2014-11-24

Kochbloggiges

Claudia Schmidt hat mit „fool for food” wohl das Blog, das ich am längsten lese. Ich möchte behaupten, sie ist die erste Foodbloggerin, der ich online begegnet bin und die mich damals auch zum Bloggen („Ein bisschen koche ich ja auch ab und zu …” ) inspiriert hatte. Samstag haben wir es erstmals zu einem persönlichen Treffen geschafft. Natürlich habe ich sie zur Markthalle IX geschleppt und als sie am Görlitzer Bahnhof der U1 entstieg, war es wie uns schon immer gekannt haben und endlich wieder zu sehen. Wir hatten einen sehr schönen Tag zusammen, haben hier die eine Restauration besucht, dort die andere. Haben einen sehr leckeren Berliner Lebkuchen getroffen. Päckchen neben der Berliner Gerichtsmedizin aus Paketstationen befreit und Last Minute-Shopping im Hauptbahnhof betrieben (auf dem sie sich besser auskennt als ich mich.)

Wie schön!

Natürlich haben wir uns auch ein wenig über die (aus nahe liegenden Gründen) vorrangig kochende, Bloggerlandschaft unterhalten und stellten beide fest, dass uns diese Blogs der neuen Generation „Work-Life-Balance”-Kochbloggerinnen nur wenig anspricht. Der Perfektionismus, die Gleichheit der Fotografien, der vorrangig lesbare Wunsch nach Gefälligkeit mit einem allzu offensichtlichen Endziel: der erfolgreichen Blogmonetarisierung. Alles, was es einem nicht leicht macht, einem Blog folgen zu wollen, weil dann doch irgendwo zwischen drinnen die Persönlichkeit der bloggenden Person abhanden gekommen ist – obwohl sich diese visuell ganz gerne in den Vordergrund stellt.

Vorletztes Wochenende war ich auf der eat&STYLE hier in Berlin und nachdem ich mir die Mädels angeguckt habe, die sich für die Workshops von Nicole Just angemeldet hatten (Von der ich bei einem WS als Zuschauerin den schlechtesten Cupcake meines Lebens probiert hatte. Nicht weil er vegan war, sondern weil er schrecklich übersüßt war.), dachte ich bei mir, wie interessant es wäre über das Thema „Feminismus 2014, Kochbloggerinnen, Rosa und deren offensichtliche Attitüde »glücklich zurück an den Herd als Hausweibchen»” zu dissertieren.

Aktuelles Beispiel gefällig? Theresa Baumgärtner über deren TV-Format im NDR ich gestern zufällig gestolpert bin. „Theresas Küche – Kochen mit Freunden.” Sie macht total auf In-Bloggerin. Sucht man im Web nach ihr, landet man auf der gefälligen, hoch professionalisierten, dafür langweiligen, dynamischen Homepage „Theresas Küche”, einer Buchautorin, die dort sage und schreibe, vergleichsweise lächerliche 64 Rezepte online stehen hat. Okay, das ist dann hier offensichtlich das neu geschaffene, knapp ein Jahr alte Blog zum Format. Ist legitim, aber man möge mir eine Autorin bitte so nicht als „Vorzeigebloggerin” verkaufen. Denn dafür gibt es hierzulande genug echte großartige, altgediente BloggerInnen mit unendlich viel fachlichem KnowHow und Herz. Sie sind lediglich nicht blond, nicht jung, nicht farblos.

Der Style der Sendung ist für jeden, der die ersten Staffeln von Jamie Oliver seinerzeit verfolgt hatte, überhaupt nichts Neues. Davon abgesehen, dass die Kameraperspektive eine andere ist als sie bei Jamie war und ständig Vintage-Kram als Dutzi-Dutzi-Aufbewahrungsmöglichkeiten angepriesen werden und frau natürlich mit Blümchen im Haupthaar aber ohne Schürze (außer bei der Zubereitung von Roter Beete) kocht, damit auch ja alle drei Sätze auf das selbst getragene grüne Kleid mit Schleife hingewiesen werden kann. Denn eines ist sehr wichtig in der neuen Foodbloggerwelt: man muss immer hübsch, nett und adrett aussehen – und alles muss total gesund sein, denn total gesund auch heißt „gut aussehen”. Und „gut aussehen” scheint in dieser TV-Blog-Welt aus irgendwelchen Gründen wichtig!

Reingestolpert bin ich ausgerechnet in die Folge in der vegan gekocht wird. Was an sich okay ist, würde das nicht immer so schrecklich entgleisen, weil auch einfach falsch angepriesen. Natürlich wird auch hier völlig unreflektiert die vegane Lebensweise wieder als total gesund bis bla bla … total gesund verkauft.

(Was leider falsch ist. Eine Ernährung bei der sich über kurz oder lang ein Individuum chemisch produzierte Vitamine etc. zuführen muss, um Mangelerscheinungen vorzugbeugen oder bereits bestehende zu therapieren, weil dem Körper in der Ernährung Inhaltsstoffe untersagt werden, die ihm jene lebenswichtigen Vitamine zuführen oder die so der menschliche Organismus nicht selbst produzieren kann, kann per Definition für den Menschen keine gesunde Ernährung darstellen. Es ist eine diätische Ernährung. Und bei allem Respekt vor dem nachvollziehbaren Wunsch Tiere in keiner Weise ausbeuten zu wollen, ist so eine diätische Ernährungsweise auf Dauer für den Menschen leider keine gesunde. Ernähre sich, wer mag, vegetarisch oder vegan aber erzählt bitte nicht, das sei gesund!)

Und hier in dem Format geht es im Endergebnis natürlich darum, dass das kochende Weibchen vor allem „gut aussieht”. Nein, keine Pointe. Ich erwähnte doch das grüne Kleid und die Blume im Haar, oder?

