2020-11-09

Impfung

Meine von mir sehr wertgeschätzte Musiklehrerin an dem (nicht so sehr von mir wertgeschätztem) Gymnasium hatte eine Gehbehinderung. Sie hatte als Kind eine Poliomyelitits-Infektion. Sie hatte diese zum Glück überlebt aber als „Post-Polio-Symptomatik” eine spinale Kinderlähmung mit einer sichtlichen Spastik an den Beinen zurückbehalten.

Eine flächendeckende Impfung gegen Polio unter dem Slogan „Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam” gab es in der DDR seit 1960, in der BRD ab 1961. Die BRD hatte im Jahr 1961 mit der größten Epidemie in Europa zu kämpfen. Von 4.600 nachweislich Infizierten verstarben 272 Menschen und blieben 3.300 Menschen mit lebenslangen Lähmungen und den anderen Folgeerscheinungen dieser Krankheit (Erschöpfungssyndrom, Atembeschwerden) zurück. Natürlich gab es auch damals Impfzweifler, Impfskandale und Schlagzeilen. Aber unter dem Strich ist hierzulande bzw. in ganz Europa Polio weitestgehend kein Thema mehr im heutigen Gesundheitssystem.

Ich erinnere die Impfungen in der Grundschule, wir standen Schlange mit unseren gelben Impfbüchern und bekamen ein Stück Zucker auf die Zunge gelegt, diese eine Schulstunde war versüßt gelaufen. Und wir waren sicher vor einer grausamen Krankheit. Ich durfte ohne die Gefahr einer solchen schweren Erkrankung durch meine Kindheit wachsen. Meinen Eltern, die noch sehr bewusster diese Krankheit erlebt hatten bei Mitschülern und ihren Mitmenschen, musste diese Sorge bei uns Kindern nicht haben.

Seit 1991 erfolgt die Polio-Impfung per Injektion mit den Kombi-Impfungen. In der Folge des landesweiten Impfprogramms reduzierte sich die Zahl der Infektionen hierzulande gen Null. Allerdings ist Polio bis heute leider nicht ausgerottet, in armen Ländern, wo nicht flächendeckend geimpft werden kann, erkranken und sterben heute immer noch Kinder und auch Erwachsene daran, beziehungsweise müssen mit den Folgeerkrankungen leben. Der Begriff Kinderlähmung ist irreführend. Viele der heute impfbaren Krankheiten sind immer noch da, sie sind nur aus unserem Bewusstsein entschwunden, weil uns deren Erkrankungsfolgen nicht mehr so häufig im Alltag begegnen. Ich hatte noch Schulkameraden, die nicht rechtzeitig geimpft wurden und deswegen ein Leben mit einer Gehbehinderung lebten. Die in der Folge oft gehänselt wurden. Deren Leben ohne die Krankheit sicher ein anderen Lauf genommen hätte.

Und ich kenne die Geschichten meiner Eltern und Großeltern, die von Menschen sprachen, die an Polio erkrankt waren, die Infektion nicht überstanden hatten.

Ich kann Eltern, die sich weigern ihre Kinder heute impfen zu lassen, einfach nicht verstehen. Ich verstehe nicht, wie man dem eigenen Kind diese möglichen Schutz vor schweren Krankheiten verweigert. Wie man den Kindern anderer Eltern, die aufgrund schwerwiegender anderer Erkrankungen denen ein Impfschutz nicht wie andere Kinder frühzeitig zugeführt werden kann, diesen Fremdschutz versagt.

Ich werde es auch nie verstehen, denn ich habe diese Bilder im Kopf.

1 Kommentare:

Unknown hat gesagt…

ich bin im Iran aufgewachsen, und da waren Pocken, Malaria, Cholera und Polio Impfungen Pflichtprogramm, und ich lebe immer noch, dank dieser Impfugen

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