
Neulich an einem dieser dunklen deprimierenden Wintersonntage, von denen wir diesen Winter einen bis sehr viele hatte, surfte ich durch's Web und auf meinen erklärten Lieblingsseiten: Baumärkte. Baumarktseiten sind wie Brautkleiderseiten an fiesen depressionsgeschwängerten Wintertagen, an denen man keine Sau vor's Haus treiben wollte: ungemein unterhaltsam.
Dabei bin ich auf der Seite der Bauhaus-Märkte in die Ecke Aktivitäten vorgedrungen und habe zur Kenntnis genommen, dass man dort nette Verkaufsveranstaltungen in Kombination mit „how-to-do-it-yourself“-Workshops offeriert, gelegentlich für's weibliche Volk als „Womens week“ getarnt. Eigentlich gehöre ich ja in den „Kids Club“ aber wem hätte ich da wieder mein fortgeschrittenes ausgewachsenes Stadium erklären sollen? Weil mir neulich so langweilig war, ich gerade im üblichen „ich muss unbedingt wieder was lernen“-Mode war – das ist der Moment in dem die Volkshochschule auch ab und an gut an mir verdient – und ich zudem ahnte, dieser Winter wird noch lang werden wollen, habe ich mich angemeldet. Einmal für's Laminat verlegen und einmal im Rahmen dieser Frauenveranstaltung für's Fliesen legen.
Mir ist im letzten Jahr eine Stichsäge zugelaufen und ich habe im Hinterkopf den Flur als ersten Testobjekt meines Talents mit Laminat zu verkleiden. Der ist von der Größe her übersichtlich, das scheint also machbar und wenn's schief läuft, ist der finanzielle Verlust vielleicht noch zu verkraften.
So meldete ich mich also an und während die Anmeldung für die Weiberwoche online professionell mit Rückantwort vonstatten ging, musst man für den Laminat-Lehrgang eine Mail schreiben auf die ich nie eine Antwort erhielt, so dass ich drei Tage später in der Filiale anrief und man mir telefonisch bestätigte, ich würde in der jeweiligen Liste bereits geführt.
Der Laminatlehrgang war auf letzten Samstag terminiert. Um zwölf Uhr mittags, das war insofern unpraktisch, weil ich Samstag erst um fünf Uhr nach Hause kam. Aber ich gewann den Kampf, richtete mich rechtzeitig auf und machte mich auf den Weg in den Süden Berlins. Das war schon im Vorfeld ein bisschen die Prämisse für den Lehrgang, ich wollte etwas in der Nähe machen, und Tempelhof/Neukölln gehört zum Süden Berlins. Allerdings ist der Süden Berlins so dehnbar wie ein Marshmallow kurz nach seiner Herstellung. Der Begriff „Süden Berlins“ muss die Vorlage zur Raumschiff Enterprise-Trailer-Weisheit „Unendliche Weiten … “ gewesen sein und so unentschieden ich nach 20 Jahren wohnungsbedingter Zugehörigkeit immer noch bin, dem Süden Berlins einen gewissen Charme zuzusprechen, kann ich ihm eine gehörige Vielfalt an schönen Ecken und hässlichen Ecken nicht absprechen. Der Süden Berlins ist ein komisches Ding.
Also besprach ich mit der BVG wie ich wohl am unkompliziertesten zum Ort meiner Wahl kommen würde. Obwohl ich Samstag sehr gut erstmals wieder hätte Rad fahren können. Aber ich verwechsle in dieser Ecke immer sehr gerne die eine Hauptstraße mit der anderen Hauptstraße und verfahre mich grundsätzlich, was ungünstig ist an diesem Ort, weil dieser Teil des Süden in Berlin, wie schon angedeutet, unendlich weit ausgelegt ist. Und das bringt keine Punkte eine Stunde zu spät zu einem Lehrgang zu erscheinen. Die BVG sprach von S-Bahn mit 1x umsteigen oder von Bus mit 0x umsteigen. Als ich an der Dockingstation ankam, kam jener Bus gerade um die Ecke und 30 Minuten durch die Stadt gegondelt zu werden, entsprach meiner restalkoholisierten müden Verfassung. So stieg ich ein, sicherte mir einen der attraktiven Fensterplätze für's gleiche Geld und wir fuhren los in Gegenden Berlins, die ich – das schwöre ich – noch nie gesehen habe. Dabei liegen sie gleich nebenan.
Als erstes stelle ich fest, dass der Bus, den ich mit zehnminütigem Fußweg vorne an der S-Bahn-Haltestelle erwartete, auch mit nur fünfminütigem Fußweg von meiner Wohnung zu erreichen gewesen wäre, wäre ich einfach nur „hinten raus“ gelaufen. So exzellent kenne ich mich also aus in meiner unmittelbaren Wohnumgebung. Der Bus warf mich auf die Minute pünktlich raus und ich marschierte froher Dinge in das riesige Bauhaus (das früher mal das riesige Pluta nach dem größenwahnsinnigen Neubau gewesen war, eine der nettesten und kompetentesten Pflanzeninstitution Berlins). Beschwingt meldete ich mich am Informationstresen, wollte mich melden, aber die Dame hing beschäftigt an einem Telefonhörer und wie ich dem Gespräch entnehmen konnte, telefonierte sie wegen eben jenem Laminat-Verlegeworkshop – der auf dem riesigen Werbeständer zu ihren Füßen auch angeschlagen war – und schien von einer Veranstaltung am Samstag nichts zu wissen. Tenor des mitgeführten Gespräches war „die hätten sich halt anmelden müssen.“ „Die“ waren ein junger Herr, der sich kurz zuvor bei der Dame gemeldet und sie zu diesem Telefonat motiviert hatte und ich. Wir wurden durch den Baumarkt nach hinten zur Bauabteilung geschickt, sollten uns bei einem Herren melden. Der uns empfing, um uns zu sagen, niemand hätte der Abteilung unsere Anmeldungen weitergeleitet, weswegen man dem eigentlichen Workshop-Leiter abgesagt hätte. Aber da wir ja nun mal da waren, sprang der junge Verkäufer motiviert in die Bresche und erklärte uns die Welt der Laminatkunst und führte uns in ihre kleinen Geheimnisse ein.
