2014-11-10

25 Jahre Mauerfall

Es ist immer noch schön. So schön. Und es bleibt schwierig.



Selten wurde wohl so deutlich, dass man Feiertage im Herzen nicht einfach so auf einen anderen Tag legen kann. Aufgrund der geschichtlichen Vorgabe ist völlig klar, dass man den 9. November 1989 nicht in seiner zelebrierten Relevanz auf das gleiche Datum legen konnte, denn der Termin war und ist von einem schrecklicheren Termin, der Reichspgogromnacht 1938, vorab belegt.

Nur lässt sich das Geschehen gefühlt im Herzen nicht so einfach verlegen. Ich habe immer Probleme damit, den Tag der Einheit nun am 3. Oktober zu begehen, wenn gleich ich auch als am 2.10.-Geburtstaghabende direkt davon profitiere, aber gefühlt stimmt dieser Termin einfach nicht. Dass man die Einheit vorab zelebriert und im Nachhinein das Geschehen dann bis zur finalen Maueröffnung aufbereitet – die Reihenfolge stimmt nicht und sie wird so auch nie stimmen. Dennoch ist es richtig so.

Natürlich ist gestern in Anbetracht der 25. Wiederkehr der Maueröffnung medial das andere schreckliche Datum und sein damit verbundenes unfassbares Geschehen in den Hintergrund getreten. Ich kann aber für mich nur sprechen, ich habe die letzten drei Tage in denen ich wirklich im Herzen gefeiert habe, nicht vergessen, dass der eigentliche Ursprung der Mauer in eben jener Nacht 1938 zusammen mit all dem Leid, das über die gesamte Welt damit gekommen war, liegt und immer dort liegen wird.

Der schreckliche Beginn, der gute Ausgang, alles wird immer existent bleiben. Folter, Tod, Enteignung, Leid, Lager – das alles darf nie vergessen werden! Vor allem nicht in diesen Tagen, in denen man das Gefühl haben muss, das schreckliche Rad beginnt sich von Neuem zu drehen.



Trotzdem war ich die letzten drei Tage sehr froh und auch immer nahe am Wasser gebaut. Ich kann keine Maueröffnungsszenen sehen ohne nicht mindestens sehr feuchte Augen zu bekommen, meistens läuft es. Ich bin 1965 in dieser Stadt im Westteil geboren, die Mauer war für mich elementare Begleitung in den ersten knapp 25 Jahren meines Lebens. Und diese, ihre Begleitung ließ einfach zu wünschen übrig. Aufgewachsen in der Stauffenbergstraße, direkt am Potsdamer Platz wohne ich direkt nebenan, sie war mir visuell täglich nahe. Unsere Familie war betroffen, denn die Familie meiner Oma, väterlicherseits, lebte eben drüben. Und meine Oma hat die längste Zeit, die ich sie kannte, gelitten wie ein Hund. Ich kenne das Packen der Pakete, das für meine Oma eine das Herz erschwerende Pflicht gewesen war. Ich bin als Kind an der Hand meiner Oma so oft hinüber gefahren in den Osten für einen Tag, die Familie besuchen. Sie in den Arm zu nehmen in der Freude über ein Wiedersehen, immer zugleich mit Trauer begleitet, weil man wusste, der abendliche Abschied steht gleich mit in der Tür. Menschen, die Familie waren und dabei so fern, mit den Jahren der Trennung zunehmend auch so anders. Die Großcousine, die uns als Kind so oft besuchen kam, die wir mochten. Und die mit ihrem 16. Geburtstag von einem auf den anderen Tag einfach wegblieb, weil sie nicht mehr reisen durfte. Erkläre das einem Kind.



Von all den schrecklichen Erleben mit und an der Mauer, wie sie zum Beispiel an den Mauertoten medial groß publiziert wurden, war der irrsinnige Schmerz im Alltag in den betroffenen Familien so fürchterlich präsent. Und er macht uns Berliner wohl auch ein ganz besonderes Stück aus. Verflucht, war das ein Leiden!

Wenn ich für ein Erleben dankbar bin, dann dafür, dass meine Oma die Öffnung noch erleben durfte. Mein Opa nicht, mein Papa nicht. Aber meine Oma konnte ihre Familie wieder in die Arme schließen. Die also, die es dann damals noch gab.

