2026-03-22

Aperitivo mit Diane in Bernalda

Heute machen wir in der Basilikata einen kurzen Ausflug nach Bernalda. Die kleine Gemeinde zählt knapp 12.000 Einwohner und liegt in der Provinz Matera, knappe 40 Kilometer südlich von der Provinzhauptstadt entfernt. Von Apulien über Taranto aus fährt man mit dem Bus 90 Minuten dorthin.

Wie viele Orte in der Basilikata liegt auch Bernalda auf einer Anhöhe – von einigen Standpunkten des Ortes hat man einen fantastischen Blick auf die typische, fließende Landschaft Lukaniens. Das Castello di Bernalda auf der Piazza San Bernardino da Siena wurde von Normannen erbaut, später von den Argonen eingenommen. Die heutige Version ist im Jahr 1470 von Bernardino de Bernaudo (Sekretär des Königs Alfons II. von Neapel) auf den Ruinen der normannischen Burg errichtet worden. Nun ratet, woher Bernalda wohl seinen Namen bekam?

Die Festung mit drei Ecktürmen und einem umfangreichen Tunnelsystem, kann nach jüngst abgeschlossenen umfangreichen Restaurierungsarbeiten besichtigt werden. Ihr zu Füßen liegt in Richtung Küste das Naturschutzgebiet Metponto mit seinen archäologischen Städten und dem Nationalmuseum von Metaponto.

Diese Gegend in der Basilikata galt 773 n. Chr. als eine der bedeutenden Städte von Westgriechenland. Heute locken die Indizien der Vergangenheit, wie der Apollo-Lycus-Tempel oder die Nekropole Crucinia. Im Nationalpark wandert man zum Salinella-See oder streift durch den Bufalra-Wald.

Eine weitere Sehenswürdigkeit von Bernalda ist die Chiesa Madre di San Bernardino da Siena. Sie liegt dem Castello direkt gegenüber. Die Kirche wurde 1510 gegründet und dem Heiligen Bernardino da Siena geweiht. Ihre besonders fein gearbeitete und bemalte Holzkanzel wirkt in der ansonsten eher einfach gehaltenen Kirche.

Tagsüber liegt Bernalda mit seinen hübschen, weiß getünchten Häusern und der charmanten Altstadt ruhig da. Tatsächlich … aber bekomme ich von alledem nichts zu sehen, denn wir erreichen den Ort erst am Abend zur besten Aperitivo-Zeit und sind zu Gast bei niemand Geringerem als Francis Ford Coppola.

Scherz!

Natürlich. Bernalda ist in den letzten Jahren aufgrund eines berühmten Enkelsohnes in die Öffentlichkeit gerückt. Und am Abend kommt hier ein unglaubliches Leben in die Straßen. Der Großvater von Francis Ford Coppola hatte sich von hier aus im Jahr 1904 aufgemacht, um in den USA sein Glück zu suchen. Ob er es fand, ist nicht überliefert. Überliefert hatte er aber alle seine Geschichten über seine lukanische Heimat an seinen Enkelsohn, Francis Ford Coppola.

Dieser, ein kreativer und als Regisseur weltbekannter Künstler, hatte hier den an der Hauptstraße Bernaldas, Corso Umberto, gelegenen Palazzo Margherita 2004 erworben und das Gelände mit einem beeindruckenden Garten in ein für normale Touristen kaum erschwingliches Boutiquehotel umgebaut. Sechs Hotels über die Welt verteilt, gehören wohl ins Coppola’sche Portfolio.