Während einer der Gäste, ein junger Mann – aber hipfsterwichtigpopichtig mit Cappy im Haar, falsch herum aufgesetzt (of course!) – namens Hannes Arendholz sich als im Vergleich zu den weichgespülten Mädchen (<– ja, ist hier boshhaft gemeint) erstaunlich schlagfertig erweist: Sie: „Wie machst Du das, was ist Dein Trick für Zwiebeln?” Er: „Ich habe keinen Trick. Ich heule einfach.” gibt eine bis in alle Ewigkeit sich den Honk grinsende Blondine sachlich schlicht falsch vor, es gäbe ja so viele Allergien und Unverträglichkeiten beim Menschen (Stichwort: Laktose) und man soll doch aufpassen, wenn man denn Latte Macchiato nicht vertragen würde, hätte man bestimmt eine … bla bla bla … bla bla. Diese Frau ist dann Montessori-Pädagogin (arme Kinder!), bloggt immerhin seit 2014 (!) und hat irgendeinen Food Blog Award für irgendein Rezept gewonnen () (<– ja absichtlich gesetzte leere Klammern, da sind einem dann doch die Ausrufezeichen zu schade für). Richtig, ich verlinke keine Blogs, deren Eignerinnen einer Gesellschaft die Generallallergie attestieren möchte. Ich halte das für grobe Körperverletzung. Das ist auch ein ganz großes Problem dieser jungen Frauenegeneration, die reden sich super Ernährungspsychosen ein.

Während Arendholz, der als gelernter Diät-Koch fachlich in der Aktion und inhaltlich in dem was er sagt, klug vor allem authentisch, weil nicht aufgesetzt, rüber kommt, stimmt uns die Theresa inhaltlich völlig unkritisch auf das Motto „vegan ist DER Trend in DEN USA” ein. Und zwar mehrfach. Da merke ich dann, dass ich gar nicht die Zielgruppe sein kann. Ich bin zu lange auf der Welt, um noch irgendetwas cool oder bewundernswert zu finden, was aus den USA kommt. Im Gegenteil, es hört sich in meinen Ohren mittlerweile grenzenlos dumm an, will mir jemand einen US-Trend verkaufen.

Das überhaupt noch in diesen Tagen zu machen in denen uns die USA TTIP überstülpen will! Einem Abkommen bei dem sich Firmen wie Monsnto und Nestlée vor Freude die Schenkel blau klopfen? Wie unkritisch dumm muss man als Vorzeige-Foodbloggerinpüppi denn bitteschön sein – während es einem gleichzeitig angeblich so wichtig ist, sich gesund zu ernähren?

Richtig schlimm in dem Zusammenhang dann die Szene als das Mädel, die Theresa, mit dauerhafter blonder Hochsteck-Gretchen-Frisur mit Vintage-Teetasse vor dem MacBook sitzt und uns Zuschauerinnen (<– absichtlich kein Binnen-I) ernsthaft die Blogwelt erklärt. Die ist nämlich total international. Ach … (und selbstverständlich war die Redaktion zu unfähig, zu blöd, zu *setze hier ein was willst Du* um die Links der besprochenen Blogs auf der Homepage zu Sendung zu setzen.) Ach und überhaupt: es heißt „der Borschtsch” und nicht „die Borschtsch-Suppe”. Suppe ist im Borschtsch bereits unkludiert. Und O-Ton im Garten: „Da kann man super Tee draus machen?” Ehrlich? Super-Tee? Jetzt neu Tee mit „super” als Aroma im Beutelchen im Bio-Märktchen, oder was?

Ich weiß es nicht, möglicherweise habe ich zu viele Kochsendungen gesehen, Blogs gelesen, bin ich einfach übersättigt. Aber mir erscheint es immer häufiger nur noch schrecklich banal, was da in den sogenannten Food-/Livestyle-/Mode-Blogs und gelegentlich ins Medium TV hinüber springend produziert wird. Was ich weiß, dass ich es nicht ansehen kann, wie jungen Frauen immer noch glauben, sich nur über den Anspruch einer 100%igen Gefälligkeit präsentieren zu müssen. Und dabei jeglichen Tiefgang missen lassen.

Doch ja, zunehmend sind mir junge Frauen geprägt von visueller Einheitsoptimierung in Kombination mit gewaltfreier Kommunikation in nur noch einer Tonlage vortragend ohne emotionale Auseinandersetzung bezüglich kritischer Themen leicht zuwider.

Seicht sein, das ist kein allzu positiv besetztes Attribut. Und erfolgreich Bloggen ohne echtes Alleinstellungsmerkmal – also außer blond, dauergiggelnd und niedlich – ist auch nur die halbe Miete.

2014-11-18

Tragischer Schabefleischschwund

In der Schale vor der Tally stehend (ganz zufällig dabei auf der Postkarte auf der steht „Auch Katzen platzen”) befand sich vor ca. 30 Sekunden noch eine ziemlich relevante Portion Schabefleisch.



Dass auf der Karte auf der Tallys Pfoten stehen, notiert wurde: „Ich muss Dir was verraten. Ich mag Dich noch lieber als Schweinbebraten.” tut nichts zur Sache und ändert per se auch gar nichts an der inhaltlichen (und gleichfalls tragischen) Tatsache, dass das Schabefleisch immer aus Rind besteht und nunmehr trotzdem schon wieder alle ist.

P. S. Die kleine bunte Katze schickt gerade eine SMS und fragt, ob man auf diese Amazon-Wunschlisten auch Schabefleisch setzen kann. Sie würde *hust* natürlich nur für eine kleine graue Katze* aus Teneriffa fragen.

