2026-01-23

Usfiya – das Dorf der Drusen in Israel

Am letzten Abend unseres Aufenthaltes in Tel Aviv lernten wir Taimur Mansour kennen. Er ist Kampagnenleiter im Ministerium für Tourismus von Israel und hatte in das Restaurant MEATOS in Tel Aviv eingeladen. Wieder begeisterte die Küche Israels mit ihren aromatischen Vorspeisen und Weinen.
Wir sollten und wollten Taimur am nächsten Tag wieder treffen. Er gehört der arabisch sprechenden ethnisch-religiösen Minderheit der Drusen in Israel an. Und lud uns erneut ein, dieses Mal in die Welt seines Heimatdorfes und in dessen Kultur, um die sehr feine Küche der Drusen kennenzulernen. Tatsächlich wurden mir die köstlichsten gefüllten Weinblätter serviert, die ich je kosten durfte!

Usfiya – die ältesten Olivenbäume der Welt

Ein faszinierender Ausflug. Ich nehme euch mit nach Usfiya oder auch Isfiya. Einem von zwei von Drusen bewohnten Dörfern im Karmel-Gebirge, dem Bezirk Haifa zugeordnet. Wir befanden uns nach dem Stopp in Haifa auf dem Weg nach Nazareth. Eine halbe Stunde von Haifa liegt die Gemeinde Usfiya. Die Drusen haben im frühen 18. Jahrhundert hier ihre Heimat gefunden und heute leben in dieser Region und der grünen Landwirtschaft des Bergmassivs Carmel ungefähr 12.000 Menschen. Der größte Teil davon Drusen, neben einigen Christen, Muslime und wenigen Juden.
Sie bestreiten ihren Lebensunterhalt mit Landwirtschaft, vor allem dem Anbau von Oliven, Trauben und Honig. Und so ist der Blick von der Anhöhe, auf der wir aus dem Bus steigen, auf eine erstaunlich grüne Landschaft voller Olivenbaumplantagen und Weinreben. Der Blick von hier geht sehr weit! Die Landschaft ist durchzogen von stark befahrenen Straßen. Hier oben jedoch herrscht, vom Durchgangsverkehr der einen Hauptstraße abgesehen, Ruhe. Und je höher wir ins Dorf steigen, umso friedlicher scheint die Welt um uns herum.
Die junge Generation der Drusen studiert und lebt das normale, moderne Leben, pendelt täglich nach Tel Aviv zur Arbeit – so wie Taimur. Hier auf dem Berg werden die Olivenbäume von den Drusen hochgeschätzt. Gerade den alten Männern im Dorf sieht man die langen Jahre harter Arbeit in der sengenden Sonne in den Plantagen an. Einige der Olivenbäume können in die Zeit der Römer datiert werden. Also Bäume, die über 2000 Jahre alt sind! Jüngere Exemplare werden der Periode der Kreuzfahrer zugesprochen. Auch sie wachsen hier bereits über 800 Jahre. Der Stolz der Bevölkerung auf diese Ur-Bäume ist mehr als verständlich!
Nachdem uns der Bus an der Hauptstraße ausgespuckt hatte, erklimmen wir auf der einfachen Straße den Berg. Poetische Graffitis erzählen kunstvolle Geschichten an den Wänden. Die Sonne wärmt jetzt im Dezember, und überall in diesem Dorf locken Motive zum Fotografieren in ihrem strahlenden Schein.
Jeder Mensch, dem wir begegnen, begrüßt uns mit großer Herzlichkeit. Warmes Wohlwollen – beschreibt die Aura dieses Ortes wohl am besten. An einem kleinen Platz begrüßt uns Taimur mit seiner fröhlichen Familie.

