Usfiya – das Dorf der Drusen in Israel
Am letzten Abend unseres Aufenthaltes in Tel Aviv lernten wir Taimur Mansour kennen. Er ist Kampagnenleiter im Ministerium für Tourismus von Israel und hatte in das Restaurant MEATOS in Tel Aviv eingeladen. Wieder begeisterte die Küche Israels mit ihren aromatischen Vorspeisen und Weinen.
Wir sollten und wollten Taimur am nächsten Tag wieder treffen. Er gehört der arabisch sprechenden ethnisch-religiösen Minderheit der Drusen in Israel an. Und lud uns erneut ein, dieses Mal in die Welt seines Heimatdorfes und in dessen Kultur, um die sehr feine Küche der Drusen kennenzulernen. Tatsächlich wurden mir die köstlichsten gefüllten Weinblätter serviert, die ich je kosten durfte!

Usfiya – die ältesten Olivenbäume der Welt
Ein faszinierender Ausflug. Ich nehme euch mit nach Usfiya oder auch Isfiya. Einem von zwei von Drusen bewohnten Dörfern im Karmel-Gebirge, dem Bezirk Haifa zugeordnet. Wir befanden uns nach dem Stopp in Haifa auf dem Weg nach Nazareth. Eine halbe Stunde von Haifa liegt die Gemeinde Usfiya. Die Drusen haben im frühen 18. Jahrhundert hier ihre Heimat gefunden und heute leben in dieser Region und der grünen Landwirtschaft des Bergmassivs Carmel ungefähr 12.000 Menschen. Der größte Teil davon Drusen, neben einigen Christen, Muslime und wenigen Juden.
Sie bestreiten ihren Lebensunterhalt mit Landwirtschaft, vor allem dem Anbau von Oliven, Trauben und Honig. Und so ist der Blick von der Anhöhe, auf der wir aus dem Bus steigen, auf eine erstaunlich grüne Landschaft voller Olivenbaumplantagen und Weinreben. Der Blick von hier geht sehr weit! Die Landschaft ist durchzogen von stark befahrenen Straßen. Hier oben jedoch herrscht, vom Durchgangsverkehr der einen Hauptstraße abgesehen, Ruhe. Und je höher wir ins Dorf steigen, umso friedlicher scheint die Welt um uns herum.
Die junge Generation der Drusen studiert und lebt das normale, moderne Leben, pendelt täglich nach Tel Aviv zur Arbeit – so wie Taimur. Hier auf dem Berg werden die Olivenbäume von den Drusen hochgeschätzt. Gerade den alten Männern im Dorf sieht man die langen Jahre harter Arbeit in der sengenden Sonne in den Plantagen an. Einige der Olivenbäume können in die Zeit der Römer datiert werden. Also Bäume, die über 2000 Jahre alt sind! Jüngere Exemplare werden der Periode der Kreuzfahrer zugesprochen. Auch sie wachsen hier bereits über 800 Jahre. Der Stolz der Bevölkerung auf diese Ur-Bäume ist mehr als verständlich!
Nachdem uns der Bus an der Hauptstraße ausgespuckt hatte, erklimmen wir auf der einfachen Straße den Berg. Poetische Graffitis erzählen kunstvolle Geschichten an den Wänden. Die Sonne wärmt jetzt im Dezember, und überall in diesem Dorf locken Motive zum Fotografieren in ihrem strahlenden Schein.
Jeder Mensch, dem wir begegnen, begrüßt uns mit großer Herzlichkeit. Warmes Wohlwollen – beschreibt die Aura dieses Ortes wohl am besten. An einem kleinen Platz begrüßt uns Taimur mit seiner fröhlichen Familie.
Carmel Center of Druze Heritage
Vor einem Haus wehen Fahnen mit grün, rot, gelben, blauen und weißen Streifen, das ist die drusische Flagge. Sie symbolisiert den einzigartigen Glauben der Drusen. Jede Farbe repräsentiert spirituelle Prinzipien und historisch relevante Persönlichkeiten ihrer Gemeinschaft. Grün steht für den universellen Geist, Rot für die universelle Seele, Gelb symbolisiert die Sonne, Blau die Zukunft und Weiß steht für die Kernlehren ihres Glaubens. Er basiert auf den Elementen des Islam, des Christen- und Judentums – mit der Intelligenz der griechischen Philosophie gepaart.
Taimurs Familie hat in Usfiya das Carmel Center für das Erbe der Drusen (Carmel Center for Druze Heritage) eröffnet. Ein kleines, wirklich charmantes Museum, an einem Platz gelegen, in dem interessierte Besucher*innen in die Geschichte und Kultur der Drusen eintauchen können.
Auch die von den Dorfbewohnern hergestellten landwirtschaftlichen Lebensmittel und kosmetischen Produkte sind hier erhältlich: Tee, Gewürzmischungen, Olivenöl oder Seife. Und die trockenen Bestandteile eines typischen Getränks der Drusen: Maghli.