*schlimm auf Diät

Deutsch-russische Freundschaft

Auf dem Balkon in Berlin-Mitte an einem frühen Dienstag Morgen. Der frische Kaffee dampft heißt in der frischen Herbstluft, die letzten noch an den Bäumen verbliebenen Blätter schaukeln dabei leise im Wind. Eine bunte Katze sitzt damenhaft auf dem Balkontisch und hält still Zwiesprache mit den Krähen rechts von ihr in der Baumkrone wippend, Eine graue Katze schmiegt sich schnurrend in den Arm, der ihr Lieblingsnicki-Shirt trägt. Der Katze antwortende Krähengesänge liefern die Untertitel für einen gespenstisch grauen Novembermorgen, der einem Edgar Wallace-Krimi entsprungen scheint.

Von der gegenüber liegenden Baustelle klingt es beherzt hinüber „Dawei! Dawei!”

2014-11-17

Fuck you carpe diem!

„Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.”

Gestern gelesen und für sehr schön empfunden – von Cicely Saunders †, britische Ärztin, Sozialarbeiterin und Krankenschwester.

2014-11-16

Schokolade. Und zwar satt!

„Hast Du Lust ein Schokoladen-Menü zelebriert von einem der Berliner Köche der jungen deutschen Küche zu genießen?”
„Lass mal überl… JA!”



Es gibt Vergnügen, die lässt man nicht an sich vorbei ziehen. Und schon mal gar nicht, steht Schokolade aus dem Schlaraffenland Ecuador auf der Speisekarte. Schon gar nicht erst recht überhaupt nicht, darf man hierzu (endlich) ins Volt zu Matthias Gleiß. Ihm und seinem Team eilt der Ruf in dieser Stadt wirklich voraus.



Eingeladen hatten der Direktor von ProEcuador, Juan Diego Stacey zusammen mit dem ecuadorianischen Botschafter in Deutschland, Jorge Jurado (Foto o.), und die Delegierte des Minesteriums für Außenhandel in Ecuador, Lourdes Jaramillo, um uns Ecuador als Land, vor allem natürlich als Produzenten allerfeinster Schokolade vorzustellen.



Dabei lernte ich, dass nur fünf Prozent aller produzierten Kakaobohnen weltweit die hochwertigen Gourmetbohnen wie die Arriba sind. Und davon stammen 60 % alleine aus Ecuador. Mittlerweile hat das kleine südamerikanische Land bereits den Spitzenproduzenten Brasilien im Export der edlen Kakaobohnen überholt. Schokolade aus den geernteten, getrockneten und gerösteten Bohnen, produziert Ecuador selbst dagegen kaum. Wenige landeseigene Produzenten beteiligen sich schon an „bean to bar”, der Weiterverarbeitung des Kakaos bis zur Tafel wie z. B. Pacari.



Deren Schokolade schmeckt sehr pur und ehrlich im Vergleich zu hiesigen Varianten, die schnell eine Spur zu cremig schmecken. Der größte Anteil der Kakaoernte verlässt das Land unverarbeitet und wird von Confiserien in Übersee zum Endprodukt verarbeitet. Deutschland ist dabei übrigens der drittgrößte Abnehmer des feinen Kakaos aus Ecuador. Die Bauern haben die Produktion von dem blumig-fruchtig schmeckenden Cacao Arriba (dort auch Cacao National benannt) in den letzten Jahren auf 220.000 Tonen im Jahr 2013 steigern können.

Die Gesamtproduktion des equadorianischen Kakaos wird zu 98 % exportiert, Damit deckt Ecuador 70 % des weltweiten Kakao-Bedarfs ab. Diese Zahlen möchte das Land bis ins Jahr 2020 verdoppelt haben. Staatliche Hilfen sorgen für Unterstützung beim Anbau und Weiterbildungsprogramme für die Bauern, um dieses Ziel erreichen zu können. Die Pflanzenpflege und Ernte geschieht vorrangig mit viel Handarbeit, eine Automatisation findet so gut wie nicht statt.

Einer dieser Bauern, Tomás Garcia, beschneidet seine Bäume mit einer einfachen Säge und erntet per Hand. Barfuß. Sein Geheimnis ist die Liebe zu seinem Land und seinen Pflanzen, die er beide verehrt. „Ich liebkose die Erde und meine Pflanzen als wären sie meine Frau, meine Kinder. Denn sie haben Seelen, sie leben wie wir! Sie sprechen nur nicht.” Das klingt pathetisch? Möglich, aber mit dieser Einstellung zu seinem Land ist der Mann mittlerweile der größte Produzente dieser exklusiven Kakaobohne Arriba geworden. Er produziert drei Mal mehr Bohnen als andere Bauern mit vergleichbarer Anbaufläche.

Das und viel über die Geschichte Ecuadors lernten wir Gäste im Volt schon beim Champagnerempfang. Zuvor unterhielt ich mich mit einen sehr netten Herren der Journalistenzunft über Küchengeräte (nicht kam mehr nach Omas alte Krups-Geräte) und Pathologie-Küchen (Zitat: „Die Küche ist des Deutschen neues Auto”) und Berliner Restaurationen.

Der Botschafter begrüßte uns herzlich, er und weitere Repräsentanten versorgten uns mit Informationen über das Land Ecuador, Produktionsmethodik und Export-Details mit dem fachlichen Knowhow für das kommende Menü. Spätestens bei der Erwähnung der Tatsache, dass es auch 100%ige Schokolade gäbe, wurde ich leicht unruhig. Prompt wurden wir ins Restaurant gebeten und ich durfte mit den anderen Gästen, überraschenderweise mit dem charmanten Botschafter direkt an meiner Seite, den Service vom Volt und unser besonderes Degustationsmenü genießen.





Matthias Gleiß hatte mich direkt mit dem ersten von drei (noch schokoladefreien) Grüßen aus der Küche eingenommen. Eine hauchdünne Speckschwarte, knusprig gebacken mit einem kleinen Tropfen warmen Schmalz in der Mitte. Zum Niederknien. Ganz einfach, so gut! Und … leider ohne Foto.



