2015-08-05

Nüchtern

Ich habe mir gestern das Buch „Nüchtern” von Daniel Schreiber gegönnt. Bisher habe ich nur Gutes darüber gehört und gelesen. Und als Göre einer durchaus Sucht geprägten Familie väterlicherseits ist Alkohol, sein Konsum und die Folgen, immer in meinem Leben ein begleitendes Element gewesen. Im Grunde kann ich kein Glas Wein trinken, ohne es zu hinterfragen.

Was ich sehr spannend finde, gestern ist es mir im Buchhandel wieder passiert: alle Menschen, die über das Buch sprechen oder eine Rezension schreiben oder es anderweitig schriftlich loben, stellen ihrem Text spätestens im dritten Satz voran: „Ich bin ja kein Alkoholiker.” So gestern auch der Verkäufer, den ich nach dem Lagerungsort des Buches fragte. Er sprach sehr begeistert von dem Buch und freute sich ehrlich für den Autor, dass das Buch zu einem kleineren Bestseller geworden ist aber leitete direkt ein mit dieser Standardformel.

Nun überlege ich die ganze Zeit, wenn ich das Buch gelesen habe und es besprechen wollte, wie ich einen Text schreibe ohne diesen Satz. (Manchmal ist es nämlich schwieriger Sätze nicht zu bringen, als sie zu schreiben.) Ich könnte sagen: „Ich bin Alkoholkonsument.”

Das ist so, denn ich trinke gelegentlich Alkohol. Aber sexy klingt das auch nicht, oder? Das finde ich insofern interessant, weil Alkohol immerhin eine staatlich legalisierte Droge ist, denn unser aller Staat verdient ganz gut daran und belohnt den übermäßigen Konsumenten damit, dass er ihm, wenn er im Vollsuff jemanden auf die Rübe haut, nur das halbe Strafmaß zu erwarten hat, als jemand, der das im nüchternen Zustand tut.

Da gibt es noch viel nachzudenken. Ich freue mich auf dieses Buch.

2015-07-30

Meine Nachbarin, Frau M.

Meine Nachbarin, Frau M., ist schon recht fortgeschrittenen Alters, sehr rüstig, sehr mobil und vor allem sehr gepflegt. Sie wohnt hinter einer Wohnungstür in der es vor Schlössern nur so wimmelt. Noch nie sah ich eine Wohnungstür mit so vielen Schlössern! Und natürlich verbergen sich noch hinter der Tür einige Sicherheitsmechanismen, die sie erst einmal frei räumen muss, wenn sie einem die Tür öffnen möchte.

Ich weiß das, weil ich Frau M. eines Sonntagsmorgens um 5:30 Uhr einmal besuchen ging. Sie war eh schon seit einer Stunde wach und räumte fröhlich in ihrer Wohnung um und da ich deswegen nicht mehr gut schlafen konnte, dachte ich, „gehste hoch und fragste, ob Du ihr beim Räumen helfen kannst …”

Das war natürlich gelogen. Ich stand zerfleddert, müde und mittelschwer genervt vor ihrer Tür, wies sie höflich daraufhin, dass es a) Sonntags sei und b) sehr früh am Sonntag Morgen sei und ich zumindest am Wochenende doch einmal länger schlafen wollen würde als ich sonst schon eh kurz schlafe.

Frau M. war ehrlich erschrocken bis peinlich berührt und bemüht sich seit dem sehr erst ab ca. sieben Uhr die Wohnung täglich umzuräumen. Sie kann da natürlich ein Stück weit nicht dafür, denn sie ist selbst schon sehr schwerhörig (weswegen es auch nicht leicht ist an einem Sonntagmorgen um 05:30 Uhr ihr im Treppenhaus stehend zu erklären, warum man selbst gerade recht gnatschig ist, denn es zieht eine potentielle Gnatschigkeit anderer Nachbarn zwangsläufig mit sich) und hört vermutlich selbst gar nicht mehr, was sie für einen Radau veranstaltet. Dem Rest sind doch der Plattenbauten dünne Wände und Decken geschuldet; angeblich hätte man ja hier mit der Modernisierung neue Decken eingezogen, erzählten mir meine Nachbarn, unter meiner Wohnung lebend, neulich. Für meine Wohnung hege ich da berechtigte Zweifel. Alternativ möchte ich mir die Hellhörigkeit der Wohnungen ohne dieser Decken nicht wirklich vorstellen müssen.

Frau M. selbst ist von kleiner Statur. Sie wird nie wirklich groß gewesen sein, das fortgeschrittene Alter wird ein übriges geleistet haben, Frau M. ist ein knapper anderthalbfacher laufender Meter. Plus fünf Zentimeter. Wenn's hoch kommt acht.

Frau M. ist leicht hausstauballergisch geplagt. Sie selbst hat mir das nie erzählt aber das weiß ich, weil sie oft niest. Also sehr häufig niest. In ihrer Wohnung. So im Schnitt mindestens 10-15 Mal am Tag. Und zwar mit Freude, Herz und Karacho! Sie haut die Nieser hinter einander weg raus, unter drei bis fünf macht sie es nicht in einem Niesschwung und auch wenn die Fenster, die hier im Haus modernisiert und Schallschutz massiv verbaut sind, nicht wirklich erzittern, dann bin ich sicher, dass die Wände das sehr wohl tun. Wenn Frau M. niest, dann wackeln hier in der Platte die Wände. Und zwar von hier, Berlin Mitte, bis nach Mahlsdorf!