Der Glaube der Drusen
Die Drusen sind eine in sich sehr geschlossene Religionsgemeinschaft. Weltweit gibt es von ihnen, als Monotheisten bezeichnet, geschätzt etwas mehr als eine Million Menschen. Sie bezeichnen sich selbst als „Bani Maaroof” – Menschen der guten bzw. göttlichen Taten.
Ihr Glaube ist stark von ismailitischen Traditionen geprägt, wobei sie sich allerdings im 11. Jahrhundert vom Islam gelöst haben. Dem Koran begegnen sie deutlich differenzierter und folgen den Lehren griechischer Philosophen.
Die gesamte drusische Lehre kennen nur die sogenannten „Wissenden“. Es sind ausgesuchte Personen innerhalb einer Gemeinde. Wobei sich Gemeinde tatsächlich auf zusammen an einem Ort lebende Menschen ihres Glaubens bezieht. Deren Regeln können sich von denen anderer drusischer Dörfer bzw. Gemeinden durchaus unterscheiden. Wer in eine andere Gemeinde einheiratet, umzieht, wird sich an die Regeln dieser drusischen Gemeinde gewöhnen müssen.
Dabei vertrauen Drusen auf drei Prinzipien: Ein Prinzip verlangt, dass man den Geist seines Verstandes nutzt – nur so wird man seine Seele reinigen, um dem Glauben an Gott gerecht zu werden. Dieser Gott, dabei ist egal, wie er genannt wird, ist immer der gleiche Gott aller Menschen, das zweite Prinzip der Drusen. Ein drittes Prinzip ist der Glaube an die Unendlichkeit der menschlichen Seele. Sterben Drusen, lebt ihre Seele in dem Körper eines neugeborenen Kindes sofort weiter. Drusen glauben an Reinkarnation und daran, dass die Umstände der Geburt vorbestimmt sind. Für Drusen existieren auch parallele Welten.
Und wer das nun alles spannend findet und für sich nachvollziehbar, dem ist die Enttäuschung nahe: Konvertierung wird grundsätzlich abgelehnt. Das erschließt sich natürlich ein Stück weit aus dem Prinzip der Seelenwanderung. Als Drus*in geboren zu werden, ist von Gott vorbestimmt. So kann man nur als Drus*in geboren werden, per se schließt sich damit der Sinn jeglicher Missionierung aus. Heiraten Drusen Menschen, die keine Drusen sind, sind sie ein Leben lang von ihrer religiösen Gemeinschaft ausgeschlossen.
Ihre Tracht sind weite. dunkle Gewänder mit hochgeschlossenen Schuhen, ähnlich wie bei den orthodoxen Juden: Man zeigt einfach kein Bein. Dazu tragen sie bei Festivitäten in den Farben der Fahnen bestickte Westen, die Kopfbedeckung ist immer weiß. Frauen tragen meist weiße Kopftücher – sie dürfen übrigens nicht (!) fotografiert werden, Männer einen hohen Hut, oft mit Tuch, der Fes genannt wird.
In Israel leben derzeit ungefähr 150.000 Drusen, die sich im sozialen Leben einfügen und auch die israelische Staatsbürgerschaft haben. Männer leisten Wehrdienst in Israel, Frauen das soziale Jahr. So loyal sich die Drusen dem Staat Israel gegenüber verstehen, sieht sich dieser ebenfalls als Schutzmacht der Drusen und hatte bei Übergriffen gegen die syrischen Drusen seitens des Assad-Regimes mit Gegenangriffen reagiert.

Die farbenfrohen Köstlichkeiten der Drusen
Das alles erzählte uns Taimur in einem Affenzahn in dem Museum, während uns Maghli gereicht wurde.
Ein kalter, süßer Tee mit einem köstlichen Aroma, der bei den warmen Außentemperaturen alle Lebensgeister wieder erwachen lässt.
Er besteht aus getrocknetem Zimt, Süßholz, Kurkumawurzel und Ingwer. Natürlich kommt diese Gewürzmischung in mein Gepäck.
Taimur gibt uns freundlicherweise das Rezept mit auf den Weg: Die Zutaten eines Beutels sind für mindestens einen bis vier Liter Tee berechnet und werden ungefähr eine halbe Stunde lang gekocht. Einfach nach dem Absieben einfrieren und beim nächsten Mal (bis zu vier Mal)erneut aufgießen. Bei Bedarf wird der Tee gesüßt. Gekühlt serviert – vor allem in der Hitze – da kann jede künstlich hergestellte Limonade einpacken!
Taimur führte uns durch das Dorf und in das Haus von Rina Halil. Sie hatte für uns ein grandioses Mittagessen mit köstlichen Gerichten der drusischen Küche zubereitet.
Mich begeisterten die gefüllten Weinblätter Warak Enab (Warak Dawlai) so sehr! Sie sind dünn gefüllt, daher schmeckt man auch viel mehr das sie umhüllende zarte Weinblatt, gekocht in einem würzigen Sud. Für mich die besten gefüllten Weinblätter meines Lebens. Zu meinem Glück, hatte sie uns davon sehr viele serviert. Was für eine Arbeit!
Natürlich gab es auch hier köstlichen Hummus mit dem würzigen Olivenöl. Zusammen mit Chicken Mansaf,
einem saftigen Reis mit würzigem Hühnerfleisch.
Mnazahleh: geschmorte Auberginen mit Kichererbsen in einer scharfen Tomatensauce, dank der orientalischen Gewürze keine Spur langweilig! Eine Art Auberginen-Gulasch – und ich werde es unbedingt nachkochen. Fantastisch gut, dennoch simpel: Balila Wa Shiria, eine Art Salat aus altem Weizenkorn und Weizennudeln (Pitim), pikant abgeschmeckt. Hackbällchen mit Kreuzkümmel in einer samtigen Joghurtsauce. Ein Krautsalat mit Schwartkümmel, gefüllte Zucchini und natürlich der typische frische Salat mit Gurken, Tomaten und Petersilie. Zum Nachtisch gab es einen starken Kaffee mit Keksen.
Jedes einzelne Gericht war so köstlich, wer bis dato nicht von der Küche Israels begeistert war, hier auf dem Tisch standen köstliche Offenbarungen. Und das Ganze in einem sehr familiären Umfeld, wobei uns Taimur verspricht, die Drusen würden immer so gut gemeinsam in der Familie zu Mittag essen! Satt und sehr begeistert von diesem Ort mit seinen wundervollen, freundliche Menschen sind wir wieder in den Bus gestiegen. Besucht Usfiya – man hat dort wundervolle Momente.



