Carmel Center of Druze Heritage

Vor einem Haus wehen Fahnen mit grün, rot, gelben, blauen und weißen Streifen, das ist die drusische Flagge. Sie symbolisiert den einzigartigen Glauben der Drusen. Jede Farbe repräsentiert spirituelle Prinzipien und historisch relevante Persönlichkeiten ihrer Gemeinschaft. Grün steht für den universellen Geist, Rot für die universelle Seele, Gelb symbolisiert die Sonne, Blau die Zukunft und Weiß steht für die Kernlehren ihres Glaubens. Er basiert auf den Elementen des Islam, des Christen- und Judentums – mit der Intelligenz der griechischen Philosophie gepaart.
Taimurs Familie hat in Usfiya das Carmel Center für das Erbe der Drusen (Carmel Center for Druze Heritage) eröffnet. Ein kleines, wirklich charmantes Museum, an einem Platz gelegen, in dem interessierte Besucher*innen in die Geschichte und Kultur der Drusen eintauchen können.
Auch die von den Dorfbewohnern hergestellten landwirtschaftlichen Lebensmittel und kosmetischen Produkte sind hier erhältlich: Tee, Gewürzmischungen, Olivenöl oder Seife. Und die trockenen Bestandteile eines typischen Getränks der Drusen: Maghli.

Der Glaube der Drusen

Die Drusen sind eine in sich sehr geschlossene Religionsgemeinschaft. Weltweit gibt es von ihnen, als Monotheisten bezeichnet, geschätzt etwas mehr als eine Million Menschen. Sie bezeichnen sich selbst als „Bani Maaroof” – Menschen der guten bzw. göttlichen Taten.
Ihr Glaube ist stark von ismailitischen Traditionen geprägt, wobei sie sich allerdings im 11. Jahrhundert vom Islam gelöst haben. Dem Koran begegnen sie deutlich differenzierter und folgen den Lehren griechischer Philosophen.
Die gesamte drusische Lehre kennen nur die sogenannten „Wissenden“. Es sind ausgesuchte Personen innerhalb einer Gemeinde. Wobei sich Gemeinde tatsächlich auf zusammen an einem Ort lebende Menschen ihres Glaubens bezieht. Deren Regeln können sich von denen anderer drusischer Dörfer bzw. Gemeinden durchaus unterscheiden. Wer in eine andere Gemeinde einheiratet, umzieht, wird sich an die Regeln dieser drusischen Gemeinde gewöhnen müssen.

Dabei vertrauen Drusen auf drei Prinzipien: Ein Prinzip verlangt, dass man den Geist seines Verstandes nutzt – nur so wird man seine Seele reinigen, um dem Glauben an Gott gerecht zu werden. Dieser Gott, dabei ist egal, wie er genannt wird, ist immer der gleiche Gott aller Menschen, das zweite Prinzip der Drusen. Ein drittes Prinzip ist der Glaube an die Unendlichkeit der menschlichen Seele. Sterben Drusen, lebt ihre Seele in dem Körper eines neugeborenen Kindes sofort weiter. Drusen glauben an Reinkarnation und daran, dass die Umstände der Geburt vorbestimmt sind. Für Drusen existieren auch parallele Welten.
Und wer das nun alles spannend findet und für sich nachvollziehbar, dem ist die Enttäuschung nahe: Konvertierung wird grundsätzlich abgelehnt. Das erschließt sich natürlich ein Stück weit aus dem Prinzip der Seelenwanderung. Als Drus*in geboren zu werden, ist von Gott vorbestimmt. So kann man nur als Drus*in geboren werden, per se schließt sich damit der Sinn jeglicher Missionierung aus. Heiraten Drusen Menschen, die keine Drusen sind, sind sie ein Leben lang von ihrer religiösen Gemeinschaft ausgeschlossen.
Ihre Tracht sind weite. dunkle Gewänder mit hochgeschlossenen Schuhen, ähnlich wie bei den orthodoxen Juden: Man zeigt einfach kein Bein. Dazu tragen sie bei Festivitäten in den Farben der Fahnen bestickte Westen, die Kopfbedeckung ist immer weiß. Frauen tragen meist weiße Kopftücher – sie dürfen übrigens nicht (!) fotografiert werden, Männer einen hohen Hut, oft mit Tuch, der Fes genannt wird.
In Israel leben derzeit ungefähr 150.000 Drusen, die sich im sozialen Leben einfügen und auch die israelische Staatsbürgerschaft haben. Männer leisten Wehrdienst in Israel, Frauen das soziale Jahr. So loyal sich die Drusen dem Staat Israel gegenüber verstehen, sieht sich dieser ebenfalls als Schutzmacht der Drusen und hatte bei Übergriffen gegen die syrischen Drusen seitens des Assad-Regimes mit Gegenangriffen reagiert.