2015-07-21

Meine Mum! Neun Jahre †

Heute von neun Jahren stand nachts die Polizei in der Tür, um mir mitzuteilen, dass man meine Mum tot aufgefunden habe. Neun Jahre. Das ist immer noch so unfassbar. So unwirklich. So viel hat sich, hat mich verändert in diesen Jahren.

Liebe Mum, danke für alles! Und: I hope you dance!

2015-07-18

Grün!

„Grün!”, sagt er hinter mir an der Fußgängerampel am Oranienplatz. Typ motivierter Tourist.
Ich bleibe ungerührt stehen und lasse den DriveNow-Mini, der die andere Ampel drei Sekunden nach Rot nimmt, erst noch pantomimisch über unsere Füße fahren.
„Oh!”, sagt er da.
„Ja, grüne Ampeln sind in Berlin recht relativ.”, sage ich zu ihm und gehe.

2015-07-17

Queen of the Castle

Die jüngst verwitwete Nachbarin aus dem 4. OG heute auf dem Weg zum Lidl getroffen und ihr direkt die in den Rücken eingeschossene Hexe angesehen. Hexe ist wohl geschossen als Nachbarin die nicht mehr die Trommel drehende Waschmaschine begutachten wollte. Sie sprach von Neukauf oder Service, die Waschmaschine sei ja schon zehn Jahre alt. Ich sprach von „ist der Keilriemen, ich käme mal gucken, wenn sie möge.” Und empfahl ihr für die Hexe Weleda Arnika Massageöl.

Hatte sie erst abgelehnt, dann mittags geklingelt und gesagt, sie würde das Angebot doch annehmen wollen. Bin ich eben hoch mit einer aufgezogenen Spritze Massageöl zum Ausprobieren, meinem Mini-Akkuschrauber, Klebeband und eine Lesebrille. Waschmaschine aus der Ecke gezogen, Wand abgeschraubt. Keilriemen lümmelt auf dem Boden rum. Übliche Keilriemenanklebe und -aufziehtechnik angewendet (wir zwei sind soooo dicke!). Läuft. Erst mal, Keilriemen dürfte nach zehn Jahren natürlich ordentlich ausgenudelt sein.

Wobei ich persönlich den Keilriemen aufziehen bei einer 40er-Waschmaschine ein bisschen mit ist „pain in the ass” umschreiben würde. Na gut, jetzt bestellt sie sich einen Neuen (ist immerhin eine gute Siemens-Waschmaschine, die 40 cm-tiefen sind nicht so günstig und da haben wir heute ordentlich Geld gespart) und dann machen wir das nochmal. Hat halt sonst alles ihr Ehemann gemacht. Und der Schwiegersohn sei Lehrer, der hätte eben zwei linke Hände.

Wenn sich das jetzt in der Anlage rumspricht, dass ich Waschmaschinen heilen kann … bin ich … siehe oben!

2015-07-16

Gut leben in Deutschland

Frau Merkel aka Bundesregierung machen sich auf für die neue Wahlperiode und sucht/suchen nun mal wieder die Kommunikation zum Bürger, also zu der Person im Land, deren Wohlergehen – egal welcher Generation angehörig – dieser Regierung (pardon my french) pupsegal ist. Die ganze Aktion ist insofern hirnrissig, weil Merkel und Co. eh den ganzen Tag lang unsere Telefonleitungen abhören und selbstverständlich aus erster Quelle bereits wissen, was wir denken oder uns vom Leben erhoffen. Aber falls jemand der Meinung sein sollte, es doch noch mal direkt in das schwarze Loch zu kommunizieren, hier entlang!

Demgegenüber zeigte diese Woche das ZDF im von mir gerne frequentierten Format „37 Grad” eine Dokumentation über Rentner in Deutschland, altersberentet als auch aus gesundheitlichen Gründen frühberentet. Der Name der Sendung ist Programm „Schuften bis zum Schluss – arme Rentner in Deutschland.” Eine feinfühlige Dokumentation, die ich jedem ans Herz legen möchte sich anzusehen!

Dieses im Zusehen schaurige Erlebnis des Rentner-Daseins wird sich in Zukunft in Deutschland deutlich verschärfen, denn ganze Generationen von Freiberuflern, die im Jobcenter die Einnahmen aufstocken lassen müssen, Mindestlöhner, Minijobber und ALG-II-Bezieher zahlen gar nicht oder viel zu geringe Beiträge in die Rentenkasse ein. Das hat nichts mit Wollen zu tun, sondern mit schlichtem Können bzw. Nichtkönnen. Das Ergebnis dieser stetig wachsenden prekären Arbeitsmarktsituation ist ein Ergebnis der SPD- und CDU-Regierungen der letzten 20 Jahre.

Ich empfinde daher diese Frage einer Bundesregierung nach meiner „Vorstellung von Lebensqualität” in Deutschland daher als zynisch und als Zumutung. Es gibt keinen Grund mehr für mich zu glauben, die CDU und SPD sind soweit weg von den Bürgern dieses Landes, das ich dieses Interesse nicht ernst nehmen kann. Tut mir leid.

Frau Merkel ist im Zusammenhang mit dieser o.g. Aktion in einer Gesprächsrunde mit Kindern in Rostock. Die Kameras sind dabei. Ein palästinensisches Flüchtlingskind aus dem Libanon kommend soll mit ihrer Familie wieder abgeschoben werden und spricht Frau Merkel mutig an. Frau Merkel antwortet. Das macht das Mädchen weinen. Frau Merkel tröstet.

Naja … tröstet, was man so trösten nennen kann.

2015-07-07

Großartige Laune.

Nicht.



Das ist ganz schlecht, wenn alternativ die Katze wieder Tierarzttermin mit Blutbild und allem hat.