Die Restauration dieses neoklassizistischen Gebäudes aus dem 19. Jahrhundert soll beinahe zehn Jahre in Anspruch genommen haben. Sieben Suiten und zwei Räume mit Gartenzugang können hier kurz- oder langfristig bezogen werden. Vorausgesetzt, man kann sich die Übernachtung ab 1.000 Euro pro Nacht leisten. Die luxuriöse Innenausstattung wurde von Designer Jacques Grange realisiert.
Nun, das ist ganz sicher genau die Unterkunft, die eine arme Region wie die Basilikata dringend benötigt. Für das Geld darf man entzückende Fresken bewundern, es gibt einen Pool in dem verwunschenen Garten, der Salon kann zu einem Kinoraum umfunktioniert werden, Coppolas cineastisches Erbe gibt es frei Haus zu sehen und natürlich wird der Shuttle zum Strand bereitgestellt. Immerhin – das Hotel gehört wohl immer noch der Familie, des inzwischen finanziell hart angeschlagenen Königs vieler epochaler Hollywoodfilme.
Eine Nummer kleiner lädt die im Haus liegende Cinecittà Bar mit Bistrot auch eher finanziell normale Gäste in das besondere Etablissement ein. Berliner, die hier eintreten, werden sofort an die legendäre Paris Bar in der Kantstraße erinnert.
Das Interieur ist ganz klar einer französischen Brasserie nachempfunden, die Jukebox bereichert den Raum ebenso wie die sehr gut ausgestattete Bar.
Die Porträts in Schwarz-Weiß der Filmikonen aus dem vergangenen und jetzigen Jahrhundert rufen viele cineastische Höhepunkte in der eigenen Erinnerung hervor.
Ob sich noch jemand an den wundervollen Marty Feldmann erinnert … außer mir? Und da wir hier zu Gast sind, als sehr kurz zuvor die wundervolle Diane Keaton ihre irdische Existenz aufgeben musste, stehe ich vor ihrem Bild, das mich ob ihrer jugendlichen Schönheit – die sie sich bis zu ihrem Ende erhalten durfte, das möchte ich betonen – schmelzen lässt, und verdrücke dezent eine Träne. „Cin cin la Déesse!”
Ansonsten haben wir hier einen wirklich charmanten Aperitivo.
Die Kellner servieren täglich (außer Mittwochs) ab 11:00 bis einschließlich 24:00 Uhr und unterhalten uns mit einer ihres Hauses mehr als angemessenen Klasse, und wir genießen die Oliven, Taralli und Focaccia und den Vino in einem für uns sehr angemessenen Ambiente.
Will sagen, wir hatten echten Bar-Spaß!

Auf der anderen Straßenseite, nur einige Meter weiter, besuchen wir Freunde bzw. Verwandtschaft von Pino.
Saida Chiurazzi hat sich gemeinsam mit ihrem Partner mit dem DelChi Torrefazione einen Traum erfüllt. Sie importieren allerfeinsten Kaffee und verkaufen glücklich machendes Hüftgold aus Italien. Beide sind zertifizierte Caffè-Sommeliers.
Dazu gehören natürlich noch charmante Dekoration und Geschirr sowie einige Lebensmittel aus der Region, die ihren hohen Ansprüchen genügen.

Seit 2026 wird ihr Shop mit Kaffeeausschank im Gambero Rosso aufgeführt. Es ist so ein typisches Geschäft, das man nicht wirklich braucht, aber sobald man es betritt, rinnt einem das Geld nur so durch die Finger.
Und das nicht nur zu bestimmten Jahreszeiten …

Cinecittà Bar e Bistrot
Corso Umberto I, n. 60, 75012 Bernalda MT


DelChi Torrefazione
Corso Umberto I, n. 245, 75012 Bernalda MT

2026-03-21

Das ist alles so eklig!

Mich verstört gerade (neben allem anderen, was den Fall Identitätsdiebstahl der Collien Fernandes betrifft, wie hinterfragt wird – und das passiert nie ohne Hintergedanken –, warum Collien Fernandes ihren Ex-Mann ausgerechnet in Spanien angezeigt hätte?

Frau Fernandez hatte, nach eigener Aussage, im Januar 2024 in Deutschland Anzeige gegen unbekannt gestellt, als sie von ihrer gefälschten, sexualisierten Identität im Internet erfahren hatte. Nachdem sie erfahren hatte, wer der mutmaßliche Täter war, zeigte sie diesen in Person Ende 2025 in Spanien an.