Die farbenfrohen Köstlichkeiten der Drusen

Das alles erzählte uns Taimur in einem Affenzahn in dem Museum, während uns Maghli gereicht wurde.
Ein kalter, süßer Tee mit einem köstlichen Aroma, der bei den warmen Außentemperaturen alle Lebensgeister wieder erwachen lässt.
Er besteht aus getrocknetem Zimt, Süßholz, Kurkumawurzel und Ingwer. Natürlich kommt diese Gewürzmischung in mein Gepäck.
Taimur gibt uns freundlicherweise das Rezept mit auf den Weg: Die Zutaten eines Beutels sind für mindestens einen bis vier Liter Tee berechnet und werden ungefähr eine halbe Stunde lang gekocht. Einfach nach dem Absieben einfrieren und beim nächsten Mal (bis zu vier Mal)erneut aufgießen. Bei Bedarf wird der Tee gesüßt. Gekühlt serviert – vor allem in der Hitze – da kann jede künstlich hergestellte Limonade einpacken!
Taimur führte uns durch das Dorf und in das Haus von Rina Halil. Sie hatte für uns ein grandioses Mittagessen mit köstlichen Gerichten der drusischen Küche zubereitet.
Mich begeisterten die gefüllten Weinblätter Warak Enab (Warak Dawlai) so sehr! Sie sind dünn gefüllt, daher schmeckt man auch viel mehr das sie umhüllende zarte Weinblatt, gekocht in einem würzigen Sud. Für mich die besten gefüllten Weinblätter meines Lebens. Zu meinem Glück, hatte sie uns davon sehr viele serviert. Was für eine Arbeit!
Natürlich gab es auch hier köstlichen Hummus mit dem würzigen Olivenöl. Zusammen mit Chicken Mansaf,
einem saftigen Reis mit würzigem Hühnerfleisch.
Mnazahleh: geschmorte Auberginen mit Kichererbsen in einer scharfen Tomatensauce, dank der orientalischen Gewürze keine Spur langweilig! Eine Art Auberginen-Gulasch – und ich werde es unbedingt nachkochen. Fantastisch gut, dennoch simpel: Balila Wa Shiria, eine Art Salat aus altem Weizenkorn und Weizennudeln (Pitim), pikant abgeschmeckt. Hackbällchen mit Kreuzkümmel in einer samtigen Joghurtsauce. Ein Krautsalat mit Schwartkümmel, gefüllte Zucchini und natürlich der typische frische Salat mit Gurken, Tomaten und Petersilie. Zum Nachtisch gab es einen starken Kaffee mit Keksen.
Jedes einzelne Gericht war so köstlich, wer bis dato nicht von der Küche Israels begeistert war, hier auf dem Tisch standen köstliche Offenbarungen. Und das Ganze in einem sehr familiären Umfeld, wobei uns Taimur verspricht, die Drusen würden immer so gut gemeinsam in der Familie zu Mittag essen! Satt und sehr begeistert von diesem Ort mit seinen wundervollen, freundliche Menschen sind wir wieder in den Bus gestiegen. Besucht Usfiya – man hat dort wundervolle Momente.

2026-01-22

Ein zarter Glücksmoment

Die kleine Plüschkugel Shiina lebt sehr gerne auf dem Balkon. Wenn ich auch im Sommer merke, dass sie älter wird und bei sehr heißen Temperaturen sie sich doch wieder tagsüber ins Innere verzieht, erst am frühen Abend die beschränkte Freiheit sucht, schafft sie es im sehr späten Herbst bis in den frühen Winter hinein, draußen zu liegen. Und wenn ich höflich anfrage, ob wir nicht doch langsam die Balkontür schließen können, weil mir kalt ist? Blinzelt sie ein bestimmtes „Nein!” in meine Richtung.

Seit Mitte Dezember verweigert aber sogar Shiina den Balkonaufenthalt. Nun ist es sogar ihr zu kalt, trotz ihres Pelzes. Nervige Böllerei, die uns in diesem Teil Berlin bereits seit Oktober begleitet, tun in dieser Zeit ihr übriges.