Perfekt als Begleitung zu den Gängen und das ist überhaupt ab sofort ein must have bei mir: ein Schokoladenbrot. Sauerteig mit Schokolade! Das Rezept habe ich dank eines fordernden Tischgastes zum Glück jetzt auch.

Dazu passend ging neulich durch die Medien die Meldung, dass Schokolade schlank mache. Die HELENA-Stuide (Healthy Lifestyle in Europe by Nutrition in Adolescene) untersuchte bei Heranwachsenden die Auswirkungen von Schokoladenkonsum. Das Ergebnis: Der Body-Mass-Index von Jugendlichen, die einen gesunden Konsum von Schokolade pflegten, lag unter dem des BMI von den anderen Probanden, die sich nicht regelmäßig mit Schokolade beglückten, während sich aber beide Vergleichsgruppen gleichermaßen gerne von Convenience Food bzw. Fast Food ernährten.

Schokolade enthält das Flavenoid Katechin. Katechine stehen generell als Antioxidantien im positiven Verdacht entzündungshemmend und antithrombisch zu wirken. Die Forscher vermuten, dass Katechine günstig auf die Produktion der Hormone Cortisol und Insulin wirken. Beide Hormone stehen im menschlichen Organismus eng im Zusammenhang beim Auftreten von Adipositas.

Die Menge macht's dabei. Also nicht in Masse konsumieren und keine Vollmilchschokolade, die viel weniger von den guten Substanzen, dank der Zuführung von viel Fett und Zucker enthält, als hochprozentige Zartbitterschokolade. Nach diesem kleinen Schokoladen-Diät-Tipp meinereine können wir festhalten: Schokoladenbrot gehört ab sofort auf den Tisch!



Uns beglückte der erste Gang, eine wilde Ente mit Preiselbeere und eingelegten Herbsttrompeten, kombiniert mit 66 % dunkler Edelkuvertüre. Gefolgt von einem Bretonischen Schollenfilet mit Blutwurst und Mole Sellerie – in einer Kakaoessenz. Meine zweite Begegnung im Volt mit einem flüssigen Bestandteil im Gang und … mir dürfte Matthias Gleiß sofort ein durchgängiges Suppen-/Brühe/Consommé/Eintopf-Menü servieren. Der kann das! Selten jemanden erlebt, der so ein Händchen hat für Flüssigkeiten im Teller.



Dass Schokolade glücklich macht, ist länger bekannt. Das in ihr enthaltene Tryptophan unterstützt die Synthese von Serotonin im Gehirn. Ein zu niedriger Serotonin-Spiegel ist Mitverantwortlich für Depressionen; soll außerdem beim weiblichen Geschlecht ursächlich für Menstruationsschmerzen sorgen (insofern keine anderen organischen Ursachen vorliegen.) Kurz: ein, zwei Stücken hochkonzentrierte Zartbitterschokolade am Tag können unter Umständen einige unserer Probleme beseitigen und stehlen den Heißhunger auf etwas Süßes.

ODER Ihr lasst Euch einfach als Zwischengang ein Schokoladensorbet servieren aus 100 % Kakao und 64 % dunkler Kuvertüre! Kaum Süße, etwas nussiger Crunch im Kern. Spätestens nach diesem Gang war für mich der Abend gelaufen. Ich grinste ab diesem Moment nur noch wie ein Honigkuchenpferd.



Nicht unterschlagen möchte ich, als möglichen weiteren Faktor hinsichtlich meines Zustandes, die feine Weinbegleitung. Ein Weißburgunder zu den Grüßen der Küche und ein Riesling aus der Pfalz zur Vorspeise. Der mallorqinische Rote, ein Sestalino Vino de la Tierra de Mallorca, machte eine sehr deutliche Ansage und knüpfte elegant an die Schokolade auf dem Teller an. Er war eindeutig die Diva in den Gläsern des Abends. Dieser Diva konnte unser Dessertwein, der Juracon moelleux „Costa Darrer” leider kaum noch Paroli bieten, vielleicht auch weil er ein Tick zu warm serviert worden war.

Zu meiner, unserer guten Laune am Tisch sorgte vor allem auch der Botschafter von Ecuador, Jorge Jurado, der so was von ein perfekter Botschafter für sein Land ist! Er erzählte begeistert von den Landschafen, von den Menschen – vor allem auch von der equadorianischen Küche. Das klang wunderschön und beeindruckend, ich hätte sofort die Koffer packen und ins Flugzeug einsteigen wollen. Equador muss traumhaft schön sein! Übrigens hatte der Mann in Berlin an der TU studiert, noch vor dem Mauerfall. Und sich in dieser Zeit aufgrund des Mensa-Essens das Kochen zwangsläufig selbst beigebracht. Ich bin ihm noch das Linsenrezept meiner Oma schuldig.



Dem sehr reizvollen Intermezzo „Schokoladensorbet” folgte im Hauptgang eine zarte Rindsschulter vom Grill mit Pastinake und geräucherter Macadamianuss-Créme an 56 % Noire Orange.



Das Dessert bestand vorrangig – das mag nun echt überraschen – aus Schokolade. Interessanterweise hatte ich zu diesem Zeitpunkt, obwohl in den einzelnen Gängen, vom Sorbet abgesehen, die Schokoladekomponenten die Köstlichkeiten lediglich begleiteten, nie aber dominierten, etwas genug von Schokolade. Das Dessert war sehr köstlich und: viel und: gut! Dessert kann nie genug sein. Schokolade(n Eis), Birne und Erdnuss und sehr feiner Schokoladenkuchencrunch. Danach fühlte ich fast so etwas wie eine kleine schokoladige Überdosis. Ich wusste ja nicht, dass es so etwas geben kann und verbuche es als Zustand von absoluter Glückseligkeit: ich war auf einem echten und ganz legalen Schokoladentrip!