Es ist bekannt, dass die gesamte Familie die letzten Jahre des Zusammenlebens auf Mallorca lebte. Es ist davon auszugehen, dass ein großer Teil der Herrn Ulmen vorgeworfenen Taten, wie Identitätsdiebstahl u. m., in dieser Zeit auf spanischem Boden geschehen sind. Herr Ulmen lebt dort wohl immer noch. Für Herrn Ulmen gilt bis zum Abschluss von Ermittlungen und gegebenenfalls daraus resultierenden juristischen Konsequenzen die Unschuldvermutung.

Insofern ist es mehr als logisch, dass die Anzeige in Spanien gestellt wurde und in der Folge die juristische Aufarbeitung dort auch erfolgen sollte. Was also soll diese Frage?

Aber darum geht es den meisten Hinterfragenden sehr wahrscheinlich nicht. Bekannt ist, dass Spanien in der Gesetzgebung – was auch den Schutz von Frauen generell anbelangt – um ein Vielfaches weiter als Deutschland (es vermutlich jemals sein wird) ist. Spanien ist auch viel weiter, was den Schutz einzelner Personen im Internet anbelangt. Frau Fernandes hatte zugegeben, dass ihr das bei der Anzeige bewusst gewesen war und mit ein Grund für sie gewesen war, auf die spanische Justiz zu vertrauen.

Da darf man ruhig bei einer solchen Frage in den Raum stellen, ob hier nicht wieder die übliche Täter-Opfer-Umkehr geschehen soll. Denn insgeheim wird damit gefragt: Warum wird der arme Mann nicht in Deutschland angezeigt (später mutmaßlich angeklagt), wo ihn womöglich die deutlich weniger harte Strafe treffen würde, weil die deutsche Justiz derartige Straftatbestände mangels ausreichender Gesetzgebung kaum ahnden wird? Insbesondere vor allem nicht existierte zum Zeitpunkt der Tat, was durchaus Einfluss hat auf ein etwaiges Strafmaß bei möglicher Verurteilung.

Ja, Spanien schützt mittlerweile Frauen gegen Täter deutlich besser als Deutschland und ahndet generell Kriminaltaten im Internet in einem anderen Ermittlungstempo und mit einer anderen Strafverfolgung. Dem sollte man mit maximalem Unverständnis als Person in Deutschland begegnen, ihn hinterfragen und maximalen politischen Druck machen.

Einer Person, die von ihrem Recht Gebrauch macht, einen mutmaßlichen Täter dort anzuzeigen, wo er lebt, mutmaßlich Taten dort begangen hat, als Frage impliziert, ihr – dem Opfer – das vorzuwerfen, das ist unglaublich verlogen. Es ist eklig!

Mich macht es so sehr sauer.

Frau Collien Fernandes wünsche ich alle Kraft der Welt, das Geschehen irgendwann einmal verarbeiten zu können. Großes Mitleid habe ich mit dem Kind beider Personen.

2026-03-18

Ganz besonders campen in der Basilikata: Le Due Barche!

Pino bringt uns zum Strand. Und erzählt. Von seinem Freund, der auf einem Campingplatz lebt. Der ein besonderer Mensch ist. Ein Künstler. Luciano Palermo.

Im November ist auf dem Campingplatz Le Due Barche (Die zwei Boote) natürlich tote Hose, vermeintlich. Dazu später mehr. Auf unserer Reise, die uns die Freiheit schenkt, zwischen der Basilikata und Kalabrien hin und herzuspringen, sind wir wieder in der Basilikata unterwegs. In Scanzano Jonico, Pinos Heimat. Der Ort Montalbano Jonico liegt etwas höher im Landesinneren, sein Pendant, Scanzano Jonico, hat es sich an der Küste des Ionischen Meeres gemütlich gemacht.
Dieses kleine Paradies ist von Matera in nur einer halben Stunde Autofahrt zu erreichen. Als wir aus dem Auto steigen, werden wir von dem Begrüßungskomitee in Emfpang genommen. Während ich ganz verzückt bin, grinst sich Pino eins, während wir weitergehen. Er weiß genau, wie es noch tierisch weiter gehen wird.
Ein langer, weißer Sandstrand liegt ruhig vor uns. Gelegentlich unterbrochen von etwas Gestein. Dann und wann schimmert weißes Treibholz im Sand. Im Sommer ist der Strand natürlich vollgestellt mit den geometrisch in Linie ausgerichteten Strandliegen der Lidi – wo es immer eine einfache, fantastische Küche in den dazugehörigen temporären Restaurants gibt. Der Campingplatz stellt in der Saison auch Rettungsschwimmer mit Gerät. Das Must have, um mit der blauen Flagge zertifiziert zu werden.
Jetzt im späten Herbst ist dieser Ort ein Paradies der Ruhe.