So bleibt uns beiden immer nur ihr am Morgen und am Abend, die Balkontür für eine formidable Lüfterei zu öffnen. Und dann sitzt sie dort einige Minuten, guckt ein wenig in die Luft und schnuppert verheißungsvolle Düfte unserer Stadtnatur. Das ist sehr niedlich anzusehen. (Es gibt nicht viele Momente in denen sie nicht niedlich anzusehen ist, muss ich anmerken.)
Heute früh, die Sonne war aufgegangen und zeigte sich uns auch dank winterlicher Hochdruckwetterlage in ihrem Glanz, erzählte ich dem Kätzchen wieder an der Tür sitzend, dass ich verstehe, dass es ist ihr zu kalt sei. Aber dass in wenigen Monaten es wieder aufwärts gehen würde mit den Temperaturen. Dass sie dann wieder auf ihrem Balkon sitzen kann. Es wäre nur noch eine knappe Woche der Monat Januar, dann käme der Februar und dann der März.

Und wenn wir Glück haben, käme im März schon etwas Frühling um die Ecke mit einigen warmen Tagen und das wäre sehr schön.

Ich weiß nicht genau, wie mein Geschwafel bei Shiina ankam (sie versteht erstaunlich viel, meine ich) aber bei mir hatte diese wohlfeil formulierte Aussicht auf einen März mit schon einem Hauch Frühling einen Schmetterlingsflügelschlag Glück durch mich geschickt. Und plötzlich war ich sehr froh. Frohe Momente sind in diesen Zeiten schwierig zu kapern. Hier aber war er. Bei uns in unserer Wohnung. Mit der kleinen Katze vor der offenen Balkontür, dem kühlen Wohnzimmer und die Meineeine.

Manchmal helfen Selbstgespräche eben doch. Oder die zur Katze.

Übrigens hat eine meiner Feigen über den Winter drei Früchte produziert, das wilde Ding!

2026-01-21

Tage, die es nie gab

Ich bin neulich in der Mediathek über die deutsch-österreichische Krimiserie „Tage, die es nie gab” gestolpert, weil dort auf die zweite Staffel aufmerksam gemacht wurde. So habe ich dann die erste Staffel jetzt erst mir angesehen und … wow! Großartiges Fernsehen. So klug initiiert, aufgebaut und überraschend. Jede Folge erzählt die Geschichte von vier Frauen, deren Männern, einer üblen Scheidung, einem Kind mit Suizid und einem abgestürzten Schuldirektor, dessen Todesfall als Cold Case wieder aufgerollt wird nach drei Jahren.

Mit einer großartigen Sissi Höfferer, die ich sehr vermisst habe die letzten Jahre, die mit ihrem Nachwuchskriminalbeamten sehr fein akzenturiert stille humorvolle Momente kreiert (und von ihm, Spoiler, in der zweiten Staffel wieder in ein Hotelzimmer gesteckt wird). Es ist so fein!

Fantastisch Jutta Speidel als Karrierefrau a. D. und dann wieder i. D., deren Verhältnis zu Doris, ihrer Tochter ein bisschen fragwürdig ist. Wenn man ständig denkt, der alten hätte ich schon längst jeden Kontakt untersagt, Diana Amft aber als Doris' Tochter zu seicht, deren permanente Bissigkeit respektiert.

Beiden Frauen, Sissi Höfferer und Jutta Speidel, ist hoch anzurechnen, dass sie sich dem Schönheitsdiktat des Alterns im deutschen Schauspielwesen pragmatisch versagt haben. Sie sind schöner gealtert als beispielsweise Iris Berben, meiner Meinung nach.

Auch ganz wundervoll Jasmin Gerat, die ich sehr schätze, der man das Bemühen und ihr Leiden in den Auseinandersetzungen mit dem späterpubertierenden, drogenabhängigen Sohn absolut abkauft, während Wanja Mues als ihr Ehemann ziemlich blaß bleibt in seiner Vaterrolle.

Grandios überraschend in einer ernsten Rolle als (sehr) gut aussehender Ehemann von Doris und TV-Starkoch: Rick Kavanian. Aber sie spielen alle wundervoll – ein grandioses Cast durch und durch.

