2010-05-27

Scheiß auf's Ego

Der geneigte Boulevard-Gucker (wozu ich mich mit Stolz und Freuden zähle) konnte diese Woche beobachten, wie die alteingesessenen Branchen-Blondinen vom privaten Fernsehen – allen voran „ich-trage-dasselbe-MakeUp-seit-20-Jahren“-Frauke und die vom befreundeten Tochtersender „ich-bin-stumm-und-habe-schon-auf-dem-Besetzungsstuhl-nur-debil-gegrinst-weswegen-es-zum-Burgfräulein-Schlag-bei-RTL-nie-gereicht-hat“-Constanze – redaktionell unterstützt pseudoheftigen Wind machten. Gegen die Lena.

Dazu zeigte man Lena auf der Pressekonferenz (im Jobslang immer so schön PK genannt), wie sie auf die Frage einer einzelnen, im Bild nicht gezeigten, Reporterin, an deren Stimme man schon hört, dass sie a) blond ist und b) glaubt, beim schärfsten Boulevard-Format der Welt zu arbeiten, nach Lenas familiärer Begleitung in Oslo nicht antworten will. Das tut Lena kurz und knapp mit einem „Njet!“ Vielleicht langsam genervt, weil sie keinen Bock hat Fragen nach privatem Umfeld zu beantworten, was legitim ist. Aber sie tut es sehr freundlich. Da ist sie auch sehr gut beraten mit jemanden wie Stefan Raab als Mentor an ihrer Seite. Was wiederum, wenn man die Branche und Raab kennt, das sehr helle Blond dieser Frage unter Beweis stellt. Raab selber schießt nach der Frage und Lenas Verneinung noch mal väterlich unterstützend mit einem Fäkalausdruck nach, was die Reporterin im Off böse empört und sie dummbräsig („Ich werde halt dafür bezahlt!“) nachfragt „Familiäre Unterstützung der Familie sei scheiße?“, woraufhin Lena sehr gut reagiert und bestimmt sagt, „familiäre Unterstützung nicht, nur die Frage danach“ und macht deutlich, sie werde solche Fragen nicht beantworten wollen – ohne sich überhaupt eine Sekunde lang auf das Raab'sche Niveau zu begeben.

Soweit so gut und alltägliches Pressekonferenzgeschehen. Presse überschreitet die ihr bekannte Grenze trotzdem und wie gewohnt. Künstlerin reagiert höflich, kurz angemessen. Anwesender Mentor färbt ein. Künstlerin wird daraufhin bei RTL und Vox fertig gemacht. Beide Formate wie Exklusiv (RTL) und Prominent (VOX) schreiben Lenas Auftreten auf der Pressekonferenz in Grund und Boden und sprechen der Künstlerin ab sofort Gewinnchancen ab, dafür neue Überheblichkeit und Zickigkeit auf den Kopf zu. Das gleiche „PK-Skandälchen“ wird natürlich dementsprechend durch jedes Format dieser Sendergruppe gereicht, einschließlich aller Nachrichtensendungen mit boulevardesquem Block.

Bis zum heutigen Tag hegte ich natürlich Vermutung, es könne sich bei der Journalistin auf der PK nur um eine Mitarbeiterin von RTL gehandelt haben. In keinem der Beiträge von RTL noch VOX wurde dies selber informativ kundgegeben. Aber die „Wir sind so pissed“-Ness und wie auf beiden Sendern in der Folge Stimmung gemacht wurde gegen das singende Hüpfkehlchen Lena, ließ einer möglichen anderen Vermutung so gar keinen Raum mehr.

Da keine anderen Formate tatsächlich so wenig reale Inhalte haben, – jeder Prominente mit halbwegs Hirn macht einen Riesenbogen um die RTL-Reporteusen – als dass es nicht auf den Zukauf von Z-Prominenten (Naddel) oder den abgelegten Pro7-Germanys Next Topless Modells angewiesen wäre, wurde hier also zum Glück der Quote Inhalt verfälscht wiedergegeben und Zuckerwatte in die TV-Landschaft geblasen, für die einem jedes gestorbene Zuckerkörnchen leid tun muss.

Stefan Niggemeier ist gerade in Oslo unterwegs und hat zusammen mit Lukas Heinser (Coffee and TV) ein Videoblog „Oslog“ am Start. Herrliche Sache, weil man dort spannende Hintergrund vom Grand Prix bekommt (die Techniker haben z. B. selbst ein Blog etc.) Sie berichten auch von eben jeder Pressekonferenz und signalisieren sehr deutlich, dass die impertinente Reporterin natürlich von RTL entsandt wurde und sie zeigen auch, wie der kleine verbale Austausch zwischen Stefan Raab und der unsichtbaren blonden Reporter-Maus weiterging. „Dann muss Frauke Ludowig halt mal ohne so'n Käse auskommen.“ O-Ton Raab. Ab 05:50 …



Ich hatte mir vor Jahren den Spaß erlaubt, auf einen redaktionellen Beitrag bei Exklusiv, der in der Hauptsache natürlich erlogen war, aber – und das hatte mich so aufgeregt – im Vorfeld schlicht falsch oder gar nicht recherchiert worden war, einen Leserbrief an die Redaktion geschrieben. Als deren Reaktion kam eine Mail zurück von einem offensichtlich so überhaupt gar nicht in Kommunikation mit der Zielgruppe geschultem Praktikanten, der so dermaßen persönlich beleidigt schien, dass man nur erahnen konnte, was sofort mit dem eigenem Hirn, Verstand und Kommunikationskompetenz passieren muss, sobald man in einer dieser Redaktionen ein Volontariat antreten darf: absolute Leere im Oberstübchen. Und der ultimative Glaube, man sei nun Gott. Dabei hat vermutlich jede gewachsene Erdnuss mehr Priorität im Leben eines einzelnen TV guckenden Menschen.

(Aber schön, dass es für genau solche Momente dieses Internet mittlerweile gibt, näch?)

Edit: Nette Unterhaltungsanalyse Deutschlands mit feinen RTL-Seitenhieben von Harald Martenstein im Tagespiegel.

3 Kommentare:

jump4cologne hat gesagt…

Auch wenn man Manches von Stefan und Lena nicht mag - dieser Blog gibt Grund genug, sie jetzt mit anderen Augen zu sehen!

Scholli hat gesagt…

Liebe Creezy, das bestärkt mich enorm in meiner Bewerbungsschreibepolitik fürs Volontariat, bei der ich alles was mit Boulevard/RTL/Vox zu tun hat, kategorisch ausgeschlossen habe.
Und wer keine Schlagzeile hat, der macht sich halt eine, nech. ;-)

creezy hat gesagt…

@jump4cologne
Es lässt mich den ganzen Grand Prix Eurovision in anderen Augen sehen!

@Scholli
Mädel, Du bist auf dem richtigen Weg! ,-)

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