufelt, geschwenkt und beträufelt …

Vier Stunden dauert alleine dieser Arbeitsprozess! Danach werden die Mandeln auf Baumwolltücher ausgebreitet und müssen komplett austrocknen. Nicht, dass sie nicht schon heiß und frisch aus der großen Pfanne genascht gut schmecken würden. Ich kann’s bestätigen!

Bessser als Krawatten kürzen

Traditionell wurden diese Süßigkeiten früher nur in der Karnevalszeit hergestellt und am Lu sciuitia ti li femmini (die Weiberfastnacht) – also am Donnerstag vor Aschermittwoch – von Frauen, ihren Freunden, Verlobten, Ehemännern und Vätern verschenkt. Sie gelten als besonderes Symbol für die Zuneigung, gar Liebe zur beschenkten Person. Also das süße Äquivalent zu unserem Krawatten-Diebstahl. Was wohl bei den Herren besser ankommt?

Heute wird das Konfekt auch am Tag der Schutzpatronin von Francavilla Fontana, der Madonne della Fontana am 14. September eines jeden Jahres verschenkt (dann übrigens umgekehrt – von den Männern den Damen überreicht.)

Aber finden wird man die Confetti ricci tatsächlich nur in dieser Stadt und in der sehr nahen Umgebung. Diese traditionelle Süßigkeit hat ihren Weg nie weiter hinaus in die Welt gefunden, was zu bedauern ist. Ihr bekommt Il Confetto Riccio aber auch das gesamte Jahr über an den Süßigkeit-Ständen in Francavilla Fontanta. Herzlichen Dank an Nicola Tardio und die Stadt für diese überraschende Begegnung mit einem Produkt der heutigen Slow Food Bewegung.

Das Castello Imperiali

Nach der Knabberei ging es für uns hoch in das Kaminzimmer des dreistöckigen Castello Imperiali. Dieses Castello wurde 1450 n. Chr. von Giovanni Antonio Del Balzo Orsini, Prinz von Tarento in Auftrag gegeben – zum militärischen Schutz. 1547 gestalteten der Marquis von Oria und der Feudalherr von Francavilla Giovanni Bernadino Bonifacio das Castello in eine Wohnresidenz um. Die Fürstenfamlie Imperiali sicherte es sich im Jahr 1575 und lebte darin bis 1727, auch in dieser Zeit unterlief das imposante Gebäude stetigen Änderungen. Übrigens kehrte das Castello während des zweiten Weltkrieges nochmals zurück zu seiner militärischen Bestimmung, als einige Regimente dort untergebracht wurden.

Ein Saal – was für eine Pracht!

Der ehemalige Ratssaal, ein großer Saal mit einer mehr als imposanten Decke …
… im klassischen Barockstil von G. Vollone … gemalt und dem beeindruckenden Gemälde des letzten Abendmahls, fand seine letzte bauliche Veränderung in dem Einbau eines großen Kamins anlässlich einer relevanten Vermählung. Er trägt kunstvoll arrangiert die Wappen der sich vermählenden Familien.

Das letzte Abendmahl

Ihm gegenüber hängt das große Gemälde des letzten Abendmahls. Es ist beeindruckend! Man findet in dem Gemälde typische salentinische Speisen, wie das speziell geformte Pane di Altamura oder die Friselle (ganz links unten). Aber auch die große Kupferschale der Confetto Riccio lässt sich im Gemälde ausmachen – aus ihr trinkt in dem Gemälde ein Hund (rechts unten).
Ein österliches Lamm liegt zubereitet auf dem Tisch. Dieses Gemälde gilt im Salento als der Ursprung der italienischen Zero-Kilometre-Bewegung. Also die italienische Besinnung darauf, vorrangig regionale Produkte auf den Tisch zu bringen bzw. im Alltag zu verwenden.
Dass zu Füßen von Judas eine Katze liegt und sie somit als Ausdruck des Bösen gedeutet wird, kann ich nur vehement zurückweisen. Katzen als Ausdruck des Verrates – was für eine absurde religiöse Fehlinterpretation! Pah!