Vor allem hatte mich die Serie mit diesem Schuldirektor so an meine Schulzeit erinnert am Gymnasium. Geschichts- und Sozialkundenlehrer Herr Frank. Stellvertrender Schulleiter. Zigarrenraucher. Hässlich wie die Nacht, immer unangenhem müffelnd. Ein kleiner Mann (wir haben ihm immer eine Nazi-Vergangenheit unterstellt), der seine Komplexe an uns mit vorsintflutlichen Lehrmethoden abarbeitete. Der kollektive Klassenhass auf ihn war enorm.

Ein Beispiel war, dass sich die ganze Klasse hinstellen musste, wenn er den Raum betrat und ihn begrüßen musste in militärischer Strammstehmanier. Dann wurden Geschichtszahlen abgefragt. Wer traf, konnte sich setzen. Die letzten drei, die noch standen, hatten dann für den Tag eine sechs kassiert. Ja, genauso motiviert man Schüler zum Unterricht. Ich weiß heute nicht eine einzige Jahreszahl mehr (außer 1936 und 1945) oder sonstiges Datum. Er war auch so ein Winzling, der Schüler vor allen anderen Schülern gerne bloß stellte. Mich schüttelt es heute noch, wenn ich an den Kerl denke. Der hat mir den Spaß an Geschichte richtig vermasselt.

Lange Rede: „Tage, die es nie gab” lohnt es sich sehr zu sehen. Und unbedingt die erste Staffel vor der zweiten gucken. In der ARD Mediathek.

2026-01-20

Die Verkündungsbasilika in Nazareth

Wieder eine knappe Stunde Fahrt von Haifa und wir sind in Nazareth. Beziehungsweise: Wir stehen in Nazareth. Der Verkehr dieser Stadt mit ungefähr 90 000 Einwohnern und sehr viel Pendelverkehr hier, es ist ein Erlebnis für sich. Dabei kommen wir noch vergleichsweise gut voran. Die Eröffnung der sich derzeit im Bau befindlichen Bahnlinie Haifa–Nazareth Light Rail wurde mittlerweile auf 2028 vertagt. Man erwartet dann bis zu 100 000 Fahrgäste täglich auf dieser Linie.

Dass gerade Nazareth – also das Nazareth – bis jetzt nicht im Bahnverkehr angebunden ist, sagt viel über diese Stadt, deren Akzeptanz in Israel. Die mich wirklich beeindruckt zurücklässt. Und fragend.
Nazareth! Wer im Religionsunterricht nicht nur geschlafen hatte, wird sich erinnern: Maria und Josef lebten einst in einem Ort namens Nazareth in einer Höhle. Unweit ihres Zuhauses ist in einer weiteren Grotte der Jungfrau Maria der Erzengel Gabriel erschienen und sprach zu ihr – ich kürze ab: „Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir. Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden. Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: Dem sollst du den Namen Jesus geben. Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. […]”