Das war ein nicht nur ein sehr leckeres, sondern auch spannendes, beeindruckendes Menü im Volt mit einer außergewöhnlichen Zutat. Uns bewirtete ein höchst kompetenter Service, vieleicht eine Spur zu professionell. Tempo ist schön – ist aber nicht immer alles beim dinieren.



Ich für meinen Teil werde jöfter Schokolade auch in den herzhaften Gängen integrieren. Das Menü von Matthias Gleiß hat in dieser Beziehung Mut gemacht.

Der Spaß mit der feinen Schokolade aus dem interessanten Land Ecuador geht aber noch weiter; Am 25. November 2014 werden im Berliner Hotel Grand Hyatt für den Wettbewerb „Chocolate of the Year” 25 deutsche Chocolatiers eingeladen, die Rezepte aus equadorianischer Schokolade kreiert haben und sie dort vorstellen werden. Der von einer Fachjury ausgewählte Gewinner reist nach Ecuador und darf dieses wunderschöne Land, die herzlichen Leuten und seine Kakaoproduktion kennenlernen!

Lust auf mehr Ecuador und Schokolade?

2014-11-12

Aufgabe an Euch: Vögel füttern! Und zwar ganzjährig!

Wer mich kennt, vor allem wer mir in den sozialen Netzwerken so folgt, weiß, dass ich und die Krähen hier im Dreh superdicke miteinander sind. Wir begrüßen uns mit einem HighFive, wenn wir uns sehen. Ich bin die, die ferngesteuert von den lustigen Raben, deren Walnüsse anknackt, wenn sie es selbst nicht schaffen. Ich bin sowieso trotz Vogelphobie immer schon sehr nett zu dem Federvieh, denn Vögel vor dem Fenster gefüttert, bedeutet seit je her prima vogelkundliche Expertise für eins, zwei, drei Katzen. Kurz: Katzen-TV.

Ich habe heute einen Link von Frau C. zu einem Interview mit dem Ornithologen Peter Berthold zugespielt bekommen. Der Mann räumt mit den Futter-Mythen à la „Vögel füttern, das zieht die Ratten an” etc. auf und nennt gute Gründe, warum wir – wie es die Briten erfolgreich tun – anfangen sollten es unseren Vögeln das ganze Jahr über gut gehen zu lassen.

Ich finde den Text prima, weil ich auch in dem Mythos groß geworden bin, man soll Vögel nur füttern, wenn Schnee liegt und sie nicht an ihr Futter kommen. Jetzt kann ich die lustigen Gefährten füttern ohne mir den Kopf über Futterzeiten zu machen! Und der Artikel geht an die Hausverwaltung, die in dem letzten Genossen-Magazin den Kram mit den Ratten auch behauptet hatte. (STRIKE!)

Zum Bildungsprogramm geht es hier entlang!

Sterben

Ein Streitgespräch in der taz zur Diskussion aktive Sterbehilfe. Eine der Stimmen, Gita Neumann, sagt in dem Gespräch „Bewusste Abschiede sind das Beste, was Sterbenden passieren könne.”

Montag Abend lief auf 3Sat ein stiller, klarer Film unter dem Titel „Intensivstation”. Gezeigt wird Leben und Sterben auf einer Intensivstation in dem vorrangig Ärzte und Personal, wenn fähig, auch die Patienten zu Wort kommen. Ich kann nur empfehlen, auch wenn das Thema nicht attraktiv zu sein scheint, sich diesen Film anzusehen solange er in der Mediathek verfügbar ist. Denn er kann Angst nehmen und Klarheit schaffen. Auch Vertrauen schaffen in Ärzteschaft. Vor allem aber wird durch diesen Film deutlich, wie sehr wichtig es ist, dass man sich im Vorfeld Gedanken über das eigene Sterben macht und diese schriftlich fixiert.

Der Film zeigt behutsam und direkt, was Intensivmedizin bedeutet. Wo sie gut tut und hilft. Wo sie natürliche Grenzen gesetzt bekommt und was passiert, müssen diese Grenzen überschritten werden aufgrund unserer Rechtslage. Nämlich dann, wenn Intensivmedizin verlängertes Leiden im Sterbeprozess bedeutet. Was bedeuten kann, am lebendigen Leib zu verfaulen, weil die Sepsis, ein Organversagen infolge dessen man früher ohne Versorgung binnen weniger Stunden verstorben ist, nun mit Intensivmedizin über Monate hinaus gezögert werden kann. Obwohl das Ende frühzeitig absehbar ist. Ein Leiden, das Ärzte kennen, um das die Ärzte wissen, ihnen aber ohne eine rechtliche Verfügung des Patienten für lange Zeit die Hände gebunden sind, denn es gilt Leben zu erhalten.

Dieser Film gibt indirekt Tipps hinsichtlich der eigenen Patientenverfügung. Gezeigt wird am Ende – neben vielen anderen aus unterschiedlichen – und nicht immer traurigen – berührenden Szenen ein besonderes Gespräch. Geführt von einer Ärztin mit einem Patienten, der den Zuschauer bis zu dem Zeitpunkt tapfer, lustig und liebenswert durch den Film getragen hatte und dessen Ende nun zeitnah bevorsteht. Der für sich in einer Patientenverfügung weitere Rettungsmaßnahmen ausgeschlossen hat. Es geht in diesem gemeinsamen Gespräch darum, wie sich sein Ende voraussichtlich anfühlen wird und was es für Angebote für ihn gibt, damit er sanft gehen kann. Wohlbemerkt: nicht aktiv getötet. Aber so, dass er seinen Herztod nicht bei Bewusstsein erleben muss.

Ich habe dieses Gespräch als so ermutigend empfunden. Denn Klarheit haben zu dürfen über das eigene Sterben, entscheiden zu dürfen bis zu einem bestimmten Punkt, kann, so stelle ich mir das vor, viel Frieden schenken. Mitentscheiden zu dürfen, mündig sein zu dürfen, das kann noch ein großes Glück sein am Ende eines Lebens.