Beispielsweise erklärte er, dass als Abstandhalter zur Wand er die aus Plastik besser fände als die aus Holz, weil letztere glatt seien und daher gerne auch verrutschen. Abstand sei sowieso da zentrale Thema beim Laminat verlegen, auch Heizungsrohre mögen bitte mit ausreichend Abstand beschenkt werden. Er machte Wohnungsmenschen mit geraden Wänden (Neubau) sehr viel Laminat-Mut, Wohnungsmenschen mit ungeraden Wänden (Altbau, zufällig ich) Aussicht auf eine hohe Vielzahl möglicher interessanter Erfahrungen. Er machte uns darauf aufmerksam, dass man im Dielenbereich doch lieber mehr Geld in einen höheren Härtegrad investieren sollte, weil so ein Splittsteinchen gerne auf Laminat Schaden anrichtet, und er versicherte mir, dass man Laminat mittlerweile auch im Nassbereich, sogar in Bädern, verlegen könne. Er wies daraufhin, dass man in dem – momentan ach so modernen – dunklen Laminaten viel schneller Macken und Kratzer sehen würde als in den hellen und diese sich dafür gerade für den Eingangsbereich besser eignen würde. An der Stelle fragte er uns, ob wir einen großen schweren Hund hätten? Was ich wahrheitsgemäß beantwortete mit, „ich hätte nur einen großen schweren Kater!“ (Was gar nicht stimmt, denn Lino hat viel abgenommen und passt mittlerweile sogar zwischen die Balkonbalustrade, wie ich gestern erfreut zur Kenntnis genommen habe. Mist, ich kriege nicht mal ein Laminat-Post ohne Premiumcontent gebacken.) Jedenfalls seien große schwere sich im Eingangsbereich freunde Hunde eine besondere Herausforderung für Laminat, das dann nach Härtegrad 33 fordere. Er gab Tipps zum Zuschnitt, bei Stichsäge möglichst von der unteren Seit her zuschneiden – und dass es mittlerweile sogar extra Schnittblätter für Laminat gäbe. Hört! Hört!
Der Verkäufer beantwortete mir sehr kompetent alle meine Fragen zu „wo fange ich warum und weswegen an zu verlegen bei meinem speziellen Fluraufbau und in welche Richtung verlege ich?“ (Lichteinfall beachten, der macht die Fugen sichtbar), „was mache ich mit der Eingangstür zu welcher der Übergang natürlich anders ist als zu den anderen Türen?“, „was nimmt man für Abschlüsse an den Türen oder Zimmerübergängen?“ Wir durften im Testmodell selber verlegen, wenn auch wir auf den Zuschnitt verzichteten – aber auch dazu gab es kompetente Tipps und er zeigte uns sehr genau, auf welche böse Phänomene wir möglichst achten sollten und rechtzeitig verhindern sollte, damit sie uns später nicht Ärger bereiten. Der junge Familienvater, der mit mir Fragen stellte, plant sein Laminat auf Fußbodenheizung zu verlegen – insofern bekam ich auch zu dieser speziellen Anforderung ein erstes Fachwissen vermittelt.
Der junge Workshopleiter war nicht müde uns zu jeder Frage aus dem Sortiment die notwendigen Hilfsmittel aus der Packung reißend vorzulegen und in der Anwendung zu demonstrieren, als auch deren Vor- und Nachteile zu erläutern. Zum Schluss erklärte er leicht hämisch grinsend – wir waren beim Thema Leisten verlegen angelangt – dass das die eigentliche tückenreiche Arbeit beim Laminat verlegen sei. Alles andere vorher sei wie ein Spaziergang. Und wenn man Kabelleisten mit Abschlussleisten integriert andübeln würde, dann um Himmels willen in die Berge der unebenen Wand, nicht in die Täler dübeln (wobei dübeln alleine auf der niedrigen Höhe bestimmt total viel Spaß macht …) und schlussendlich gab er uns noch mit auf den Weg, dass man auch gerne Handwerker beim Bauhaus „einkaufen“ könne. Was ja irgendwie auch viel Mut macht.
Trotz des merkwürdigen Einstiegs in den Workshop – wofür der junge Verkäufer/Handwerker wirklich nicht konnte – eine gelungene informative Veranstaltung, da hatten wir Glück mit ihm. Nach gut anderthalb Stunden der vorab angesetzten drei Stunden, waren wir fertig und voller Wissen und Tatendrang – und jetzt muss ich nur noch ausmessen und einkaufen. Dann gibt es Laminat holdriho.
Alles wird gut!
Bestimmt! Vielleicht. Mal sehen.
In zwei Wochen reise ich übrigens nach Spandau: Fliesen verlegen für weibliche Runaways …