Prädikat: Für den Salento besonders wertvoll!

Carmen Mancarella nutzte diesen besonderen Ort und unsere Anwesenheit dafür, zwei junge Menschen aus Francavilla Fontana mit dem von ihr im Namen ihres Tourismusmagazin Spiagge neuen Prädikat als Eccellenze d'Italia auszuzeichnen. Marco Pappadà, Koch, und Simone Santoro, Winzer, sind junge und wirklich begnadete Talente ihrer Zunft, die mit den Produkten Apuliens und auf dem Terroir des Salento traditionelle Gerichte und hochklassige Weine auf den Tisch bringen. Und natürlich so die traditionellen Speisen der Region erhalten bzw. sogar in die Welt tragen.

Später am Tag durften wir uns alle von ihren Talenten überzeugen – und ja, ihre Auszeichnung haben sie völlig zu Recht erhalten.

Archäologische Museum im Castello Imperiali

In weiteren Räumen warten die frisch restaurierten Gemälde (sprich einen Tag vor unserer Ankunft erst wieder in die Räume zurückgelangt) auf ihre senkrechte Rückkehr an die Wände.

Auf der gleichen Etage schließt sich ein archäologisches Museum an, mit eindrücklichen Grabsimulationen.
Wir durften indes auch auf dem großen Balkon etwas Luft schnappen.
Er liegt an der Ostfassade des Castello im Barockstil und seine Gestaltung wurde in den Tuffstein von Lecce gearbeitet. Vier an die Wand angelehnte Bögen, in denen sich vier von kleinen Blättern umrahmte Fenstertüren befinden.
Ein weiteres kunstvolles Kleinod in diesem hübschen Castello Imperiali.

Die Kirchen von Francavilla Fontana – verhinderte Pracht

Eigentlich stand der Besuch der Basilica Minore del Santissimo Rosario auf unserem weiteren Programm.

Nun war sie aber im Rahmen ihrer üblichen und durchaus ehrenvollen Aufgaben verständlicherweise verhindert. (Ich muss schon anmerken, italienischer Bestatter gestalten sich ihren Beruf angenehm mit dem Fahren unglaublich schöner Autos. Das hier ist ja nur ein Mercedes – aber googlet mal die Bestattungsfahrzeuge von Lancia!)
Der Ursprung der Kirche ist der Überlieferung nach mit der Entdeckung einer byzantinischen Ikone mit dem Bild der Madonna am 14. September 1310. Die römisch-katholische Kirche ist die größte Kirche des Bistums Oria. Das heutige barocke Gebäude mit der höchsten Kuppel des Salento mit einem Durchmesser von 13 Metern ist das Ergebnis eines Wiederaufbaus im Jahr 1743, nachdem ein Erdbeben einen Großteil der im 14. Jahrhundert errichteten Kirche zerstört hatte.

Auch die kleinere Kirche Matrice del Santissimo Rosario direkt nebenan, war unserem Besuch eher abgeneigt aufgrund ihrer räumlichen Kosmetikprozeduren.
Immerhin, der zuständige Pfarrer der Chiesa Padri Liguorini hatte mit uns ein Einsehen und schloss freundlicherweise seine Kirche für uns auf. Was für eine Pracht!
Wieder eine Kirche in der man Tage verbringen könnte, um alle Deckengemälde, …
alle Altäre, die Böden und Seitenschiffe …
auch nur annähernd in ihrer Kompleixtät bewundern zu können. Mir ein deutliches Stück zu viel an Pracht – ich fühlte mich völlig überfordert. Aber wunderschön ist sie ausgestattet! Sie gehört zum 1310 gegründeten Kloster der Liguorini Mönche.

Wer gerne Italiens Kirchen besucht und an barocker Pracht durchaus tiefe Freude empfinden mag, dem sei Francavilla Fontana auf jeden Fall empfohlen.
Wir durften auch den Kreuzgang des Klosters besuchen, das reich an Zitrusbäumen ausgestattet ist – was ein Duft!