Stundenlange Spaziergänge, die völlig Schmerzbefreiten springen auch jetzt noch einmal kurz in das Meer an den wärmeren Tagen. Die Füße kann man auf jeden Fall noch ins Wasser halten. Kneipen in der Basilikata.
Alles ist so charmant ruhig, der Campingplatz ist leer.
Bis auf eben Luciano Palermo (kann denn ein Name italienischer sein?), der sich hier eingerichtet hat. Mr. Campingplatz lebt das ganze Jahr hier und macht diesen Ort zu einem sehr besonderen Fleck.
Er hat einen bezaubernden, kleinen und einladenden botanischen Garten installiert. Baut sein eigenes Gemüse an.
Überall gibt es etwas zu bestaunen. Seine Holzarbeiten, aus Treibgut oder gefällten Olivenbäumen hergestellt, laden auf dem Gelände zum Sitzen ein, mindestens zu ihrer Bewunderung.
Später zeigt uns Luciano seine Bilder. Umrahmt von selbst gezimmerten Hölzern.
Der Mann ist ein Tausendsassa! Und alles, was er hier geschaffen hat, macht diesen Campingplatz zu einem besonders liebevollen Urlaubsort.
Aber vorher ist er uns ein sehr herzlicher, ausgesprochen charmanter Gastgeber. Und nicht nur uns. Auch seinen Tieren. Die Katzen, die jetzt vorbeigucken, kennt er alle mit dem Namen.
Der junge, noch scheue Fuchs Willi, lebt hier mit seinen Eltern und gehört, …
… wenn auch mit etwas Abstand, zu ihrer Gang.
Wir sind hier einfach und es ist wunderschön. Die Sonne steht am Himmel, das Meer im Hintergrund plätschert vor sich hin, wir (später vor allem ich mit großer Begeisterung) füttern die kleinen Rabauken mit Wurst. Pino und Luciano kümmern sich um unseren Rossato. Sie zelebrieren dabei ihre lange Freundschaft. Besser geht’s nicht!
Das hier ist einfach ein wundervoller Platz. Kein auf Glamping gestylter Campingplatz. Er hat alles, was Camper brauchen in einfacher Weise. Hier man kann man noch wirklich campen, so wie diese Art des Urlaubs einmal angedacht war – in der Natur, gerade mit dem ausreichenden Comfort. Und Pino hatte seine diebische Freude uns diesen wunderschönen Platz am Meer zu zeigen. Man merkt ihm an, wie sehr er es liebt hier zu sein.
Blumentöpfe, in denen einige Pflanzen noch oder wieder blühen, Lucianos Papagei, den er irgendwie gerettet hatte, spricht mit uns. (Immerhin: Mein erster Papagei, der Italienisch kann!)
Und als wir den Ausflug an den Strand machen, folgen uns die Tiger samt Willi, spielen im Sand – und das alles mit dem Blick auf die türkisblaue See! Wer hat schon einmal einen Fuchs mitten in den Agaven gesehen?
Für mich war das der perfekte Moment in völliger Harmonie und für immer im Herzen festgeschrieben! Nun, was auch sonst bei solchen Aussichten?
Ja klar, in der Saison lebt es sich hier natürlich völlig anders auf diesem Campingplatz, dann tobt hier – seit immerhin 50 Jahren – das Leben: Tursi, Rabatana, Montalbano, Valsinni, das von Carlo Levi geliebte Aliano, das antike Eraclea, Bernalda, Scanzano, Rotondella. Alles spannende Orte in der nahen Umgebung, in denen man von „Le Due Barche” aus auf die eigene Entdeckungsreise in der Basilikata gehen kann.
Der Campingplatz lockt mit Musik und Kultur, hat seine eigene Bibliothek und verkürzt so die Sommerabende mit dem lukanischen Charme. Rundherum genießen Touristen die herzliche Gastfreundschaft der Lukanier, die die köstlichen Produkte direkt aus dem Garten Italiens servieren.
Der alternative Campingplatz hält über 100 Stellplätze bereit, die größtenteils im Schatten der hohen Pinien liegen. Es gibt darüber hinaus 15 mobile Häuser, die gemietet werden können, falls einem selbst der Camper fehlt. Tiere dürfen mitgebracht werden, ansonsten gibt es alles, was das Camperherz begehrt: Internet, Waschgelegenheiten,
Waschmaschine, Kühlschränke und Einkaufsmöglichkeiten. Und Lucianos Zoo, als auch seine Kunst und Freundlichkeit. Das alles ist so charmant, einfach und herzlich.