Der Mauerfall ist immer noch ein Wunder für mich! Eine Emotion, die ich nie ganz verarbeiten werde. Für mich ist es eben etwas ganz Besonderes, dass ich jetzt „im Osten” lebe. Man witzelt natürlich gerne darüber, kalauert alte Scherze aber es bleibt die unumstößliche Tatsache bestehen: es berührt mich immer wieder im Alltag, das ich jetzt hier in diesem Ost-Teil der Stadt wohnen darf. Keine 300 Meter entfernt vom ehemaligen Mauerstreifen.

Die Lichtinstallation, die dieser Tage die innerstädtische Grenze Berlin noch einmal aufzeigte, war in meinem Empfinden ein schönes Geschenk an uns alle. Sie hat vermittelt, erklärt, geöffnet, vor allem verbunden. Noch nie war meine Wohngegend hier so voller Menschen, Kinder, die alle mit einander ins Gespräch kamen, sich Geschichten erzählten, ihr Erleben teilten.

Ich bin am Samstag am Engeldamm unterwegs gewesen, hoch gelaufen zur East Side Gallery, die Zeitung mit den vier Buchstaben, die ungefragt in den Briefkästen lag, erfolgreich am Stand der „Die Partei” in ältere Ausgaben der Titanic zu tauschen. Die kippten dann im Laufe des Abends „den Schund” dem Verlag wieder vor die Tür. Ich ließ mich treiben. Ich hörte Vätern zu, die ihren kleinen Kindern die Geschichten auf den Informationstafeln vorlasen und deren Fragen beantworteten. Fragen, die einmal mehr den Irrsinn dieser Mauer, der Teilung direkt offenbarten. Ich sah Paare, die sich unter den Lichtbällen innig küssten. Menschen, die auf Brücken standen, gemeinsam Sekt tranken und sich dabei siezten, sich gerade eben kennengelernt hatten und gemeinsam diese besondere Zeit erlebten.



Irgendwann fing ich an die Bälle zu lomografieren. Knackscharfe Aufnahmen in allen Lichtverhältnissen gibt es von ihnen zu Hauf. Ich spielte mit ihnen, sie bekamen eine künstlerische Bedeutung für mich. Und ich habe mich ein bisschen an ihnen verloren. Das war gut. Als ich hinter der Schillingbrücke den Stralauer Platz hochlief in Richtung Mühlenstraße und ich das erste Stück Mauer der East Side Gallery sah, musste ich direkt umdrehen. Ich konnte die Mauer nicht sehen, sie bereitete mir in diesem Moment Herzschmerzen und Atemnot. In der physischen Konsequenz tatsächlich.

Die Mauer, die Teilung Deutschlands, sie hat etwas mit uns gemacht. Auch mit denen, die auf der anderen Seite lebten. Neulich schrieb jemand im Internet, er stände gerade auf der „richtigen Seite” der Stadt. Ich überlege seitdem die ganze Zeit, welche das wohl gewesen sein mag.

Als könnte es eine richtige Seite, eine falsche Seite überhaupt geben von einer Stadt, von einem Land.



Gestern Abend ging ich dann zum Engelbecken runter. Es hätte viele Stellen in Berlin gegeben, wo ich den Aufstieg der Lichtgrenze hätte sehen können. Am Brandenburger Tor wäre mir es mit den öffentlichen Feierlichkeiten zu viel Tamtam gewesen. Am Checkpoint Charlie hätte ich es nicht ausgehalten, dieser Ort macht mir heute noch so großes Unbehagen. Also ich die Bilder von dort sah, dachte ich, dort brichst Du zusammen! So blieb ich also in meinem Dreh, der Ecke, wo ich nach dem Mauerfall immer dachte, hier möchte ich wohnen! Schon als die ganze Gegend noch nicht erschlossen war. Ich entschied nach einigem Herumlaufen mich oben an der Mauer zu stellen, auf der Ostseite, um den besten Blick auf die leuchtende Grenze zu haben. Die Verabredung mit Freundin und Cousine und Großcousin „wir rufen uns an”, war hinfällig, da es überhaupt keinen Handyempfang mehr gab. In der einen Stunde versammelten sich so unglaublich viele Menschen. Neben mir stand eine junge Mutter, die ihrer ca. fünf Jahre alten Tochter die Geschichte der Mauer und vom Leben zweier deutschen Länder, die unterschiedlicher nicht sein konnten, erzählte. Das Kind stellte kluge Fragen. Die Mutter erzählte ihr, wie sie einmal in Ungarn urlaubend, Menschen aus der DDR kennenlernte. Wie man sich gemeinsam zum Pizza essen verabredet hätte, wie sich herausstellte, dass beide Parteien unter „Pizza” etwas ganz anderes verstanden hatten. (s. Krusta). Sie erklärte dem Kind von der Aufteilung nach dem Krieg. Auf die Frage des Mädchens hin, warum die Deutschen bei dieser nicht mitsprechen durften meinte die Mutter, die Deutschen hätten dabei nichts zu sagen gehabt, denn die hätten ja den Krieg angefangen und verloren. Die Deutschen waren die Dummen.