Ich glaube, wir sind uns einig, aber das muss genau der Moment gewesen sein, als das unsägliche Stereotyp „Sie ist eine starke Frau” geschaffen wurde. Denn dass nicht einmal der Erzengel Gabriel (männlicher Name deutet zumindest auf das Geschlecht des Engels hin – aber was weiß ich schon von Engeln) den Mut hatte, diese Verkündung im Beisein von Josef auszusprechen, hätte ihm, so wie wir das männliche Geschlecht kennen, vermutlich mindestens ein blaues Auge eingebracht. Und Maria mit dieser doch eher fragwürdigen Neuigkeit – die sie gesellschaftlich völlig diskreditiert haben musste – ihrem Verlobten nun beibringen musste, allein ließ.
Okay, ich bin nicht gläubig. Aber auch als Nichtgläubige – angesichts dieses Bohais, den wir in Europa rund um Pilgerwege machen (und den daran beteiligten Orten durchaus viele Einnahmen bis hin zu ordentlichem Reichtum verhelfen) – stand ich in Nazareth fassungslos vor der sichtlichen Armut dieser Stadt. Ich meine, immerhin hat hier der ganze Kult um Jesus Christus begonnen?!d Hier mit der Verkündigung des Herren und Jesus soll hier auch zumindest einen Teil seiner Kindheit verbracht haben, und was geblieben ist vom Ruhm, dem dieses religiöse Nazareth gebührt, ist Armut und sichtlicher Verfall?
Seit ich in Nazareth war, gucke ich völlig neu auf den Reichtum des Vatikans in Rom. Ich glaube, wenn es einen erkennbaren Fehler in diesem ganzen kommerzialisierten, christlichen System gibt, man findet man ihn in Nazareth. In anderen Worten, seit ich lebe, haben gerade zwei Päpste, Johannes Paul II. und Benedikt XVI., den Weg nach Nazareth gefunden. Kommt im Schnitt auf zwei Papstbesuche alle 30 Jahre, um Maria, der Mutter Gottes, die Ehre zu geben … Läuft nach wie vor nicht gut für Frauen, insbesondere in der katholischen Kirche.
Nazareth ist sichtbar eine orientalische Stadt, hier wird man von einem ganz anderen Flair begrüßt als im hochmodernen Tel Aviv. Es ist schwierig zu verstehen. Einerseits steht Nazareth, wie kaum ein anderer Ort im Nahen Osten für ein friedliches Zusammenleben von israelischen Arabern und Juden. Andererseits, leben diese vermeintlich vereinten Welt doch gegeneinander. Es gibt Rassismus, der, trifft es bei Angriffen aus dem Iran nur Mitglieder der arabischen Bevölkerung, von jüdische Israelis offen zelebriert wird. Verdammt, sie sollten es besser wissen können. Schutzräume für die arabische Bevölkerung Israels kann man hier vergeblich suchen.

Nazareth leidet. Hier wird vom Tourismus gelebt zu einem großen Teil und der bleibt seit den Reisebeschränkungen von Covid aus und konnte sich bisher nach den Luftangriffes vom Iran, dann dem Krieg im Gaza-Streifen in den letzten Jahren auch nicht mehr erholen. Nazareth ist so komplex – und für mich die Stadt, die mich auf dieser Reise viel neugieriger auf sich gemacht hatte, als die vielen anderen besuchten Städte. Im wahrsten Sinne des Wortes, jetzt bin ich begierig mehr von Nazareth zu sehen, zu erleben.
Dafür war unser Besuch zu kurz. Wir haben lediglich die Verkündigungsbasilika im Süden von Nazareth besucht.
Es reicht leider nicht einmal die Zeit, um sich etwas auf der Pilgerstraße in Richtung der griechisch-orthodoxen Verkündigungskirche St. Gabriels zu bewegen. Denn nach dem orthodoxem Glauben soll der der Erzengel Gabriel hier an einer Quelle Maria die Geburt des Herren verkündet haben, um sie dann bis in ihre heimatliche Grotte zu stalken. Diese Kirche ist vegleichweise alt, ie stammt aus dem Jahr 1750, wurde auf den Ruinen einer Kreuzfahrerkirche erbaut.