Homepage: Le Due Barche

Nur so!

Genau. Depperter Präsident beschimpft seit Jahren die NATO und droht ihr und kündigt ihr Verträge, wann er nur kann. Fängt alleine einen Krieg an – ohne eben jene NATO überhaupt vorab zu informieren.

Und jetzt heult er, weil ihm der Krieg um die Ohren fliegt, dass gewisse NATO-Mitglieder ihm den Stinkefinger zeigen.

Genauso habe ich mir Weltpolitik immer vorgestellt.

2026-03-14

Tun' di Carola'1801

Ich durfte neulich einen köstlichen Ausflug in die Welt des Roten Thunfisches nach Agropoli im italienischen Cilento (Salerno, Kampanien) machen. Was sich anfänglich – in meiner Vorstellung – nach Thunfischfilet auf krachender Bruschetta las, war ein Ausflug in die philosophische Welt des Kochs Vincenzo Carola. Er sieht und versteht diesen besonderen Fisch ganz anders und in einer Ganzheit, die beeindruckt. Es war spannend und am Ende eine unglaubliche Freude, ihm in seine Welt der Vielfalt des Thunnus thynnus gefolgt zu sein.
Vincenzo führt in der fünften Generation das Restaurant Vecchio Saracino seiner Vorfahren. Er ist zwischen den Kochtöpfen seiner Großeltern und Eltern aufgewachsen. Seine elegante und moderne Küche trägt Früchte: Das Restaurant Vecchio Saracino wurde in diesem Jahr unter seiner Leitung in den Gambero Rosso aufgenommen.

Die jüngste Kreation seiner Kreativität am Herd? Es mag profan klingen, ist es mitnichten: Konserven aus Thunfisch – Tun’ di Carola'1801. Er hatte sie uns neulich in Berlin in der Trattoria a’Muntagnola bei einem Pressetasting vorgestellt.
Vincezo Carola zeichnet sich durch eine interessante Ernsthaftigkeit aus. Schneidet er in der gastgebenden Küche der Trattoria das italienische Brot in hauchdünne Scheiben, überkommt mich, als Zeugin, das Gefühl einer besonders tiefen Liaison zwischen ihm, seinem Messer und dem Brot beizuwohnen. Hier wird eine alltägliche Arbeit zelebriert und auf ein für Zuschauer meditatives Podest erhoben: Brot schneiden.
Er ist Gastgeber. Dem Restaurant ist mittlerweile ein kleines Hotel hinzugefügt worden. Unter dem historischen Bildnis Carola'1801 geführt, ergibt es absolut Sinn. Wer seiner Küche begegnet, trifft auf eine besondere Region Italiens, in der innezuhalten und zu bleiben, sich sehr lohnt. Gast sein bei einem, der durch und durch Gastgeber ist, eben auch.