So einfach!



Einen Moment später stand ein junger Mann mit sehr weißem Haar neben mir mit seinem Fotoapparat und wir kamen ins Gespräch. Er muss dem Erzählen nach geschätzt 15 Jahre älter sein als ich. Er ist wie ich in (West-)Berlin geboren und hatte immer in Neukölln gelebt. In den späten Siebzigern war er Fluchthelfer und wurde 1977 auch von der Stasi festgenommen. Er erzählte mir von dem, der sie alle verraten hatte, einem Journalisten. Denn das wollte er nach dem Mauerfall wissen, wer das war von ihnen. Von seiner Zeit im Gefängnis, wo er zu Weihnachten ein Weihnachtsgespräch erhielt, eine Banane und eine Mandarine. Ihm ein Gefängnisinsasse sagte, da müsse er erst ins Gefängnis kommen, um mal eine Banane zu sehen. Wie er später in das viel unangenehmere Gefängnis der Volkspolizei verlegt worden war, wie dann endlich der Prozess gemacht wurde. Er dreieinhalb Jahre auf Bewährung bekam und dann nach fast 19 Monaten Untersuchungshaft eines Tages mit einem Bus an der Oberbaumbrücke in den Westen entlassen wurde. Wo alle anderen – ohne Wohnsitz – Freigelassenen von der Westpolizei direkt wieder in Gewahrsam genommen wurden. Nur er nicht, weil er eine Wohnadresse hatte.

Wir sprachen darüber, wie wir damals wohnten, wie wir Mauer erlebten. Er erzählte mir wie seine Eltern sich damals eine Schwedenküche in die Wohnung einbauten, der letzte Schrei, in dem Wohnhaus in der Sonnenallee in dem er sein Leben lang gelebt hatte. Erst in der völlig überfüllten Einzimmerwohnung seiner Eltern mit Außenklo, dann in einer eigenen Wohnung, heute wohnen seine Kinder in dem gleichen Haus. Das ist das, was die „ist-doch-egal-ob-ihr-gentrifiziert-werdet”-Denkenden immer nicht bedenken möchten, das wir Berliner dazu neigen, ganze Leben, ganze Generationen in ein und derselben Wohnung zu verbringen und das Vertreiben für uns daher ganz besonders traumatisch ist.

Ich hätte mir keinen angenehmeren Nachbarn in dieser emotionalen Stunde wünschen können. Als ganz vorne an der Brücke die ersten Bälle hochgingen und es dann erst einmal nicht weiterging, was natürlich kommentiert wurde in unserer Umgebung, meinte mein Gesprächspartner, „der Berliner hat ja immer was zu meckern.” Da musste ich einlenken und korrigieren, eigentlich sei dem gar nicht so, wir hätten nur immer was zu sagen. Und würden das halt nicht in Blümchen verpacken sondern direkt auf den Tisch packen. Er stimmte mir zu.

Um uns herum standen mittlerweile dicht gedrängt, viele Menschen mit unterschiedlich deutschen Dialekten darüber sprechend, wie sie nach Berlin gekommen wären, von Zweitwohnungen in alten Heimaten, wie sie Berlin erleben heute, falls damals schon, dann damals. Sie sprachen und sprachen, machten Witze, erzählten sich wie sie den Mauerfall erlebt hätten, irgendwann behauptete einer in überheblicher Lautstärke sogar „Der Berliner sei ja an sich nicht dumm, der wäre ja nicht auf den Kopf gefallen.”