Die Basilika der Verkündung

Von einem stark befahrenen Kreisverkehr geht die Al-Bishara-Straße, die Straße der guten Nachricht, ab. An einer seiner Ausfahrten verfällt das ehemalige Luxushotel Hotel Royal.
Gesäumt von kleinen, sehr einfachen und kaum frequentierten Geschäften und Bars, führt die schmale Straße leicht bergauf.
Dann liegt rechter Hand der Eingang zum Vorplatz der Basilika. Vor ihrem Eingang stehen Verkaufsstände, die ausgesuchten Plastikmüll aus China feilbieten.
Mit uns waren, wenn es hochkommt, noch vielleicht zehn andere Besucher gleichzeitig an diesem Ort. Im Dezember, also dem Weihnachtsmonat. Davon abgesehen, dass der Tourismus in Israel natürlich noch stark krankt am Kriegsgeschehen, war es an diesem Ort fassungslos machend ruhig. Was uns also fotografisch durchaus zum Vorteil gelangte, war gleichzeitig erschreckend zu erleben.
Die Verkündigungsbasilika, so wie sie im Jahr 1969 eingeweiht wurde, ist die mittlerweile fünfte Version eines Gotteshauses an diesem Ort. Frühere Orte des besonderen Gedenkens fielen menschlicher Zerstörungswut oder Erdbeben zum Opfer. Der heutige Bau wurde im Jahr 1955 begonnen.
Die Basilica steht über den Ruinen der früheren Kirchen und ist in eine Ober- und eine Unterkirche eingeteilt. Sie ist dreischiffig und ihr Kirchenbereich ist von einer 35 Meter hohen Kuppel überbaut.
Auch mit ihrer imposanten Länge von 67,5 Metern macht sie das zu einer der größten Kirchen im Nahen Osten. In ihrer Bedeutung ist sie das ja sowieso. Also … sollte sie sein.
Auf dem Vorplatz rostet Maria vor sich hin.
Kann es eine visuell traurigere Spiegelung zu dieser Stadt in Bezug auf ihre religiöse Relevanz geben? Die Kirche selber ist – für mich schwer zu fassen. Architektonisch wirkt sie doch etwas unentschieden auf mich.
Es beginnt schon am Eingang – von allem etwas viel.
Dieser Zwiespalt wird zusätzlich verstärkt durch zahlreiche Mosaike und anderer Kunstformen an den Wänden,
die insgesamt als ein schönes und wertvolles Symbol dieser Weltreligion zu achten sind. Jedes Land durfte sich hier – im Zentrum des globalen Glaubens – mit einem Kunstwerk verewigen.

In ihrem Inneren faszinieren vor allem der Altar in der unteren Ebene, der dem Ort der Verkündung gleich gesetzt wird.
Zu seiner Rückseite liegen die erhaltenen Reste der Grotte frei. Auch ihre äußere Architektur ist mit Elementen der weltlichen christlichen Gemeinden bestückt. So wunderschön das von der Geste her ist, aber da sie stilistisch völlig uneins sind, tun sie im Gesamtbildnis der Basilika in Ergänzung zu der eh schon architektonischen Vielfalt bedingt nur gut. Aber das kann man auch als Symbolbild weltlicher Ungleichheit verstehen, vereint im Glauben – womöglich liegt darin die besondere Einzigartigkeit dieses Ortes?

Die Darstellung Marias, immerhin Hauptprotagonistin an dieser Stelle, auch im inneren Bereich der Kirche, wirkt eher beliebig als gelungen.
Mich berührt die im Aufbau befindliche Krippe zur Weihnachtszeit. Christi Geburt steht vor der Tür – und es ist für mich ein großes Geschenk, zu dieser Zeit in diesem Land zu sein. Beeindruckt stehe ich vor der Grotte, in der Maria und Josef gelebt haben. Sie liegt offen – allerdings mit dem architektonischen Charme einer Tiefgarage überdacht.
Der Eintritt in die Verkündungsbasilika ist frei. Es wird aber ausdrücklich auf die Beachtung der Kleidungs- und Verhaltensregeln geachtet. In der Kirche werden Messen abgehalten. Über die Zeiten, in denen dann möglicherweise Touristen nicht eingelassen werden, sollte man sich vorab informieren.
Ja, die Verkündigungsbasilika ist historisch ein besonderer Ort, künstlerisch ein Ort, an dem man viele Stunden entdecken und bewundern kann. Dennoch konnte sie mich nicht für sich einnehmen. Immerhin … ich, als Nichtchristin, weiß, dass mich schon eine der kleinsten, halb verfallenen Kirchen Süditaliens zu Tränen rühren konnte. Oder wie empfänglich ich für die Magie der Basilika St. Nicola in Bari bin, die historisch gesehen nun gar keine Relevanz hat – außer, dass man in ihr Reliquien aufbewahrt.

Lange Rede: Der Besuch von Nazareth hat mich auf vielen Ebenen berührt und auch ratlos zurückgelassen. Ich bin voller Dankbarkeit, dass ich diesen besonderen Ort besuchen durfte und zumindest eine der Kirchen. Man tut Narazeth Unrecht, wenn man diese Stadt als Tourist nur kurz besucht bzw. durchfährt. In Nazaretz muss man eintauchen, die Stadt und die Menschen erleben, dann klappte es auch mit mehr Liebe zu diesem besonderen Ort!