Dabei baut er eine Brücke zwischen den historischen Gerichten des Cilento und seiner modernen Küche und lebt dabei den Zeitgeist der Generation, die als erste miterlebt hatte, wie die Nahrungsmittel des Meeres rarer wurden und sich um die Qualität guter Produkte gesorgt werden musste.

Sich der Slow-Food-Bewegung anzuschließen, war ein logischer Schritt. Er ist ein Forscher, Entdecker, Entwickler. Er ist alles, was einen guten Koch ausmacht. Vincenzo begreift sich selber als einen Handwerker des Meeres. Und seine uneingeschränkte Liebe gilt dem Roten Thunfisch.
Agropoli liegt am Tyrrhenischen Meer. Laut Vincenzo haben sich die Fischbestände vom Roten Thunfisch in den letzten Jahren deutlich erholt. Die klare Reglementierung der Fangquoten im Mittelmeer auf nur noch 13.500 Tonnen im Jahr und die strikte Einschränkung der Fangsaison auf lediglich noch einen Monat im Jahr, das Verbot der Fischerei mittels Schleppnetze – alles zeigt mittlerweile eine Wirkung. Es werden wieder deutlich größere Fische – so ein Roter Thunfisch kann bis zu 40 Jahre alt werden – gefangen und langsam bedrohen sogar deren Schwärme in der Saison die Fischbestände der kleineren Fischarten.

Wer in der Sorge um ein Lebensmittel aufwächst, weiß, wie kostbar dieser Fisch ist. Inspiriert von der maritimen Tradition seiner Großeltern, der gastronomischen Geschichte des Garum mit ihrem fünften Geschmack des Meeres (die legendäre Würzsauce aus fermentiertem Fischbeifang) und der historischen Küche seiner Region, setzt Vincenzo seine persönliche Suche nach Aromen fort. Er folgt den archäologischen Zeugnissen alter Traditionen im Zusammenhang mit lokaler Fischerei, die heute beinahe aus dem Bewusstsein verschwunden ist. Dabei hilft, dass man im Cilento nie das handwerkliche Fischen zugunsten der industriellen Fischerei aufgegeben hatte Darin fußt die Idee, den Thunfisch von Gills (Kiemen) to Tail zu verwenden. Zero Waste – alles, was von diesem Fisch in die Küche des Vecchio Saracino gelangt, wird verwendet. Die logische Konsequenz war die Entwicklung der Konservenreihe Tun’ di Carola'1801. Wobei Konserve kaum das passende Wort scheint für die Köstlichkeiten, die Vincenzo mit seinem Team hier ins Glas bringt.
Ja, es gibt das luxuriöse, köstliche, besonders geschmackvolle Thunfischfilet in dem extra Vergine Olivenöl der Region, mit dem man feine Pasta zubereiten oder das beste Brot belegen kann.