(Ich konnte darüber lachen aber, wenn ich ehrlich sein darf, symbolisiert dieser Moment sehr perfekt genau den heutigen Umgang der nach Berlin Zugezogenen mit uns Einheimischen dieser Stadt. Sie stehen um uns herum, in dieser Stadt, direkt neben uns, zeigen mit dem Finger auf uns als säßen wir in einem Käfig vor ihnen und erzählen dann – gänzlich unsensibel, dass es auch ja alle hören können – was sie von uns halten. Direkt danach werfen sie uns dann mangelhafte Migration vor.)

Dieser Mann hatte verbal unbewusst eine Mauer aufgerissen. Wir zwei Berliner guckten uns an, grinsten und ich meinte zu ihm „sie werden einfach nie begreifen, dass sich der Berliner nicht mit Lob einnehmen lässt.” Er nickte.



Film originale Grö0e

Dann gingen die Bälle wirklich hoch, um uns herum wurde weiterhin gelacht, applaudiert, wurden Possen gerissen und jeder Ball moniert, der aus der Reihe tanzte und sich nicht in Reihe in die Luft erheben wollte. Dabei waren gerade sie eine schöne Symbolik für die alten (und vielleicht auch neuen) eingesessenen Mauern in unseren Köpfen.

Der weißhaarige Fluchthelfer links neben mir und ich sprachen währenddessen kein Wort. Als der letzte Ballon, das letzte Stück Mauer, im dunklen Himmel verschwunden war, guckten wir uns an, nickten uns zu mit Tränen in den Augen. Dann reichten wir uns die Hand und bedankten uns beide. Er ging. Der Berliner ist nicht dumm. Er ist still, wenn der Zeitpunkt gekommen ist. Wenn alles gesagt ist; wenn alles getan ist.

25 Jahre ohne Mauer. Meinen innigen Dank an alle, die das möglich gemacht haben. Danke an die, die die letzten Tage in dieser Stadt das Jubiläum so besonders gemacht haben. Mit ihrem Engagement, ihrer Hilfe, ihrer Anwesenheit, ihrem Interesse an dieser fürchterlichen Vergangenheit. Danke an die vielen vielen Kinder, die so viele großartige Fragen gestellt haben!



Direkt hinter mir lief ich abschließend dann doch meiner Cousine, ihrem Ehemann und dem kleinen Großcousin in die Arme. Ein kleiner müder, erstaunlich stiller Junge, der mir erzählte, dass alle Bälle nun weg wären. Ganz oben. Im Himmel. So soll es sein, alle Grenzen weg. Ganz oben. Im Himmel.

4 Kommentare:

Manuela Hamm hat gesagt…

Liebe Claudia,
vielen Dank für deinen wundervollen Bericht und wie du den gestrigen Tag erlebt hast. Danke, dass du uns an deinen Gefühlen teilhaben lässt.
Ich bin sehr bewegt!
Alles Liebe für dich und Alooooohaaaaa <3
deine Manuela

Kitty Koma hat gesagt…

Danke, wie schön!

Simone hat gesagt…

So ein bewegender Bericht! Danke schön. Ich war im letzten Jahr zum ersten Mal in Berlin (tatsächlich - ich stelle mich gleich in die Ecke und schäme mich), aber ich habe in dieser Zeit (und auch davor) im sogenannten Zonenrandgebiet gewohnt. Für uns war das auch etwas ganz, ganz Besonderes. Und vor allem die Tage, die Wochenenden nach dem Mauerfall - überall die Trabis, wildfremde Menschen, die sich in die Arme fielen. Ich hab noch immer Gänsehaut.

Alwin Mueller hat gesagt…

Ja! *danke*, ein sehr schöner blogpost ! Hat mich insbesondere berührt, weil ich mal wieder jemand aus dem 65er Jahrgang *und* Westberliner, begegnet bin. Mir kommts subjektiv so vor, daß die Eingeborenen Westberliner immer seltener werden.
Und auch was Du über Gentri-schei... sagst, d'accord. Es geht mir ähnlich, vor etwa 20 Jahren habe ich meinen Platz am Südstern gefunden und, _will_ - _da_ - _nicht_ - _mehr_ - _weg_

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