Was auch in diesem Film deutlich wird, wie sehr der Mensch immer an seinem Leben hängt. Der Pfleger, der erzählt, dass die allermeisten Menschen, die vor einer Diagnose noch die Meinung vertreten, bestimmte Therapien nie in Anspruch nehmen zu wollen, beim Eintreten einer lebensbedrohlichen Erkrankung dann doch jede mögliche Behandlung für sich wünschen, die es gibt. Man hängt an diesem einen Leben viel mehr als man manchmal glauben mag.

Diese Beobachtung spricht auch dafür, was alle Statistiken der Länder besagen, wo eine aktive Sterbehilfe gesetzlich möglich ist. Das aktive Sterbehilfe eher selten tatsächlich nachgefragt wird. Dort, wo sie aber gewünscht wird, soll man den Menschen ermöglichen, dieses persönliche Glück am Ende eines Lebens haben zu dürfen: Bewusst Abschied nehmen zu dürfen, wenn man es noch kann. Für sich in Frieden.

(„Intensivstation” ist noch fünf Tage in der Mediathek zu sehen.)

2014-11-11

Frau Brüllen gibt Nachhilfe …

… und zwar in Puncto Versicherungen, Akquise und was man alles falsch machen kann, bei Interessenten – also etwaigen Kunden, die man nicht einmal kalt akqukirieren müsste. Zum brüllen …

netzpolitik.org haben gerade die Pest am Bein!

Und zwar in Gestalt einer Abmahnung der Deut*schen Wirt_schafts Nachrichten, die etwas obskur klingt. Gebraucht wird juristische Fachexpertise und vor allem finanzielle Unterstützung, um ggfs. in einem oder mehreren Prozessen das Recht auf Meinungsfreiheit einzuklagen.

Da Netzpolitik die Organisation ist, die in Deutschland mehrheitlich für unser Recht auf ein freies Internet kämpft, wie sie selbst über sich sagen: „Wir engagieren uns für digitale Freiheitsrechte und ihre politische Umsetzung”, sollten wir sie so oder so finanziell unterstützen. Markus Beckedahl macht jedes Jahr transparent, wie viel Geld fließt und was mit dem Geld passiert.

Hier hilft jeder Euro!

2014-11-10

25 Jahre Mauerfall

Es ist immer noch schön. So schön. Und es bleibt schwierig.



Selten wurde wohl so deutlich, dass man Feiertage im Herzen nicht einfach so auf einen anderen Tag legen kann. Aufgrund der geschichtlichen Vorgabe ist völlig klar, dass man den 9. November 1989 nicht in seiner zelebrierten Relevanz auf das gleiche Datum legen konnte, denn der Termin war und ist von einem schrecklicheren Termin, der Reichspgogromnacht 1938, vorab belegt.

Nur lässt sich das Geschehen gefühlt im Herzen nicht so einfach verlegen. Ich habe immer Probleme damit, den Tag der Einheit nun am 3. Oktober zu begehen, wenn gleich ich auch als am 2.10.-Geburtstaghabende direkt davon profitiere, aber gefühlt stimmt dieser Termin einfach nicht. Dass man die Einheit vorab zelebriert und im Nachhinein das Geschehen dann bis zur finalen Maueröffnung aufbereitet – die Reihenfolge stimmt nicht und sie wird so auch nie stimmen. Dennoch ist es richtig so.

Natürlich ist gestern in Anbetracht der 25. Wiederkehr der Maueröffnung medial das andere schreckliche Datum und sein damit verbundenes unfassbares Geschehen in den Hintergrund getreten. Ich kann aber für mich nur sprechen, ich habe die letzten drei Tage in denen ich wirklich im Herzen gefeiert habe, nicht vergessen, dass der eigentliche Ursprung der Mauer in eben jener Nacht 1938 zusammen mit all dem Leid, das über die gesamte Welt damit gekommen war, liegt und immer dort liegen wird.

Der schreckliche Beginn, der gute Ausgang, alles wird immer existent bleiben. Folter, Tod, Enteignung, Leid, Lager – das alles darf nie vergessen werden! Vor allem nicht in diesen Tagen, in denen man das Gefühl haben muss, das schreckliche Rad beginnt sich von Neuem zu drehen.



Trotzdem war ich die letzten drei Tage sehr froh und auch immer nahe am Wasser gebaut. Ich kann keine Maueröffnungsszenen sehen ohne nicht mindestens sehr feuchte Augen zu bekommen, meistens läuft es. Ich bin 1965 in dieser Stadt im Westteil geboren, die Mauer war für mich elementare Begleitung in den ersten knapp 25 Jahren meines Lebens. Und diese, ihre Begleitung ließ einfach zu wünschen übrig. Aufgewachsen in der Stauffenbergstraße, direkt am Potsdamer Platz wohne ich direkt nebenan, sie war mir visuell täglich nahe. Unsere Familie war betroffen, denn die Familie meiner Oma, väterlicherseits, lebte eben drüben. Und meine Oma hat die längste Zeit, die ich sie kannte, gelitten wie ein Hund. Ich kenne das Packen der Pakete, das für meine Oma eine das Herz erschwerende Pflicht gewesen war. Ich bin als Kind an der Hand meiner Oma so oft hinüber gefahren in den Osten für einen Tag, die Familie besuchen. Sie in den Arm zu nehmen in der Freude über ein Wiedersehen, immer zugleich mit Trauer begleitet, weil man wusste, der abendliche Abschied steht gleich mit in der Tür. Menschen, die Familie waren und dabei so fern, mit den Jahren der Trennung zunehmend auch so anders. Die Großcousine, die uns als Kind so oft besuchen kam, die wir mochten. Und die mit ihrem 16. Geburtstag von einem auf den anderen Tag einfach wegblieb, weil sie nicht mehr reisen durfte. Erkläre das einem Kind.