Aber was Vincenzo aus den anderen Teilen des Fisches zaubert, überrascht in seiner Vielfalt. Und überzeugt geschmacklich.
Wovon sich bei unserem Tasting auch Mamma Angela überzeugt, 91 wird sie in diesem Jahr und sie ist immer noch ungebremst wissbegierig!
Seine Konserven werden in Gläser gefüllt und der Inhalt wird mit kunstvollen Banderolen aus Altpapier vor Licht geschützt. So aromatisch: Sughi Pronto Genovese, eine Sugo mit Zwiebeln, Tomate und Salz und dem Thunnus Thynnus. Als Pasta umschmeichelnd serviert – oder auf dem Brot als Antipasti. Ein aromatischer Genuss.
Mein Liebling der Verkostung: Spalmabili Tonne e Pecorino. Wer die kalabrische Nduja mag, wird diese pikante Variante aus dem inneren Filet, dem dunkelsten Bereich des Thunfischs, lieben! Das Filet wird zusammen mit den besonderen Teilen seines Bauches und seinen Schwanzspitzen gekocht und danach mit Chili aus biologischem Anbau kalt mit frischem Olivenöl püriert. Tatsächlich kommen an Vincenzos fantastischen Zubereitungen wirklich nur Öl und Salz zusätzlich. Kein Gluten, keine Geschmacksverstärker, keine sinnlose Verlängerung eines besonderen Produktes. Pure Qualität.
Wir haben bei der Verkostung des Pressetastings auch etwas geguckt, als uns die Leber und der Pansen des Thunfisches serviert wurden. Beide Produkte sind aus Gründen nur limitiert erhältlich. Die Leber wird in Wasser und Meersalz gewässert, später mit Zwiebeln, Rotwein, Olivenöl und Salz gekocht. Das Ergebnis: Fried Red Tuna Liver. Zarte Substanz mit der süditalienischen Aromatik gekrönt – und lecker!
Alle waren begeistert, ja, auch die, die zuerst sehr zweifelnd auf den Teller guckten, von der O’ PER E U’ MUSS – Red Tuna Trippe. Wer hat denn schon einmal bewusst den Pansen vom Thunfisch gegessen? Wer weiß, dass so ein Thunfisch über Kutteln verfügt? Auch sie werden in Vincenzos Küche lange mit Wasser und Meersalz gereinigt, dann gekocht, gewürzt und mit – hier ausnahmsweise Sonnenblumenöl – sterilisiert.
Serviert gut abgetropft mit Zitronensaft und Pfeffer auf einem Salat und zu Hülsenfrüchten. Wer sich daran traute, war sehr angetan!
Vincenzo Carola hat in Carola'1801 noch mehr Konserven im Programm, alle sind auf ihre eigene Art eine Empfehlung wert. Und eine Colatura aus dem Roten Thunfisch – und weil eben bei Vincenzo nichts, aber auch rein gar nichts wegkommt, verkauft er auch das Sale di Flos Floris – das den Thunfisch aromatisierende Salz, das nach der Gewinnung der Colatura bzw. der Fermentierung der Bottarga und dem getrockneten Thunfischherzen übrig bleibt.
Auch das Cuore di Tonno schneidet er uns bei der Verkostung hauchdünn auf, …
… legt es in viel Zitronensaft mit etwas Olivenöl ein und serviert es auf Rucola und Brot.
Die Bottarga serviert er uns als fantastische, dampfend heiße Pasta.
Frische Spaghetti einfach zubereitet mit viel Olivenöl und viel Butter, Knoblauch, Zitrone und dem Sale di Flos Floris – unglaublich würzig und lecker!
Die Colatura aus Sardellen kennt wohl jeder, der der italienischen Küche nahe steht, nicht wahr? Sie ist deutlich luxuriöser als ihr Pendant aus Asien. Diese europäische, sehr würzige Fischsauce, gewonnen nach jahrelanger Fermentierung der in Salz eingelegten Sardellen im Fass. Dann nach Jahren Tropfen für Tropfen gewonnen. Eine in ihrer Aromatik unglaublich intensive Begleiterin von Pasta, gegrilltem Gemüse und in Reisgerichten.

Vincenzo macht auch sie aus dem Roten Thunfisch. Alle für die Konserven (und in seiner Küche) nicht verwendeten Teile des Fisches werden nach dem historischen Vorbild für die Colatura di Tonno in Meersalz eingelegt. Hinzugefügt werden lediglich geheime Aromaten der mediterranen Machia, die in der Familie Carola schon seit Jahrhunderten so verwendet wurden. Die Colatura wird viermal fein gesiebt, dann abgefüllt – der pure Luxus!
Die Konserven von Vincenzo Carola sind über die Homepage zu bestellen, es ist kein Online-Shop – einfach die Wunschprodukte auswählen und Vincenzo eine E-Mail schicken (alternativ in Berlin in der Trattoria a’Muntagnola bestellen bzw. nachfragen).
Und weil der Rote Thunfisch immer noch nicht komplett verwendet ist: In seinem Restaurant wird Vincezo Carola auch das Rückenmark des Thunfischs auskochen und das Mark in einem der feinen Pastagerichte seiner Küche verwenden.

Also … wenn das nicht eine Aufforderung zu einem persönlichen Besuch in Agropoli im Vecchio Saracino ist?


Homepage: Carola'1801