Von all den schrecklichen Erleben mit und an der Mauer, wie sie zum Beispiel an den Mauertoten medial groß publiziert wurden, war der irrsinnige Schmerz im Alltag in den betroffenen Familien so fürchterlich präsent. Und er macht uns Berliner wohl auch ein ganz besonderes Stück aus. Verflucht, war das ein Leiden!

Wenn ich für ein Erleben dankbar bin, dann dafür, dass meine Oma die Öffnung noch erleben durfte. Mein Opa nicht, mein Papa nicht. Aber meine Oma konnte ihre Familie wieder in die Arme schließen. Die also, die es dann damals noch gab.

Der Mauerfall ist immer noch ein Wunder für mich! Eine Emotion, die ich nie ganz verarbeiten werde. Für mich ist es eben etwas ganz Besonderes, dass ich jetzt „im Osten” lebe. Man witzelt natürlich gerne darüber, kalauert alte Scherze aber es bleibt die unumstößliche Tatsache bestehen: es berührt mich immer wieder im Alltag, das ich jetzt hier in diesem Ost-Teil der Stadt wohnen darf. Keine 300 Meter entfernt vom ehemaligen Mauerstreifen.

Die Lichtinstallation, die dieser Tage die innerstädtische Grenze Berlin noch einmal aufzeigte, war in meinem Empfinden ein schönes Geschenk an uns alle. Sie hat vermittelt, erklärt, geöffnet, vor allem verbunden. Noch nie war meine Wohngegend hier so voller Menschen, Kinder, die alle mit einander ins Gespräch kamen, sich Geschichten erzählten, ihr Erleben teilten.

Ich bin am Samstag am Engeldamm unterwegs gewesen, hoch gelaufen zur East Side Gallery, die Zeitung mit den vier Buchstaben, die ungefragt in den Briefkästen lag, erfolgreich am Stand der „Die Partei” in ältere Ausgaben der Titanic zu tauschen. Die kippten dann im Laufe des Abends „den Schund” dem Verlag wieder vor die Tür. Ich ließ mich treiben. Ich hörte Vätern zu, die ihren kleinen Kindern die Geschichten auf den Informationstafeln vorlasen und deren Fragen beantworteten. Fragen, die einmal mehr den Irrsinn dieser Mauer, der Teilung direkt offenbarten. Ich sah Paare, die sich unter den Lichtbällen innig küssten. Menschen, die auf Brücken standen, gemeinsam Sekt tranken und sich dabei siezten, sich gerade eben kennengelernt hatten und gemeinsam diese besondere Zeit erlebten.



Irgendwann fing ich an die Bälle zu lomografieren. Knackscharfe Aufnahmen in allen Lichtverhältnissen gibt es von ihnen zu Hauf. Ich spielte mit ihnen, sie bekamen eine künstlerische Bedeutung für mich. Und ich habe mich ein bisschen an ihnen verloren. Das war gut. Als ich hinter der Schillingbrücke den Stralauer Platz hochlief in Richtung Mühlenstraße und ich das erste Stück Mauer der East Side Gallery sah, musste ich direkt umdrehen. Ich konnte die Mauer nicht sehen, sie bereitete mir in diesem Moment Herzschmerzen und Atemnot. In der physischen Konsequenz tatsächlich.

Die Mauer, die Teilung Deutschlands, sie hat etwas mit uns gemacht. Auch mit denen, die auf der anderen Seite lebten. Neulich schrieb jemand im Internet, er stände gerade auf der „richtigen Seite” der Stadt. Ich überlege seitdem die ganze Zeit, welche das wohl gewesen sein mag.

Als könnte es eine richtige Seite, eine falsche Seite überhaupt geben von einer Stadt, von einem Land.



Gestern Abend ging ich dann zum Engelbecken runter. Es hätte viele Stellen in Berlin gegeben, wo ich den Aufstieg der Lichtgrenze hätte sehen können. Am Brandenburger Tor wäre mir es mit den öffentlichen Feierlichkeiten zu viel Tamtam gewesen. Am Checkpoint Charlie hätte ich es nicht ausgehalten, dieser Ort macht mir heute noch so großes Unbehagen. Also ich die Bilder von dort sah, dachte ich, dort brichst Du zusammen! So blieb ich also in meinem Dreh, der Ecke, wo ich nach dem Mauerfall immer dachte, hier möchte ich wohnen! Schon als die ganze Gegend noch nicht erschlossen war. Ich entschied nach einigem Herumlaufen mich oben an der Mauer zu stellen, auf der Ostseite, um den besten Blick auf die leuchtende Grenze zu haben. Die Verabredung mit Freundin und Cousine und Großcousin „wir rufen uns an”, war hinfällig, da es überhaupt keinen Handyempfang mehr gab. In der einen Stunde versammelten sich so unglaublich viele Menschen. Neben mir stand eine junge Mutter, die ihrer ca. fünf Jahre alten Tochter die Geschichte der Mauer und vom Leben zweier deutschen Länder, die unterschiedlicher nicht sein konnten, erzählte. Das Kind stellte kluge Fragen. Die Mutter erzählte ihr, wie sie einmal in Ungarn urlaubend, Menschen aus der DDR kennenlernte. Wie man sich gemeinsam zum Pizza essen verabredet hätte, wie sich herausstellte, dass beide Parteien unter „Pizza” etwas ganz anderes verstanden hatten. (s. Krusta). Sie erklärte dem Kind von der Aufteilung nach dem Krieg. Auf die Frage des Mädchens hin, warum die Deutschen bei dieser nicht mitsprechen durften meinte die Mutter, die Deutschen hätten dabei nichts zu sagen gehabt, denn die hätten ja den Krieg angefangen und verloren. Die Deutschen waren die Dummen.

So einfach!



Einen Moment später stand ein junger Mann mit sehr weißem Haar neben mir mit seinem Fotoapparat und wir kamen ins Gespräch. Er muss dem Erzählen nach geschätzt 15 Jahre älter sein als ich. Er ist wie ich in (West-)Berlin geboren und hatte immer in Neukölln gelebt. In den späten Siebzigern war er Fluchthelfer und wurde 1977 auch von der Stasi festgenommen. Er erzählte mir von dem, der sie alle verraten hatte, einem Journalisten. Denn das wollte er nach dem Mauerfall wissen, wer das war von ihnen. Von seiner Zeit im Gefängnis, wo er zu Weihnachten ein Weihnachtsgespräch erhielt, eine Banane und eine Mandarine. Ihm ein Gefängnisinsasse sagte, da müsse er erst ins Gefängnis kommen, um mal eine Banane zu sehen. Wie er später in das viel unangenehmere Gefängnis der Volkspolizei verlegt worden war, wie dann endlich der Prozess gemacht wurde. Er dreieinhalb Jahre auf Bewährung bekam und dann nach fast 19 Monaten Untersuchungshaft eines Tages mit einem Bus an der Oberbaumbrücke in den Westen entlassen wurde. Wo alle anderen – ohne Wohnsitz – Freigelassenen von der Westpolizei direkt wieder in Gewahrsam genommen wurden. Nur er nicht, weil er eine Wohnadresse hatte.

Wir sprachen darüber, wie wir damals wohnten, wie wir Mauer erlebten. Er erzählte mir wie seine Eltern sich damals eine Schwedenküche in die Wohnung einbauten, der letzte Schrei, in dem Wohnhaus in der Sonnenallee in dem er sein Leben lang gelebt hatte. Erst in der völlig überfüllten Einzimmerwohnung seiner Eltern mit Außenklo, dann in einer eigenen Wohnung, heute wohnen seine Kinder in dem gleichen Haus. Das ist das, was die „ist-doch-egal-ob-ihr-gentrifiziert-werdet”-Denkenden immer nicht bedenken möchten, das wir Berliner dazu neigen, ganze Leben, ganze Generationen in ein und derselben Wohnung zu verbringen und das Vertreiben für uns daher ganz besonders traumatisch ist.

Ich hätte mir keinen angenehmeren Nachbarn in dieser emotionalen Stunde wünschen können. Als ganz vorne an der Brücke die ersten Bälle hochgingen und es dann erst einmal nicht weiterging, was natürlich kommentiert wurde in unserer Umgebung, meinte mein Gesprächspartner, „der Berliner hat ja immer was zu meckern.” Da musste ich einlenken und korrigieren, eigentlich sei dem gar nicht so, wir hätten nur immer was zu sagen. Und würden das halt nicht in Blümchen verpacken sondern direkt auf den Tisch packen. Er stimmte mir zu.

Um uns herum standen mittlerweile dicht gedrängt, viele Menschen mit unterschiedlich deutschen Dialekten darüber sprechend, wie sie nach Berlin gekommen wären, von Zweitwohnungen in alten Heimaten, wie sie Berlin erleben heute, falls damals schon, dann damals. Sie sprachen und sprachen, machten Witze, erzählten sich wie sie den Mauerfall erlebt hätten, irgendwann behauptete einer in überheblicher Lautstärke sogar „Der Berliner sei ja an sich nicht dumm, der wäre ja nicht auf den Kopf gefallen.”

(Ich konnte darüber lachen aber, wenn ich ehrlich sein darf, symbolisiert dieser Moment sehr perfekt genau den heutigen Umgang der nach Berlin Zugezogenen mit uns Einheimischen dieser Stadt. Sie stehen um uns herum, in dieser Stadt, direkt neben uns, zeigen mit dem Finger auf uns als säßen wir in einem Käfig vor ihnen und erzählen dann – gänzlich unsensibel, dass es auch ja alle hören können – was sie von uns halten. Direkt danach werfen sie uns dann mangelhafte Migration vor.)

Dieser Mann hatte verbal unbewusst eine Mauer aufgerissen. Wir zwei Berliner guckten uns an, grinsten und ich meinte zu ihm „sie werden einfach nie begreifen, dass sich der Berliner nicht mit Lob einnehmen lässt.” Er nickte.



Film originale Grö0e

Dann gingen die Bälle wirklich hoch, um uns herum wurde weiterhin gelacht, applaudiert, wurden Possen gerissen und jeder Ball moniert, der aus der Reihe tanzte und sich nicht in Reihe in die Luft erheben wollte. Dabei waren gerade sie eine schöne Symbolik für die alten (und vielleicht auch neuen) eingesessenen Mauern in unseren Köpfen.

Der weißhaarige Fluchthelfer links neben mir und ich sprachen währenddessen kein Wort. Als der letzte Ballon, das letzte Stück Mauer, im dunklen Himmel verschwunden war, guckten wir uns an, nickten uns zu mit Tränen in den Augen. Dann reichten wir uns die Hand und bedankten uns beide. Er ging. Der Berliner ist nicht dumm. Er ist still, wenn der Zeitpunkt gekommen ist. Wenn alles gesagt ist; wenn alles getan ist.

25 Jahre ohne Mauer. Meinen innigen Dank an alle, die das möglich gemacht haben. Danke an die, die die letzten Tage in dieser Stadt das Jubiläum so besonders gemacht haben. Mit ihrem Engagement, ihrer Hilfe, ihrer Anwesenheit, ihrem Interesse an dieser fürchterlichen Vergangenheit. Danke an die vielen vielen Kinder, die so viele großartige Fragen gestellt haben!



Direkt hinter mir lief ich abschließend dann doch meiner Cousine, ihrem Ehemann und dem kleinen Großcousin in die Arme. Ein kleiner müder, erstaunlich stiller Junge, der mir erzählte, dass alle Bälle nun weg wären. Ganz oben. Im Himmel. So soll es sein, alle Grenzen weg. Ganz oben. Im Himmel.